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LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 24.06.2020, 4 Sa 571/19

   
Schlagworte: Ausschlussfrist, Urlaubsabgeltung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Düsseldorf
Aktenzeichen: 4 Sa 571/19
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 24.06.2020
   
Leitsätze:

1. Urlaubsabgeltungsansprüche unterliegen tarif- oder einzelvertraglichen Ausschlussfristen auch dann, wenn die zugrundeliegenden Urlaubsansprüche - etwa aufgrund unzureichender Aufklärung durch den Arbeitgeber - urlaubsrechtlich nicht verfallen konnten.

2. Zur Wirksamkeit einer im Jahre 2013 vereinbarten einzelvertraglichen Ausschlussfrist für Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis, die lediglich Ansprüche aus unerlaubter Handlung von ihrem Anwendungsbereich ausnimmt.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Düsseldorf, 23.07.2019, 16 Ca 887/19,
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, 09.03.2021, 9 AZR 323/20,
anhängig:
Bundesarbeitsgericht, 9 AZR 223/20
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, 4 Sa 571/19


Te­nor:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts

Düssel­dorf vom 23.07.2019 - 16 Ca 887/19 - wird zurück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt der Kläger.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.


T a t b e s t a n d :


1

Die Par­tei­en strei­ten über die Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen aus dem Jahr 2017.

2

Der Kläger war vom 01.12.2011 bis zum 31.10.2017 bei dem be­klag­ten Lo­gis­tik­un­ter­neh­men als Nie­der­las­sungs­lei­ter zu ei­nem Brut­to­mo­nats­ge­halt iHv zu­letzt 5.900,-- EUR beschäftigt. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te auf­grund außer­or­dent­li­cher Kündi­gung des Klägers.

 

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3
Dem Ar­beits­verhält­nis lag der Ar­beits­ver­trag vom 14.11.2013 (Bl. 13 ff. GA) zu­grun­de. Gemäß § 6 des Ver­tra­ges stan­den dem Kläger ne­ben dem ge­setz­li­chen Ur­laub von 20 Ar­beits­ta­gen im Ka­len­der­jahr wei­te­re 10 Ar­beits­ta­ge "ver­trag­li­cher" Ur­laub zu. Wei­ter heißt es in dem Ver­trag: 4
"§ 12 Ver­fall-/Aus­schluss­fris­ten 5

Die Ver­trags­par­tei­en müssen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach ih­rer Fällig­keit schrift­lich gel­tend ma­chen und im Fall der Ab­leh­nung durch die Ge­gen­sei­te in­ner­halb von wei­te­ren drei Mo­na­ten ein­kla­gen.

6

An­dern­falls erlöschen sie. Für Ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung ver­bleibt es bei der ge­setz­li­chen Re­ge­lung."

7

Bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31.10.2017 stan­den dem Kläger noch 25 nicht ge­nom­me­ne Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2017 zu. Die­se wa­ren in sei­ner Ge­halts­ab­rech­nung nicht aus­ge­wie­sen. Mit Schrei­ben vom 21.12.2018 for­der­te der Kläger die Be­klag­te zur Ab­gel­tung des An­spruchs auf (Bl. 190-193 GA). Mit Schrei­ben vom 02.01.2019 wies die Be­klag­te die Ansprüche als ver­fal­len zurück (Bl. 19 f. GA).

8

Mit sei­ner am 18.02.2019 bei dem Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge ver­langt der Kläger die Ab­gel­tung des Ur­laubs aus 2017 in rech­ne­risch un­strei­ti­ger Höhe von 6.807,69 €. Er hat ge­meint, der An­spruch sei nicht ver­fal­len. Die Ver­fall­klau­sel sei aus meh­re­ren Gründen un­wirk­sam. So neh­me sie we­der Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes (§ 202 BGB) noch Ansprüche aus Haf­tung für Schäden aus der Ver­let­zung des Le­bens, des Körpers oder der Ge­sund­heit (§ 309 Nr. 7 lit. a BGB) von ih­rer Gel­tung aus. Die Her­aus­nah­me de­lik­ti­scher Ansprüche genüge in­so­weit nicht. Fer­ner um­fas­se die Klau­sel un­ver­zicht­ba­re Ansprüche auf Min­dest­lohn. Sch­ließlich un­terlägen Ur­laubs­ansprüche nicht ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­fall­fris­ten; dies müsse nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs auch für Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung gel­ten, ins­be­son­de­re wenn der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer nicht durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt hat­te, den Ur­laub zu neh­men.

9

Die Be­klag­te hat sich dem­ge­genüber auf den Ver­fall der Ansprüche gemäß § 12 des Ar­beits­ver­tra­ges be­ru­fen und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Klau­sel sei wirk­sam.

10

Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 23.07.2019, auf des­sen Tat­be­stand und ver­fal­len. Die Ver­fall­klau­sel sei nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen § 309 Nr. 7 lit. a BGB es im We­sent­li­chen aus­geführt, der An­spruch sei gemäß § 12 des Ar­beits­ver­trags Ent­schei­dungs­gründe Be­zug ge­nom­men wird, die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat un­wirk­sam, da dem ei­ne an­ge­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung der im Ar­beits­recht gel­ten­den Be­son­der­hei­ten gemäß § 310 Abs. 4 Satz 2 Hs. 1 BGB ent­ge­genstünde. Auch sei die Klau­sel nicht gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 u. 2 BGB des­halb in­trans­pa­rent, weil sie - in­so­weit un­wirk­sam - Ansprüche auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn um­fas­se; dies sei bei ei­nem sog. Alt­ver­trag aus der Zeit vor In­kraft­tre­ten des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes im Jah­re 2014 hin­zu­neh­men. Sch­ließlich ste­he ei­nem Ver­fall von Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen nicht ent­ge­gen, dass nach der Recht­spre­chung des EuGH im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis Ur­laubs­ansprüche idR nicht ver­lo­ren ge­hen, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht zu­vor durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, den Ur­laub zu neh­men. An­de­ren­falls ließe sich der Zweck von Ver­fall­klau­seln, Rechts­frie­den zu schaf­fen, nicht ver­wirk­li­chen.

11

Ge­gen das am 09.08.2019 zu­ge­stell­te Ur­teil wen­det sich der Kläger mit sei­ner am 09.09.2019 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­leg­ten und am 11.11.2019 in­ner­halb der verlänger­ten Frist be­gründe­ten Be­ru­fung. Er wie­der­holt und ver­tieft ein­ge­hend sei­ne Rechts­auf­fas­sung zur Un­wirk­sam­keit der Ver­fall­klau­sel und zu ih­rer Nicht­an­wend­bar­keit

 

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auf Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche.

12
Der Kläger be­an­tragt, 13

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 23.07.2019 - 16 Ca 887/19 "auf­zu­he­ben" und

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1.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 6.807,69 EUR brut­to Ur­laubs­ab­gel­tung für den für das Jahr 2017 nicht ge­nom­me­nen Ur­laub zu zah­len,

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2.hilfs­wei­se: die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn die Ur­laubs­ab­gel­tung für den für das Jahr 2017 nicht ge­nom­me­nen Ur­laub zu zah­len.

