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LAG Köln, Ur­teil vom 22.04.2016, 4 Sa 1095/15

   
Schlagworte: Urlaubsanspruch, Urlaubsabgeltung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 4 Sa 1095/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 22.04.2016
   
Leitsätze:

1. Das Unionsrecht (Urteil des EUGH vom 12.06.2014 - C-118/13 - Bollacke) gebietet es, § 7 Abs. 1 S. 1 BUrIG so auszulegen, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, den Urlaubsanspruch von sich aus auch ohne ein Urlaubsverlangen des Arbeitnehmers zu erfüllen (wie LAG Berlin-Brandenburg 12.06.2014 - 21 Sa 221/14).

2. Für die Jahre 2012 und 2013 scheitert aber ein dementsprechender Schadensersatzanspruch des Arbeitnehmers wegen der ständigen gegenteiligen Rechtsprechung des BAG am Verschulden des Arbeitgebers.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bonn, Urteil vom 21.10.2015, 4 Ca 1568/15
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 4 Sa 1095/15

 

Tat­be­stand

Der Kläger war vom 01.09.2009 bis zum 30.04.2015 als Kas­sie­rer mit ei­ner mo­nat­li­chen Ar­beits­zeit von 55 St­un­den und ei­nem St­un­den­lohn von7,20 € brut­to bei dem Be­klag­ten in des­sen A C beschäftigt. Er wur­de in je­dem Mo­nat in ins­ge­samt acht Schich­ten je­weils an ei­nem Sams­tag und Sonn­tag ein­ge­setzt. Im Jah­re 2012 be­trug die mo­nat­li­che Ar­beits­zeit bei acht Schicht­diens­ten 55 St­un­den, die mit 396,00 € brut­to = net­to vergütet wur­den. Im Jah­re 2013 be­trug die mo­nat­li­che Ar­beits­zeit 60 St­un­den, die mit 432,00 € brut­to = net­to vergütet wur­den. Dem Kläger wur­de in den Jah­ren 2012 und 2013 kein Jah­res­ur­laub gewährt.

Nach­dem er mit Schrei­ben vom 18.02.2015 das Ar­beits­verhält­nis zum 30.04.2015 gekündigt hat­te und sei­ne ge­setz­li­chen Ur­laubs­ansprüche für die Jah­re 2012 bis 2014 zu je acht Ur­laubs­ta­gen gel­tend ge­macht hat, galt der Be­klag­te die Ur­laubs­ansprüche für das Jahr 2014 und an­tei­lig 2015 ab, nicht aber die Ur­laubs­ansprüche für die Jah­re 2012 und 2013.

Der Kläger be­gehrt we­gen des nicht gewähr­ten Jah­res­ur­laubs für die Jah­re 2012 und 2013 Scha­dens­er­satz in Höhe des Ent­gelts für je­weils acht Ur­laubs­ta­ge, ins­ge­samt -

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in­so­fern rech­ne­risch un­strei­tig - 828,00 €, die der Kläger erst­in­stanz­lich als Net­to­zah­lung be­gehr­te.

Der Kläger hat be­haup­tet, den Be­klag­ten mehr­fach auf die Gewährung von Ur­laub an­ge­spro­chen zu ha­ben. Er meint in­des, auch oh­ne ein sol­ches Ver­lan­gen sei es die Pflicht des Be­klag­ten ge­we­sen, ihm von sich aus Ur­laub zu gewähren, so­dass der Be­klag­te den Ver­fall sei­nes Ur­laubs­an­spru­ches und die da­mit ein­tre­ten­de Unmöglich­keit der Erfüllung zu ver­tre­ten ha­be und da­her nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet sei.

Der Kläger hat be­an­tragt,

den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­nen Be­trag in Höhe von net­to 828,00 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Be­klag­te be­ruft sich dar­auf, dass der Kläger we­der schrift­lich noch münd­lich je­mals den Ur­laub in den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­gehrt ha­be.

Das Ar­beits­ge­richt hat un­ter Zu­grun­de­le­gung der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die für ei­nen ent­spre­chen­den Scha­dens­er­satz­an­spruch die An­for­de­rung ge­stellt, dass der Ar­beit­ge­ber ei­nen vom Ar­beit­neh­mer recht­zei­tig ver­lang­ten Ur­laub nicht gewährt, die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es ist dem Ur­teil des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 12.06.2014 - 21 Sa 221/14 -, auf das der Kläger sich be­ru­fen hat­te, nicht ge­folgt und hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass auch das Ur­teil des EUGH im Fall B (Ur­teil vom 12.06.2014 - C-118/13 - ) nicht zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis zwin­ge.

