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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/228

Ta­rif­bin­dung im Be­trieb

Kla­ge auf Fest­stel­lung durch Be­triebs­rat?: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 01.07.2009, 4 ABR 8/08
Sitzung des Betriebsrats, Betriebsratsversammlung Be­triebs­rat: Un­zu­läs­si­ger Fest­stel­lungs­an­trag

09.12.2009. Manch­mal ist un­klar, ob in ei­nem Be­trieb ein be­stimm­ter Ta­rif­ver­trag An­wen­dung fin­det oder nicht.

Recht­lich ge­se­hen kann es dann um die Fra­ge ge­hen, ob der Ar­beit­ge­ber an ei­nen be­stimm­ten Ta­rif­ver­trag ge­bun­den ist und/oder ob der Be­trieb un­ter den be­trieb­li­chen An­wen­dungs­be­reich ei­nes Ta­rif­ver­trags fällt oder nicht.

Im ei­nem vor kur­zem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­de­nen Streit­fall war un­klar und zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat um­strit­ten, ob der Ar­beit­ge­ber Mit­glied im Ar­beit­ge­ber­ver­band war und da­mit ta­rif­ge­bun­den - oder nicht.

An die­ser Stel­le fragt sich, ob der Be­triebs­rat über­haupt mit ei­nem sol­chen An­trag über­haupt vor Ge­richt zie­hen kann: BAG, Be­schluss vom 01.07.2009, 4 ABR 8/08.

Aus­wir­kung der Ta­rif­bin­dung für den Be­triebs­rat

Ta­rif­verträge fin­den auf das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Ar­beit­neh­mers un­mit­tel­bar und zwin­gend, al­so wie ein Ge­setz, An­wen­dung, wenn der Ar­beit­neh­mer Mit­glied der ta­rif­sch­ließen­den Ge­werk­schaft und der Ar­beit­ge­ber Mit­glied des den Ta­rif­ver­trag schließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des (oder - bei Haus­ta­rif­verträgen - sel­ber Ver­trags­par­tei) ist. Ei­ne Ab­wei­chung von ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen ist dann im Ar­beits­ver­trag nur zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers möglich (§ 4 Abs. 1, 3 Ta­rif­ver­trags­ge­setz - TVG - ).

Ist der Ar­beit­ge­ber da­ge­gen nicht Ver­bands­mit­glied (und war es auch nie), kann zwar ar­beits­ver­trag­lich die Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges oder der Ta­rif­verträge ei­ner be­stimm­ten Bran­che ver­ein­bart wer­den, die Nor­men des Ta­rif­ver­tra­ges gel­ten dann aber eben nicht wie ein Ge­setz, son­dern nur wie je­de an­de­re ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung auch, d.h. sie kann im Ein­ver­neh­men mit dem Ar­beit­neh­mer je­der­zeit auch zu des­sen Las­ten geändert wer­den.

Kommt es zu ei­nem In­ha­ber­wech­sel, sei es durch ei­ne Veräußerung des Be­trie­bes oder durch ei­ne Um­for­mie­rung, wird al­len­falls, nämlich wenn es sich hier­bei um ei­nen Be­triebsüber­gang im Sin­ne des § 613a Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) han­delt, der zu­vor gel­ten­de Ta­rif­ver­trag in die Ar­beits­verhält­nis­se der bis­he­ri­gen Ar­beit­neh­mer trans­for­miert. Er gilt dann eben­falls nicht mehr zwin­gend und un­mit­tel­bar wei­ter, für neu ein­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer gilt er über­haupt nicht.

An­ders ist dies nur, wenn der neue In­ha­ber Mit­glied des sel­ben Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des wie der al­te Ar­beit­ge­ber ist. Dann gilt auf­grund der Ver­bands­mit­glied­schaft der Ta­rif­ver­trag auch in dem neu­en Be­trieb un­mit­tel­bar und zwin­gend. Die Ver­bands­mit­glied­schaft des al­ten Ar­beit­ge­bers geht aber bei ei­nem Be­triebsüber­gang nicht auf den neu­en In­ha­ber über. Es ist, dies ver­deut­licht § 38 BGB, die rein persönli­che Ent­schei­dung je­den Ar­beit­ge­bers, ob er Mit­glied ei­nes Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des sein möch­te oder nicht.