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Die Be­klag­te ver­tei­digt das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens und be­an­tragt,

17
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 18

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :

19

Die zulässi­ge, ins­be­son­de­re hin­rei­chend gemäß § 64 Abs. 6 ArbGG iVm. § 520 Abs. 2 Nrn. 2 und 3 ZPO be­gründe­te Be­ru­fung des Klägers hat kei­nen Er­folg. Im Er­geb­nis zu Recht hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Der An­spruch des Klägers auf Ab­gel­tung von un­be­strit­ten noch of­fe­nen 25 Ur­laub­ta­gen aus dem Jahr 2017 gemäß § 7 Abs. 4 BurlG iVm. § 6 des Ar­beits­ver­trags in der rech­ne­risch un­strei­ti­gen Höhe von 6.807,69 € ist durch Ver­fall gemäß § 12 des Ar­beits­ver­trags er­lo­schen. Der un­be­zif­fer­te Hilfs­an­trag auf Zah­lung ist be­reits un­zulässig.

20

I. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 12 Abs. 2 Satz 1 des Ar­beits­ver­tra­ges für das Erlöschen des An­spruchs sind grundsätz­lich erfüllt.

21

1.Zu den von § 12 er­fass­ten "Ansprüchen aus dem Ar­beits­verhält­nis" gehören auch Ansprüche auf Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen.

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a.Fin­den sich in ei­ner Ver­fall­klau­sel kei­ne sach­li­chen Ein­schränkun­gen, so fal­len un­ter den Be­griff der "Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis” al­le ge­setz­li­chen, ta­rif­li­chen und ver­trag­li­chen Ansprüche, die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en auf­grund ih­rer durch den Ar­beits­ver­trag be­gründe­ten Rechts­stel­lung ge­gen­ein­an­der ha­ben. Vom An­wen­dungs­be­reich der Klau­sel er­fasst ist dem­nach auch der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung gemäß § 7 Abs. 4 BurlG (BAG 18.09.2018 - 9 AZR 162/18, Rn. 29, ju­ris mwN). So­weit § 12 des Ar­beits­ver­trags Ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung von der Ver­falls­re­ge­lung aus­nimmt, sind da­von die hier strei­ti­gen Ab­gel­tungs­ansprüche nicht be­trof­fen.

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b.Der An­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers auf Ur­laubs­ab­gel­tung kann als rei­ner Geld­an­spruch all­ge­mei­nen ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten un­ter­lie­gen. Dem steht we­der der un­ab­ding­ba­re Schutz des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nach §§ 1, 3 Abs. 1, § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG noch die vom Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH) vor­ge­nom­me­ne und für die na­tio­na­len Ge­rich­te nach Art. 267 AEUV ver­bind­li­che Aus­le­gung der Richt­li­nie 2003/88/EG ent­ge­gen (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 10 mwN). 24

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers gilt dies auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer vom Ar­beit­ge­ber nicht durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch gemäß dem BUrlG und der Richt­li­nie 2003/88/EG wahr­zu­neh­men. Nach der Recht­spre­chung des EuGH ver­liert ein Ar­beit­neh­mer zwar in

 

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die­sem Fall "am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub" nicht (EuGH 06.11.2018 - C-684/16 - [Max-Plank-Ge­sell­schaft], Te­nor zu 1), ju­ris). Ei­ne "in die­sem Sin­ne eu­ro­pa­rechts­wid­ri­ge na­tio­na­le Re­ge­lung" ist von den na­tio­na­len Ge­rich­ten un­an­ge­wen­det zu las­sen (EuGH 06.11.2018 aaO, Te­nor zu 2), ju­ris).

25

Die­se Recht­spre­chung be­trifft aber al­lein die Fra­ge des ur­laubs­recht­li­chen Ver­falls von Ur­laubs­ansprüchen ("am En­de des Be­zugs­zeit­raums") und ist für den hier frag­li­chen Ver­fall ei­nes Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs auf­grund all­ge­mei­ner ver­trag­li­cher oder ta­rif­ver­trag­li­cher Ver­fall­fris­ten nicht ein­schlägig. Die ab­zu­gel­ten­den Ur­laubs­ansprüche des Klägers stam­men im Übri­gen aus dem Jahr 2017 und un­ter­la­gen des­halb bei sei­nem Aus­schei­den am 31.10.2017 nicht dem ur­laubs­recht­li­chen Ver­fall­re­gime aus § 7 Abs. 3 BurlG und Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG. Selbst wenn dies aber - wie et­wa bei älte­ren Ur­laubs­ansprüchen - der Fall ge­we­sen wäre und die Ur­laubs­ansprüche man­gels an­ge­mes­se­ner Aufklärung des Ar­beit­ge­bers nach der Recht­spre­chung des EuGH nicht gemäß § 7 Abs. 3 BurlG bzw. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG ver­fal­len wären, un­terlägen sie doch als Ab­gel­tungs­ansprüche im sel­ben Maße wie an­de­re Ansprüche auch den all­ge­mei­nen ver­trag­li­chen oder ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­fall­fris­ten und müss­ten in­so­weit recht­zei­tig gel­tend ge­macht wer­den.

26

2.Der Kla­ge­an­spruch war zwi­schen den Par­tei­en nicht zu­vor streit­los ge­stellt. Ins­be­son­de­re fin­det sich in der Ge­halts­ab­rech­nung des Klägers kei­ne An­ga­be über of­fe­ne Ur­laubs­ansprüche. Des­halb be­durf­te es grundsätz­lich sei­ner Gel­tend­ma­chung zur Ver­hin­de­rung des Ver­falls (BAG 28.07.2010 - 5 AZR 521/09, ju­ris Rn. 18).

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3.Der Kläger hat den Kla­ge­an­spruch auf der ers­ten Stu­fe nicht in­ner­halb der drei­mo­na­ti­gen Frist aus § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­trags schrift­lich gel­tend ge­macht.

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Der An­spruch auf Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs gemäß § 7 Abs. 4 BurlG ent­steht und wird fällig mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (BAG 08.04.2014 - 9 AZR 550/12, NZA 2014, 852). Dies gilt hier auch für den ver­trag­li­chen Mehran­spruch, der in § 6 des Ar­beits­ver­trags in­so­weit kei­ne be­son­de­re Re­ge­lung er­fah­ren hat. Der Ab­gel­tungs­an­spruch war da­her ins­ge­samt mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31.10.2017 fällig. Die drei­mo­na­ti­ge Ver­fall­frist aus § 12 des Ar­beits­ver­trags lief am 31.01.2018 ab. Die erst­ma­li­ge Gel­tend­ma­chung des An­spruchs durch den Kläger mit Schrei­ben vom 21.01.2019 kam dem­gemäß zu spät.

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II. Die Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung in § 12 des Ar­beits­ver­trags hält ei­ner AGB-Kon­trol­le an­hand der §§ 305 ff. BGB Stand.

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1.Es han­delt sich um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung (§ 305 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 BGB). Hier­von ge­hen bei­de Par­tei­en zu Recht aus. Der Ver­trag weist außer den persönli­chen Da­ten des Klägers kei­ne in­di­vi­du­el­len Be­son­der­hei­ten auf. Dies - wie auch das äußere Er­schei­nungs­bild - be­gründet ei­ne tatsächli­che Ver­mu­tung dafür, dass es sich bei dem Ar­beits­ver­trag um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen iSv. § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB han­delt (BAG 18.09.2018 - 9 AZR 162/18, Rn. 30, ju­ris mwN). Je­den­falls ist der Ar­beits­ver­trag ein Ver­brau­cher­ver­trag iSv. § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB (vgl. BAG aaO). Dass der Kläger auf den In­halt des Ar­beits­ver­trags Ein­fluss neh­men konn­te, hat die Be­klag­te nicht be­haup­tet.

