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ARBEITSRECHT AKTUELL // 26/007

Kopf­tuch­ver­bot bei der Pas­sa­gier- und Ge­päck­kon­trol­le am Flug­ha­fen?

Der Ver­zicht auf ein mus­li­mi­sches Kopf­tuch ist kei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die Ar­beit als Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil 29.01.2026 8 AZR 49/25

10.02.2026. Man­che Ar­beit­ge­ber ha­ben Pro­ble­me da­mit, ei­ne mus­li­mi­sche Be­wer­be­rin ein­zu­stel­len, wenn die Be­wer­be­rin ih­ren Glau­ben durch das Tra­gen ei­nes Kopf­tuchs nach au­ßen hin zum Aus­druck bringt.Die­ses Un­be­ha­gen stellt in den meis­ten Fäl­len ei­ne recht­lich un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung mus­li­mi­scher Be­wer­be­rin­nen dar. Denn für die meis­ten be­ruf­li­chen Tä­tig­kei­ten spielt es kei­ne Rol­le, ob ei­ne da­mit be­fass­te Ar­beit­neh­me­rin als Mus­li­min ein Kopf­tuch trägt oder ob sie ih­re Haa­re of­fen trägt. Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem ak­tu­el­len Fall be­stä­tigt: BAG, Ur­teil 29.01.2026 8 AZR 49/25.

Pas­sa­gier- und Gepäck­kon­trol­le an Flughäfen ist ei­ne ho­heit­li­che Tätig­keit - und da­her nur oh­ne Kopf­tuch möglich?

Be­nach­tei­li­gun­gen von Ar­beit­neh­mern oder Stel­len­be­wer­bern we­gen ih­rer Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung sind im All­ge­mei­nen recht­lich ver­bo­ten, wie sich aus §§ 1, 3 und 7 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) er­gibt.

Al­ler­dings er­laubt das AGG in ei­ni­gen Fällen ei­ne re­li­gi­ons- bzw. welt­an­schau­ungs­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung. Denn auch Schlech­ter­stel­lun­gen we­gen des Al­ters, des Ge­schlechts oder ei­ner Be­hin­de­rung sind in ei­ni­gen Fällen aus­nahms­wei­se er­laubt.Dann liegt ei­ne „zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung" vor.

Ei­ne spe­zi­el­le Er­laub­nis für ei­ne Un­ter­schei­dung nach der Re­li­gi­on ist § 9 AGG, der für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst und für ih­re ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen gilt.

Nicht re­li­giös ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber ha­ben da­ge­gen kaum ei­ne recht­li­che Hand­ha­be, Stel­len­be­wer­bern un­ter Berück­sich­ti­gung ih­rer Re­li­gi­on un­gleich zu be­han­deln, d.h. den ei­nen ein­zu­stel­len und den an­de­ren ab­zu­leh­nen.

Als Grund­la­ge ei­ner sol­chen Un­gleich­be­hand­lung kommt nämlich nur § 8 Abs.1 AGG in Be­tracht. Und da­nach ist die Ab­leh­nung ei­nes Be­wer­bers we­gen sei­ner Re­li­gi­on nur in sel­te­nen Aus­nah­mefällen rech­tens, nämlich wenn die Re­li­gi­on

  • we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung
  • ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern
  • der Zweck rechtmäßig und
  • die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist.

Un­ter Be­ru­fung auf die­se Re­ge­lung kann z.B. ein Opern­haus bei der Be­set­zung ei­ner weib­li­chen Ge­sangs­rol­le männ­li­che Be­wer­ber aus­sch­ließen.

Da­ge­gen können sich Luft­si­cher­heits­un­ter­neh­men nicht auf die­se Re­ge­lung be­ru­fen, wenn sie da­mit be­gründen wol­len, war­um sie mus­li­mi­sche Be­wer­be­rin­nen, die ein Kopf­tuch tra­gen, von der Be­wer­bung um ei­ne Stel­le als Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin aus­sch­ließen.

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG)

Ein am Ham­bur­ger Flug­ha­fen täti­ges Si­cher­heits­un­ter­neh­men, das dort die Pas­sa­gier- und Gepäck­kon­trol­len durchführ­te, schrieb ei­ne Stel­le als Luft­si­cher­heits­as­sis­tent (m/w/d) aus.

Die Stel­len­aus­schrei­bung und die Be­wer­be­r­aus­wahl nahm das Luft­si­cher­heits­un­ter­neh­men nicht selbst vor, son­dern schal­te­te da­zu ein an­de­res Un­ter­neh­men ein.

