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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/037

Fair­ness­ge­bot bei Ver­hand­lun­gen über Auf­he­bungs­ver­trä­ge

Ar­beit­ge­ber dür­fen kei­ne psy­chi­sche Druck­si­tua­ti­on schaf­fen, die Ar­beit­neh­mern die freie und über­leg­te Ent­schei­dung über ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag er­heb­lich er­schwert: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 07.02.2019, 6 AZR 75/18
Kündigung, Büroangestellte

11.02.2019. En­de 2017 hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen klar­ge­stellt, dass Ar­beit­neh­mer Auf­he­bungs­ver­trä­ge auf der Grund­la­ge ver­brau­cher­schutz­recht­li­cher Vor­schrif­ten nicht frei wi­der­ru­fen kön­nen (LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 07.11.2017, 10 Sa 1159/16, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/099 LAG Han­no­ver: Kein Wi­der­rufs­recht für Ar­beit­neh­mer aus § 312g BGB).

Ge­nau­er ge­sagt ging es dar­um, ob Ar­beit­neh­mer nach der seit Ju­ni 2014 gel­ten­den ge­än­der­ten Ge­set­zes­la­ge mög­li­cher­wei­se ein Wi­der­rufs­recht bei Auf­he­bungs­ver­trä­gen ha­ben, falls die­se au­ßer­halb der "Ge­schäfts­räu­me" des Ar­beit­ge­bers ab­ge­schlos­sen wer­den, d.h. nicht im Be­trieb bzw. am Ar­beits­platz, son­dern z.B. in der Woh­nung des Ar­beit­neh­mers, in ei­nem Ho­tel oder in ei­ner An­walts­kanz­lei (vgl. § 312g Abs.1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch - BGB in Verb. mit § 312b Abs.1 Nr.1 BGB).

Sol­che Fäl­le sind nicht häu­fig, aber das LAG Nie­der­sach­sen hat­te über ei­ne der­ar­ti­ge Strei­tig­keit zu ent­schei­den. Hier war ei­ne Ar­beit­neh­me­rin er­krankt und be­fand sich zu Hau­se, wo sie von ei­nem Be­auf­trag­ten ih­rer Ar­beit­ge­be­rin auf­ge­sucht und zum Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags ge­drängt wur­de.

Und ob­wohl Ar­beit­neh­mer Ver­brau­cher im Sin­ne von § 13 BGB sind und sich da­her im Prin­zip auf die o.g. Ver­brau­cher­schutz­re­ge­lun­gen be­ru­fen kön­nen, spricht ge­gen ein Wi­der­rufs­recht bei ar­beits­recht­li­chen Auf­he­bungs­ver­trä­gen nach An­sicht des LAG Nie­der­sach­sen, dass Auf­he­bungs­ver­trä­ge kei­ne Ver­triebs­ver­trä­ge sind, d.h. Ver­trä­ge, mit de­nen Un­ter­neh­men Geld ver­die­nen. Und nur bei die­ser Art von Ver­trä­gen ha­ben Ver­brau­cher ein Wi­der­rufs­recht, so das LAG

Die­ser Mei­nung hat sich am Mitt­woch letz­ter Wo­che das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) an­ge­schlos­sen, als es über den Fall des LAG Nie­der­sach­sen ent­schei­den muss­te (BAG, Ur­teil vom 07.02.2019, 6 AZR 75/18 - Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Ver­brau­cher ha­ben zwar, so die Er­fur­ter Rich­ter, im All­ge­mei­nen ein Wi­der­rufs­recht bei Ver­trä­gen, die au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ge­schlos­sen wor­den sind (§ 312 Abs.1, § 312g, § 355 BGB), und auch Ar­beit­neh­mer sind Ver­brau­cher im Sin­ne des Ge­set­zes. Al­ler­dings hat­te der Ge­setz­ge­ber bei der letz­ten Re­form der Wi­der­rufs-Pa­ra­gra­phen nicht die Ab­sicht, ar­beits­recht­li­che Auf­he­bungs­ver­trä­ge in de­ren An­wen­dungs­be­reich ein­zu­be­zie­hen. Da­mit bleibt es letzt­lich bei der Grund­satz­ent­schei­dung des BAG aus dem Jah­re 2003, der zu­fol­ge Ar­beit­neh­mer Auf­he­bungs­ver­trä­ge nicht un­ter Be­ru­fung auf die Vor­schrif­ten des Ver­brau­cher­schutz­rechts wi­der­ru­fen kön­nen (BAG, Ur­teil vom 27.11.2003, 2 AZR 177/03, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 03/07 Kein Wi­der­rufs­recht bei Auf­he­bungs­ver­trä­gen).