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2.Die Ver­fall­klau­sel ist Ver­trags­be­stand­teil ge­wor­den, da sie nicht über­ra­schend oder un­gewöhn­lich ist iSd. § 305c BGB. Die Re­ge­lung ist durch die im Fett­druck her­vor­ge­ho­be­ne Über­schrift "Ver­fall-/Aus­schluss­fris­ten" für den Ver­trags­part­ner deut­lich er­kenn­bar. Die Ver­ein­ba­rung zwei­stu­fi­ger Aus­schluss­fris­ten wie in § 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­trags ent­spricht ver­brei­te­ter Übung im Ar­beits­le­ben (BAG 27.01.2016 - 5 AZR

 

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277/14, Rn. 19, ju­ris).

32

3.Die Ver­fall­klau­sel ist nicht gemäß § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB ei­ner Rechts­kon­trol­le ent­zo­gen. Sie enthält ei­ne von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de Re­ge­lung iSv. § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB. Ansprüche un­ter­lie­gen nach dem Ge­setz ab­ge­se­hen von Ver­wir­kung (§ 242 BGB) und Verjährung kei­nen der Ver­fall­klau­sel ver­gleich­ba­ren Be­schränkun­gen. Die Re­ge­lung ent­spricht auch nicht ei­ner ta­rif­li­chen Be­stim­mung oder an­de­ren Norm iSd. § 310 Abs. 4 Satz 3 BGB, die auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en un­mit­tel­bar An­wen­dung fin­den kann (vgl. BAG 28.11.2007 - 5 AZR 992/06, Rn. 24, ju­ris).

33

4.Die Ver­fall­klau­sel ist nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen die Klau­sel­ver­bo­te des § 309 Nr. 7 lit. a und b BGB un­wirk­sam.

34

a.Die Haf­tung für Schäden aus der Ver­let­zung des Le­bens, des Körpers oder der Ge­sund­heit, die auf ei­ner fahrlässi­gen Pflicht­ver­let­zung des Ver­wen­ders oder ei­ner vorsätz­li­chen oder fahrlässi­gen Pflicht­ver­let­zung ei­nes ge­setz­li­chen Ver­tre­ters oder Erfüllungs­ge­hil­fen des Ver­wen­ders be­ru­hen (§ 309 Nr. 7 lit. a BGB), wird durch § 12 des Ar­beits­ver­trags we­der aus­ge­schlos­sen noch be­grenzt. Denn die Klau­sel nimmt in Abs. 2 Satz 2 Ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung von ih­rem Gel­tungs­be­reich aus. Ei­ne Haf­tung für Schäden aus der Ver­let­zung des Le­bens, des Körpers oder der Ge­sund­heit be­ruht stets auch auf ei­ner un­er­laub­ten Hand­lung iSd. §§ 823, 826 BGB.

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Ne­ben der Haf­tung aus un­er­laub­ter Hand­lung schließt § 12 Abs. 2 Satz 2 des Ver­tra­ges zu­gleich die im Ar­beits­verhält­nis not­wen­di­ger­wei­se kon­kur­rie­ren­den ver­trag­li­chen Ansprüche von sei­nem Gel­tungs­be­reich aus. Ein an­de­res Verständ­nis der Klau­sel schei­det aus. Denn § 12 re­gelt "Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis", wie Abs. 1 aus­drück­lich klar­stellt. Da­zu gehören al­le Ansprüche, wel­che die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en auf­grund ih­rer durch den Ar­beits­ver­trag be­gründe­ten Rechts­be­zie­hung ge­gen­ein­an­der ha­ben. Maßgeb­lich ist da­bei der Ent­ste­hungs­be­reich des An­spruchs, nicht aber die ma­te­ri­ell-recht­li­che, de­lik­ti­sche oder ver­trag­li­che An­spruchs­grund­la­ge. Ent­schei­dend ist die en­ge Ver­knüpfung ei­nes Le­bens­vor­gangs mit dem Ar­beits­verhält­nis. Ins­be­son­de­re zählen zu den Ansprüchen aus dem Ar­beits­verhält­nis we­gen ei­nes ein­heit­li­chen Le­bens­vor­gangs nicht nur ver­trag­li­che Erfüllungs- und Scha­dens­er­satz­ansprüche, son­dern auch sol­che aus un­er­laub­ter Hand­lung (BAG 21.01.2010 - 6 AZR 556/07, Rn. 19 mwN; BAG 16.05.2007 - 8 AZR 709/06, Rn. 41, und 30.10.2008 - 8 AZR 886/07, Rn. 20 f., bei­de ju­ris, bei­de zu ei­ner ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­nen ta­rif­li­chen Ver­fall­frist; ein­ge­hend auch BAG 21.06.2012 - 8 AZR 188/11, Rn. 49, ju­ris).

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Dies bestätigt § 12 Abs. 2 Satz 2 in­di­rekt, in­dem er ge­ra­de Ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung aus­klam­mert. Die Aus­klam­me­rung ih­rer­seits um­fasst aber in glei­cher Wei­se sämt­li­che Ansprüche, die auf dem ein­heit­li­chen Le­bens­vor­gang der un­er­laub­ten Hand­lung be­ru­hen, auch so­weit sie als Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis zu­gleich - in An­spruchs­kon­kur­renz - ma­te­ri­ell-recht­lich auf Ver­trag gestützt wer­den können. Bei un­er­laub­ten Hand­lun­gen geht es um die wi­der­recht­li­che Ver­let­zung sol­cher zwi­schen­mensch­li­cher Rechts­be­zie­hun­gen, "die von je­der­mann zu be­ach­ten sind, weil sie die Grund­la­ge des Ge­mein­schafts­le­bens bil­den" (BGH 20.03.1961 - III ZR 9/60, Rn. 12, ju­ris). Ansprüche aus der­ar­tig qua­li­fi­zier­ten Rechts­ver­let­zun­gen will § 12 Abs. 2 Satz 2 des Ar­beits­ver­tra­ges aus­klam­mern un­ge­ach­tet ih­rer ma­te­ri­ell-recht­li­chen An­spruchs­grund­la­ge. Dem­gemäß ist in die­sem Um­fang auch die ver­trag­li­che Haf­tung für Erfüllungs­ge­hil­fen (§ 278 Satz 1 BGB) von der Ver­fall­re­ge­lung aus­ge­nom­men. We­gen des grundsätz­li­chen Gleich­laufs von ver­trag­li­cher und de­lik­ti­scher Haf­tung für im Ar­beits­verhält­nis er­folg­te Schädi­gun­gen der ge­nann­ten Rechtsgüter ist die Klau­sel in die­sem Sin­ne auch hin­rei­chend trans­pa­rent (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB).

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Auf die Fra­ge, ob die Klau­sel un­ter an­ge­mes­se­ner Berück­sich­ti­gung der tatsächli­chen und

 

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recht­li­chen Be­son­der­hei­ten, ins­be­son­de­re der Haf­tung im Ar­beits­verhält­nis, gemäß § 310 Abs. 4 Satz 2, Halbs. 2 BGB auch oh­ne die Aus­klam­me­rung von Ansprüchen aus un­er­laub­ter Hand­lung nicht ge­gen § 309 Nr. 7 lit. b BGB verstößt, kommt es da­mit nicht mehr an. Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt al­ler­dings für den Fall an­ge­nom­men, dass ei­ne Ver­fall­klau­sel die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes aus­klam­mer­te (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 17, ju­ris).

