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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/034

Be­triebs­ren­ten­ver­spre­chen in Form ei­ner Ge­samt­ver­sor­gungs­zu­sa­ge blei­ben ge­fähr­lich

Erst wenn die fi­nan­zi­el­len Las­ten des Ar­beit­ge­bers die bei der Ren­ten­zu­sa­ge er­war­te­ten Las­ten um mehr als 50 Pro­zent über­schrei­ten, sind Kür­zun­gen rech­tens: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.02.2008, 3 AZR 743/05
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge Be­triebs­ren­ten sind oft teu­rer als er­war­tet

19.03.2008. Ver­spricht ein Ar­beit­ge­ber ei­ne Be­triebs­ren­te in Form ei­ner Ge­samt­ver­sor­gung, muss er Kür­zun­gen der ge­setz­li­chen Ren­te aus­glei­chen. Das kann zu er­heb­li­chen Mehr­be­las­tun­gen füh­ren, zum Zeit­punkt der Be­triebs­ren­ten­zu­sa­ge nicht vor­her­seh­bar wa­ren.

In ei­nem sol­chen Fall kann die Ge­schäfts­grund­la­ge der Be­triebs­ren­ten­zu­sa­ge ge­stört sein, was den Ar­beit­ge­ber da­zu be­rech­tigt, ei­ne An­pas­sung der Ver­sor­gungs­re­ge­lun­gen zu sei­nen Guns­ten zu ver­lan­gen.

Vor­aus­set­zung da­für ist al­ler­dings, dass die fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen des Ar­beit­ge­bers völ­lig aus dem Ru­der ge­lau­fen sind. Das ist nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts erst der Fall, wenn die bei der Ver­sor­ungs­zu­sa­ge zu­grun­de ge­leg­ten künf­ti­gen Las­ten des Ar­beit­ge­bers um mehr als 50 Pro­zent über­schrit­ten wer­den. Ge­rin­ge­re Mehr­be­las­tun­gen hat der Ar­beit­ge­ber hin­zu­neh­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.02.2008, 3 AZR 743/05.

Wann ist die Geschäfts­grund­la­ge ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ver­spro­che­nen Ge­samt­ver­sor­gung gestört - mit der Fol­ge ei­nes Kürzungs­rechts?

Sagt der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung zu, macht er dies auf frei­wil­li­ger Ba­sis, so dass er über Be­rech­nungs­wei­se und Höhe der zu­ge­sag­ten Be­triebs­ren­te bei sei­ner Ver­sor­gungs­zu­sa­ge frei ent­schei­den kann.

Be­son­ders at­trak­tiv für Ar­beit­neh­mer und Be­triebs­rent­ner, dafür aber hei­kel für den Ar­beit­ge­ber, sind sog. dy­na­mi­sier­te Be­triebs­ren­ten­ver­spre­chen, die die Ren­te von dem zu­letzt vor dem Ren­ten­be­ginn be­zo­ge­nen Ge­halt abhängig ma­chen: Da­mit ori­en­tiert sich die Ren­te zwar am ak­tu­el­len Le­bens­stan­dard des aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mers, doch muss der Ar­beit­ge­ber bei Über­nah­me ei­nes sol­chen Ren­ten­ver­spre­chens große Un­si­cher­hei­ten bzgl. der Höhe der künf­tig auf ihn zu­kom­men­den Ren­ten­las­ten in Kauf neh­men.

Ei­ne für den Ar­beit­ge­ber be­son­ders „gefähr­li­che“ Va­ri­an­te der dy­na­mi­sier­ten Ver­sor­gungs­zu­sa­ge ist die Ge­samt­ver­sor­gungs­zu­sa­ge. Hier wird die be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­leis­tung auf der Grund­la­ge be­stimm­ter va­ria­bler Größen - Loh­nerhöhun­gen und/oder Preis­stei­ge­run­gen - in ei­nem ers­ten Schritt als Ge­samt­leis­tung er­rech­net und von die­ser so­dann in ei­nem zwei­ten Schritt die vom Rent­ner be­zo­ge­ne ge­setz­li­che Ren­te in mehr oder we­ni­ger großem Um­fang ab­ge­zo­gen.

Die ver­blei­ben­de Sum­me ist als Be­triebs­ren­te zu zah­len, was im Er­geb­nis heißt, dass der Ar­beit­ge­ber das Ri­si­ko von Kürzun­gen der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung trägt, steigt doch in die­sem Fall der von ihm zu zah­len­de Be­triebs­ren­ten­an­teil an der Ge­samt­ver­sor­gung.

In Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur ist seit je­her all­ge­mein an­er­kannt, dass all­zu dras­ti­sche Erhöhun­gen der vom Ar­beit­ge­ber zu stem­men­den Ren­ten­las­ten als sog. Störung der „Geschäfts­grund­la­ge“ im Sin­ne von § 313 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) an­zu­se­hen sind. Dann ist der Ar­beit­ge­ber zu ei­ner Re­du­zie­rung der Ren­ten­zah­lun­gen bzw. zu ei­ner ent­spre­chen­den Ände­rung der Ren­ten­be­rech­nung be­rech­tigt.

