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ARBEITSRECHT AKTUELL // 26/006

Oh­ne Lei­tungs­macht und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Selb­stän­dig­keit kein Be­triebs­rat

Ver­fü­gen Lie­fer­ge­bie­te ei­nes Lie­fer­diens­tes we­der über ei­ne ei­ge­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Lei­tung noch über ei­ne ge­wis­se or­ga­ni­sa­to­ri­sche Selbst­stän­dig­keit, kön­nen dort Be­triebs­rä­te nicht ge­wählt wer­den: BAG, Be­schluss vom 28.01.2026, 7 ABR 40/24
Betriebsratssitzung, Versammlung, Konferenz, Meeting

03.02.2026. In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass auch bei der Steue­rung von Lie­fer­dienst-Fah­rern über ei­ne App die Er­rich­tung von Be­triebs­rä­ten vor­aus­setzt, dass „vor Ort“ ei­ne vom Ar­beit­ge­ber un­ter­hal­te­ne Lei­tungs­macht be­steht.

Die Lie­fer­ge­bie­te müs­sen da­her über ei­ne ei­ge­ne lo­ka­le Lei­tungs­macht ver­fü­gen oder zu­min­dest in ei­nem Min­dest­maß or­ga­ni­sa­to­risch selb­stän­dig sein. Ist das nicht der Fall, kön­nen die dort ar­bei­ten­den Ku­rier­fah­rer kei­nen Be­triebs­rat wäh­len: BAG, Be­schluss vom 28.01.2026, 7 ABR 40/24 (Pres­se­mit­tei­lung des Ge­richts).


Be­trie­be und selb­stän­di­ge Be­triebs­tei­le – wo kön­nen Be­triebs­rä­te ge­wählt wer­den?

Be­triebs­rä­te sind ab ei­ner re­gel­mä­ßi­gen Be­triebs­grö­ße von fünf Ar­beit­neh­mern zu wäh­len (§ 1 Abs.1 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG).

Manch­mal ist nicht klar, ob be­stimm­te or­ga­ni­sa­to­ri­sche Tei­le ei­nes Un­ter­neh­mens als „Be­trieb“ an­zu­se­hen sind. Sol­che Grau­zo­nen gibt es oft bei Fi­li­al­un­ter­neh­men, z.B. im Ein­zel­han­del, im Ho­tel­ge­wer­be oder auch bei Zu­stell­diens­ten. Denn in sol­chen Un­ter­neh­men wer­den ei­ni­ge Auf­ga­ben zen­tral er­le­digt wie z.B. Ein­kauf, Ver­triebs­pla­nung, Buch­hal­tung oder auch die all­ge­mei­ne Per­so­nal­füh­rung, wäh­rend die ei­gent­li­che Ar­beit „vor Ort“ mit den Kun­den in den Fi­lia­len ge­leis­tet wird.

In sol­chen Fäl­len fragt sich, ob grö­ße­re Fi­lia­len - oder im Fal­le von Zu­stell­diens­ten die Zu­stell­ge­bie­te - ei­nen Be­trieb dar­stel­len, so dass die Ar­beit­neh­mer dort ei­nen Be­triebs­rat wäh­len kön­nen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ist ein „Be­trieb“
„ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit, in­ner­halb de­rer der Ar­beit­ge­ber zu­sam­men mit den von ihm be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern be­stimm­te ar­beits­tech­ni­sche Zwe­cke fort­ge­setzt ver­folgt. Da­zu müs­sen die in der Be­triebs­stät­te vor­han­de­nen ma­te­ri­el­len und im­ma­te­ri­el­len Be­triebs­mit­tel zu­sam­men­ge­fasst, ge­ord­net und ge­zielt ein­ge­setzt und die men­sch­li­che Ar­beits­kraft von ei­nem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat ge­steu­ert wer­den“ (BAG, Be­schluss vom 17.01.2007, 7 ABR 63/05, Rn.15).


Die­se De­fi­ni­ti­on macht deut­lich macht, dass es kei­nen Be­trieb oh­ne ei­nen vom Ar­beit­ge­ber un­ter­hal­te­nen Lei­tungs­ap­pa­rat gibt. Denn im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht geht es dar­um, dass der Be­triebs­rat auf die Ent­schei­dun­gen der Be­triebs­lei­tung Ein­fluss neh­men soll.

Da das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) das Ziel ver­folgt, dass mög­lichst vie­le Ar­beit­neh­mer durch ei­nen Be­triebs­rat ver­tre­ten wer­den, gibt es auch dann, wenn kein „Be­trieb“ in die­sem Sin­ne vor­liegt, sieht das Ge­setz auch die Wahl von Be­triebs­rä­ten in selb­stän­di­gen Be­triebs­tei­len vor.

Ge­mäß § 4 Abs.1 Satz 1 Be­trVG der Fall, wenn ein Be­triebs­teil

  • räum­lich weit vom Haupt­be­trieb ent­fernt ist oder
  • durch sei­nen Auf­ga­ben­be­reich und durch sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on ei­gen­stän­dig ist.

In dem En­de Ja­nu­ar 2026 vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­de­nen Lie­fer­dienst­fall la­gen die oben ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht vor. 

Der Fall Lie­fe­ran­do: Hub Ci­ties und Re­mo­te Ci­ties

Lie­fe­ran­do be­treibt in ei­ni­gen grö­ße­ren Städ­ten sog. Hubs, um dort sei­nen ei­ge­nen Lie­fer­dienst mit ei­ge­nen e-Scoo­tern und Fahr­rä­dern zu or­ga­ni­sie­ren.