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b.§ 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­trags ist auch im Hin­blick auf § 309 Nr. 7 lit. b BGB wirk­sam. Da­nach sind in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eben­falls un­wirk­sam der Aus­schluss oder ei­ne Be­gren­zung der Haf­tung für sons­ti­ge Schäden, die auf ei­ner grob fahrlässi­gen Pflicht­ver­let­zung des Ver­wen­ders oder auf ei­ner vorsätz­li­chen oder grob fahrlässi­gen Pflicht­ver­let­zung ei­nes ge­setz­li­chen Ver­tre­ters oder Erfüllungs­ge­hil­fen des Ver­wen­ders be­ru­hen.

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Zunächst nimmt § 12 mit der Aus­klam­me­rung von Ansprüchen aus un­er­laub­ter Hand­lung in Abs. 2 Satz 2 die Haf­tung für al­le Schäden aus der Ver­let­zung von be­son­ders geschütz­ten Rechtsgütern iSd. § 823 Abs. 1 BGB und von Schutz­ge­set­zen iSv. § 823 Abs. 2 BGB so­wie aus vorsätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schädi­gung (§ 826 BGB) aus sei­nem Gel­tungs­be­reich aus. Dies er­streckt sich wie­der­um zu­gleich auf die ent­spre­chen­den kon­kur­rie­ren­den ver­trag­li­chen Ansprüche (vgl. oben un­ter II.4.a). Da­mit ist be­reits ein ganz we­sent­li­cher Teil des Klau­sel­ver­bots aus § 309 Nr. 7 lit. b BGB von der Ver­fall­frist nicht be­trof­fen.

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Es ver­bleibt die Haf­tung für sons­ti­ge Schäden, die nicht auf der Ver­let­zung von be­son­ders geschütz­ten Rechtsgütern iSd. § 823 Abs. 1 BGB, von Schutz­ge­set­zen iSd. § 823 Abs. 2 BGB und nicht auf vorsätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schädi­gung iSd. § 826 BGB be­ru­hen. Die­ser sehr be­grenz­te Kreis von Haf­tungs­ansprüchen wird ent­ge­gen § 309 Nr. 7 lit. b BGB von der Ver­fall­klau­sel er­fasst. Dies führt aber un­ter Berück­sich­ti­gung der im Ar­beits­recht gel­ten­den Be­son­der­hei­ten (§ 310 Abs. 4 Satz 2 Hs. 1 BGB) nicht zur Un­wirk­sam­keit der Klau­sel. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat dies zu Ver­fall­klau­seln ent­schie­den, die je­weils die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes von ih­rem Gel­tungs­be­reich aus­ge­nom­men hat­ten (vgl. BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 21 ff. mwN; BAG 28.09.2017 - 8 AZR 67/15, Rn. 64 ff., ju­ris). Es gilt nach Auf­fas­sung des er­ken­nen­den Ge­richts erst Recht in dem hier ge­ge­be­nen Fall, in dem zwar nicht ge­ne­rell die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes, aber die aus un­er­laub­ter Hand­lung von der Ver­fall­re­ge­lung aus­ge­nom­men wur­de. Die ver­blei­ben­den außer­de­lik­ti­schen Ansprüche sind, je­den­falls so­weit sie das Haf­tungs­ri­si­ko des Ver­wen­ders be­tref­fen, im Ar­beits­verhält­nis ty­pi­scher­wei­se nicht von be­son­de­rer prak­ti­scher Be­deu­tung (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 31 ff. mwN). Dies gilt auch un­ter Ein­be­zie­hung ei­ner et­wai­gen Vor­satz­haf­tung. Hin­zu tritt, dass die Ver­fall­frist durch die An­knüpfung an die Fällig­keit des An­spruchs ab­ge­mil­dert wird und die­se nach der ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung erst dann ein­tritt, wenn der Scha­den für den Gläubi­ger fest­stell­bar ist und gel­tend ge­macht wer­den kann (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 30 mwN; BAG 28.09.2017 - 8 AZR 67/15, Rn. 64 ff., ju­ris). Sch­ließlich spricht das im Ar­beits­le­ben be­son­ders be­ste­hen­de Bedürf­nis an ra­scher Klärung von Ansprüchen und Be­rei­ni­gung of­fe­ner Streit­punk­te dafür, dass der ver­blei­ben­den ge­ringfügi­gen Ab­wei­chung vom Klau­sel­ver­bot des § 309 Nr. 7 lit. b BGB nicht ei­ne Be­deu­tung zu­kommt, die der Klau­sel ih­re Wirk­sam­keit nimmt (BAG aaO).

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5.§ 12 Abs. 1 des Ar­beits­ver­trags ist auch nicht des­halb un­wirk­sam, weil die Klau­sel ver­langt, Ansprüche "schrift­lich" und nicht le­dig­lich in Text­form gel­tend zu ma­chen. § 309 Nr. 13 lit. b BGB gilt erst seit dem 1. Ok­to­ber 2016 und fin­det gemäß Art. 229 § 37 EGBGB aus­drück­lich nur auf ein Schuld­verhält­nis An­wen­dung, das nach dem 30.09.2016 ent­stan­den ist (vgl. BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 34 mwN).

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6.Fer­ner ist die drei­mo­na­ti­ge Frist zur Gel­tend­ma­chung nicht un­an­ge­mes­sen kurz, § 307

 

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Abs. 1 Satz 1 BGB. Ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung, die ei­ne Gel­tend­ma­chung in­ner­halb ei­ner sol­chen Frist ab Fällig­keit ver­langt, und un­ter den in § 12 des Ar­beits­ver­trags ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen for­dert, den An­spruch in­ner­halb ei­ner Frist von wei­te­ren drei Mo­na­ten ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen, be­nach­tei­ligt den Ar­beit­neh­mer nicht un­an­ge­mes­sen ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben (vgl. grundl. BAG 28.09.2005 - 5 AZR 52/05, zu II 5 der Gründe; 25.05.2005 - 5 AZR 572/04, zu IV der Gründe, bei­de ju­ris; seit­her st. Rspr.).

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7.§ 12 des Ar­beits­ver­trags ist schließlich auch nicht we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB iVm. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam. 44
Das Trans­pa­renz­ge­bot ver­pflich­tet den Ver­wen­der von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, die Rech­te und Pflich­ten sei­nes Ver­trags­part­ners klar und verständ­lich dar­zu­stel­len. We­gen der weit­rei­chen­den Fol­gen von Aus­schluss­fris­ten muss aus der Ver­fall­klau­sel, wenn die­se dem Trans­pa­renz­ge­bot genügen soll, er­sicht­lich sein, wel­che Rechts­fol­gen der Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders zu gewärti­gen hat und was er zu tun hat, um de­ren Ein­tritt zu ver­hin­dern. Ei­ne Klau­sel, die die Rechts­la­ge un­zu­tref­fend oder miss­verständ­lich dar­stellt und auf die­se Wei­se dem Ver­wen­der ermöglicht, be­gründe­te Ansprüche un­ter Hin­weis auf die in der Klau­sel ge­trof­fe­ne Re­ge­lung ab­zu­weh­ren, und die ge­eig­net ist, des­sen Ver­trags­part­ner von der Durch­set­zung be­ste­hen­der Rech­te ab­zu­hal­ten, be­nach­tei­ligt den Ver­trags­part­ner ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen (st. Rspr., vgl. BAG 24.09.2019 - 9 AZR 273/18, Rn. 42 mwN, ju­ris). Für die Prüfung der Trans­pa­renz ei­ner als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung iSv. § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist ist al­lein auf die Ge­set­zes­la­ge bei Ver­trags­schluss ab­zu­stel­len (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 37 mwN). Ist ei­ne Klau­sel bei Ver­trags­schluss trans­pa­rent, ver­liert sie ih­re Wirk­sam­keit nicht, wenn späte­re Ge­set­zesände­run­gen zu ih­rer In­trans­pa­renz führen (BAG aaO mwN). 45
In An­wen­dung des­sen ist die Ver­fall­klau­sel nicht in­trans­pa­rent. 46