Un­klar und um­strit­ten ist al­ler­dings, wel­chen Um­fang fi­nan­zi­el­le Mehr­be­las­tun­gen ha­ben müssen, da­mit der Ar­beit­ge­ber un­ter Ver­weis auf ei­ne Störung der Geschäfts­grund­la­ge von sei­ner ursprüng­li­chen Ver­sor­gungs­zu­sa­ge abrücken kann. In der ju­ris­ti­schen Li­te­ra­tur wird ein sol­ches Recht zur An­pas­sung nach un­ten hin von ei­ni­gen Au­to­ren ab ei­ner Mehr­be­las­tung von 20 Pro­zent, teil­wei­se aber auch erst bei Mehr­be­las­tun­gen von 30 Pro­zent oder so­gar von 50 Pro­zent ver­tre­ten. In der Recht­spre­chung fehl­te bis­lang ei­ne ein­deu­ti­ge höchst­rich­ter­li­che Stel­lung­nah­me.

Der Streit­fall: Mehr­be­las­tun­gen des Ar­beit­ge­bers von knapp 33 Pro­zent ver­an­las­sen den Ar­beit­ge­ber, die Be­rech­nung der Be­triebs­ren­te um­zu­stel­len

Der kla­gen­de Be­triebs­rent­ner war von 1972 bis 1999 als Ar­beit­neh­mer beschäftigt und be­zog seit­dem ei­ne ge­setz­li­che Al­ters­ren­te und ei­ne Be­triebs­ren­te. Die Be­triebs­ren­te hat­te der Ar­beit­ge­ber als Ge­samt­ver­sor­gung mit ei­ner „Ge­samt­ren­ten­fort­schrei­bung“ zu­ge­sagt. Da-nach wur­de das Ein­kom­men des Be­triebs­rent­ners nach Maßga­be des An­stiegs der Ta­bel­len der Lan­des­be­sol­dungs­ord­nung Nord­rhein-West­fa­len fort­ge­schrie­ben.

Hier­aus wur­de un­ter Zu­grun­de­le­gung der in­di­vi­du­el­len Da­ten des Ren­ten­empfängers der Be­trag der Ge­samt­ver­sor­gung jähr­lich neu er­rech­net. Auf die­sen Be­trag wur­de ein Teil der ak­tu­ell be­zo­ge­nen ge­setz­li­chen Ren­te an­ge­rech­net. Auf­grund der Kürzung der Leis­tun­gen der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung wur­de die­ser zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers ge­hen­de Ab­zugs­be­trag im­mer ge­rin­ger, d.h. sei­ne Zah­lungs­pflich­ten stie­gen im­mer wei­ter an.

Mit Schrei­ben vom Fe­bru­ar 2004 teil­te der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rent­ner da­her mit, man wer­de künf­tig nur noch die der­zei­ti­ge Be­triebs­ren­te dy­na­mi­sie­ren und Verände­run­gen der So­zi­al­ver­si­che­rungs­ren­te nicht mehr berück­sich­ti­gen. Die­se Neu­re­ge­lung führ­te beim Kläger zu ei­ner mo­nat­li­chen Ein­buße von 13,67 EUR, die er vor dem Ar­beits­ge­richt ein­klag­te. Ar­beits­ge­richt Köln (Ur­teil vom 22.10.2004, 2 Ca 5055/04) und Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln (Ur­teil vom 16.09.2005, 12 Sa 1558/04) ga­ben dem Be­triebs­rent­ner recht, d.h. sie ver­ur­teil­ten den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung.

BAG: Erst wenn die fi­nan­zi­el­len Las­ten des Ar­beit­ge­bers die bei der Ren­ten­zu­sa­ge er­war­te­ten Las­ten um mehr als 50 Pro­zent über­schrei­ten, sind Kürzun­gen rech­tens

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätig­te die Ent­schei­dung der Vor­in­stan­zen und ur­teil­te da­mit für den Be­triebs­rent­ner. Zur Be­gründung heißt es:

Ein Ar­beit­ge­ber, der ei­ne Ge­samt­ver­sor­gungs­zu­sa­ge er­teilt ha­be, sei zwar nach den Grundsätzen der Störung der Geschäfts­grund­la­ge (§ 313 BGB) be­rech­tigt, ei­ne An­pas­sung der Ver­sor­gungs­re­ge­lun­gen zu ver­lan­gen, wenn ei­ne Äqui­va­lenzstörung vor­lie­ge. Hier­von ist nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts aber erst dann aus­zu­ge­hen, wenn die bei Schaf­fung des Ver­sor­gungs­werks zu­grun­de ge­leg­te Be­las­tung des Ar­beit­ge­bers auf­grund von Kürzun­gen der ge­setz­li­chen Ren­te um mehr als 50 Pro­zent über­schrit­ten wird.

Die­ses weit­ge­hen­de Ri­si­ko hält das Ge­richt für an­ge­mes­sen, da der Ar­beit­ge­ber durch ei­ne Ge­samt­ver­sor­gung zum Aus­druck brin­ge, dass er für ein be­stimm­tes Ver­sor­gungs­ni­veau ein­ste­hen wol­le. Ei­ne sol­che Form des Be­triebs­ren­ten­ver­spre­chens geht da­her mit der ei­nem vom Ar­beit­ge­ber be­wusst in Kauf ge­nom­me­nen ge­stei­ger­ten Ri­si­ko ein­her.

Dem­nach kann sich der Ar­beit­ge­ber von ei­ner sol­chen, von vorn­her­ein „gefähr­li­chen“ Ver­sor­gungs­zu­sa­ge nur un­ter be­son­ders stren­gen Vor­aus­set­zun­gen lösen. Da die vom Ar­beit­ge­ber im Pro­zess vor­ge­tra­ge­nen Mehr­be­las­tun­gen im vor­lie­gen­den Fall bei nur 32,8 Pro­zent und da­mit deut­lich un­ter der „Op­fer­gren­ze“ von 50 Pro­zent la­gen, wies das BAG die Re­vi­si­on zurück.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 28. November 2016

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Thomas Becker
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