Für den Be­triebs­rat ist es ent­schei­dend zu wis­sen, ob im Be­trieb ei­ne Ta­rif­bin­dung be­steht oder nicht. Er hat nämlich nicht nur all­ge­mein die Pflicht, die Ein­hal­tung von (u.a.) ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen (§ 80 Be­trVG) zu über­wa­chen. Es gibt zu­dem ei­ne Rei­he von per­so­nel­len Maßnah­men, zu de­nen er sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gern kann, wenn sie ge­gen ei­nen an­zu­wen­den­den Ta­rif­ver­trag ver­s­toßen, et­wa die ta­rif­wid­ri­ge Ein­grup­pie­rung oder Ver­set­zung ei­nes Ar­beit­neh­mers (§ 99 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG). Sch­ließlich spielt die Fra­ge der Ta­rif­bin­dung auch beim Ab­schluss von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ei­ne Rol­le, da durch Ta­rif­ver­trag schon vollständig ge­re­gel­te Din­ge nicht mehr zum Ge­gen­stand der Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­macht wer­den dürfen (§ 87 Abs. 1 und 77 Abs. 3 Satz 1 Be­trVG).

Pro­ble­ma­tisch ist, was der Be­triebs­rat tun kann, wenn zwi­schen ihm und dem Ar­beit­ge­ber Streit über die An­wend­bar­keit ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges be­steht. Frag­lich ist hier­bei ins­be­son­de­re, ob der Be­triebs­rat erst ei­ne vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­nom­me­ne (ver­meint­lich) ta­rif­wid­ri­ge Maßnah­me ge­richt­li­che an­grei­fen kann, oder ob er schon im Vor­feld ge­richt­lich klären las­sen kann, ob ein be­stimm­ter Ta­rif­ver­trag in dem Be­trieb an­zu­wen­den ist.

Um die­se Fra­ge geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des BAG (Be­schluss vom 01.07.2009, 4 ABR 8/08).

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Mit­glied­schaft im Ar­beit­ge­ber­ver­band des Ar­beit­ge­bers strit­tig. Be­triebs­rat be­gehrt Fest­stel­lung der Ta­rif­bin­dung vor Ge­richt

Be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin war ein Un­ter­neh­men der Tex­til­in­dus­trie. Dort galt ursprüng­lich auf­grund der Mit­glied­schaft der Ar­beit­ge­be­rin im Ver­band der Rhei­ni­schen Tex­til­in­dus­trie e.V. ein Ge­halts­ta­rif­ver­trag der nord­rhei­ni­schen Tex­til­in­dus­trie.

Im Frühjahr 2005 kam es zu ei­ner kom­ple­xen Um­for­mie­rung des Un­ter­neh­mens, auf­grund des­sen an Stel­le der al­ten Ar­beit­ge­be­rin, ei­ner „GmbH & Co. KG“, ei­ne neu fir­mier­te GmbH trat. Die­se GmbH, die neue Ar­beit­ge­be­rin, trat nie of­fi­zi­ell in den Ar­beit­ge­ber­ver­band ein. Sie zahl­te aber den Mit­glieds­bei­trag zu­min­dest für das Jahr 2005 und ging sel­ber da­von aus, Mit­glied des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des zu sein.

Noch im Mo­nat der Um­for­mie­rung wur­de zwi­schen der Ar­beit­ge­be­rin und der IG Me­tall über ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag für den Be­trieb ver­han­delt. Zunächst be­stand Ei­nig­keit darüber, dass die Ar­beit­ge­be­rin Mit­glied des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des war. Vor­sorg­lich kündig­te sie die Mit­glied­schaft zum En­de des Jah­res 2006. En­de 2006 in­for­mier­te der Ar­beit­ge­ber­ver­band den Be­triebs­rat je­doch darüber, dass nach sei­ner Auf­fas­sung nie ei­ne Mit­glied­schaft und dem­ent­spre­chend auch kei­ne Ta­rif­bin­dung be­stan­den hat­te.

Der in dem Be­trieb ge­bil­de­te Be­triebs­rat zog des­we­gen vor das Ar­beits­ge­richt mit dem An­trag fest­zu­stel­len, dass im Be­trieb je­den­falls bis zu der Kündi­gung der Mit­glied­schaft durch die Ar­beit­ge­be­rin zum 31.12.2006 der Ge­halts­ta­rif­ver­trag der nord­rhei­ni­schen Tex­til­in­dus­trie galt.

So­wohl das Ar­beits­ge­richt Ha­gen als auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Be­schluss vom 09.11.2007, 13 TaBV 48/07) hiel­ten den An­trag des Be­triebs­rats für zulässig. Das er­for­der­li­che kon­kre­te In­ter­es­se des Be­triebs­rats an der Fest­stel­lung der Ta­rif­bin­dung sieht das LAG dar­in, dass der Be­triebs­rat wis­sen muss, wel­che Ta­rif­verträge im Be­trieb gel­ten, um sei­ner Über­wa­chungs­pflicht nach § 80 Be­trVG nach­kom­men zu können.

