HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/240

Be­triebs­über­gang und Aus­schluss­fris­ten

Ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten lau­fen im Fal­le ei­nes Wi­der­spruchs, den ein Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Be­triebs­über­gang er­klärt, erst ab Zu­gang des Wi­der­spruchs beim Be­triebs­ver­äu­ße­rer: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.04.2013, 9 AZR 731/11
Abrisskalender Aus­schluss­fris­ten sor­gen auch bei ei­nem Be­triebs­über­gang für Stress

20.08.2013. Ver­kauft der Ar­beit­ge­ber sei­nen Be­trieb oder ei­nen Be­triebs­teil, tritt der Er­wer­ber als neu­er Ar­beit­ge­ber au­to­ma­tisch in die Rech­te und Pflich­ten aus den be­ste­hen­den Ar­beits­ver­hält­nis­sen ein.

Die­se ge­setz­li­che Über­lei­tung kön­nen die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer durch ei­nen Wi­der­spruch ver­hin­dern.

In man­chen Fäl­len kön­nen sol­che Wi­der­sprü­che noch recht lan­ge nach dem Be­triebs­über­gang er­klärt wer­den. Dann wer­den die Ar­beits­ver­hält­nis­se mit dem al­ten Ar­beit­ge­ber, dem Be­triebs­ver­äu­ße­rer, wie­der rück­wir­kend ak­ti­viert, d.h. sie be­ste­hen in­fol­ge des Wi­der­spruchs fort, als hät­te es den zwi­schen­zeit­li­chen Über­gang auf den Er­wer­ber nie­mals ge­ge­ben.

Frag­lich ist, ob An­sprü­che ge­gen den Be­triebs­ver­äu­ße­rer durch Aus­schluss­fris­ten be­droht sind, wenn es der Ar­beit­neh­mer "ver­säumt" hat, sei­ne An­sprü­che be­reits vor Er­klä­rung sei­nes Wi­der­spruchs in­ner­halb der Aus­schluss­frist ge­gen­über sei­nem al­ten Ar­beit­ge­ber ein­zu­for­dern oder gar ein­zu­kla­gen. Da­zu hat­te er ja wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit beim Er­wer­ber, d.h. vor sei­nem Wi­der­spruch, kei­nen Grund.

So sieht das auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung so: BAG, Ur­teil vom 16.04.2013, 9 AZR 731/11.

Wel­che Au­wir­kun­gen hat ein Wi­der­spruch, den ein Ar­beit­neh­mer nach ei­nem Be­triebsüber­gang erklärt, auf Aus­schluss­klau­seln?

Gemäß § 613a Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) hat ein Be­triebsüber­gang zur Fol­ge, dass der Be­triebs­er­wer­ber au­to­ma­tisch bzw. kraft Ge­set­zes Ar­beit­ge­ber der im Be­trieb beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer wird. Da­durch wird der Be­stand der Ar­beits­verhält­nis­se ge­si­chert.

Die Ar­beit­neh­mer können sich ge­gen die­se recht­li­che "Vergüns­ti­gung" aber weh­ren, in­dem sie der Über­lei­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se wi­der­spre­chen. Sie blei­ben dann Ar­beit­neh­mer des Be­triebs­veräußerers, müssen dafür aber meist mit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung rech­nen, da ihr bis­he­ri­ger Ar­beit­ge­ber auf­grund der Be­triebs­veräußerung kei­ne Ver­wen­dung mehr für sie hat.

Bei ei­ner kor­rek­ten Un­ter­rich­tung der Ar­beit­neh­mer über die Hin­ter­gründe und die Fol­gen des Be­triebsüber­gangs beträgt die Frist für den Wi­der­spruch ei­nen Mo­nat nach Zu­gang der Un­ter­rich­tung (§ 613a Abs.6 BGB). Da vie­le Un­ter­rich­tun­gen aber un­vollständig bzw. feh­ler­haft sind, kommt es oft vor, dass das Wi­der­spruchs­recht noch später aus­geübt wer­den kann, weil die Mo­nats­frist nach der Recht­spre­chung nur gilt, wenn die Un­ter­rich­tung in Ord­nung war.

Meist ist dann auch der Über­gang schon voll­zo­gen, d.h. die Ar­beit­neh­mer war in der Zwi­schen­zeit (= vor Erklärung ih­res Wi­der­spruchs) Ar­beit­neh­mer des Er­wer­bers. Da der Wi­der­spruch Rück­wir­kung hat, ste­hen sich die Ar­beit­neh­mer aber in­fol­ge ih­res Wi­der­spruchs so, als wären ih­re Ar­beits­verhält­nis­se im­mer (= oh­ne Un­ter­bre­chung) beim al­ten Ar­beit­ge­ber ver­blie­ben.