a.Die Re­ge­lung der ers­ten Stu­fe der Aus­schluss­frist in § 12 des Ar­beits­ver­trags ist nach ih­rem Wort­laut für sich be­trach­tet hin­rei­chend klar. Sie er­fasst Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis, weist aus­drück­lich auf den dro­hen­den Ver­lust sol­cher Ansprüche bei Nicht­ein­hal­tung der Fris­ten hin und ver­deut­licht dem Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders, was er zu tun hat, um den Ein­tritt die­ser Rechts­fol­ge zu ver­hin­dern. Ob das auch für die zwei­te Stu­fe der Ver­fall­frist gilt, kann of­fen­blei­ben. In­so­weit könn­te un­klar sein, ob bei Schwei­gen des Ar­beit­ge­bers auf die ers­te Gel­tend­ma­chung (ers­te Stu­fe) über­haupt Kla­ge ge­bo­ten ist (zwei­te Stu­fe); eben­falls er­scheint nicht klar, ab wel­chem Zeit­punkt die Kla­ge­frist läuft. Dies führt aber nicht zur Un­wirk­sam­keit der ers­ten Stu­fe der Ver­fall­frist, da die Klau­sel teil­bar ist und die ers­te Stu­fe der Gel­tend­ma­chung auch bei schlich­ter Strei­chung der Re­ge­lung zur zwei­ten Stu­fe ("und im Fal­le der Ab­leh­nung ... ein­kla­gen") für sich al­lein sinn­voll be­ste­hen kann (sog. "blue-pen­cil-Test", vgl. BAG 12.03.2008 - 10 AZR 152/07, Rn. 25 mwN, ju­ris).

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b.Es führt auch nicht zur In­trans­pa­renz, son­dern le­dig­lich zur Teil­un­wirk­sam­keit der am 14.11.2013 ver­ein­bar­ten Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung, dass die­se ent­ge­gen § 3 Satz 1 Mi­LoG auch den An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn (§ 1 Abs. 1 und Abs. 2 Mi­LoG) er­fasst, der nach dem am 16. Au­gust 2014 in Kraft ge­tre­te­nen Ge­setz zur Re­ge­lung ei­nes all­ge­mei­nen Min­dest­lohns (Mi­LoG) ab dem 01.01. 2015 zu zah­len ist. Wur­de der Ar­beits­ver­trag wie hier vor In­kraft­tre­ten des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes ge­schlos­sen, führt die nach­fol­gen­de Ände­rung der Ge­set­zes­la­ge nicht nachträglich gemäß § 307 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 BGB zur Ge­samt­un­wirk­sam­keit der Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung we­gen In­trans­pa­renz. Die feh­len­de Aus­nah­me des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns in ei­nem "Alt­ver­trag" hat in die­sem Fall für den Zeit­raum ab dem 01.01.2015 le­dig­lich die

 

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Teil­un­wirk­sam­keit der Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung nach § 3 Satz 1 Mi­LoG zur Fol­ge, ih­re nachträgli­che In­trans­pa­renz ist hin­zu­neh­men (so zu­tref­fend BAG 24.09.2019 - 9 AZR 273/18, Rn. 42 ff. mwN, ju­ris).

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c.Es führt wei­ter nicht zur In­trans­pa­renz von § 12 des Ar­beits­ver­trags, dass die Ver­fall­frist we­der das Min­des­tent­gelt aus § 2 Abs. 2 Pfle­ge­ArbbV bzw. § 2 Abs. 2 2. Pfle­ge­ArbbV noch zwin­gen­de Ansprüche aus Ta­rif­ver­trag oder Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen (§ 4 Abs. 4 Satz 3 TVG und § 77 Abs. 4 Satz 4 Be­trVG) aus ih­rem An­wen­dungs­be­reich aus­nimmt. Dem steht be­reits ent­ge­gen, dass bei Ver­trags­schluss kei­ne die­ser Nor­men mit un­mit­tel­ba­rer und zwin­gen­der Wir­kung auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ein­wirk­te (so zu­tref­fend BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 41 f. mwN, ju­ris).

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d.§ 12 des Ar­beits­ver­trags ist fer­ner nicht des­halb in­trans­pa­rent, weil er die Klau­sel­ver­bo­te des § 309 Nr. 7 BGB teil­wei­se nicht be­ach­tet hätte. Denn wie aus­geführt blieb die Klau­sel un­ter Berück­sich­ti­gung der im Ar­beits­recht gel­ten­den Be­son­der­hei­ten in­so­weit ins­ge­samt wirk­sam (vgl. oben un­ter II. 4) und gibt die Rechts­la­ge da­mit zu­tref­fend wie­der.

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e.Die Ver­fall­klau­sel ist schließlich auch nicht des­halb in­trans­pa­rent und ins­ge­samt un­wirk­sam, weil sie teil­wei­se ge­gen die zwin­gend gel­ten­de Re­ge­lung in § 202 Abs. 1 BGB ver­s­toßen und da­mit die Rechts­la­ge in­so­weit un­zu­tref­fend dar­stel­len würde.

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aa.Nach § 202 Abs. 1 BGB in der seit In­kraft­tre­ten des Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes am 01.01.2002 gel­ten­den Fas­sung kann die Verjährung bei Haf­tung we­gen Vor­sat­zes nicht mehr im Vor­aus durch Rechts­geschäft er­leich­tert wer­den. Es han­delt sich um ei­ne Ver­bots­norm iSv. § 134 BGB. Das Ver­bot des § 202 Abs. 1 BGB gilt für al­le Scha­dens­er­satz­ansprüche aus De­likt und Ver­trag. Das Ge­setz be­zweckt mit § 202 Abs. 1 BGB in Ergänzung von § 276 Abs. 3 BGB ei­nen um­fas­sen­den Schutz ge­gen im Vor­aus ver­ein­bar­te Ein­schränkun­gen von Haf­tungs­ansprüchen aus vorsätz­li­chen Schädi­gun­gen. § 202 Abs. 1 BGB er­fasst nicht nur Ver­ein­ba­run­gen über die Verjährung, son­dern auch über Aus­schluss­fris­ten. In­fol­ge des ge­setz­li­chen Ver­bots kann ei­ne Haf­tung aus vorsätz­lich be­gan­ge­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung oder un­er­laub­ter Hand­lung nicht mehr durch ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten aus­ge­schlos­sen wer­den (vgl. zu al­lem BAG 24.09.2019 - 9 AZR 273/18, Rn. 25 mwN). Dies gilt für al­le ei­ge­nen Re­ge­lun­gen der Par­tei­en des in Re­de ste­hen­den ma­te­ri­ell­recht­li­chen An­spruchs und da­mit eben­so bei ver­trag­li­cher In­be­zug­nah­me ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges, der ei­ne Aus­schluss­frist enthält (BAG 26.09.2013 - 8 AZR 1013/12, Rn. 26 - 40, ju­ris). Auch Be­son­der­hei­ten des Ar­beits­rechts iSv. § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB ge­stat­ten kei­ne Ab­wei­chun­gen (vgl. zu­letzt et­wa BAG 24.09.2019 - 9 AZR 273/18, Rn. 26 mwN). Da­ge­gen fin­det § 202 Abs. 1 BGB nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kei­ne An­wen­dung auf - hier nicht ge­ge­be­ne - ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten, die un­mit­tel­bar kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung oder All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung auf ein Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den; denn die Ver­bots­norm wen­de sich aus­sch­ließlich un­mit­tel­bar an die Par­tei­en des ma­te­ri­ell­recht­li­chen An­spruchs, um des­sen Verjährung es geht (BAG 18.08.2011 - 8 AZR 187/10, ju­ris Rn. 33 ff).

