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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/094

LAG Kiel ur­teilt zu Ver­dachts­kün­di­gung

An­hö­rungs­frist von Don­ners­tag­abend bis Mon­tag­mit­tag vor Ver­dachts­kün­di­gung kann bei er­krank­tem Ar­beit­neh­mer zu kurz sein: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 13.04.2018, 3 Sa 398/17
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16.04.2018. Ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung we­gen des Ver­dachts ei­ner Pflicht­ver­let­zung setzt vor­aus, dass der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer vor Aus­spruch der Kün­di­gung zu den be­ste­hen­den Ver­dachts­mo­men­ten an­hört.

Denn hat der Ar­beit­neh­mer kei­ne Chan­ce, die Ver­dachts­mo­men­te in ei­ner An­hö­rung vor Aus­spruch der Kün­di­gung aus der Welt zu schaf­fen, ist die Ver­dachts­kün­di­gung un­wirk­sam.

In ei­nem Ur­teil vom Frei­tag letz­ter Wo­che hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Kiel ent­schie­den, dass ei­ne Frist von Don­ners­tag­abend bis Mon­tag­mit­tag zur (schrift­li­chen) Stel­lung­nah­me zu kurz ist, wenn der Ar­beit­neh­mer ar­beits­un­fä­hig er­krankt ist und we­gen an­de­rer Streit­punk­te von ei­nem An­walt ver­tre­ten wird, dem das An­hö­rungs­schrei­ben aber nicht zu­lei­tet wird: LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 13.04.2018, 3 Sa 398/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Wie lan­ge soll­te der Ar­beit­ge­ber den Sach­ver­halt vor ei­ner Ver­dachtskündi­gung aufklären?

Ar­beit­neh­mer, die in er­heb­li­cher Wei­se ge­gen ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten ver­s­toßen, z.B. durch ei­nen Be­trug oder Dieb­stahl zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers, ris­kie­ren we­gen sol­cher Pflicht­ver­let­zun­gen ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­los aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen, bei der der Ar­beit­ge­ber in der Re­gel kei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung aus­ge­spro­chen ha­ben muss.

Ge­setz­li­che Grund­la­ge für ei­ne sol­che außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Da­nach können bei­de Ver­trags­par­tei­en oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Frist kündi­gen, wenn sie dafür ei­nen "wich­ti­gen Grund" ha­ben. Und er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zun­gen wie Vermögens­de­lik­te oder an­de­re Straf­ta­ten sind als wich­ti­ger Grund an­er­kannt.

In vie­len Fällen strei­ten Ar­beit­neh­mer sol­che Vorwürfe aber ab, ob nun zu­recht (da sie un­schul­dig sind) oder zu Un­recht (um sich zu schützen). Dann kann der Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund auch auf den Ver­dacht stützen, der ge­gen den Ar­beit­neh­mer be­steht.

Vor­aus­set­zung ei­ner Ver­dachtskündi­gung ist ers­tens, dass der Tat­ver­dacht drin­gend bzw. "er­drückend" ist. Zwei­tens muss der Ar­beit­ge­ber den Sach­ver­halt vor Aus­spruch der Kündi­gung bestmöglich auf­geklärt ha­ben. Und zur Aufklärung der Ver­dachts­mo­men­te gehört im­mer, dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer in ei­ner Anhörung Ge­le­gen­heit hat­te, sich zu den Ver­dachts­mo­men­ten zu äußern, um sie zu ent­kräften und um da­mit sei­ne Un­schuld zu be­wei­sen.

Ist der Ar­beit­neh­mer nicht im Be­trieb, z.B. weil er er­krankt ist, Ur­laub macht oder frei­ge­stellt wur­de, soll­te der Ar­beit­ge­ber zügig ei­ne schrift­li­che Anhörung ver­fas­sen und dem Ar­beit­neh­mer nach Hau­se schi­cken. Denn Tröde­lei bei der Aufklärung des Sach­ver­hal­tes ist ris­kant, weil die ge­setz­li­che Zwei­wo­chen­frist zum Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen und frist­lo­sen Kündi­gung ab­lau­fen kann (§ 626 Abs.2 BGB).

Wie lan­ge Zeit zur Be­ant­wor­tung des Anhörungs­schrei­bens der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer las­sen muss, ist we­der im Ge­setz noch in der Recht­spre­chung klar de­fi­niert. Um die­se Fra­ge geht es in dem Ur­teil des LAG Schles­wig-Hol­stein.