In Hub Ci­ties kön­nen die Fah­rer meist wäh­len, ob sie mit Lie­fe­ran­do-Fahr­zeu­gen oder ei­ge­nen Fahr­zeu­gen ar­bei­ten wol­len. Hub Ci­ties sind bzw. wa­ren bis­her - ne­ben dem Fir­men­sitz in Ber­lin - Ham­burg, Mün­chen, Köln, Frank­furt am Main und ei­ni­ge an­de­re Städ­te.

Au­ßer­dem be­schäf­tigt Lie­fe­ran­do in sei­nen Hub Ci­ties Ar­beit­neh­mer mit Ver­wal­tungs- und Back­of­fice-Tä­tig­kei­ten. Das ist in so­ge­nann­ten Re­mo­te Ci­ties nicht so. Dort müs­sen die Ku­rie­re meis­tens ih­re ei­ge­nen Fahr­zeu­ge be­nut­zen. Und es gibt dort auch kei­ne Ver­wal­tung, die sich um das Per­so­nal­we­sen oder die Buch­hal­tung küm­mert.

2022 und 2023 wähl­ten Lie­fe­ran­do-Ku­rie­re in meh­re­ren Re­mo­te-Ci­ties ei­nen Be­triebs­rat, so z.B. in Braun­schweig, Kiel und Bre­men. Lie­fe­ran­do ak­zep­tier­te das nicht und zog vor Ge­richt, um die Wah­len ge­mäß §19 Be­trVG an­zu­fech­ten. Nach An­sicht des Un­ter­neh­mens wa­ren die Wah­len un­wirk­sam, da es in den Re­mo­te Ci­ties gar kei­nen Be­trieb und auch kei­nen be­triebs­rats­fä­hi­gen Be­triebs­teil gab.

Da­mit hat­te Lie­fe­ran­do vor den zu­stän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten Er­folg. Vor kur­zem muss­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über die Rechts­be­schwer­de der Be­triebs­rats­sei­te ent­schei­den.

BAG: In Ver­triebs­ge­bie­ten oh­ne ei­ge­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Lei­tungs­macht und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Selb­stän­dig­keit kön­nen kei­ne Be­triebs­rä­te ge­wählt wer­den

Die ge­gen die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) ge­rich­te­ten Rechts­be­schwer­den der Be­triebs­rä­te hat­ten vor dem BAG kei­nen Er­folg. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) heißt es zur Be­grün­dung:

Be­triebs­rä­te wer­den ge­mäß § 1 Be­trVG grund­sätz­lich nur in „Be­trie­ben“ ge­wählt. Als „Be­trie­be“ gel­ten un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen, d.h. ge­mäß § 4 Abs.1 Satz 1 Be­trVG, auch selbst­stän­di­ge Be­triebs­tei­le. Ein Be­trieb (im Sin­ne von § 1 Be­trVG) liegt vor, wenn es ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit gibt, die in den we­sent­li­chen per­so­nel­len und so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten von ei­ner ein­heit­li­chen, für die­se Ein­heit be­ste­hen­den Lei­tung ge­steu­ert wird. Für ei­nen Be­triebs­teil (im Sin­ne von § 4 Abs.1 Satz 1 Be­trVG) ge­nügt be­reits ein Min­dest­maß an or­ga­ni­sa­to­ri­scher Selbst­stän­dig­keit ge­gen­über dem Haupt­be­trieb, so das BAG. Die­se recht­li­chen Maß­ga­ben gel­ten auch für Lie­fer­diens­te, die Ar­beits­ver­hält­nis­se di­gi­tal mit Hil­fe ei­ner App steu­ern. 

Da­her wa­ren die LAG-Ent­schei­dun­gen rich­tig, das heißt sie hat­ten zu­recht ent­schie­den, dass die strei­ti­gen Re­mo­te-Ci­ties kei­ne be­triebs­rats­fä­hi­gen Or­ga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten wa­ren. Die blo­ße Zu­sam­men­fas­sung zu ei­nem Lie­fer­ge­biet mit ei­ge­nem Dienst­plan ist da­für nicht aus­rei­chend, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG).

Die Re­mo­te-Ci­ties hat­ten kein Min­dest­maß an or­ga­ni­sa­to­ri­scher Selbst­stän­dig­keit. Ei­ne sol­che Selbst­stän­dig­keit liegt nicht al­lein durch die dort be­schäf­tig­ten Ku­rier­fah­rer (als In­ter­es­sen­ge­mein­schaft) vor.

Fa­zit: Kein Be­triebs­rat in Fi­lia­len und Ver­triebs­ge­bie­ten oh­ne Lei­tungs­macht und Bü­ro

Die Ent­schei­dung ist für die en­ga­gier­ten Lie­fe­ran­do-Ku­rie­re zwar ei­ne Ent­täu­schung. Sie ist aber auf der Grund­la­ge des Be­trVG rich­tig. Denn das Be­trVG soll si­cher­stel­len, dass Ar­beit­ge­ber in Be­trie­ben und selb­stän­di­gen Be­triebs­tei­len nicht ein­sei­tig „durch­re­gie­ren“ kön­nen.

Gibt es aber vor Ort, das heißt in Fi­lia­len und Ver­triebs­ge­bie­ten, kei­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Lei­tungs­macht, kann der Be­triebs­rat nichts aus­rich­ten. Er hat dann vor Ort kei­nen Ver­hand­lungs­part­ner.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 28.01.2026, 7 ABR 40/24 (Pres­se­mit­tei­lung des Ge­richts)

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 17.01.2007, 7 ABR 63/05

 

Hand­buch Ar­beits­recht: An­fech­tung der Wahl zum Be­triebs­rat

Hand­buch Ar­beits­recht: Be­triebs­rat

Hand­buch Ar­beits­recht: Be­triebs­rats­mit­glied

Letzte Überarbeitung: 3. Februar 2026

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