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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/138

Be­ginn der Aus­schluss­frist bei Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen

Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch we­gen pflicht­wid­ri­ger Her­aus­ga­be ei­nes Pkw durch ei­nen Ver­käu­fer wird fäl­lig, wenn kei­ne rea­lis­ti­sche Mög­lich­keit auf Rück­ga­be oder Be­zah­lung mehr be­steht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 07.06.2018, 8 AZR 96/17
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08.06.2018. Ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­klau­seln se­hen vor, dass der An­spruchs­in­ha­ber (Gläu­bi­ger) sei­ne An­sprü­che aus dem Ar­beits­ver­hält­nis in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten, mehr oder we­ni­ger kur­zen Frist ge­gen­über dem An­spruchs­ver­pflich­te­ten (Schuld­ner) gel­tend ma­chen muss, wenn er den Ver­fall sei­ner An­sprü­che ver­hin­dern will.

Sind Scha­dens­er­satz­an­sprü­che von Aus­schluss­fris­ten be­trof­fen, stellt sich die Fra­ge, wann der Scha­dens­er­satz­an­spruch fäl­lig wird und da­mit den Lauf der Aus­schluss­frist in Gang setzt.

Da­zu hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern klar­ge­stellt, dass Scha­dens­er­satz­an­sprü­che we­gen pflicht­wid­ri­ger Her­aus­ga­be von Fir­men­ei­gen­tum fäl­lig wer­den, so­bald der ge­schä­dig­te Fir­men­in­ha­ber kei­ne rea­lis­ti­sche Mög­lich­keit (mehr) hat, sein Ei­gen­tum zu­rück­zu­er­lan­gen bzw. Wert­er­satz da­für zu be­kom­men: BAG, Ur­teil vom 07.06.2018, 8 AZR 96/17.

Wann wird ein Scha­dens­er­satz­an­spruch fällig, so dass der Er­satz­be­rech­tig­te ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten be­ach­ten muss?

Ar­beits­ver­trag­li­che und ta­rif­li­che Aus­schluss­klau­seln le­gen als Be­ginn der in ih­nen ent­hal­te­nen Aus­schluss­fris­ten prak­tisch im­mer die Fällig­keit des An­spruchs fest. Lässt sich der Gläubi­ger nach Ein­tritt der Fällig­keit sei­nes An­spruchs zu lan­ge Zeit, um den Schuld­ner schrift­lich zur Leis­tung auf­zu­for­dern oder ei­ne Kla­ge zu er­he­ben, ist sein An­spruch gemäß der Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung ver­fal­len.

Fällig ist ei­ne Leis­tung, wenn der Gläubi­ger sie for­dern kann und der Schuld­ner dem­ent­spre­chend zur Leis­tung ver­pflich­tet ist. Bei Verträgen sieht § 271 Abs. Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor, dass die Leis­tungs­pflich­ten so­fort mit Ver­trags­schluss fällig wer­den, falls die Par­tei­en nicht aus­drück­lich ei­nen an­de­ren Fällig­keits­zeit­punkt ver­ein­bart ha­ben oder sich ein sol­cher ab­wei­chen­der Fällig­keits­zeit­punkt aus den Umständen er­gibt.

Bei Scha­dens­er­satz­pflich­ten er­gibt sich die Fällig­keit der For­de­rung al­ler­dings nicht aus ei­ner Ver­ein­ba­rung, son­dern aus ei­ner schädi­gen­den Hand­lung (oder Un­ter­las­sung) so­wie ei­nem mehr oder we­ni­ger lang­wie­ri­gen, zum (Vermögens-)Scha­den führen­den Kau­sal­ver­lauf. Ty­pisch für Scha­dens­er­satz­ansprüche sind Ver­su­che des Geschädig­ten, den Ein­tritt oder den Um­fang des Scha­dens zu ver­hin­dern bzw. zu be­gren­zen. Den Schluss­punkt bil­det dann oft ein An­walts­schrei­ben, dass ei­ne ju­ris­tisch be­gründe­te Be­rech­nung der ge­nau­en Scha­denshöhe enthält.

Vor die­sem Hin­ter­grund fragt sich, wann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch fällig wird, der dar­auf be­ruht, dass der zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­te­te Ar­beit­neh­mer Fir­men­ei­gen­tum sei­nes Ar­beit­ge­bers pflicht­wid­rig an ei­nen Drit­ten her­aus­ge­ge­ben hat, der we­der zur Rück­ga­be noch zum Wert­er­satz be­reit bzw. in der La­ge ist.

