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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/089

Kün­di­gung ei­ner Pfle­ge­kraft we­gen Miss­hand­lung

Die Miss­hand­lung ei­nes Heim­be­woh­ners kann ei­ne Kün­di­gung der Pfle­ge­kraft recht­fer­ti­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 19.11.2019, 5 Sa 97/19
Krankenpflegerin mit Seniorin, Pflegehilfe, Pflegeberufe

08.09.2020. Bei der Pfle­ge äl­te­rer Men­schen muss be­son­de­re Rück­sicht auf ih­re Rech­te und Be­dürf­nis­se ge­nom­men wer­den. Kör­per­li­che Miss­hand­lun­gen sind ta­bu und kön­nen ei­ne Kün­di­gung ei­ner Pfle­ge­kraft recht­fer­ti­gen.

Ob dann ei­ne au­ßer­or­dent­li­che oder nur ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung zu­läs­sig ist, muss durch ei­ne In­ter­es­sens­ab­wä­gung im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den.

In ei­nem ein­schlä­gi­gen Streit­fall be­wer­te­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Meck­len­burg-Vor­pom­mern ei­ne frist­ge­mä­ße Kün­di­gung als zu­läs­sig: LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 19.11.2019, 5 Sa 97/19.

Körper­li­che Ge­walt ge­gen Pfle­ge­bedürf­ti­ge als Kündi­gungs­grund

Ar­beit­ge­ber können gemäß § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) aus wich­ti­gem Grund frist­los kündi­gen, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, die die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist un­zu­mut­bar ma­chen. Vom Ar­beit­neh­mer während der Ar­beit be­gan­ge­ne Körper­ver­let­zun­gen sind im All­ge­mei­nen ein sol­cher wich­ti­ger Grund. Ob ei­ne Körper­ver­let­zung als Kündi­gungs­grund auch im Ein­zel­fall schwer­wie­gend ge­nug für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung ist, muss durch ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­abwägung geklärt wer­den.

Körper­ver­let­zun­gen können außer­dem ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen. Sie ist ge­genüber ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung das mil­de­re Mit­tel. Wenn Ar­beit­neh­mer länger als sechs Mo­na­te in ei­nem Be­trieb mit über zehn Ar­beit­neh­mern beschäftigt und da­her durch das Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) geschützt sind (§ 1 Abs.1, § 23 Abs.1 KSchG), kann der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings auch auf ei­ne Körper­ver­let­zung nicht in al­len Fällen mit ei­ner or­dent­li­chen (ver­hal­tens­be­ding­ten) Kündi­gung re­agie­ren.

Ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung we­gen ei­ner im Dienst be­gan­ge­nen Körper­ver­let­zung muss viel­mehr „so­zi­al ge­recht­fer­tigt“ sein und da­mit § 1 Abs.2 KSchG ent­spre­chen. Hier kommt es auf die Verhält­nismäßig­keit der Kündi­gung an, d.h. es stellt sich die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber statt mit ei­ner Kündi­gung auch mit ei­nem mil­de­ren Mit­tel re­agie­ren könn­te, z.B. mit ei­ner Ab­mah­nung oder Ver­set­zung.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall des LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern kam das Ge­richt zu dem Er­geb­nis, dass ei­ne Pfle­ge­kraft we­gen ei­nes körper­li­chen Überg­riffs zu­las­ten ei­nes Pfle­ge­bedürf­ti­gen zu­recht frist­gemäß gekündigt wor­den war.

Im Streit: Fest­hal­ten ei­nes de­menz­kran­ken Pfle­ge­bedürf­ti­gen zum Du­schen trotz hef­ti­ger Ge­gen­wehr

Ei­ne knapp 25 Jah­re in ei­ner Pfle­ge- und Se­nio­ren­ein­rich­tung beschäftig­te Al­ten­pfle­ge­hel­fe­rin woll­te im Ja­nu­ar 2017 ei­nen 73-jähri­gen Pfle­ge­bedürf­ti­gen wa­schen. Er litt an hoch­gra­di­ger De­menz und wur­de durch ei­ne be­stell­te Be­treue­rin, sei­ne Le­bens­gefähr­tin, ver­tre­ten. Er hat­te ein­genässt und war seit meh­re­ren Ta­gen nicht mehr ge­wa­schen und ra­siert wor­den, da er die Körper­pfle­ge im­mer wie­der ab­ge­lehnt hat­te.

Nach­dem der Pfle­ge­bedürf­ti­ge der Pfle­ge­kraft zunächst frei­wil­lig ins Bad ge­folgt war und sich auf ei­nen Dusch­stuhl ge­setzt hat­te, lehn­te er das Ein­sei­fen und Ab­du­schen durch lau­tes Schrei­en, Spu­cken und Tre­ten ab. Die Pfle­ge­hel­fe­rin setz­te sich darüber hin­weg, in­dem sie ei­nen Kol­le­gen her­bei­rief, der den Pfle­ge­bedürf­ti­gen fest­hielt, während die Pfle­ge­hel­fe­rin den Pfle­ge­bedürf­ti­gen (wei­ter) dusch­te und wusch. Ob sich die Pfle­ge­hel­fe­rin an dem Fest­hal­ten be­tei­lig­te, konn­te nicht geklärt wer­den. Je­den­falls hat­te die Be­treue­rin nicht dar­in ein­ge­wil­ligt, Zwangs­mit­tel zum Zwe­cke der Körper­pfle­ge ein­zu­set­zen.

