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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/032

Kein Be­triebs­rat im Flug­zeug

Er­for­der­nis ta­rif­li­cher Re­ge­lung eu­ro­pa­rechts­kon­form: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 30.10.2009, 6 TaBV­Ga 2284/09
Fluggast und Pilot auf dem Rollfeld Be­triebs­rat im Flug­be­trieb

16.02.2010. Wäh­rend in Be­trie­ben mit in der Re­gel mehr als fünf Ar­beit­neh­mern das Recht be­steht, ei­nen Be­triebs­rat zu er­rich­ten, gilt dies nach § 117 Abs. 2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) nicht für "im Flug­be­trieb ein­ge­setz­te" Be­schäf­tig­te von Flug­ge­sell­schaf­ten. Hier be­steht ein Recht auf ei­ne Be­triebs­rats­grün­dung nur, wenn ein Ta­rif­ver­trag dies aus­drück­lich vor­sieht.

Da Ea­sy­Jet vor Ge­richt zog, als sei­ne im Flug­be­trieb ein­ge­setz­ten Be­schäf­tig­ten oh­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung ei­nen Be­triebs­rat grün­den woll­ten, hat­te sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg mit der Fra­ge zu be­fas­sen, ob § 117 Abs. 2 Be­trVG eu­ro­pa­rechts­kon­form ist: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 30.10.2009, 6 TaBV­Ga 2284/09.

Recht auf Gründung ei­nes Be­triebs­rats und die Aus­nah­me für im Flug­be­trieb ein­ge­setz­te Beschäftig­te

Nach § 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) wird in Be­trie­ben mit in der Re­gel mehr als fünf Ar­beit­neh­mern ein Be­triebs­rat er­rich­tet. Al­ler­dings macht das Ge­setz in § 117 Be­trVG ei­ne so­ge­nann­te Be­reichs­aus­nah­me, nämlich für im Flug­be­trieb ein­ge­setz­te Ar­beit­neh­mer von Luft­fahrt­un­ter­neh­men.

Ein Be­triebs­rat im Sin­ne des Be­trVG - mit al­len ent­spre­chen­den Un­ter­rich­tungs-, Anhörungs- und Mit­be­stim­mungs­rech­ten - kann zwar in Land­be­trie­ben von Luft­fahrt­un­ter­neh­men gewählt wer­den (§ 117 Abs. 1). Für das Ka­bi­nen­per­so­nal er­laubt das Ge­setz da­ge­gen nur dann ei­ne „Per­so­nal­ver­tre­tung“, wenn dies durch ei­nen Ta­rif­ver­trag vor­ge­se­hen ist (§ 117 Abs. 2).

Der Grund für die­se Aus­nah­me liegt in der ty­pi­scher­wei­se feh­len­den Orts­ge­bun­den­heit von Ar­beit­neh­mern, die im Flug­be­trieb ein­ge­setzt wer­den. Dies er­schwert, so die An­nah­me des Ge­setz­ge­bers, ei­ne ak­ti­ve Mit­ar­beit in ei­nem „ech­ten“ Be­triebs­rat er­heb­lich. Für das Ka­bi­nen­per­so­nal „passt“ das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz die­ser An­sicht zu­fol­ge nicht.

Im­mer­hin be­steht die Möglich­keit, ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung durch Ta­rif­ver­trag zu er­rich­ten, so dass die Ta­rif­par­tei­en, die an den be­trieb­li­chen Abläufen „näher dran“ sind als der Ge­setz­ge­ber, fle­xi­ble Lösun­gen für das Pro­blem der In­ter­es­sen­ver­tre­tung von Ka­bi­nen­mit­ar­bei­tern ge­stal­ten können. Für vie­le Luft­fahrt­un­ter­neh­men gibt es sol­che Ta­rif­verträge. Gibt es sie nicht, dann ha­ben die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer nach dem Ge­setz gar kei­ne be­trieb­li­che In­te-res­sen­ver­tre­tung.

Die Be­reichs­aus­nah­me be­deu­tet zwar ei­ne nach Art. 3 Grund­ge­setz (GG) im all­ge­mei­nen ver­bo­te­ne Schlech­ter­stel­lung ge­genüber an­de­ren Ar­beit­neh­mern. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) geht aber da­von aus, dass die­se Schlech­ter­stel­lung auf­grund der Be­son­der­hei­ten in Luft­fahrt­un­ter­neh­men ge­recht­fer­tigt ist.

Um­strit­ten und we­der vom BAG noch vom Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) geklärt ist al­ler­dings, ob die­se Be­nach­tei­li­gung mit eu­ropäischem Recht ver­ein­bar ist. Nach der hier maßgeb­li­chen Richt­li­nie 2002/14/EG, der Mit­be­stim­mungs­richt­li­nie, müssen nämlich die Mit­glieds­staa­ten al­len Ar­beit­neh­mern zu­min­dest ge­wis­se Un­ter­rich­tungs- und Anhörungs­rech­te gewähren. Ei­ne Aus­nah­me lässt die Richt­li­nie zwar für die Be­sat­zung von Hoch­see­schif­fen zu (Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2002/14/EG), was auch dem deut­schen Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz ent­spricht (vgl. §§ 115, 116 Be­trVG). Ei­ne Aus­nah­me für Luft­fahrt­un­ter­neh­men enthält die Mit­be­stim­mungs­richt­li­nie aber nicht.

