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ARBEITSRECHT AKTUELL // 07/56

Ein Jahr All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG)

Die be­fürch­te­te Kla­ge­wel­le in­fol­ge mas­sen­haf­ten "AGG-Hop­pings" blieb aus: Auch Ar­beit­ge­ber si­gna­li­sie­ren Ent­war­nung
Gelbgekleidete Person im Vordergrund, acht von ihr abwandte rotgekleidete Personen im Hintergrund Ein Jahr AGG - aber wo blei­ben die "Dis­kri­mi­nie­rungs-Hop­per"?

27.09.2007. Mit Wir­kung zum 18.08.2006 ist das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) in Kraft ge­tre­ten. Das Ge­setz war und ist po­li­tisch um­strit­ten, ob­wohl es im We­sent­li­chen nur der Um­set­zung ver­schie­de­ner eu­ro­päi­scher Richt­li­ni­en dient und der Spiel­raum des deut­schen Ge­setz­ge­bers da­her ge­ring ist.

Kri­ti­siert wird auch, dass sich der Ge­setz­ge­ber die Mü­he hät­te ma­chen kön­nen (oder sol­len?), die ge­ge­be­ne Ge­set­zes­la­ge akri­bisch auf dis­kri­mi­nie­ren­de In­hal­te hin durch­zu­se­hen und die­se falls nö­tig zu eli­mi­nie­ren. Ei­ne sol­che schü­ler­haft flei­ßi­ge Vor­ge­hens­wei­se schreibt dem Ge­setz­ge­ber aber nie­mand vor. Der Bun­des­tag muss sich kei­ne "Bi­en­chen" ver­die­nen, son­dern hat EU-Richt­li­ni­en um­zu­set­zen.

Be­män­gelt wird wei­ter­hin, dass es "rechts­tech­nisch" man­gel­haft sei, mit dem AGG zu­sätz­li­che ein­fach­ge­setz­li­che Nor­men zu schaf­fen. Denn das AGG ist kei­ne Art zi­vil­recht­li­ches Grund­ge­setz, das ei­nen hö­he­ren Rang hät­te als die üb­ri­gen zi­vil­recht­li­chen Ge­set­zes­vor­schrif­ten. Viel­mehr ste­hen die AGG-Vor­schrif­ten auf der­sel­ben Stu­fe wie al­le an­de­ren "ein­fach­ge­setz­li­chen" Ge­set­zes­vor­schrif­ten, die sie aber doch im Sin­ne der Richt­li­ni­en­um­set­zung mo­di­fi­zie­ren sol­len.

Auch die­ser kri­ti­sche Ein­wand ge­gen das AGG ist aber nicht über­zeu­gend, da da AGG als spä­te­res Ge­setz den frü­he­ren, mög­li­cher­wei­se dis­kri­mi­ne­ren­den Vor­schrif­ten vor­ge­hen soll. In­so­fern gilt hier die Kol­li­si­ons­re­gel, dass das spä­te­re Ge­setz das frü­he­re ver­drängt.

Im Un­ter­neh­mens­all­tag hat das AGG be­reits zu prak­ti­schen Aus­wir­kun­gen bei der Ein­stel­lungs­pra­xis ge­führt. Das The­ma Dis­kri­mi­nie­rung ist je­den­falls stär­ker prä­sent. Vie­le Un­ter­neh­men ha­ben AGG-Be­auf­trag­te er­nannt, ha­ben ih­re Be­wer­bungs­ver­fah­ren und vor al­lem die Stel­len­aus­schrei­bun­gen an­ge­passt und an­ge­fan­gen, ih­re Be­schäf­tig­ten zu schu­len.

Ein­stel­lungs­ge­sprä­che wer­den oft nur noch un­ter Hin­zu­zie­hung von Zeu­gen ge­führt. Die Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung mit freund­li­chen Wor­ten im Ab­leh­nungs­schrei­ben zu be­glei­ten, traut sich heu­te kaum noch ein Ar­beit­ge­ber, um nicht dis­kri­mi­nie­rungs­recht­li­che An­griffs­flä­chen zu bie­ten.

Ob­wohl sich dis­kri­mi­nier­te Stel­len­be­wer­ber seit Au­gust 2006 sehr viel ef­fek­ti­ver recht­lich zur Wehr set­zen kön­nen, ist die gro­ße Kla­ge­wel­le bis­her aus­ge­blie­ben. Trotz­dem kann es im Ein­zel­fall Kla­gen von „Dis­kri­mi­nie­rungs-Hop­pern“ ge­ben, d.h. von Schein­be­wer­bern, die sys­te­ma­tisch Stel­len­an­zei­gen über­prü­fen und sich nur be­wer­ben, um spä­ter auf Ent­schä­di­gung zu kla­gen.

Trotz­dem äu­ßern sich ge­ra­de „Per­so­nal­pro­fis“ grö­ße­rer Ar­beit­ge­ber ver­hal­ten po­si­tiv über das AGG. So be­zeich­net et­wa Hei­de Lo­re Knof, Ge­schäfts­füh­re­rin Hu­man Re­sour­ces der Rand­stad Deutsch­land GmbH, die Auf­re­gung um das AGG als „Sturm im Was­ser­glas“ und at­tes­tiert dem Ge­setz, ei­nen Bei­trag zur Sen­si­bi­li­sie­rung beim The­ma Dis­kri­mi­nie­rung zu leis­ten (Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 18.08.2007).

Schwie­rig­kei­ten bei der An­wen­dung des AGG, vor al­lem bei der Be­ur­tei­lung ei­nes Ver­hal­tens als "mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend", sind ge­blie­ben, aber we­gen ent­spre­chen­der Vor­ga­ben der EU-Richt­li­nie un­ver­meid­lich. Und na­tür­lich gibt es wie bei je­dem neu­en Ge­setz vor­läu­fig un­ge­klär­te In­ter­pre­ta­ti­ons­fra­gen. So fragt sich bei­spiels­wei­se, ob die Re­ge­lung des § 1 Abs.3 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) wie bis­her an­ge­wandt wer­den kann, da das Al­ter hier als maß­geb­li­ches Kri­te­ri­um im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl bei be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen zu be­rück­sich­ti­gen ist.

Mit ei­ner Re­form des AGG ist aber so bald nicht zu rech­nen. Letzt­lich wer­den die oben an­ge­deu­te­ten Streit­fra­gen im Lau­fe der kom­men­den Jah­re durch die Recht­spre­chung nach und nach ge­klärt wer­den.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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