Wäh­rend das LAG Nie­der­sach­sen die Kla­ge der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin fol­ge­rich­tig ab­wies, ent­schied das BAG trotz­dem zu ih­ren Guns­ten: Es hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ver­wies den Fall zu­rück zum LAG, das jetzt noch ein­mal über ihn ent­schei­den muss.

Denn auf­grund der Be­son­der­hei­ten des hier vor­lie­gen­den Streit­falls war es denk­bar, so die Er­fur­ter Rich­ter, dass die Ar­beit­ge­ber­sei­te das "Ge­bot fai­ren Ver­han­delns vor Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­trags" ver­letzt hat­te. Da­zu heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

"Die­ses Ge­bot ist ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ne­ben­pflicht. Sie wird ver­letzt, wenn ei­ne Sei­te ei­ne psy­chi­sche Druck­si­tua­ti­on schafft, die ei­ne freie und über­leg­te Ent­schei­dung des Ver­trags­part­ners über den Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags er­heb­lich er­schwert. Dies könn­te hier ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn ei­ne krank­heits­be­ding­te Schwä­che der Klä­ge­rin be­wusst aus­ge­nutzt wor­den wä­re. Die Be­klag­te hät­te dann Scha­dens­er­satz zu leis­ten. Sie müss­te den Zu­stand her­stel­len, der oh­ne die Pflicht­ver­let­zung be­stün­de (sog. Na­tu­ral­re­sti­tu­ti­on, § 249 Abs.1 BGB). Die Klä­ge­rin wä­re dann so zu stel­len, als hät­te sie den Auf­he­bungs­ver­trag nicht ge­schlos­sen. Dies führ­te zum Fort­be­stand des Ar­beits­ver­hält­nis­ses."

Fa­zit: Das Ur­teil des BAG ist über­ra­schend und hat mög­li­cher­wei­se weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen. Denn ob ein Wi­der­rufs­recht in den ziem­lich spe­zi­el­len Fäl­len, in de­nen ein Auf­he­bungs­ver­trag au­ßer­halb des Be­triebs ab­ge­schlos­sen wird, ge­mäß § 312 Abs.1, § 312g und § 355 BGB nun be­steht oder nicht be­steht, hat kaum prak­ti­sche Aus­wir­kun­gen.

Ei­ne viel grö­ße­re Be­deu­tung hat das vom BAG nun­mehr auf­ge­stell­te Fair­ness­ge­bot bei (al­len) Ver­hand­lun­gen über ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag. Denn die­ses Ge­bot gilt an­schei­nend nicht nur für Ar­beit­ge­ber, son­dern auch für Ar­beit­neh­mer (und ih­re An­wäl­te), und oh­ne je­de "psy­chi­sche Druck­si­tua­ti­on" (?) kom­men Auf­he­bungs­ver­trä­ge nur sel­ten zu­stan­de.

Je nach­dem, wel­che An­wen­dungs­vor­aus­set­zun­gen das BAG in sei­nen (der­zeit noch nicht vor­lie­gen­den) Ur­teils­grün­den für das neue Fair­ness­ge­bot auf­stellt, wird man künf­tig mehr oder we­ni­ger vie­le Auf­he­bungs­ver­trä­ge auf den ju­ris­ti­schen Prüf­stand stel­len kön­nen. Das gilt auch für Auf­he­bungs­ver­trä­ge, die be­reits vor län­ge­rer Zeit ab­ge­schlos­sen sind, d.h. ei­ne all­ge­mei­ne Gren­ze er­gibt sich hier aus der re­gel­mä­ßi­gen Ver­jäh­rungs­frist von drei Jah­ren (ge­rech­net ab dem Schluss des Ka­len­der­jah­res, in dem der An­spruch ent­stan­den ist).

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 15. Februar 2019

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Nina Wesemann
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