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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/115

Ver­bot von Werk­ver­trä­gen in der Fleisch­wirt­schaft

Ar­beits­schutz­kon­troll­ge­setz ver­bes­sert Ar­beits­bed­in­dun­gen in deut­schen Schlacht­hö­fen
Fleischereimitarbeiter produziert Wurst, Schlachthof

18.12.2020. Der Bun­des­tag hat am ver­gan­ge­nen Mitt­woch, dem 16.12.2020, das Ar­beits­schutz­kon­troll­ge­setz be­schlos­sen und so­mit Werk­ver­trä­ge im Kern­be­reich der Fleisch­wirt­schaft ver­bo­ten. Das Ge­setz soll im Ja­nu­ar in Kraft tre­ten.

Das Ge­setz ent­stamm­te dem Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung. Mit­te Mai die­ses Jah­res leg­te das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) ein Eck­punk­te­pa­pier "Ar­beits­schutz­pro­gramm für die Wirt­schaft" vor. Da­mit re­agier­te Bun­des­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) auf die Co­ro­na-In­fek­tio­nen aus­län­di­scher Ar­beits­kräf­te in meh­re­ren Fleisch­fa­bri­ken, aber auch die er­heb­li­chen Miss­stän­de in den Sam­mel­un­ter­künf­ten.

Aus dem Pa­pier ent­wi­ckel­te die Bun­des­re­gie­rung schließ­lich das "Ge­setz zur Ver­bes­se­rung des Voll­zugs im Ar­beits­schutz" (kurz "Ar­beits­schutz­kon­troll­ge­setz"). Dies sah fol­gen­de Maß­nah­men vor:

  • Ers­tens: Un­ter­neh­men der in­dus­tri­ell be­trie­be­nen Schlach­tung, Zer­le­gung von Schlacht­kör­pern und Fleisch­ver­ar­bei­tung müs­sen ih­re Be­trie­be künf­tig als al­lei­ni­ge In­ha­ber füh­ren (§ 6a Abs.1 Ge­setz zur Si­che­rung von Ar­beit­neh­mer­rech­ten in der Fleisch­wirt­schaft - GSA Fleisch, neue Fas­sung). Es ist ab dem 01.01.2021 ver­bo­ten, selb­stän­di­ge Per­so­nen (v.a. auf der Grund­la­ge von Werk­ver­trä­gen) ein­zu­set­zen (§ 6a Abs.2 GSA Fleisch, neue Fas­sung, gül­tig ab 01.01.2021). Ab dem 01.04.2021 ist dar­über hin­aus auch der Ein­satz von Leih­ar­beit in Un­ter­neh­men der in­dus­tri­ell be­trie­be­nen Schlach­tung und Fleisch­ver­ar­bei­tung ver­bo­ten (§ 6a Abs.2 GSA Fleisch, neue Fas­sung, gül­tig ab 01.04.2021).

Nicht be­trof­fen von die­sem Ver­bot der Werk­ver­trä­ge (ab 01.01.2021) und der Leih­ar­beit (ab 01.04.2021) sind Un­ter­neh­men des Flei­scher­hand­werks mit bis zu ma­xi­mal 49 tä­ti­gen Per­so­nen. Hier­bei zäh­len In­ha­ber, An­ge­stell­te, Werk­un­ter­neh­mer und Fremd­fir­men­kräf­te mit (§ 2 Abs.2 GSA Fleisch, neue Fas­sung).