Ge­gen die­ses ihm am 09.11.2015 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger am 19.11.2015 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am 28.12.2015 be­gründet. Er wen­det sich mit Rechts­ausführun­gen ge­gen das erst­in­stanz­li­che Ur­teil, we­gen de­rer auf die Be­ru­fungs­be­gründung (BI. 83 - 91 d. A.) Be­zug ge­nom­men wird.

Der Kläger be­an­tragt, 

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bonn vom 21.10.2015 - 4 Ca 1568/15 - ab­zuändern und den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­nen Be­trag in Höhe von828,00 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit zu zah­len.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 

Der Be­klag­te ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. In­so­fern wird auf die 

Be­ru­fungs­er­wi­de­rung Be­zug ge­nom­men.

We­gen des übri­gen Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die zwi­schen die­sen ge­wech­sel­ten Schriftsätzen Be­zug ge­nom­men, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren.

 

Ent­schei­dungs­gründe

Die statt­haf­te, form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und be­gründe­te Be­ru­fung des Klägers hat­te in der Sa­che kei­nen Er­folg.

I. Das Ar­beits­ge­richt ist zunächst zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass der Ur­laub aus den Jah­ren 2012 und 2013 gemäß § 7 Abs. 3 Satz 1 und 2 BUrIG ver­fal­len war, weil er nicht im je­weils lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wur­de und für ei­ne Über­tra­gung

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in das nächs­te Ka­len­der­jahr die dafür er­for­der­li­chen drin­gen­den be­trieb­li­chen oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Gründe nicht vor­la­gen. Da­mit war der ori­ginäre Ur­laubs­an­spruch aus dem Jah­re 2012 eben­so wie der aus dem Jah­re 2013 mit En­de des je­wei­li­gen Jah­res er­lo­schen. Da­ge­gen wen­det sich die Be­ru­fung auch nicht.

II. Der Kläger sieht sei­nen An­spruch viel­mehr des­halb als be­gründet an, weil er sich ei­nes Scha­dens­er­satz­an­spru­ches für die ver­fal­le­nen 16 Ur­laubs­ta­ge gemäß § 275 Abs. 1 und 4, § 280 Abs. 1 und 3, § 283 Satz 1, § 286 Abs. 2 Nr. 3, § 287 Satz 2, § 249 Abs. 1, § 251 Abs. 1 BGB berühmt und sich da­zu auf das Ur­teil des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 12.06.2014- 21 Sa 221/14 - be­ruft.

1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg (und ihm fol­gend das Lan­des­ar­beits­ge­richt München vom 06.05.2015 - 8 Sa 982/14 - Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt anhängig un­ter dem Aktenzeichen9 AZR 541/15) be­gründen den Scha­dens­er­satz­an­spruch ent­ge­gen der bis­he­ri­gen ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (da­zu noch un­ten III.) nicht aus dem Ge­sichts­punkt des Ver­zugs, son­dern aus dem Ge­sichts­punkt der zu ver­tre­ten­den Unmöglich­keit (§ 275 Abs. 1, § 280 Abs. 1 - 3, § 283 BGB i. V. m. § 249 Abs. 1 BGB) - ein Scha­dens­er­satz­an­spruch, der sich nach die­ser Recht­spre­chung mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach § 251 Abs. 1 BGB in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch um­wan­delt (in­so­fern auch für den aus Ver­zugs­ge­sichts­punk­ten be­gründe­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch: BAG, 06.08.2013 - 9 AZR 956/11). An­ders als das BAG mei­nen die bei­den Lan­des­ar­beits­ge­rich­te, dass es nicht dar­auf an­kom­me, ob der Ar­beit­ge­ber sich zum Zeit­punkt des Un­ter­gangs des ori­ginären Ur­laubs­an­spruchs, mit­hin zum Zeit­punkt des En­des des Ka­len­der­jah­res, in Ver­zug be­fand. Viel­mehr ha­be der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer von sich aus recht­zei­tig Ur­laub zu gewähren. Kom­me er die­ser Ver­pflich­tung nicht nach, wer­de der Scha­dens­er­satz­an­spruch be­gründet, es sei denn, der Ar­beit­ge­ber ha­be die nicht recht­zei­ti­ge Ur­laubs­gewährung nicht zu ver­tre­ten. Denn mit dem Un­ter­gang des Ur­laubs­an­spruchs wer­de des­sen Erfüllung unmöglich, so dass der Ar­beit­neh­mer nach § 280 Abs. 3, § 283 Satz 1 BGB Scha­dens­er­satz statt der Leis­tung ver­lan­gen könne. Es kom­me des­halb nicht dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer Ur­laub be­an­tragt und da­durch den Ar­beit­ge­ber nach § 286 Abs. 1 Satz 1 BGB in Ver­zug ge­setzt ha­be.

