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ARBEITSRECHT AKTUELL // 07/47

Ries­ter­ren­te eu­ro­pa­rechts­wid­rig?

Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on ge­gen die Bun­des­re­pu­blik we­gen Eu­ro­pa­rechts­ver­stö­ßen bei der Ries­ter­ren­te: Kla­ge der Kom­mis­si­on vom 06.06.2007, Rs. 269/07
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge Wer darf ries­tern und wer nicht?

14.09.2007. Nach Art.39 Abs.1 des EG-Ver­tra­ges (EG) ist die Frei­zü­gig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Ge­mein­schaft ge­währ­leis­tet. Abs.2 die­ser Vor­schrift ver­pflich­tet die Mit­glied­staa­ten zu po­si­ti­ven Maß­nah­men, d.h. die die­sem Ziel ent­ge­gen­ste­hen­den Hin­der­nis­se sind zu be­sei­ti­gen.

Dies um­fasst die Ab­schaf­fung je­der auf der Staats­an­ge­hö­rig­keit be­ru­hen­den un­ter­schied­li­chen Be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer der Mit­glied­staa­ten in Be­zug auf Be­schäf­ti­gung, Ent­loh­nung und sons­ti­ge Ar­beits­be­din­gun­gen.

Mit der Ein­füh­rung der sog. Ries­ter­ren­te durch das „Ge­setz zur Re­form der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung und zur För­de­rung ei­nes ka­pi­tal­ge­deck­ten Al­ters­vor­sor­ge­ver­mö­gens (AVmG)“, vom 26.06.2001, hat sich der deut­sche Ge­setz­ge­ber für ei­ne staat­li­che För­de­rung von ka­pi­tal­bil­den­den For­men der Al­ters­vor­sor­ge ent­schie­den.

Kern­ele­ment die­ser För­de­rung ist die Zu­la­ge, die der Staat ge­währt, wenn sich Ar­beit­neh­mer so­wie be­stimm­te, in § 10a Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (EStG) ge­nann­te Er­werbs­tä­ti­ge da­für ent­schei­den, ei­nen Teil ih­res Ar­beits­ent­gelts für den Auf­bau ei­ner ka­pi­tal­ge­deck­ten Al­ters­vor­sor­ge zu ver­wen­den.

An­spruchs­be­rech­tigt sind al­ler­dings nur sol­che Per­so­nen, die in Deutsch­land un­be­schränkt steu­er­pflich­tig sind (§ 79 EStG), was bei Aus­län­dern, die als Grenz­gän­ger in Deutsch­land ar­bei­ten, ge­mäß § 1 Abs.3 Satz 2 EStG nur dann der Fall ist, wenn die zu ver­steu­ern­den Ge­samt­ein­künf­te des Pend­lers zu 90 Pro­zent der deut­schen Ein­kom­men­steu­er un­ter­lie­gen. So­mit sind Grenz­pend­ler von der staat­li­chen För­de­rung im Rah­men der Ries­ter­ren­te viel­fach aus­ge­schlos­sen.

Ei­ne wei­te­re Be­schrän­kung der För­de­rung be­steht dar­in, dass der Zu­la­ge­be­rech­tig­te das staat­lich ge­för­der­te Ka­pi­tal nur dann für ei­ne ei­gen­ge­nutz­te Woh­nung ver­wen­den kann, falls die Woh­nung im In­land liegt (§ 92a Abs.1 EStG); auch dies be­nach­tei­ligt aus­län­di­sche Ar­beit­neh­mer bei der Ries­ter­för­de­rung fak­tisch, falls sie pla­nen, mit dem ge­för­der­ten Ka­pi­tal ei­ne Woh­nung im Aus­land zu er­wer­ben.

Schließ­lich ord­net § 95 Abs.1 in Verb. mit § 93 Abs.1 EStG für den Fall, dass die un­be­schränk­te Steu­er­pflicht des Zu­la­ge­be­rech­tig­ten durch Auf­ga­be des in­län­di­schen Wohn­sit­zes oder ge­wöhn­li­chen Auf­ent­halts en­det, die Ver­pflich­tung zur Rück­zah­lung der ge­währ­ten Zu­la­ge an.

Auch dies be­las­tet aus­län­di­sche Ar­beit­neh­mer, wenn die­se im Ren­ten­al­ter in ihr Hei­mat­land zu­rück­keh­ren wol­len, da dann die un­be­schränk­te Steu­er­pflicht in Deutsch­land en­det. Von die­ser Vor­schrift kön­nen auch deut­sche Ar­beit­neh­mer be­trof­fen sein, wenn sie nach ih­rem Er­werbs­le­ben ins Aus­land ver­zie­hen.

In die­sen drei ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Be­schrän­kun­gen bei der Ge­wäh­rung des staat­li­chen Zu­schus­ses im Rah­men der Ries­ter­ren­te sieht die Kom­mis­si­on ei­ne Ver­let­zung der eu­ro­pa­recht­lich ga­ran­tier­ten Grund­frei­hei­ten, ins­be­son­de­re von Art.39 Abs.1 EG, so dass sie die Bun­des­re­pu­blik im Ja­nu­ar 2006 förm­lich dar­um er­such­te, die­se Rechts­vor­schrif­ten über die Al­ters­vor­sor­ge­zu­la­ge zu än­dern.

Da Deutsch­land die­sem Er­su­chen nicht nach­kam, reich­te die Kom­mis­si­on jetzt beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof ei­ne Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge ge­gen die Bun­des­re­pu­blik ein (Kla­ge der Kom­mis­si­on vom 06.06.2007, Rs. 269/07).

Ziel der Kla­ge ist die Fest­stel­lung ei­nes Ver­sto­ßes der Bun­des­re­pu­blik durch die Ein­füh­rung und Bei­be­hal­tung der oben ge­nann­ten Ge­set­zes­vor­schrif­ten.

Ein­zel­hei­ten zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 13. September 2016

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