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bb.Die Ver­fall­klau­sel in § 12 des Ar­beits­ver­tra­ges nimmt Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes iSv. § 202 Abs. 1 BGB ins­ge­samt von ih­rem Gel­tungs­be­reich aus. Dies er­gibt die Aus­le­gung der Re­ge­lung.

53

All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei der Ver­trags­wil­le die­ser verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­ner be­ach­tet wer­den muss (BAG 16.12.2009 - 5AZR 888/08, Rn 22, ju­ris; BGH 17.02.2011 - III ZR 35/10, NJW 2011 2122 Rn. 10).

 

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(1)Die Ver­fall­klau­sel nimmt Ansprüche aus Haf­tung für Vor­satz iSd. § 202 Abs. 1 BGB al­ler­dings nicht schon des­halb von ih­rem Gel­tungs­be­reich aus, weil die Ver­trags­part­ner grundsätz­lich "kei­ne Fälle an­ders als das Ge­setz und un­ter Ver­s­toß ge­gen die ge­setz­li­che Ver­bots­norm iSd. § 134 BGB hätten re­geln wol­len".

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(a)Der­ar­ti­ges hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt al­ler­dings in ei­ner ver­ein­zel­ten Ent­schei­dung an­ge­nom­men (BAG 20.06.2013 - 8 AZR 280/12, Rn. 21 f mwN un­ter Hin­weis auf BAG 18.08.2011 - 8 AZR 187/10, Rn. 31, wo je­doch ei­ne kraft All­ge­mein­ver­bind­lich­keit gel­ten­de und so­mit nicht iSv. § 202 Abs. 1 BGB durch Rechts­geschäft der Par­tei­en des strei­ti­gen An­spruchs ver­ein­bar­te Klau­sel be­trof­fen war). Be­reits zu­vor hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt ei­ne sol­che Aus­le­gung ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­fall­klau­seln - nicht tra­gend - er­wo­gen (BAG 25.05.2005 - 5 AZR 572/04, Rn. 14 f; BAG 28.09.2005 - 5 AZR 52/05, Rn. 20 f, bei­de ju­ris). 56
(b)Die­ser Recht­spre­chung hat ei­ne Rei­he von In­stanz­ge­rich­ten wi­der­spro­chen (u.a. LAG Nie­der­sach­sen 21.02.2018 - 2 Sa 83/17, Rn. 41 ff; LAG Hamm 09.09.2014 - 14 Sa 389/13, R. 40 ff; LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern 05.09.2017 - 2 Sa 26/17, al­le ju­ris). Eben­falls ist ihr die Li­te­ra­tur weit­ge­hend ent­ge­gen­ge­tre­ten (Preis/Ro­loff, RdA 2005, 144 (147); Rei­ne­cke BB 2005, 378 (379); Mat­t­hie­sen, NZA 2007, 361 (366); Däubler in Däubler/Bo­nin /Dei­nert, 4. Aufl. 2014, Anh. § 10 BGB Rn. 95; Fuchs/Bie­der in Ul­mer/Brand­ner/Hen­sen, 12. Aufl. 2016, Anh. § 10 BGB Rn. 92; Na­ber/Schul­te BB 2018, 2100 (2102); Sei­werth, ZFA 2020, 100 (119); HWK/Ro­loff, 10. Aufl. 2020, ABC der Klau­sel­ty­pen, Rn. 14). So­weit er­sicht­lich hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Fra­ge, ob ei­ner sol­chen Aus­le­gung zu fol­gen ist, in späte­ren Ent­schei­dun­gen stets of­fen­ge­las­sen. 57
(c)Auch die er­ken­nen­de Kam­mer ver­mag die­ser Recht­spre­chung nicht zu fol­gen. 58

Die An­nah­me, dass die Ver­trags­part­ner kei­ne Fälle an­ders als das Ge­setz und un­ter Ver­s­toß ge­gen die ge­setz­li­che Ver­bots­norm iSd. § 134 BGB re­geln wol­len, er­scheint als bloße Fik­ti­on. Ei­ne tatsächli­che Grund­la­ge dafür ist nicht er­sicht­lich. Eben­so schei­det die An­nah­me aus, dass der Klau­sel­stel­ler in ers­ter Li­nie Vergütungs­ansprüche vor Au­gen ge­habt und Scha­dens­er­satz­ansprüche aus vorsätz­li­chem Han­deln nicht be­dacht ha­be. Zum ei­nen ließe sich die Ver­fall­klau­sel bei ei­nem sol­chen Wil­len oh­ne wei­te­res et­wa auf Vergütungs­ansprüche be­gren­zen. Nach hM um­fas­sen Ver­fall­klau­seln oh­ne ei­ne sol­che Ein­schränkung nicht nur Vergütungs­ansprüche, son­dern auch Scha­dens­er­satz­ansprüche, auch so­weit sie auf De­likt be­ru­hen (BAG 17.10.2018 - 5 AZR 538/17, Rn. 34; 13.3.2013 - 5 AZR 954/11, Rn. 39; 11.4.2019 - 6 AZR 104/18 Rn. 16; HWK/Ro­loff, aaO, ABC der Klau­sel­ty­pen, Rn. 14). Zum an­de­ren lie­gen Scha­dens­er­satz­ansprüche, auch sol­che aus vorsätz­li­chem Han­deln, kei­nes­wegs ins­ge­samt außer­halb der Vor­stel­lun­gen der Ver­trags­par­tei­en ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, des­sen ge­ne­rel­le Ar­beits­be­din­gun­gen for­mu­liert wer­den sol­len. Das Ri­si­ko ei­ner feh­ler­haf­ten Ge­stal­tung der Klau­sel kann dem Ver­wen­der in sol­chen Fällen nicht ab­ge­nom­men wer­den. Die Haf­tung we­gen Vor­sat­zes kann pro­blem­los vom Gel­tungs­be­reich ei­ner Ver­fall­klau­sel aus­ge­nom­men wer­den; dies ge­schieht in der Pra­xis re­gelmäßig (vgl. et­wa die Fälle aus der Recht­spre­chung BAG 28.09.2017 - 8 AZR 67/15 und BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, bei­de ju­ris).