Ei­ne Mit­glied­schaft der Ar­beit­ge­be­rin im Ar­beit­ge­ber­ver­band und da­mit die Ta­rif­bin­dung ver­nei­nen aber bei­de In­stan­zen. Da die Mit­glied­schaft we­gen § 38 BGB we­der von der al­ten Ar­beit­ge­be­rin über­tra­gen wer­den konn­te, noch die Ar­beit­ge­be­rin aus­drück­lich ei­nen Auf­nah­me­an­trag ge­stellt hat­te, blieb nur ei­ne Mit­glied­schaft durch „schlüssi­ges Ver­hal­ten“. Dies sa­hen die Ge­rich­te je­doch als nicht ge­ge­ben an. Denn nicht aus­rei­chend ist, dass die Ar­beit­ge­be­rin le­dig­lich irrtümlich von ih­rer Mit­glied­schaft aus­ging und des­we­gen Mit­glieds­beiträge ent­rich­te­te, so das LAG.

Der Be­triebs­rat leg­te hier­ge­gen Rechts­be­schwer­de beim BAG ein. Mitt­ler­wei­le hat­te es ei­ne wei­te­re Um­for­mie­rung ge­ge­ben, so dass nun ei­ne an­de­re GmbH Ar­beit­ge­be­rin ge­wor­den war.

Bun­des­ar­beits­ge­richt: An­trag auf Fest­stel­lung der Ta­rif­bin­dung ist we­gen feh­len­den Recht­schutz­in­ter­es­ses un­zulässig

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schied ge­gen den Be­triebs­rat. An­ders als die Vor­in­stan­zen be­fasst es sich je­doch gar nicht mit der Fra­ge, ob die Ar­beit­ge­be­rin Mit­glied im Ar­beit­ge­ber­ver­band war oder nicht. Es hält den An­trag des Be­triebs­ra­tes nämlich für un­zulässig.

Vor­aus­set­zung für die Zulässig­keit ei­nes Fest­stel­lungs­an­tra­ges gemäß § 256 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) ist das kon­kre­te recht­li­che In­ter­es­se des An­trag­stel­lers an der Klärung der Fra­ge (Recht­schutz­in­ter­es­se). Da­mit ge­meint ist, dass an das Er­geb­nis der Fra­ge kon­kre­te Fol­gen für den An­trag­stel­ler ge­knüpft sind. Es reicht al­so nicht, dass ei­ne Fra­ge all­ge­mein von In­ter­es­se ist und „ir­gend­wie“ Aus­wir­kun­gen für den An­trag­stel­ler hat. Die­se Vor­aus­set­zung ver­neint das BAG im vor­lie­gen­den Fall und zwar nicht al­lein des­we­gen, weil sich die strit­ti­ge Fra­ge durch die er­neu­te Um­for­mie­rung er­le­digt hat­te.

Das BAG hält den An­trag für von An­fang an un­zulässig, weil die den Be­triebs­rat „ei­gent­lich“ in­ter­es­sie­ren­de Fra­ge nur die des Um­fangs sei­ner Mit­be­stim­mungs­rech­te ist. Die Ta­rif­bin­dung ist hierfür nur ei­ne Vor­fra­ge, die noch kei­ne kon­kre­ten Fol­gen hat, so das BAG. Das Ge­richt müss­te, würde es die Fra­ge be­ant­wor­ten, qua­si ein Rechts­gut­ach­ten er­stel­len, dies ist aber ge­ra­de nicht sei­ne Auf­ga­be, meint das BAG.

Fa­zit: Be­steht Streit über die Ta­rif­bin­dung im Be­trieb, muss der Be­triebs­rat al­so war­ten, bis der Ar­beit­ge­ber kon­kret ge­gen den ver­meint­lich an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag verstößt, et­wa, in­dem er ei­ne ta­rif­wid­ri­ge Ein­grup­pie­rung vor­nimmt. Der Be­triebs­rat kann dann un­ter Be­ru­fung auf die Ta­rif­wid­rig­keit die­ser per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­me (in die­sem Fall gemäß § 99 Abs.2 Nr.1 Be­trVG) sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gern. Bei der ge­richt­li­chen Klärung, ob die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung rech­tens war, wird dann zwangsläufig die Ta­rif­bin­dung im Be­trieb als ent­schei­den­de Vor­fra­ge mit­geklärt.

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Letzte Überarbeitung: 12. Oktober 2016

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