Der Kie­ler Streit­fall: Frei­ge­stell­ter In­ge­nieur muss Lap­top her­aus­ge­ben und über­sen­det dem Ar­beit­ge­ber das fal­sche Gerät

In dem Fall des LAG Kiel la­gen ein In­ge­nieur und sein Ar­beit­ge­ber be­reits seit länge­rem im Streit und hat­ten so­gar schon ei­ni­ge Ge­richts­pro­zes­se über die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses geführt, bis hin zum LAG. Im Au­gust 2016 sprach der Ar­beit­ge­ber er­neut ei­ne Kündi­gung aus, der fol­gen­der Sach­ver­halt zu­grun­de lag:

Im Zu­ge ei­ner im Ju­ni 2016 aus­ge­spro­che­nen Ver­set­zung aus der Ent­wick­lungs­ab­tei­lung in den Außen­dienst stell­te der Ar­beit­ge­ber dem In­ge­nieur ei­nen Lap­top zur Verfügung. Nach­dem die­ser ge­gen die Ver­set­zung Kla­ge er­ho­ben hat­te und zu­dem durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt war, ver­lang­te der Ar­beit­ge­ber den Lap­top wie­der her­aus, u.a. auf­grund der Tat­sa­che, dass der In­ge­nieur größere Da­ten­men­gen über den Lap­top her­un­ter­ge­la­den hat­te.

Am 03.08.2016 über­sand­te der In­ge­nieur dem Ar­beit­ge­ber ei­nen an­de­ren Lap­top. Ob das ver­se­hent­lich ge­schah oder mit Ab­sicht, blieb später vor Ge­richt strei­tig. Der Ar­beit­ge­ber be­wer­te­te den Vor­fall je­den­falls als schwe­ren Pflicht­ver­s­toß und gab dem Ar­beit­neh­mer mit Schrei­ben vom 04.08.2016 (Don­ners­tag) Ge­le­gen­heit, sich zu dem Ver­dacht ei­nes ab­sicht­li­chen Ver­tau­schens der Geräte zu äußern.

Das Anhörungs­schrei­ben ging frühes­tens am Don­ners­tag­abend im Brief­kas­ten des Ar­beit­neh­mers ein, wo­bei die Frist zur Stel­lung­nah­me am 08.04.2016 (Mon­tag­mit­tag um 13:00 Uhr) ab­lau­fen soll­te. Den An­walt des Ar­beit­neh­mers in­for­mier­te der Ar­beit­ge­ber da­bei nicht. Als in­ner­halb die­ser knap­pen Frist kei­ne Stel­lung­nah­me ein­ging, brach­te der Ar­beit­ge­ber ei­ne außer­or­dent­li­che Ver­dachtskündi­gung auf den Weg, ge­gen die der Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­reich­te.

LAG Kiel: Anhörungs­frist von Don­ners­tag­abend bis Mon­tag­mit­tag vor Ver­dachtskündi­gung kann bei er­krank­tem Ar­beit­neh­mer zu kurz sein

Das LAG ent­schied den Fall zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers und ließ die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) nicht zu. So­lan­ge die Frist für die Ein­le­gung ei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de noch nicht ver­stri­chen ist, ist das LAG-Ur­teil aber nicht rechts­kräftig. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des LAG:

An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass sich die Par­tei­en be­reits an­der­wei­tig in ver­trag­li­chen und auch ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen be­fan­den, in de­nen sich der Ar­beit­neh­mer stets an­walt­lich ver­tre­ten ließ, be­wer­te­te das Ge­richt die ge­setz­te Stel­lung­nah­me­frist von Don­ners­tag­abend bis Mon­tag­mit­tag als "in je­der Hin­sicht" zu kurz.

An die­ser Stel­le hielt das LAG dem Ar­beit­ge­ber vor, dass er das Anhörungs­schrei­ben nicht zu­gleich dem An­walt des In­ge­nieurs zu­ge­sandt hat­te, was er vor­ab per Fax hätte tun können. Außer­dem war der In­ge­nieur ar­beits­unfähig krank, was der Ar­beit­ge­ber wuss­te. Da­her muss­te er da­mit rech­nen, so das LAG, dass er sich nicht durchgängig zu Hau­se auf­hal­ten würde.

Fa­zit: Ar­beit­ge­bern ist zu ra­ten, bei der schrift­li­chen Anhörung des Ar­beit­neh­mers vor ei­ner ge­plan­ten Ver­dachtskündi­gung ei­ne eher großzügi­ge Frist zur Stel­lung­nah­me zu set­zen. Da­bei dürf­ten je nach Sach­ver­halt ei­ne Wo­che oder zehn Ta­ge an­ge­mes­sen sein. Auch wenn ei­ne sol­che Frist (nach späte­rer Einschätzung ei­nes Ar­beits­ge­richts) bes­ser kürzer fest­ge­setzt wor­den wäre, droht dem Ar­beit­ge­ber da­durch kei­ne Versäum­ung der Zwei­wo­chen­frist für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung (§ 626 Abs.2 BGB). Denn auch ei­ne (ge­ringfügig) "zu lan­ge" Frist für ei­ne Anhörung bzw. Stel­lung­nah­me des Ar­beit­neh­mers dient je­den­falls noch dem Ziel der Sach­ver­halts­aufklärung.

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Letzte Überarbeitung: 30. Oktober 2018

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