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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/159

Kün­di­gung we­gen üb­ler Nach­re­de per Whats­App

Ver­brei­tet ei­ne Ar­beit­neh­me­rin per Whats­App das Ge­rücht, ein Kol­le­ge sei we­gen Ver­ge­wal­ti­gung ver­ur­teilt wor­den, kann dies ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung recht­fer­ti­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 14.03.2019, 17 Sa 52/18
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05.07.2019. Be­lei­di­gen­de Äu­ße­run­gen ge­gen­über Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­ten sind im­mer wie­der An­lass da­für, dass Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung aus­spre­chen.

Dies gilt auch dann, wenn die Ehr­ver­let­zung nicht in ei­ner her­ab­set­zen­den Be­wer­tung (z.B. „Pen­ner“, „Ver­sa­ger“), son­dern in ei­ner un­zu­tref­fen­den ruf­schä­di­gen­den Tat­sa­chen­be­haup­tung be­steht (z.B. „Spe­sen­be­trü­ger“, „Al­ko­ho­li­ker“).

Da­bei spielt es kei­ne Rol­le, ob die Be­lei­di­gung oder ruf­schä­di­gen­de Tat­sa­chen­be­haup­tung ge­gen­über dem Be­trof­fe­nen oder aber in des­sen Ab­we­sen­heit ge­gen­über Drit­ten ge­äu­ßert wird.

Über ei­nen sol­chen Fall der ruf­schä­di­gen­den Äu­ße­rung über ei­nen Ar­beits­kol­le­gen per Whats­App hat­te vor kur­zem das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg zu ent­schei­den: LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 14.03.2019, 17 Sa 52/18.

Wie weit geht die Ver­trau­lich­keit ei­nes Gesprächs un­ter Kol­le­gen?

Ar­beit­neh­mer, die ei­nen Kol­le­gen, Vor­ge­setz­ten oder den Ar­beit­ge­ber be­lei­di­gen, müssen mit ei­ner außer­or­dent­li­chen und frist­los aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung rech­nen, denn ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten ist im All­ge­mei­nen ein „wich­ti­ger Grund“ im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Dies gilt nach der Recht­spre­chung vor al­lem bei schwer­wie­gen­den, ins­be­son­de­re bei ras­sis­ti­schen bzw. frem­den­feind­li­chen Be­lei­di­gun­gen, oder auch dann, wenn der Be­trieb des Ar­beit­ge­ber mit den Zuständen in ei­nem KZ ver­gli­chen wird.

Be­wegt sich ei­ne Be­lei­di­gung da­ge­gen „nur“ im Be­reich von Fäkal­in­ju­ri­en und ähn­li­chen For­mal­be­lei­di­gun­gen (z.B. „Arsch­loch“, „Fett­sack“), die spon­tan bzw. unüber­legt geäußert wer­den, spricht dies bei der recht­li­chen Be­wer­tung des Vor­falls für den Ar­beit­neh­mer. Ent­las­tend ist es auch zu be­wer­ten, wenn die Be­lei­di­gung in ei­nem ver­trau­li­chen Gespräch un­ter Kol­le­gen über ei­nen nicht an­we­sen­den Drit­ten (Ar­beit­ge­ber, Vor­ge­setz­ter, Kol­le­ge) geäußert wird (BAG, Ur­teil vom 17.02.2000, 2 AZR 927/98, Rn.23; BAG, Ur­teil vom 10.10.2002, 2 AZR 418/01, Rn.26).

In sol­chen Fällen kom­men die Ar­beits­ge­rich­te oft zu dem Er­geb­nis, dass die vom Ar­beit­neh­mer be­gan­ge­ne Be­lei­di­gung bei ei­ner um­fas­sen­den Abwägung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les letzt­lich nicht aus­reicht für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung. Dann muss sich der Ar­beit­ge­ber sa­gen las­sen, dass die frist­lo­se Kündi­gung un­verhält­nismäßig war, und dass als mil­de­res Mit­tel auch ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung oder auch ei­ne Ab­mah­nung aus­rei­chend ge­we­sen wären.