Dass der Ar­beit­neh­mer im Ge­gen­satz zur ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (sie­he un­ten III.) den Ur­laub nicht erst ver­lan­gen müsse, son­dern der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet sei, dem Ar­beit­neh­mer den Ur­laub auch oh­ne vor­he­ri­ge Auf­for­de­rung von sich aus recht­zei­tig zu gewähren, lei­ten die­se Lan­des­ar­beits­ge­rich­te aus Ar­ti­kel 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Ra­tes über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vom 04.11.2003 (Ar­beits­zeit­richt­li­nie) ab. Da­zu wird von ih­nen zunächst dar­auf ver­wie­sen, dass der Ur­laubs­an­spruch dem Ge­sund­heits­schutz des Ar­beit­neh­mers die­ne (wie es so­wohl der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts - 24.03.2009 -9 AZR 983/07 - als auch der des EUGH - z. B. 20.01.2009 - C-350/06 - und- C-520/06 - ent­spre­che). Es han­de­le sich al­so um Ar­beits­schutz­recht, was auf uni­ons­recht­li­cher Ebe­ne da­durch deut­lich wer­de, dass der An­spruch in Ar­ti­kel 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ge­re­gelt sei. Für das Ar­beits­schutz­recht aber sei an­er­kannt, dass der Ar­beit­ge­ber sei­nen Pflich­ten zum Ge­sund­heits­schutz der bei ihm Beschäftig­ten auch oh­ne vor­he­ri­ge Auf­for­de­rung nach­zu­kom­men ha­be (z. B. BAG 06.05.2003 -1 ABR 13/02 - und 20.05.2005 - 5 AZR 52/05 - ).

Dem ste­he auch nicht ent­ge­gen, dass der Ar­beit­ge­ber nach § 7 Abs. 1 Satz 1 BUrIG 25 bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen ha­be. Der Ar­beit­ge­ber könne nach­fra­gen. Äußere der Ar­beit­neh­mer auf Nach­fra­ge kei­ne Ur­laubswünsche, könne der Ar­beit­ge­ber den Ur­laub ein­sei­tig ver­bind­lich fest­le­gen, wie es auch vom Bun­des­ar­beits­ge­richt an­er­kannt sei (BAG 24.03.2009 - 9 AZR 983/07 - ).

Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ge­langt in sei­nem Ur­teil so­dann da­zu, dass kei­ne An­halts­punk­te ge­ge­ben sei­en, dass der dor­ti­ge Be­klag­te die Nich­terfüllung des Ur­laubs­an­spru­ches im Sin­ne des § 280 Satz 2 BGB nicht zu ver­tre­ten ha­be. Ins­be­son­de­re

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sei nicht er­sicht­lich, dass der Kläger, wenn der Be­klag­te ihm für das Jahr 2012 Ur­laub ha­be gewähren wol­len, nicht be­reit ge­we­sen sei, die­sen zu neh­men. Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt München (06.05.2012— 8 Sa 982/14 - ) dis­ku­tiert die Fra­ge des Ver­tre­tenmüssens im Sin­ne des § 280Abs. 2 BGB nur un­ter dem Ge­sichts­punkt, ob der Ar­beit­ge­ber über­for­dert sei, wenn der Ar­beit­neh­mer kei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt ha­be und ob ein Mit­ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers vor­lie­ge.

2. In der rechts­wis­sen­schaft­li­chen Li­te­ra­tur un­ter­schied­lich be­ant­wor­tet wird die Fra­ge, ob das Ur­teil des EUGH in der Rechts­sa­che B vom 12.06.2014 (C-118/13) da­zu zwingt, das na­tio­na­le Recht so aus­zu­le­gen, dass es für die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, Ur­laub zu er­tei­len, nicht dar­auf an­kom­men kann, dass der Ar­beit­neh­mer im Vor­feld ei­nen ent­spre­chen­den An­trag ge­stellt hat (vgl. z. B: Preis/Sa­gan/Meh­rens/Wit­schen § 7 Rn. 33: B -Ur­teil gibt kei­ne An­halts­punk­te für ei­ne sol­che Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers; Pol­zer/Kaf­ka NJW 2015, 2292: Ten­denz­aus­sa­ge des EUGH, dass der Ar­beit­ge­ber ak­tiv wer­den muss und sich nicht dar­auf be­ru­fen kann, dass der Ar­beit­neh­mer kei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt hat; ähn­lich Klop­pen­burg ju­ris­PR - ArbR 29/2014 Anm 1).