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In ei­ner Ent­schei­dung vom 24.09.2019 (9 AZR 273/18, ju­ris Rn 25 ff) ist das Bun­des­ar­beits­ge­richt bei ei­nem vor In­kraft­tre­ten des § 202 BGB ge­schlos­se­nen Ver­trag (Alt­ver­trag) von der grundsätz­li­chen Ge­samt­un­wirk­sam­keit der Ver­fall­klau­sel we­gen (nachträgli­chen) Ver­s­toßes ge­gen § 202 Abs. 1 BGB aus­ge­gan­gen (Rn. 26 aaO). Es hat die Klau­sel al­lein mit Blick auf ih­re Ver­ein­ba­rung vor In­kraft­tre­ten des § 202 BGB (Alt­ver­trag) ergänzend da­hin aus­ge­legt, dass sich ihr An­wen­dungs­be­reich nicht auf Vor­satz­haf­tung iSv. § 202 Abs. 1 BGB er­streckt (Rn 31 ff aaO). Die­ser Weg ist bei dem Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 14.11.2013 mehr als zehn Jah­re nach In­kraft­tre­ten des § 202 BGB nF ver­sperrt. Ei­ne sol­che Aus­le­gung würde hier zu ei­ner dem Zweck der §§ 305

 

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ff BGB zu­wi­der­lau­fen­den gel­tungs­er­hal­ten­den Re­duk­ti­on teil­un­wirk­sa­mer Klau­seln führen und den Ver­wen­der ge­ra­de­zu ein­la­den, der­ar­ti­ge teil­rechts­wid­ri­ge Klau­seln wei­ter­hin zu stel­len. Die auf die­se Wei­se teil­un­wirk­sa­me Klau­sel wäre nach al­le­dem in­trans­pa­rent und be­nach­tei­lig­te aus die­sem Grund den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders un­an­ge­mes­sen (§ 307 Abs. 1 BGB), da sie ihn da­von ab­hal­ten könn­te, Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes nach Ab­lauf der Ver­fall­frist nicht mehr gel­tend zu ma­chen. Es kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass den we­nigs­ten Ar­beit­neh­mern die Vor­schrift des § 202 Abs. 1 BGB be­kannt ist.

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Be­son­der­hei­ten des Ar­beits­rechts iSv. § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB recht­fer­ti­gen kei­ne ab­wei­chen­de Be­ur­tei­lung. Das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB gilt grundsätz­lich auch im Ar­beits­recht. Für sei­ne pau­scha­le Außer­acht­las­sung spre­chen kei­ne Gründe. Da­hin­ge­stellt blei­ben kann, was gilt, wenn der Ar­beit­ge­ber zwar ta­rif­ge­bun­den ist, ei­ne Ver­fall­klau­sel im ein­zel­nen Ar­beits­verhält­nis aber nur kraft ein­zel­ver­trag­li­cher In­be­zug­nah­me der Ta­rif­ver­trags An­wen­dung fin­det. Das Ver­bot der mit­tel­ba­ren Kon­trol­le von Kol­lek­tiv­verträgen (§ 310 Abs. 4 Satz 3 BGB) hilft hier nicht, weil sich die Teil­un­wirk­sam­keit der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung aus ei­nem ge­setz­li­chen Ver­bot außer­halb der AGB-Kon­trol­le er­gibt (§ 202 Abs. 1 BGB). Da ta­rif­li­che Ver­fall­klau­seln bei un­mit­tel­ba­rer Gel­tung nicht ge­gen § 202 BGB ver­s­toßen (so BAG 18.08.2011 - 8 AZR 187/10, ju­ris Rn. 33 ff), bei le­dig­lich ver­trag­li­cher Ein­be­zie­hung aber schon (so BAG 26.09.2013 - 8 AZR 1013/12, Rn. 26 - 40, ju­ris), wäre für den Ar­beit­ge­ber, der re­gelmäßig nicht weiß, ob auch der Ar­beit­neh­mer ta­rif­ge­bun­den ist, nicht zu er­ken­nen, wel­che Rechts­la­ge be­steht. Hier er­scheint ei­ne bloße Teil­un­wirk­sam­keit mit der da­mit ein­her­ge­hen­den In­trans­pa­renz der ein­zel­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­nen Klau­sel hin­nehm­bar oder so­gar ge­bo­ten. Denn bei ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mern verstößt ei­ne Verkürzung der Verjährung we­gen Vor­satz­haf­tung nicht ge­gen § 202 Abs. 1 BGB, sie ist dort al­so wirk­sam. Dies könn­te als ar­beits­recht­li­che Be­son­der­heit für die Hin­nah­me ei­ner ge­wis­sen In­trans­pa­renz (§ 307 Abs. 1 BGB) ei­ner ein­zel­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­nen ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­fall­klau­sel spre­chen, die in­so­weit al­ler­dings teil­un­wirk­sam bleibt, da § 202 Abs. 1 BGB nicht un­ter dem Vor­be­halt ar­beits­recht­li­cher Be­son­der­hei­ten iSv. § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB steht. Die Fra­ge kann aber of­fen blei­ben, weil die Be­klag­te nicht ta­rif­ge­bun­den ist.

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(2)Die Ver­fall­klau­sel nimmt Ansprüche aus Haf­tung für Vor­satz iSd. § 202 Abs. 1 BGB aber des­halb von ih­rem Gel­tungs­be­reich aus, weil sie in § 12 Abs. 2 Satz 2 des Ar­beits­ver­tra­ges Ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung aus­nimmt. Ei­ne Aus­le­gung aus Sicht von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se er­gibt, dass da­mit auch Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes aus­ge­nom­men sind.

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Mit dem Aus­schluss von Ansprüchen aus un­er­laub­ter Hand­lung in § 12 Abs. 2 Satz 2 des Ar­beits­ver­tra­ges ha­ben die Ver­trags­par­tei­en u.a. die Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes iSv. § 202 Abs. 1 BGB in ganz we­sent­li­chem Um­fang vom Gel­tungs­be­reich der Ver­fall­klau­sel aus­ge­nom­men. Dem Wort­laut nach er­streckt sich die Her­aus­nah­me auf den ge­setz­lich fest um­ris­se­nen Be­reich der un­er­laub­ten Hand­lun­gen. Ein ver­blei­ben­der Be­reich von Vor­satz­haf­tung oh­ne Rechts­gut­ver­let­zung iSv. § 823 Abs. 1 BGB, oh­ne Schutz­ge­setz­ver­let­zung iSv. § 823 Abs. 2 BGB und oh­ne sit­ten­wid­ri­ge Schädi­gung iSv. § 826 BGB exis­tiert, ist aber sehr be­grenzt. Sol­che Fälle kom­men sel­ten vor und sind auch von ei­nem ju­ris­tisch Vor­ge­bil­de­ten nicht leicht zu be­nen­nen. Den Par­tei­en wird ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen de­lik­ti­scher Vor­satz­haf­tung und sons­ti­ger, nicht de­lik­ti­scher Vor­satz­haf­tung da­her kaum vor Au­gen ge­stan­den ha­ben.

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Die aus­drück­li­che Her­aus­nah­me von Ansprüchen aus un­er­laub­ter Hand­lung aus der Ver­fall­re­ge­lung mag da­her im Um­kehr­schluss dafür spre­chen, dass sons­ti­ge Ansprüche von der Klau­sel grundsätz­lich er­fasst sein sol­len. Dies wird aber nicht für die eher sel­te­nen

 

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Fälle nicht­de­lik­ti­scher Vor­satz­haf­tung gel­ten. Denn zum ei­nen wird die­se Un­ter­schei­dung von den Par­tei­en kaum be­dacht wor­den sein. Zum an­de­ren steht die nicht­de­lik­ti­scher Vor­satz­haf­tung den von den Par­tei­en aus­ge­nom­me­nen Ansprüchen aus un­er­laub­ter Hand­lung in ih­rem Un­rechts­ge­halt sehr na­he.