Die­ses Un­ter­neh­men wie­der­um lehn­te die Be­wer­bung ei­ner mus­li­mi­schen Be­wer­be­rin ab, nach­dem die­se im Be­wer­bungs­ver­fah­ren ein Fo­to mit Kopf­tuch vor­ge­legt hat­te. 

Die ab­ge­lehn­te Be­wer­be­rin sah dar­in ei­ne Be­nach­tei­li­gung auf­grund ih­rer Re­li­gi­on und ver­lang­te von dem Luft­si­cher­heits­un­ter­neh­men ei­ne Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG in Höhe ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts, d.h. von 3.500,00 EUR.

Da das Un­ter­neh­men nicht frei­wil­lig zahl­te, zog die Be­wer­be­rin vor das Ar­beits­ge­richt Ham­burg.

Das Luft­si­cher­heits­un­ter­neh­men be­rief sich dar­auf, dass die Be­wer­be­rin nicht we­gen ih­res Kopf­tuchs ab­ge­lehnt wor­den sei, son­dern we­gen Lücken in ih­rem Le­bens­lauf. Außer­dem ver­wies das Un­ter­neh­men auf ei­ne bei ihm gel­ten­de Kon­zern­be­triebs­ver­ein­ba­rung, nach der Kopf­be­de­ckun­gen al­ler Art un­ter­sagt sei­en. 

Sch­ließlich ar­gu­men­tier­te das Un­ter­neh­men, dass Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin­nen als sog. Be­lie­he­ne im Auf­trag der Bun­des­po­li­zei tätig würden und da­her ein staat­li­ches Neu­tra­litäts­ge­bot be­ach­ten müss­ten. Dies recht­fer­ti­ge ein Kopf­tuch bei der Ar­beit.
Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg ließen sich von die­sen Ar­gu­men­ten nicht be­ein­dru­cken und ent­schie­den zu­guns­ten der Be­wer­be­rin.

BAG: Der Ver­zicht auf ein mus­li­mi­sches Kopf­tuch ist kei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die Ar­beit als Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin

Die Re­vi­si­on des Un­ter­neh­mens hat­te vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) kei­nen Er­folg. In der der­zeit nur als Pres­se­mit­tei­lung vor­lie­gen­den Be­gründung des Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) heißt es:

Die Be­wer­be­rin hat­te un­ter Berück­sich­ti­gung der Ge­samt­umstände genügend vie­le In­di­zi­en für ei­ne re­li­gi­ons­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne von § 22 AGG vor­ge­tra­gen. Es war da­her ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen der Re­li­gi­on zu ver­mu­ten. 

Die­se Ver­mu­tung hat­te das ver­klag­te Un­ter­neh­men nicht wi­der­legt, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG). Denn der Ver­zicht auf ein Kopf­tuch während der Ar­beit ist kei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne von § 8 Abs.1 AGG für die Tätig­keit als Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin. 

Das Un­ter­neh­men konn­te sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass ei­ne an­geb­lich oft kon­flikt­rei­che Si­tua­ti­on an den Flug­ha­fen-Kon­troll­stel­len nicht durch re­li­giöse Sym­bo­le verschärft wer­den dürf­te. 

Denn es gab, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG), kei­ne ob­jek­ti­ven An­halts­punk­te dafür, dass es bei der Pas­sa­gier­kon­trol­le an Flughäfen we­gen des Tra­gens von Kopftüchern durch Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin­nen ver­mehrt zu Kon­flikt­si­tua­tio­nen kommt.

Fa­zit: Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin­nen an Flughäfen dürfen ein Kopf­tuch tra­gen

Die Ar­beit als Luft­si­cher­heits­as­sis­ten­tin an der Pas­sa­gier- und Gepäck­kon­trol­le an Flughäfen darf mit ei­nem re­li­giösen Kopf­tuch er­bracht wer­den. 

Lehnt ein Luft­si­cher­heits­un­ter­neh­men ei­ne Be­wer­bung ab, weil die Be­wer­be­rin ein Kopf­tuch trägt, stellt dies ei­ne nicht ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung auf­grund der Re­li­gi­on dar.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil 29.01.2026 8 AZR 49/25 (Pres­se­mit­tei­lung des BAG)

 

Hand­buch Ar­beits­recht: Dis­kri­mi­nie­rung - All­ge­mein

Hand­buch Ar­beits­recht: Dis­kri­mi­nie­rung - Er­laub­te Be­nach­tei­li­gun­gen

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Hand­buch Ar­beits­recht: Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te - Ge­schlecht

Letzte Überarbeitung: 5. Mai 2026

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