3 Der EUGH hat in der B -Ent­schei­dung vom 12.06.2014 (C-118/13) al­ler­dings die Fra­ge des LAG Hamm, ob Ar­ti­kel 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen sei, dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet sei, dem Ar­beit­neh­mer im Hin­blick auf den Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers bei der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung Ur­laub bis zum Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res oder spätes­tens bis zum Ab­lauf ei­nes für das Ar­beits­verhält­nis maßgeb­li­chen Über­tra­gungs­zeit­raums auch tatsächlich zu gewähren, oh­ne dass es dar­auf an­kom­me, ob der Ar­beit­neh­mer ei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt ha­be, nicht aus­drück­lich be­ant­wor­tet. Viel­mehr hat der EUGH zu den Vor­la­ge­fra­gen gleich ein­gangs aus­geführt, dass das vor­le­gen­de Ge­richt mit den zu prüfen­den drei Fra­gen im We­sent­li­chen wis­sen möch­te, ob Ar­ti­kel 7 da­hin aus­zu­le­gen sei, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­he, wo­nach der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oh­ne Be­gründung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub un­ter­ge­he, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch den Tod des Ar­beit­neh­mers en­de und ob be­ja­hen­den­falls ei­ne sol­che Ab­gel­tung da­von abhänge, dass der Be­trof­fe­ne im Vor­feld ei­nen An­trag ge­stellt ha­be. Die wei­te­ren Ausführun­gen des EUGH spre­chen al­ler­dings dafür, dass die­ser grundsätz­lich - auch un­abhängig von dem Son­der­fall des To­des des Ar­beit­neh­mers - der Auf­fas­sung ist, dass der An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Vergütung bzw. Ab­gel­tung nicht da­von abhängen kann, dass der Ar­beit­neh­mer im Vor­feld ei­nen An­trag auf Gewährung des Ur­laubs oder auf Gewährung der fi­nan­zi­el­len Vergütung ge­stellt hat. So heißt es in Rand­no­te 23 des Ur­teils, dass Ar­ti­kel 7 Abs. 2 der Richt­li­nie in sei­ner Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof

„...für die Eröff­nung des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung auf (stellt) als die­je­ni­ge, dass zum ei­nen das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und dass zum an­de­ren der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te".

Ähn­lich heißt es in Rand­no­te 27 noch­mals: 

„Da Ar­ti­kel 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 für die Eröff­nung des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung außer der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung auf­stellt, kann ei­ne sol­che Vergütung außer­dem nicht da­von abhängig ge­macht wer­den, dass im Vor­feld ein ent­spre­chen­der An­trag ge­stellt wur­de".

Aus die­sem Grund­satz lei­tet der EUGH so­dann ab, dass auch im Fall des To­des des Ar­beit­neh­mers ei­ne Vergütung nicht da­von abhängig ge­macht wer­den kann, dass im Vor­feld ein ent­spre­chen­der An­trag ge­stellt wur­de (Rand­no­ten 29 und 30).