  • Zwei­tens: Die Bun­des­län­der bzw. die dort tä­ti­gen Ar­beits­schutz­be­hör­den müs­sen ab 2026 ei­ne Min­dest­be­sich­ti­gungs­quo­te bei der Kon­trol­le von Be­trie­ben er­fül­len, d.h. sie müs­sen jähr­lich min­des­tens fünf Pro­zent der im Land vor­han­de­nen Be­trie­be be­sich­ti­gen (§ 21 Abs.1a Ar­beits­schutz­ge­setz - Ar­bSchG, neue Fas­sung).
  • Drit­tens: Für die Un­ter­brin­gung der meist aus­län­di­schen Ar­beits­kräf­te gel­ten künf­tig ver­bes­ser­te Min­dest­stan­dards. Au­ßer­dem wer­den Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die zu­stän­di­gen Be­hör­den über die Wohn- und Ein­satz­or­te der Ar­beits­kräf­te zu in­for­mie­ren (Nr.4.4 des An­hangs zur Ar­beits­stät­ten­ver­ord­nung, neue Fas­sung). Da­mit sol­len ef­fek­ti­ve­re Kon­trol­len durch die Be­hör­den er­mög­licht wer­den.
  • Vier­tens: Die Ar­beits­zeit­er­fas­sung in der Fleisch­in­dus­trie wird ver­schärft. Künf­tig gilt ei­ne Pflicht zur di­gi­ta­len Ar­beits­zeit­er­fas­sung und zur Auf­be­wah­rung der di­gi­ta­len Ar­beits­zeit­er­fas­sung (§ 6 GSA Fleisch, neue Fas­sung).
  • Fünf­tens: Die al­len Ar­beit­ge­bern dro­hen­de Geld­bu­ße bei be­stimm­ten Ver­stö­ßen ge­gen das Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG), z.B. bei Über­schrei­tung der Gren­zen der täg­li­chen Ar­beits­zeit, wird von ma­xi­mal 15.000 EUR auf ma­xi­mal 30.000 EUR an­ge­ho­ben (§ 22 Abs.2 Arb­ZG, neue Fas­sung).
  • Sechs­tens: Beim BMAS wird es künf­tig ei­nen aus (ma­xi­mal) 15 fach­kun­di­gen Per­so­nen be­ste­hen­den Aus­schuss für Si­cher­heit und Ge­sund­heit bei der Ar­beit ge­ben, um frü­her auf ar­beits­schutz­recht­li­che Pro­ble­me re­agie­ren zu kön­nen (§ 24a Ar­bSchG, neue Fas­sung). Au­ßer­dem wird bei der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin ei­ne Bun­des­fach­stel­le für Si­cher­heit und Ge­sund­heit bei der Ar­beit ein­ge­rich­tet (§ 23 Abs.5 Ar­bSchG, neue Fas­sung).

Der Bun­des­tag än­der­te die­sen Ge­set­zes­ent­wurf leicht ab, ins­be­son­de­re wur­de ei­ne ta­rif­li­che Öff­nungs­klau­sel für die Leih­ar­beit ein­ge­führt. Da­nach ist für die Dau­er von drei Jah­ren un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Leih­ar­beit mög­lich. Die An­trä­ge der AfD, der Grü­nen und der Lin­ken wur­den ab­ge­lehnt

Bun­des­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil ver­wies für die Be­deu­tung und die Not­wen­dig­keit der Än­de­run­gen auf die Wür­de des Men­schen (Art. 1 Ab­satz 1 Grund­ge­setz): „Da­zu ge­hört auch das Recht auf Le­ben und auf Ge­sund­heit. Und des­we­gen hat der Ge­sund­heits­schutz in die­ser Zeit obers­te Prio­ri­tät.“ Zu­lan­ge sei der Ar­beits­schutz in der Fleisch­bran­che nicht ge­nü­gend be­ach­tet wor­den, da­her er­klär­te Hu­ber­tus Heil: „Da­mit ist jetzt Schluss! Wir räu­men grund­sätz­lich auf in der Fleisch­in­dus­trie“.

SPD und Uni­on lob­ten das Ge­setz, wäh­rend Kri­tik von den an­de­ren Par­tei­en ge­äu­ßert wur­de. Die FDP kri­ti­sier­te, dass das Ge­setz das Ziel, bes­se­re Löh­ne und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen zu schaf­fen, ent­täu­schend um­set­ze. Es ge­be zu we­ni­ge Kon­trol­le, da­für aber zu viel Ver­bo­te.

Die Grü­nen und die Lin­ken kri­ti­sier­ten, die Ko­ali­ti­on sei vor der Fleischlob­by ein­ge­knickt. Die AfD äu­ßer­te die Sor­ge, die Ver­bo­te könn­ten das Aus für vie­le mit­tel­stän­di­ge Be­trie­be ver­ur­sa­chen, wäh­rend die Pro­duk­ti­on in grö­ße­rem Um­fang ins Aus­land ver­la­gert wer­de.

Der Bun­des­rat hat dem Ge­setz in­zwi­schen auch zu­ge­stimmt.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 4. Januar 2021

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