An die­ser Stel­le kom­men Aus­schluss­fris­ten ins Spiel, die in vie­len Ta­rif­verträgen und Ar­beits­verträgen ent­hal­ten sind. Sie se­hen vor, dass ar­beits­ver­trag­li­che Ansprüche un­ter­ge­hen, wenn sie nicht in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist ab Fällig­keit (der Aus­schluss­frist) in ei­ner be­stimm­ten Form (meist schrift­lich) an­ge­mahnt wer­den.

Man­che Aus­schluss­klau­seln ver­lan­gen außer­dem, dass der strei­ti­ge An­spruch bin­nen ei­ner wei­te­ren Frist ein­ge­klagt wer­den muss, wenn die Ge­gen­sei­te den An­spruch ab­lehnt oder auf die Mah­nung nicht re­agiert. Dann gilt ei­ne "zwei­stu­fi­ge" Aus­schluss­frist: Die ers­te Stu­fe ist die Mah­nung, die zwei­te Stu­fe ist die Kla­ge.

Frag­lich ist, ab wel­chem Zeit­punkt sol­che Aus­schluss­fris­ten lau­fen,

  • schon ab der Fällig­keit des An­spruchs
  • oder erst ab Erklärung des Wi­der­spruchs ge­gen den Über­gang des Ar­beits­verhält­nis­ses auf den Be­triebs­er­wer­ber?

Für den frühen Frist­be­ginn spricht, dass der Wi­der­spruch recht­lich auf den Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs zurück­wirkt. War der Ar­beit­neh­mer aber dem­nach "im­mer schon" in­fol­ge sei­nes Wi­der­spruchs Ver­trags­part­ner des Be­triebs­veräußerers, hätte er ihm ge­genüber Aus­schluss­fris­ten ein­hal­ten müssen. In die­sem Sin­ne hat im Au­gust 2010 das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München ein­mal ent­schie­den (LAG München, Ur­teil vom 19.08.2010,4 Sa 311/10 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/208 Aus­schluss­frist läuft un­abhängig vom Wi­der­spruch).

Ge­gen ei­nen sol­chen frühen Frist­be­ginn spricht aber, dass der Ar­beit­neh­mer ja erst ab dem Zeit­punkt sei­nes Wi­der­spruchs wis­sen kann, dass sein Ar­beits­verhält­nis rück­wir­kend wie­der auf den al­ten Ar­beit­ge­ber "um­gehängt" wur­de. Vor Erklärung des Wi­der­spruchs hat der Ar­beit­neh­mer kei­nen Grund, sei­nen al­ten Ar­beit­ge­ber an­zu­mah­nen.

Und erst recht hat er kei­nen Grund, ihn zu ver­kla­gen, denn ei­ne Kla­ge wäre vor Erklärung des Wi­der­spruchs als un­be­gründet ab­zu­wei­sen.

Der Fall des BAG: Langjährig er­krank­te Rei­ni­gungs­kraft ver­langt nach wirk­sa­mer Kündi­gung Ur­laubs­ab­gel­tung und wird an an­geb­li­chen Be­triebs­er­wer­ber ver­wie­sen

Im Streit­fall er­krank­te ei­ne seit 2005 beschäftig­te Rei­ni­gungs­kraft im Jahr 2006 schwer und war in der Fol­ge durch­ge­hend ar­beits­unfähig krank.

Zum 01.10.2009 ver­lor der Ar­beit­ge­ber, ei­ne Rei­ni­gungs­fir­ma, ei­ne wich­ti­gen Auf­trag und sprach da­her am 06.10.2009 ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung aus, die das Ar­beits­verhält­nis­se zum 23.10.2009 be­en­de­te. Die­se kur­ze Kündi­gungs­frist er­gab sich aus dem all­ge­mein­ver­bind­li­chen Rah­men­ta­rif­ver­trag für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung vom 04.10.2003 (RTV).

Der RTV sieht auch ei­ne zwei­stu­fi­ge Aus­schluss­frist vor. Da­nach müssen al­le Ansprüche bin­nen zwei Mo­na­ten nach Fällig­keit schrift­lich gel­tend ge­macht und bin­nen zwei wei­te­ren Mo­na­ten ein­ge­klagt wer­den.

Der Ar­beit­neh­mer ver­lang­te mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 30.11.2009 Ab­gel­tung des krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs für die ver­gan­ge­nen Jah­re, wor­auf­hin sich der Ar­beit­ge­ber mit Schrei­ben vom 23.12.2009 auf ei­nen an­geb­li­chen Be­triebsüber­gang be­rief: An­geb­lich sei sein Auf­trags­nach­fol­ger der rich­ti­ge An­sprech­part­ner.