Der Fall des BAG: An­ge­stell­ter Verkäufer ei­nes Au­to­hau­ses gibt ei­nen Neu­wa­gen oh­ne vollständi­ge Kauf­preis­zah­lung an ei­nen Schwind­ler her­aus

Im Streit­fall ging es um ei­ne Scha­dens­er­satz­kla­ge ei­nes Au­to­hau­ses in Höhe von 29.191,91 EUR, die sich ge­gen ei­nen ehe­ma­li­gen Verkäufer des Au­to­hau­ses rich­te­te.

Denn der be­klag­te Ex-Ar­beit­neh­mer hat­te im Sep­tem­ber 2014 ei­nen Neu­wa­gen (Au­di A1) im Wert von 29.422,91 EUR an ei­nen betrüge­ri­schen Kun­den für ei­nen Wo­chen­end­trip über­ge­ben, nach­dem der Kun­de zu­vor le­dig­lich 9.000,00 EUR an­ge­zahlt hat­te. Auch ei­ne Fi­nan­zie­rung des Rest­kauf­prei­ses durch die Au­di Bank war hier nicht möglich, da der Kun­de be­reits we­gen ei­nes an­de­ren Fahr­zeugs ei­nen Kre­dit der Au­di Bank auf­ge­nom­men bzw. zurück­zu­zah­len hat­te.

Mit der Her­aus­ga­be des Fahr­zeugs ver­stieß der Verkäufer ge­gen ei­ne be­trieb­li­che An­wei­sung, der zu­fol­ge ein Neu­fahr­zeug nicht an ei­nen Käufer her­aus­ge­ge­ben wer­den durf­te, so­lan­ge das Fahr­zeug nicht vollständig be­zahlt war oder ei­ne ge­si­cher­te Fi­nan­zie­rung vor­lag. Ob ei­ne aus­nahms­wei­se mögli­che Ein­wil­li­gung der Geschäfts­lei­tung hier vor­lag oder nicht, war zwi­schen den Par­tei­en strei­tig.

Ent­ge­gen sei­nen Ver­spre­chun­gen brach­te der Kun­de das Fahr­zeug nach dem Wo­chen­en­de nicht wie­der zurück. Auf ei­ne von dem Au­to­haus im Sep­tem­ber 2014 er­stat­te­te Straf­an­zei­ge hin wur­de der Kun­de En­de Ok­to­ber 2014 in Ita­li­en fest­ge­nom­men, der Au­di wur­de be­schlag­nahmt. Al­ler­dings ga­ben die ita­lie­ni­schen Behörden das Fahr­zeug nach Auf­he­bung des Haft­be­fehls und der Be­schlag­nah­me später wie­der an den Kun­den her­aus.

Im Fe­bru­ar 2015 kam es zu Ver­hand­lun­gen zwi­schen dem Au­to­haus und dem an­walt­lich ver­tre­te­nen Kun­den über die Zah­lung des Rest­kauf­prei­ses, die letzt­lich er­folg­los blie­ben. Ei­ne von dem Au­to­haus be­auf­trag­te De­tek­tei teil­te im April/Mai 2015 mit, dass der Kun­de un­ter den bis­her be­kann­ten An­schrif­ten nicht auf­find­bar sei.

Sch­ließlich ent­schloss sich das Au­to­haus (am 12.08.2015) da­zu, den Kun­den auf Her­aus­ga­be des Fahr­zeugs zu ver­kla­gen, und reich­te am 20.08.2015 ei­ne Kla­ge beim Land­ge­richt Frei­burg ein, die aber nicht zu­ge­stellt wer­den konn­te.

Wei­te­re drei Mo­na­te später, mit Schrei­ben vom 20.11.2015, for­der­te das Au­to­haus den Verkäufer auf, sei­ne Pflicht zum Scha­dens­er­satz dem Grun­de nach an­zu­er­ken­nen und ein Schuld­an­er­kennt­nis zu un­ter­schrei­ben, was die­ser ab­lehn­te. Dar­auf­hin er­hob das Au­to­haus vor dem Ar­beits­ge­richt Frei­burg Kla­ge auf Scha­dens­er­satz in Höhe von 29.191,61 EUR. Dar­in wa­ren auch die An­walts- und Ge­richts­kos­ten für das Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Frei­burg ent­hal­ten. Zu En­de Fe­bru­ar 2016 schied der Verkäufer aus dem Ar­beits­verhält­nis aus.

