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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/071

Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen ras­sis­ti­scher Äu­ße­run­gen

Volks­ver­het­zen­de Äu­ße­run­gen und Be­lei­di­gun­gen auf Face­book wäh­rend der Frei­zeit recht­fer­ti­gen nach lan­ger Be­schäf­ti­gung nicht im­mer ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.06.2019, 2 AZR 28/19
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08.06.2020. Ras­sis­ti­sche Äu­ße­run­gen wer­den heut­zu­ta­ge zu­recht nicht mehr to­le­riert.

Rich­ten sich sol­che Aus­sa­gen ge­gen Kol­le­gen, Vor­ge­setz­te oder ge­gen Kun­den, oder gibt es auf­grund an­de­rer Be­gleit­um­stän­de ei­nen Zu­sam­men­hang zum Ar­beits­ver­hält­nis, kann der Ar­beit­ge­ber mit ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung auf der Grund­la­ge von § 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) re­agie­ren.

An­ders ist es aber dann, wenn ras­sis­ti­sche Be­lei­di­gun­gen kei­ne Be­zie­hung zum Ar­beit­ge­ber ha­ben, z.B. weil sie in der Frei­zeit oder am Wo­chen­en­de ge­äu­ßert wer­den. Dann ver­stößt der Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen nicht ge­gen ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten. Denn was der Ar­beit­neh­mer au­ßer­halb des Be­triebs macht, geht den Ar­beit­ge­ber erst ein­mal nichts an.

Aus­nahms­wei­se ist aber auch in sol­chen Fäl­len ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung mög­lich, näm­lich dann, wenn das "ras­sis­ti­sche Frei­zeit­ver­hal­ten" die per­sön­li­che Eig­nung des Ar­beit­neh­mers in­fra­ge stel­le. Dann kann ist ei­ne (au­ßer­or­dent­li­che) Kün­di­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Grün­den zu­läs­sig sein.

In die­sem Sin­ne hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in 2012 ent­schie­den, dass die Fi­nanz­ver­wal­tung ei­nen In­nen­dienst­mit­ar­bei­ter aus per­so­nen­be­ding­ten Grün­den kün­di­gen durf­te, weil er als NPD-Ak­ti­vist ei­ne von der NPD stam­men­de E-Mail wei­ter­ge­lei­tet hat­te, in der zum ge­walt­sa­men po­li­ti­schen Um­sturz auf­ge­ru­fen wur­de (BAG, Ur­teil vom 06.09.2012, 2 AZR 372/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/301 NPD-Ak­ti­vist we­gen Wei­ter­lei­tung ei­nes Auf­rufs zum ge­walt­sa­men Um­sturz ge­kün­digt).

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das BAG jetzt aber zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­schie­den: BAG, Ur­teil vom 27.06.2019, 2 AZR 28/19.

Hier ging es um ei­nen In­nen­dienst-An­ge­stell­ten des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes (LKA) Thü­rin­gen. Er hat­te auf Face­book un­ter sei­nem Na­men mus­li­mi­sche Zu­wan­de­rer als „Ab­schaum“ und „Brut“ be­zeich­net und an­de­re Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer als „Hohl­frosch“, „Scheiß­lap­pen“ und „Na­zi­pack“. Die Aus­sa­gen wa­ren öf­fent­lich ein­seh­bar, ent­hiel­ten aber kei­nen Hin­weis auf die Tä­tig­keit des An­ge­stell­ten beim LKA.

Der Ar­beit­ge­ber kün­dig­te nach An­hö­rung des Per­so­nal­rats au­ßer­or­dent­lich und frist­los. Zum Zeit­punkt der Kün­di­gung war der An­ge­stell­te 52 Jah­re alt und be­reits mehr als 17 Jah­re beim LKA be­schäf­tigt. Er er­hob Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Er­furt (Ur­teil vom 25.08.2017, 8 Ca 739/17) und vor dem Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Er­folg (Ur­teil vom 14.11.2018, 6 Sa 204/18).

Auch in Er­furt vor dem BAG zog der Ar­beit­ge­ber den Kür­ze­ren, denn die In­ter­es­sen­ab­wä­gung des LAG war in Ord­nung, so das BAG (Ur­teil, Rn.13 bis 16). Der Ar­beit­ge­ber hät­te den An­ge­stell­ten näm­lich wäh­rend der Kün­di­gungs­frist mit an­de­ren, we­ni­ger si­cher­heits­re­le­van­ten Auf­ga­ben be­schäf­ti­gen kön­nen (Thü­rin­ger LAG, Ur­teil vom 14.11.2018, 6 Sa 204/18, S.17). Da­mit war die au­ßer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung un­ver­hält­nis­mä­ßig, auch un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters des An­ge­stell­ten und sei­ner lan­gen Be­schäf­ti­gungs­dau­er.

Fa­zit: Das In­ter­net ist kein rechts­frei­er Raum. Ras­sis­ti­sche Pö­be­lei­en in so­zia­len Me­di­en kön­nen nicht nur straf­recht­li­che, son­dern auch ar­beits­recht­li­che Fol­gen ha­ben. Hät­te das LKA hier im Streit­fall nicht die Mög­lich­keit ei­ner vor­über­ge­hen­den Be­schäf­ti­gung mit an­de­ren, we­ni­ger si­cher­heits­re­le­van­ten Auf­ga­ben ge­habt, wä­re die Kün­di­gung wohl rech­tens ge­we­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 19. September 2020

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