Der An­walt des Ar­beit­neh­mers wi­der­sprach post­wen­dend dem Be­triebsüber­gang und wie­der­hol­te sei­ne Auf­for­de­rung, Ur­laubs­ab­gel­tung zu zah­len. Kla­ge auf Ur­laubs­ab­gel­tung er­hob er schließlich am 22.02.2010.

Das Ar­beits­ge­richt Köln (Ur­teil vom 27.10.2010, 2 Ca 1492/10) und das LAG Köln wie­sen die Kla­ge ab (LAG Köln, Ur­teil vom 07.06.2011, 12 Sa 1530/10). Da­bei mein­te das LAG Köln im An­schluss an das LAG München (LAG München, Ur­teil vom 19.08.2010,4 Sa 311/10), der Kläger hätte die zwei­te Stu­fe der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist versäumt.

Denn mit dem am 02.12.2009 bei der Be­klag­ten ein­ge­gan­gen Gel­tend­ma­chungs­schrei­ben vom 30.11.2010 hat­te der An­walt zwar die ers­te Stu­fe der zwei­stu­fi­gen Aus­schluss­frist ge­wahrt, so das LAG. Da sich der Ar­beit­ge­ber hier­zu nicht bin­nen zwei Wo­chen, al­so bis zum 16.12.2009, erklärt hat­te, be­gann die zwei­te Stu­fe der Aus­schluss­frist zu lau­fen, die am 16.02.2010 en­de­te, so die Be­rech­nung des LAG. Und da der An­walt die Kla­ge erst am 22.02.2010 ein­ge­reicht hat­te, hat­te er die zwei­te Stu­fe der Aus­schluss­frist versäumt.

BAG: Ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten lau­fen im Fal­le ei­nes Wi­der­spruchs, den ein Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Be­triebsüber­gang erklärt, erst ab Zu­gang des Wi­der­spruchs beim Be­triebs­veräußerer

Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und sprach dem Ar­beit­neh­mer Ur­laubs­ab­gel­tung von je­weils 20 Ta­gen für die Jah­re 2008 und 2009 zu.

Denn nach An­sicht des BAG kann die zwei­te Stu­fe ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist bei ei­nem Be­triebsüber­gang erst dann be­gin­nen, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­nen Wi­der­spruch erklärt hat. Denn vor Erklärung des Wi­der­spruchs ist der Be­triebs­veräußerer ja der fal­sche Be­klag­te, und ei­ne un­be­gründe­te Kla­ge zu er­he­ben ist nicht im Sin­ne ei­ner zwei­stu­fi­gen Aus­schluss­frist.

Im vor­lie­gen­den Fall war al­ler­dings sehr zwei­fel­haft, ob es über­haupt ei­nen Be­triebsüber­gang gab. Das ändert aber nichts am Er­geb­nis, denn auf das Nicht­vor­lie­gen ei­nes Be­triebsüber­gangs konn­te sich der Ar­beit­ge­ber hier nach Treu und Glau­ben nicht be­ru­fen, nach­dem er zunächst die ge­gen­tei­li­ge Be­haup­tung auf­ge­stellt hat­te.

Fa­zit: Ob­wohl sich das BAG hier nur zur zwei­ten Stu­fe ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist geäußert hat, sind die Ur­teils­gründe auch auf die ers­te Stu­fe ei­ner (ta­rif­li­chen oder ar­beits­ver­trag­li­chen) Aus­schluss­frist über­trag­bar. Denn nicht nur Kla­gen, son­dern auch "vor­sorg­li­che" Mahn­wel­len ge­genüber dem bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber sind sinn- und ge­gen­stands­los, so­lan­ge der Ar­beit­neh­mer kei­nen Wi­der­spruch erklärt hat.

Außer­dem hat es der Be­triebs­veräußerer selbst in der Hand, durch ei­ne kor­rek­te In­for­ma­ti­on der Ar­beit­neh­mer über den Be­triebsüber­gang die ge­setz­li­che Mo­nats­frist für ei­nen Wi­der­spruch in Gang zu set­zen. Dann weiß er nach Ab­lauf der Mo­nats­frist, mit wel­chen Ar­beit­neh­mern er es künf­tig zu tun hat und mit wel­chen nicht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 27. Juni 2018

Weitere Auskünfte erteilen Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hensche@hensche.de
Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hildebrandt@hensche.de
Nina Wesemann
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kontakt:
040 / 69 20 68 04
wesemann@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Für Personaler, betriebliche Arbeitnehmervertretungen und andere Arbeitsrechtsprofis: "Update Arbeitsrecht" bringt Sie regelmäßig auf den neusten Stand der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung. Informationen zu den Abo-Bedingungen und ein kostenloses Ansichtsexemplar finden Sie hier:

Alle vierzehn Tage alles Wichtige
verständlich / aktuell / praxisnah

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2024:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de