Auf­grund die­ses Vor­falls, der vom Heim­di­rek­tor be­merkt und be­en­det wor­den war, wur­de die Pfle­ge­kraft nach ei­nem vor­he­ri­gen Per­so­nal­gespräch so­wie nach Anhörung des Be­triebs­rats gemäß § 102 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) frist­los und hilfs­wei­se or­dent­lich aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen gekündigt. Die Pfle­ge­kraft er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge, die al­ler­dings vom Ar­beits­ge­richt Stral­sund ab­ge­wie­sen wur­de (Ur­teil vom 04.01.2019, 2 Ca 46/17). Da­ge­gen leg­te sie Be­ru­fung zum LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern ein.

LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Die Miss­hand­lung ei­nes Heim­be­woh­ners kann ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung der Pfle­ge­kraft recht­fer­ti­gen

Die Be­ru­fung hat­te nur teil­wei­se Er­folg. Das LAG be­wer­te­te die frist­lo­se Kündi­gung für un­wirk­sam. Al­ler­dings hat­te die or­dent­li­che Kündi­gung, die zu En­de Au­gust 2017 aus­ge­spro­chen wor­den war, wei­ter­hin Be­stand. Da­mit hat­te die Pfle­ge­hel­fe­rin ihr Ar­beits­verhält­nis letzt­lich doch ver­lo­ren, wenn auch nicht mit so­for­ti­ger Wir­kung. Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil:

Die Miss­hand­lung von Heim­be­woh­nern kann im All­ge­mei­nen ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen. Die Heim­un­ter­brin­gung kran­ker oder ge­brech­li­cher Men­schen schränkt we­der ihr Recht auf körper­li­che Un­ver­sehrt­heit noch ihr Persönlich­keits­recht ein. Ih­re Rech­te und Bedürf­nis­se sind viel­mehr zu wah­ren und zu fördern, wie sich aus § 2 Abs.1 Nr.1 und Nr.2 Heim­ge­setz (HeimG) er­gibt. Da­bei ist körper­li­che Ge­walt im All­ge­mei­nen un­zulässig. Ob Zwangs­mit­tel im Aus­nah­me­fall an­ge­wandt wer­den dürfen, müssen „die zuständi­gen Ärz­te, Be­treu­er und staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen“ ent­schei­den (Ur­teil, Rn.53).

Die­se Grundsätze hat­te die Pfle­ge­kraft nicht be­ach­tet, da sie körper­li­che Ge­walt ge­gen ei­nen de­menz­kran­ken Heim­be­woh­ner ein­setz­te. Das Wa­schen und Ra­sie­ren ge­schah ge­gen sei­nen klar er­kenn­ba­ren Wil­len. Da­bei be­stand kei­ne aku­te Ge­fahr für den Be­trof­fe­nen oder an­de­re Heim­be­woh­ner, so dass ein so­for­ti­ges Ein­schrei­ten nicht er­for­der­lich war (Ur­teil, Rn.54). An­ge­sichts der beträcht­li­chen Dau­er des Wa­schens und Du­schens lag hier auch kei­ne bloße Ba­ga­tel­le vor. Der körper­li­che Zwang, so das LAG, war we­der auf ei­nen kur­zen Au­gen­blick be­schränkt "noch be­weg­te er sich im nie­der­schwel­li­gen Be­reich“ (Ur­teil, Rn.56).

An­de­rer­seits sprach zu­guns­ten der Pfle­ge­kraft, dass die Überg­rif­fe nicht als Ge­walt­ex­zess zu be­wer­ten wa­ren. Außer­dem be­stand das Ar­beits­verhält­nis be­reits seit 25 Jah­ren und da­mit sehr lan­ge. Im Er­geb­nis be­deu­te­te das, dass die frist­lo­se Kündi­gung un­verhält­nismäßig war (Ur­teil, Rn.60). Gleich­zei­tig war die or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung zu En­de Au­gust 2017 al­ler­dings wirk­sam (Ur­teil, Rn.62-66).

Fa­zit: Pfle­ge­kräfte in Kran­kenhäusern oder Pfle­ge­ein­rich­tun­gen tra­gen ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung ge­genüber Pa­ti­en­ten und Pfle­ge­bedürf­ti­gen. Vie­le pfle­ge­ri­schen Hand­lun­gen, z.B. das Set­zen ei­ner Sprit­ze oder auch „nur“ das Schnei­den von Haa­ren oder Fin­gernägeln, sind recht­lich als (straf­ba­re) Körper­ver­let­zun­gen zu be­wer­ten, wenn es kei­ne wirk­sa­me Ein­wil­li­gung des Pa­ti­en­ten bzw. Pfle­ge­bedürf­ti­gen gibt. Um der­ar­ti­ge Vorwürfe von vorn­her­ein zu ver­mei­den, soll­ten Pfle­ge­kräfte Grenzüber­schrei­tun­gen in die­sem Be­reich auch im ei­ge­nen recht­li­chen In­ter­es­se strikt ver­mei­den.

Leh­nen Pfle­ge­bedürf­ti­ge wie hier im Streit­fall Maßnah­men der Körper­pfle­ge ab, z.B. das Wa­schen, Du­schen, Ra­sie­ren oder Na­gel­schnei­den, ha­ben Pfle­ge­kräfte erst ein­mal kei­ne an­de­re Möglich­keit, als die Ab­leh­nung in der Pfle­ge­do­ku­men­ta­ti­on zu ver­mer­ken. Ob dann im nächs­ten Schritt Zwangs­mit­tel im Aus­nah­me­fall ein­ge­setzt wer­den können, müssen die Pfle­ge­bedürf­ti­gen oder ih­re Be­treu­er zu­sam­men mit an­de­ren Per­so­nen und Stel­len ent­schei­den.

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Letzte Überarbeitung: 16. November 2020

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