Frag­lich ist, ob sich der Ar­beit­neh­mer bei gra­vie­ren­den Be­lei­di­gun­gen und/oder der Äußerung ex­trem rufschädi­gen­der Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen noch auf die Ver­trau­lich­keit der Äußerung be­ru­fen kann. Durch sol­che Äußerun­gen kann der Gesprächs­part­ner in ei­nen Ge­wis­sens­kon­flikt ge­ra­ten und sich ver­an­lasst se­hen, außen­ste­hen­de Drit­te zu in­for­mie­ren.

Der Streit­fall: Ar­beit­neh­me­rin gibt per Whats­App das Gerücht an ei­ne Kol­le­gin wei­ter, der im Be­trieb beschäftig­te Va­ter des Geschäftsführers sei ein ver­ur­teil­ter Ver­ge­wal­ti­ger

In dem vom LAG Ba­den-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall hat­te ei­ne erst we­ni­ge Ta­ge beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin ei­ner dort be­reits länger täti­gen Kol­le­gin, Frau S.D., per Whats­App das (un­zu­tref­fen­de) Gerücht mit­ge­teilt, der im Be­trieb als Ar­beit­neh­mer beschäftig­te Va­ter des Geschäftsführers sei we­gen Ver­ge­wal­ti­gung ver­ur­teilt wor­den. In der Whats­App-Kom­mu­ni­ka­ti­on hieß es da­zu:

„Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber er [Herr R. S., Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten und Va­ter des Geschäftsführers; Anm. des Ge­richts] soll ein ver­ur­teil­ter Ver­ge­wal­ti­ger sein, des­we­gen will ganz L. nichts mehr mit ihm zu tun ha­ben.
S. [Frau S. D.; An­mer­kung des Ge­richts], ich wer­de jetzt AL­LES un­ter­neh­men, dass wir BEI­DE dort raus­kom­men.
...
Jetzt bin ich ge­schockt. Ich wuss­te das er viel scheis­se ge­baut hat aber das ..
Ich ha­be auch die Au­gen auf­ge­ris­sen. Ha­be erzählt, wo ich ar­bei­te und die Leu­te erzählen mir so­was.
Ja gibt’s da ir­gend­ein Ur­teil oder so und wann soll das denn ge­we­sen sein?
Kei­ne Ah­nung, das ha­ben die Leu­te nicht da­zu ge­sagt, aber ganz EHR­LICH für so je­man­den wer­de ich nicht ar­bei­ten.
Und DU auch nicht.
Ich las­se mir et­was ein­fal­len. Mäuschen.
So was ist schon ei­ne kras­se Be­haup­tung
Das ha­ben mir meh­re­re Leu­te un­abhängig von ein­an­der erzählt.
Er soll früher wohl auch Be­trug in der Ver­si­che­rungs­bran­che durch­geführt ha­ben. Das soll aber nie an­ge­zeigt wor­den sein.
Ich weiß es auch nicht, aber die Leu­te, die mir das erzählt ha­ben, ha­ben noch nie Mist erzählt. Bin auch scho­ckiert ge­we­sen, als ich das gehört ha­be. Hab so­gar kurz­zei­tig über­legt, ihn mit den Be­haup­tun­gen zu kon­fron­tie­ren.

Die Whats­App-Gesprächs­part­ne­rin, Frau S.D., of­fen­bar­te sich dar­auf­hin dem Geschäftsführer, der die Ar­beit­neh­me­rin frist­los kündig­te. Hilfs­wei­se für den Fall der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung erklärte er ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung, und zwar mit zweiwöchi­ger Frist, da die Par­tei­en ei­ne Pro­be­zeit ver­ein­bart hat­ten (§ 622 Abs.3 BGB).