Nach ver­brei­te­ter An­sicht ist § 117 da­her eu­ro­pa­rechts­kon­form in der Wei­se aus­zu­le­gen, dass in Luft­fahrt­un­ter­neh­men zwar durch Ta­rif­ver­trag ei­ne an die Be­son­der­hei­ten an­ge­pass­te Per­so­nal­ver­tre­tung er­rich­tet wer­den kann, dass aber im Fal­le des Feh­lens ei­nes sol­chen Ta­rif­ver­trags der eu­ropäische Min­dest­stan­dard da­durch gewähr­leis­tet wer­den muss, dass dann eben das Be­trVG un­ein­ge­schränkt an­zu­wen­den ist, d.h. dass dann auch die im Flug­be­trieb ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer ei­nen Be­triebs­rat wählen können.

Über die­se Fra­ge hat­te vor kur­zem das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zu ent­schei­den (Be­schluss vom 30.10.2009, 6 TaBV­Ga 2284/09), nach­dem sich in ers­ter In­stanz das Ar­beits­ge­richt Cott­bus für ei­ne eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Aus­le­gung des § 117 Be­trVG aus­ge­spro­chen hat­te (Be­schluss vom 24.09.2009, 1 BV­Ga 7/09).

Der Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg: Ka­bi­nen­per­so­nal von Ea­sy­Jet will oh­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung Be­triebs­rat gründen

An­trags­stel­ler war das Luft­fahrt­un­ter­neh­men Ea­sy­Jet. Mit­ar­bei­ter von Ea­sy­Jet, die der „Ba­se“ des Flug­ha­fens Ber­lin-Schöne­feld zu­ge­ord­net und im Flug­be­trieb ein­ge­setzt wa­ren, woll­ten nämlich ei­nen Be­triebs­rat wählen und hat­ten zu die­sem Zweck be­reits ei­nen Wahl­vor­stand be­stellt, der die Wahl durchführen soll­te.

Ea­sy­Jet be­an­trag­te vor dem Ar­beits­ge­richt Cott­bus ei­ne einst­wei­li­ge Verfügung, mit der dem Wahl­vor­stand un­ter An­dro­hung ei­nes Ord­nungs­gel­des die Durchführung der Wahl un­ter­sagt würde. Ein Ta­rif­ver­trag, der die An­wend­bar­keit des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes be­stimmt, exis­tiert für das Un­ter­neh­men nicht. Ea­sy­Jet mein­te da­her, die Be­stel­lung des Wahl­vor­stan­des sei nich­tig.

Das Ar­beits­ge­richt wies den An­trag zurück. Es schloss sich der An­sicht an, nach der § 117 Be­trVG eu­ro­pa­rechts­kon­form da­hin aus­zu­le­gen ist, dass sei­ne Be­reichs­aus­nah­me nur bei Be­ste­hen ei­nes Ta­rif­ver­trags greift, der die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung für das Ka­bi­nen­per­so­nal re­gelt.

Ge­gen die Ent­schei­dung leg­te Ea­sy­Jet so­for­ti­ge Be­schwer­de zum LAG Ber­lin-Bran­den­burg ein.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg: Oh­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung kein Recht auf Gründugn ei­nes Be­triebs­rats

Das LAG gab Ea­sy­Jet recht und ent­schied, dass die Be­stel­lung des Wahl­vor­stan­des nich­tig ist und un­ter­sag­te die Be­triebs­rats­wahl.

Nach An­sicht des LAG ist das Be­trVG auf­grund der kla­ren Re­ge­lung des § 117 Be­trVG auf Ka­bi­nen­per­so­nal nicht an­wend­bar. § 117 Be­trVG sei auch nicht eu­ro­pa­rechts­kon­form im Sin­ne der o.g. An­sicht aus­zu­le­gen.

§ 117 Be­trVG steht, so das LAG, nicht im Wi­der­spruch zur Mit­be­stim­mungs­richt­li­nie. Die­se will sei­ner An­sicht nach nur ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men bezüglich der Un­ter­rich­tungs- und Anhörungs­rech­te der Ar­beit­neh­mer schaf­fen. Wie die­ser aus­zufüllen ist, sei Sa­che der Mit­glied­staa­ten. Be­ste­hen­de na­tio­na­le Struk­tu­ren im Mit­be­stim­mungs­recht zu ändern, sei nicht Ziel der Richt­li­nie.

Da­her be­wegt sich § 117 Be­trVG, so das LAG, im Rah­men der Richt­li­ni­en­vor­ga­ben, in­dem es das Luft­per­so­nal auf Ta­rif­verträge ver­weist. Dass die Richt­li­nie ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen für Beschäftig­te auf Hoch­see­schif­fen zulässt, lässt nach Auf­fas­sung des Ge­richts nicht den Um­kehr­schluss zu, für Luft­per­so­nal sei dies ge­ra­de nicht möglich.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nur kon­se­quent, wenn das LAG der Mei­nung nicht folgt, § 117 Be­trVG sei eu­ro­pa­rechts­kon­form aus­zu­le­gen bzw. im Sin­ne ei­ner be­trieb­li­chen Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung für das Ka­bi­nen­per­so­nal aus­zu­le­gen.

Ob die Ent­schei­dung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg rich­tig ist, ist zwei­fel­haft. Im­mer­hin lässt sich § 117 Abs. 2 Be­trVG von sei­nem Wort­laut her auch so ver­ste­hen, dass dem Ar­beit­ge­ber nur die Möglich­keit ei­nes ta­rif­li­chen Re­ge­lung ge­ge­ben wird, d.h. dass ei­ne be­trieb­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­tung des Flug­per­so­nals auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge (wenn es ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag nicht gibt) nicht aus­ge­schlos­sen wird.

Im Er­geb­nis sind nun­mehr die Ge­werk­schaf­ten ge­for­dert, sich für ei­nen Be­triebs­rat bei Ea­sy­Jet stark zu ma­chen und dem Un­ter­neh­men ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag ab­zu­for­dern. An­dern­falls bleibt es bei der Ent­schei­dung des LAG.

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Letzte Überarbeitung: 9. Juni 2014

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