Das Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Ur­teil vom 27.04.2016, 1 Ca 223/15) und das in der Be­ru­fung zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg wie­sen die Kla­ge ab (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 16.12.2016, 9 Sa 51/16). Ih­rer Mei­nung nach hat­te das Au­to­haus nämlich die ver­trag­lich ver­ein­bar­te drei­mo­na­ti­ge Aus­schluss­frist im Streit­fall nicht ge­wahrt. Die Aus­schluss­klau­sel lau­te­te:

"Al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen, aus­ge­nom­men Pro­vi­si­ons­ansprüche, ver­fal­len in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach Fällig­keit, spätes­tens je­doch in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn sie nicht vor­her ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich gel­tend ge­macht wor­den sind."

Nach An­sicht des LAG stand spätes­tens am 12.08.2015 (dem Zeit­punkt der Ent­schei­dung für ei­ne Kla­ge ge­gen den „Kun­den“) bei ob­jek­ti­ver Be­trach­tung mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit fest, dass der PKW dau­er­haft weg und we­der mit Rück­ga­be noch Be­zah­lung zu rech­nen war. Da­her war die Drei­mo­nats­frist hier am 20.11.2015, als das Au­to­haus sei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch ge­genüber dem Verkäufer gel­tend mach­te, be­reits ab­ge­lau­fen.

BAG: Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch we­gen pflicht­wid­ri­ger Her­aus­ga­be ei­nes Pkw durch ei­nen Verkäufer wird fällig, wenn kei­ne rea­lis­ti­sche Möglich­keit auf Rück­ga­be oder Be­zah­lung mehr be­steht

Auch vor dem BAG hat­te das Au­to­haus kei­nen Er­folg, das da­mit sei­ne Scha­dens­er­satz­kla­ge in al­len drei In­stan­zen ver­lo­ren hat­te. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Es konn­te of­fen­blei­ben, ob der be­klag­te (Ex-)Verkäufer hier wirk­lich sei­ne Ver­trags­pflich­ten ver­letzt hat­te, in­dem er das Fahr­zeug an den betrüge­ri­schen Kun­den her­aus­ge­ge­ben hat­te. Denn so oder so hat­te das Au­to­haus nach An­sicht des BAG sei­ne (et­wai­gen) Scha­dens­er­satz­ansprüche nicht recht­zei­tig gemäß der ver­trag­li­chen Aus­schluss­klau­sel gel­tend ge­macht. Die­se Ansprüche wa­ren da­her ver­fal­len.

Die Aus­schluss­frist be­gann hier, so das BAG, spätes­tens zu dem Zeit­punkt, in dem sich das Au­to­haus da­zu ent­schlos­sen hat­te, Kla­ge ge­gen den „Kun­den“ zu er­he­ben, al­so je­den­falls vor dem 20.08.2015. Dem­zu­fol­ge hat­te das Auf­for­de­rungs­schrei­ben vom 20.11.2015 (falls es über­haupt ei­ne ord­nungs­gemäße Gel­tend­ma­chung war) die drei­mo­na­ti­ge Aus­schluss­frist nicht ge­wahrt.

Ergänzend weist das BAG dar­auf hin, dass sich das Au­to­haus auch nicht dar­auf be­ru­fen konn­te, es hätte erst ein­mal den Aus­gang des Kla­ge­ver­fah­rens ge­gen den Kun­den ab­war­ten müssen. Denn als sich das Au­to­haus da­zu ent­schloss, Kla­ge ge­gen den Kun­den zu er­he­ben, war be­reits er­kenn­bar, dass ei­ne sol­che Kla­ge kei­ne rea­lis­ti­sche Aus­sicht bot, von dem Kun­den über­haupt ir­gend­ei­ne Leis­tung zu er­lan­gen.

Fa­zit: Wer ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten zu be­ach­ten hat, soll­te ent­spre­chen­de Auf­for­de­rungs­schrei­ben zu ei­nem möglichst frühen Zeit­punkt ver­fas­sen. Im vor­lie­gen­den Streit­fall hätte es na­he­ge­le­gen, zu­gleich mit der Kla­ge beim Land­ge­richt ein ent­spre­chen­des Auf­for­de­rungs­schrei­ben an den Ar­beit­neh­mer zu adres­sie­ren.

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Letzte Überarbeitung: 30. Juni 2018

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