Da das deut­sche Recht in­so­weit zu­min­dest Aus­le­gungs­spielräume eröff­net, weil § 7 BUrIG ei­ne ent­spre­chen­de An­trag­stel­lung oder ein ent­spre­chen­des Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers nicht aus­drück­lich sta­tu­iert und die Ab­lei­tung ei­ner ent­spre­chen­den 10.1.2017 Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 4 Sa 1095/15 Tat­be­stands­vor­aus­set­zung al­lein aus dem Wort „An­spruch" in § 1 BUrIG zwei­fel­haft er­scheint und auch § 7 Abs. 1 Satz 1, nach wel­chem bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Beschäftig­ten zu berück­sich­ti­gen sind, nicht zwin­gend er­for­dert, dass die­ser ent­spre­chen­de Wünsche zu­vor geäußert hat (BAG, 24.03.2009 - 9 AZR 983/07), spre­chen über­zeu­gen­de Gründe der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung dafür, dass die Rechts­an­sicht der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te Ber­lin-Bran­den­burg und München rich­tig ist, dass es nicht dar­auf an­kommt, ob der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub zu­vor ver­langt hat, dass der Ar­beit­ge­ber viel­mehr ver­pflich­tet ist, den Ur­laubs­an­spruch nach dem BUrIG von sich aus zu erfüllen, so­dass der Scha­dens­er­satz­an­spruch des Ar­beit­neh­mers nach En­de des Ka­len­der­jah­res bzw. ge­ge­be­nen­falls des Über­tra­gungs­zeit­raums nicht auf Ver­zug des Ar­beit­ge­bers gestützt wer­den muss, son­dern auf Unmöglich­keit, mit­hin auf §§ 275 Abs. 1, 280 Abs. 1 und 3, 283 BGB, gestützt wer­den kann.

III. Dem­ge­genüber hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in mehr als 30jähri­ger ständi­ger und in zahl­rei­chen Ent­schei­dun­gen im­mer wie­der bestätig­ter Recht­spre­chung für die Ent­ste­hung des Scha­dens­er­satz­an­spru­ches das Vor­lie­gen von Schuld­ner­ver­zug des Ar­beit­ge­bers zum Zeit­punkt des Ver­falls des Ur­laubs­an­spru­ches ver­langt. Nach die­ser Recht­spre­chung
schul­det der Ar­beit­ge­ber Er­satz für den ver­fal­len­den Ur­laubs­an­spruch nur dann, wenn er mit der Gewährung des Ur­laubs in Ver­zug ge­ra­ten ist und aus die­sem Grund die durch den Zeit­ab­lauf ein­ge­tre­te­ne Unmöglich­keit des Ur­laubs­an­spruchs nach§§ 280 Abs. 1, 287 Satz 2 BGB zu ver­ant­wor­ten hat (vgl. z. B. BAG 18.03.1997 - 9 AZR 994/95 -, ju­ris-Rn. 18). Zur Her­beiführung des Ver­zu­ges ver­langt das Bun­des­ar­beits­ge­richt in die­ser Ent­schei­dung ei­ne Mah­nung, was be­deu­tet, dass die Ur­laubs­ansprüche gel­tend ge­macht wer­den müssen und der Ar­beit­neh­mer vom Ar­beit­ge­ber ei­ne zeit­lich fest­ge­leg­te Be­frei­ung von der Ar­beits­pflicht ver­lan­gen muss (BAG a. a. 0., ju­ris-Rn. 19). Die­ses hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt später
da­hin­ge­hend ab­ge­mil­dert, dass es auch aus­rei­chen kann, dass der Ar­beit­neh­mer ver­langt, ihm den Ur­laub zu gewähren und es dem Ar­beit­ge­ber überlässt, den Ur­laubs­zeit­raum fest­zu­le­gen (vgl. z. B: BAG 17.05.2001- 9 AZR 197/10 - ).

Die­se Recht­spre­chung wur­de mit Ur­teil vom 05.09.1985 (6 AZR 86/82) be­gründet und in zahl­rei­chen Ent­schei­dun­gen fort­geführt (vgl. z. B. 26.06.1986 - 8 AZR 75/83 -; 17.05.2001 - 9 AZR 197/10 - und zu­letzt 19.01.2016 - 9 AZR 507/14- ).

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat al­so auch nach dem Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs in der Sa­che B of­fen­sicht­lich kei­nen An­lass ge­se­hen, von sei­ner jahr­zehn­te­lan­gen ge­fes­tig­ten Recht­spre­chung ab­zu­ge­hen.

IV. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht fest­ge­stellt, dass der dafür dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­te Kläger den von dem Be­klag­ten be­strit­te­nen Vor­trag, dass er münd­lich Ur­laub ver­langt ha­be, nicht un­ter Be­weis ge­stellt hat und in­so­weit be­weisfällig ge­blie­ben ist, was zu sei­nen Las­ten geht. Auch zweit­in­stanz­lich hat der Kläger zu ei­nem ent­spre­chen­den Ur­laubs­ver­lan­gen we­der sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen noch Be­weis an­ge­bo­ten. Auf der Ba­sis der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts steht dem Kläger der An­spruch mit­hin nicht zu, was das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt hat.

V. Aber auch auf der Ba­sis der in den Grund­la­gen über­zeu­gen­den neue­ren Recht­spre­chung der Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg und München steht dem Kläger der An­spruch im Er­geb­nis nicht zu.