Die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin er­hob ge­gen die frist­lo­se Kündi­gung Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Stutt­gart Er­folg (Ur­teil vom 10.04.2018, 24 Ca 1481/18). Das Ar­beits­ge­richt be­wer­te­te da­bei die Ver­trau­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu­guns­ten der Kläge­rin, da sie nur mit ei­ner Gesprächs­part­ne­rin per Whats­App kom­mu­ni­ziert hat­te, nicht aber im Grup­pen-Chat.

LAG Ba­den-Würt­tem­berg: Ver­brei­tet ei­ne Ar­beit­neh­me­rin per Whats­App das Gerücht, ein Kol­le­ge sei we­gen Ver­ge­wal­ti­gung ver­ur­teilt wor­den, kann dies ei­ne frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen

Das LAG hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richt Stutt­gart auf und wies die Kla­ge ab. Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil:

Die Kläge­rin hat­te ei­ne sehr schwer­wie­gen­de sog. üble Nach­re­de be­gan­gen, d.h. sie hat­te un­rich­ti­ge und (ex­trem) rufschädi­gen­de Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen über den Va­ter des Geschäftsführers ver­brei­tet. Da­bei ver­wies das Ge­richt dar­auf, dass das hier ge­streu­te Gerücht ei­ner (Ver­ur­tei­lung we­gen) Ver­ge­wal­ti­gung im­mer­hin ein er­heb­li­ches, mit ei­ner Min­dest­frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren be­droh­tes Ver­bre­chen be­traf (Ur­teil, Rn.57).

Auf­grund der kur­zen Beschäfti­gungs­dau­er so­wie un­ter Berück­sich­ti­gung der Tat­sa­che, dass die Kläge­rin außer­dem - als wei­te­res Gerücht - be­haup­tet hat­te, der Va­ter des Geschäftsführers ha­be schon ein­mal ei­nen Ver­si­che­rungs­be­trug be­gan­gen, be­wer­te­te LAG die frist­lo­se Kündi­gung als wirk­sam.

Zu der (mögli­chen) Ver­trau­lich­keit der Whats­App-Kom­mu­ni­ka­ti­on äußert sich das LAG nicht, ob­wohl es da­zu auf­grund der oben erwähn­ten BAG-Recht­spre­chung An­lass ge­habt hätte. Im Er­geb­nis liegt hier aber kein Wi­der­spruch zum BAG vor, und zwar aus fol­gen­dem Grund:

Wer ge­genüber ei­nem Kol­le­gen im „ver­trau­li­chen Gespräch“ das (un­wah­re) Gerücht wei­ter­gibt, ein an­de­rer Be­triebs­an­gehöri­ger sei we­gen ei­nes Ver­bre­chens (!) ver­ur­teilt wor­den, bringt sei­nen Gesprächs­part­ner in ei­nen Ge­wis­sens­kon­flikt. Denn der mit ei­ner sol­chen In­for­ma­ti­on kon­fron­tier­te Gesprächs­part­ner wird sich nicht mehr in der La­ge se­hen, die Ver­trau­lich­keit des Gespräches zu wah­ren, son­dern er wird viel­mehr in Be­tracht zie­hen (müssen), den Gesprächs­in­halt Drit­ten zu of­fen­ba­ren, um da­durch die Be­rech­ti­gung der An­schul­di­gun­gen auf­zuklären. Un­ter sol­chen Umständen kann sich der Ar­beit­neh­mer nicht (mehr) auf die Ver­trau­lich­keit des Gesprächs be­ru­fen (vgl. BAG, Ur­teil vom 10.12.2009, 2 AZR 534/08, Rn.26; BAG, Ur­teil vom 10.10.2002,2 AZR 418/01, Rn.27).

Fa­zit: Wer ei­ne gra­vie­ren­de üble Nach­re­de be­geht, d.h. (sehr) rufschädi­gen­de un­wah­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen über Ar­beits­kol­le­gen, Vor­ge­setz­te oder Kun­den ver­brei­tet, muss auch dann mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung rech­nen, wenn er die­se (straf­ba­ren) Äußerun­gen in ei­nem (ver­meint­lich) ver­trau­li­chen Gespräch vor­bringt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 29. Juli 2019

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