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Der Ge­setz­ge­ber hat un­er­laub­te Hand­lun­gen we­gen ih­res be­son­de­ren Un­rechts­ge­halts mit der je­der­mann tref­fen­den de­lik­ti­schen Haf­tung be­legt. Bei un­er­laub­ten Hand­lun­gen geht es um die wi­der­recht­li­che Ver­let­zung sol­cher zwi­schen­mensch­li­cher Rechts­be­zie­hun­gen, "die von je­der­mann zu be­ach­ten sind, weil sie die Grund­la­ge des Ge­mein­schafts­le­bens bil­den" (BGH 20.03.1961 - III ZR 9/60, Rn. 12, ju­ris). Zwar können vorsätz­li­che Schädi­gun­gen ei­nes an­de­ren wie erwähnt aus­nahms­wei­se nicht zu den un­er­laub­ten Hand­lun­gen zählen, wenn sie we­der ein Rechts­gut oder ein Schutz­ge­setz ver­let­zen noch sit­ten­wid­rig sind. Sol­che Schädi­gun­gen können da­her ggfs. nur ei­ne ver­trag­li­che, kei­ne de­lik­ti­sche Haf­tung be­gründen. Doch hat der be­son­de­re Un­rechts­ge­halt, der auch sol­chen rein ver­trags­wid­ri­gen vorsätz­li­chen Schädi­gun­gen in­ne­wohnt, den Ge­setz­ge­ber im­mer­hin zu dem Ver­bot ver­an­lasst, im Vor­aus die Haf­tung dafür zu be­schränken (§ 276 Abs. 3 BGB) oder die Verjährung zu er­leich­tern (§ 202 Abs. 2 BGB). Berück­sich­tigt man, dass die Par­tei­en nicht nur Ansprüche aus vorsätz­li­chen, son­dern wei­ter­ge­hend auch et­wa aus leicht fahrlässig be­gan­ge­nen un­er­laub­ten Hand­lun­gen von der Ver­fall­klau­sel aus­ge­nom­men ha­ben, drängt sich der Schluss auf, dass sie ei­ne rein ver­trag­li­che, nicht­de­lik­ti­sche Haf­tung we­gen vorsätz­li­cher Schädi­gung des Ver­trags­part­ners erst recht aus­ge­nom­men hätten, hätten sie die­se sel­te­nen Fälle be­dacht. 65
Mit die­sem durch Aus­le­gung er­mit­tel­ten In­halt ist die Klau­sel ins­ge­samt wirk­sam. 66

cc.Selbst wenn die­ser Aus­le­gung nicht ge­folgt würde und da­mit Ansprüche aus rein ver­trag­li­cher, nicht­de­lik­ti­scher Haf­tung we­gen vorsätz­li­cher Schädi­gung des Ver­trags­part­ners von der Ver­fall­re­ge­lung er­fasst würden, führ­te dies hier aus­nahms­wei­se nicht zur Ge­samt­un­wirk­sam­keit der Ver­fall­klau­sel. Sie wäre in die­sem Fall we­gen des Ver­s­toßes ge­gen § 202 Abs. 1 BGB zunächst nur teil­un­wirk­sam. Die da­mit ver­bun­de­ne In­trans­pa­renz berühr­te nur mar­gi­na­le, von den Ver­trags­par­tei­en kaum be­dach­te Fall­ge­stal­tun­gen. Aus die­sem Grund be­nach­tei­lig­te sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders - je­den­falls un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­son­der­hei­ten des Ar­beits­rechts gemäß § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB - nicht un­an­ge­mes­sen (§ 307 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 BGB).

 

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Aus Sicht der Kam­mer läge kei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders dar­in, an der Wirk­sam­keit der Klau­sel fest­zu­hal­ten. Die Ver­fall­klau­sel wäre nur hin­sicht­lich sel­te­ner und von den Par­tei­en kaum be­dach­ter Fall­ge­stal­tun­gen teil­un­wirk­sam (rein ver­trag­li­che, nicht­de­lik­ti­sche Haf­tung we­gen vorsätz­li­cher Schädi­gung des Ver­trags­part­ners, vgl. zu­vor un­ter lit. a). Nur in­so­weit könn­te der Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders durch die Ver­fall­klau­sel in die Ir­re geführt und von ei­ner Ver­fol­gung ver­meint­lich ver­fal­le­ner Ansprüche ab­ge­hal­ten wer­den. We­gen sol­cher­maßen außer­gewöhn­li­cher und von den Par­tei­en nicht be­dach­ter Fälle er­schie­ne die Rechts­fol­ge der Ge­samt­un­wirk­sam­keit der Klau­sel an­ge­sichts des Um­stands un­verhält­nismäßig, dass die Auf­recht­er­hal­tung der Ver­fall­klau­sel im Hin­blick auf die im Ar­beits­le­ben be­son­ders ge­bo­te­ne ra­sche Klärung von Ansprüchen und Be­rei­ni­gung of­fe­ner Streit­punk­te grundsätz­lich an­ge­mes­sen iSv. § 310 Abs. 4 Satz 2 Halbs. 1 BGB ist (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, ju­ris Rn. 30 mwN). Die Be­ein­träch­ti­gung des Ar­beit­neh­mers er­scheint auch da­durch re­la­ti­viert, dass er im Fal­le ei­ner un­mit­tel­bar gel­ten­den un­ein­ge­schränk­ten ta­rif­ver­trag­li­chen Ver­fall­klau­sel oh­ne­hin mit dem Ver­fall von Ansprüchen we­gen vorsätz­li­cher Haf­tung le­ben müss­te, weil nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ei­ne sol­che Ta­rif­re­ge­lung nicht ge­gen § 202 Abs. 1 BGB verstößt (BAG 18.08.2011 - 8 AZR 187/10, ju­ris Rn. 33 ff).

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dd.Auf die Fra­ge, ob der Be­klag­ten bei An­nah­me ei­ner Ge­samt­un­wirk­sam­keit der Ver­fall­klau­sel Ver­trau­ens­schutz zu gewähren wäre, weil das Bun­des­ar­beits­ge­richt et­wa ein hal­bes Jahr vor Ver­trags­schluss ent­schie­den hat, dass Ver­trags­part­ner grundsätz­lich "kei­ne Fälle an­ders als das Ge­setz und un­ter Ver­s­toß ge­gen die ge­setz­li­che Ver­bots­norm iSd. § 134 BGB hätten re­geln wol­len" (BAG 20.06.2013 - 8 AZR 280/12, Rn. 21 f), kommt es da­nach nicht mehr an (vgl. zum Ver­trau­ens­schutz et­wa BAG 18. Ja­nu­ar 2001 - 2 AZR 616/99 - AP LPVG Nie­der­sach­sen § 28 Nr. 1 so­wie BAG 19.02.2019 - 9 AZR 423/16, Rn. 34, ju­ris).

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III. Ei­nem vollständi­gen Ver­fall des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs gemäß § 12 des Ar­beits­ver­trags steht schließlich auch § 3 Satz 1 Mi­LoG nicht ent­ge­gen. In der Ab­gel­tung sind Ansprüche auf den Min­dest­lohn nicht ent­hal­ten. Die Be­stim­mun­gen des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes fin­den auf den Ab­gel­tungs­an­spruch aus § 7 Abs. 4 BUrlG kei­ne An­wen­dung (BAG 22.10.2019 - 9 AZR 532/18, Rn. 56 mwN, ju­ris).

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IV. Der eben­falls auf Zah­lung ge­rich­te­te un­be­zif­fer­te Hilfs­an­trag ist be­reits un­zulässig, da er nicht hin­rei­chend be­stimmt ist iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 ZPO.

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V. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. Die Re­vi­si­on war gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG im Hin­blick auf die un­ter II 7 e der Gründe be­han­del­ten Fra­gen zu­zu­las­sen.

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R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g : 73

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[…]

 

Quecke­Friedl­Wild

 

 

 

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