Der An­spruch des Klägers aus §§ 275 Abs. 1, 280 Abs. 1 und 3, 283 BGB setzt nämlich, auch wenn nach die­ser Recht­spre­chung Ver­zug nicht er­for­der­lich ist, vor­aus, dass der Schuld­ner die Pflicht­ver­let­zung zu ver­tre­ten hat (§ 280 Abs. 1 Satz 2 BGB). Auch wenn der Ar­beit­ge­ber sich in­so­fern exkul­pie­ren muss, so sind im vor­lie­gen­den Fall un­strei­ti­ge Tat­sa­chen ge­ge­ben, die das Ver­schul­den des Be­klag­ten aus­sch­ließen:

Der dar­ge­stell­ten ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ent­spricht es , dass der Ar­beit­ge­ber nicht von sich aus oh­ne ein ent­spre­chen­des Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers den Ur­laub er­tei­len muss.

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Es kann aber nicht als schuld­haft an­ge­se­hen wer­den, wenn ein Ar­beit­ge­ber, hier der Be­klag­te, die­ser jahr­zehn­te­lan­gen ständi­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung folgt. Dass ein Sich-Ver­las­sen auf höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung exkul­piert, ent­spricht höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung zu den Fällen der Wie­der­ein­set­zung nach § 234 ZPO. Hier wird grundsätz­lich ein stren­ger Maßstab an die Sorg­falts­pflich­ten ei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten an­ge­legt. Wenn die Rechts­la­ge zwei­fel­haft ist, muss die­ser den si­che­ren Weg wählen (vgl. z. B. BGH 03.11.2010 - XII ZB 197/10 - ). Um­ge­kehrt aber darf der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sich auf be­ste­hen­de höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ver­las­sen (BGH 19.12.2012 - XII ZB 169/12 - ). Das gilt so­gar dann, wenn ver­schie­de­ne Se­na­te des obers­ten Ge­richts in ei­ner Rechts­fra­ge di­ver­gie­ren (BGH a. a. 0.).

Erst recht muss da­her das Ver­schul­den ei­nes Ar­beit­ge­bers aus­schei­den, wenn er sich an ei­ne jahr­zehn­te­lan­ge, un­ge­bro­che­ne und bei dem zuständi­gen obers­ten Ge­richt ein­hel­li­ge Recht­spre­chung hält.

Die hier streit­ge­genständ­li­chen Jah­re (2012 und 2013) la­gen auch vor der B - Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs. Selbst nach de­ren Vor­lie­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt - wie ge­zeigt (Ur­teil vom 19.01.2016- 9 AZR 507/14 - ) - sei­ne ständi­ge Recht­spre­chung fort­ge­setzt. Je­den­falls in den Jah­ren 2012 und 2013 gab es für ei­nen Ar­beit­ge­ber kei­nen An­lass, da­von aus­zu­ge­hen, dass er oh­ne ein Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers von sich aus den Ur­laub er­tei­len müsse.

Im Er­geb­nis hat­te die Be­ru­fung des Klägers da­her kei­nen Er­folg. 

VI. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. 

VII. Die Kam­mer hat die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen, weil es sich um ei­ne klärungs­bedürf­ti­ge grundsätz­li­che Rechts­fra­ge han­delt. Da die Lan­des­ar­beits­ge­rich­te Ber­lin-Bran­den­burg und München bei ver­gleich­ba­rer Sach­la­ge (eben­falls Ur­laubs­jah­re vor 2014) Ver­schul­den oh­ne wei­te­res be­jaht ha­ben, hält die Kam­mer auch die Fra­ge des
Ver­tre­tenmüssens für klärungs­bedürf­tig.

 

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den. 

Für die be­klag­te Par­tei ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. 

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat schrift­lich oder in elek­tro­ni­scher Form beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt 

Hu­go-Preuß-Platz 1 

99084 Er­furt 

Fax: 0361-2636 2000 

ein­ge­legt wer­den. 

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

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• 1. Rechts­anwälte, 

• 2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,

• 3. Ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Num­mer 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer
Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift un­ter­zeich­nen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Ei­ne Par­tei, die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten.

Bezüglich der Möglich­keit elek­tro­ni­scher Ein­le­gung der Re­vi­si­on wird auf die Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr beim Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 09.03.2006 (BGBl. I Sei­te 519) ver­wie­sen.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

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