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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/197

An­spruch auf Teil­zeit

Auch im Schicht­be­trieb ein­ge­setz­te Ma­schi­nen­füh­rer ha­ben ei­nen An­spruch auf Teil­zeit: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 10.01.2013, 7 Sa 766/12
Im Schicht­be­trieb kei­ne Teil­zeit?
12.07.2013. Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen An­spruch auf Teil­zeit, vor­aus­ge­setzt, sie sind län­ger als sechs Mo­na­te be­schäf­tigt und im Be­trieb ih­res Ar­beit­ge­bers ar­bei­ten mehr als 15 Ar­beit­neh­mer.

Ar­beit­ge­ber wol­len aber oft kei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung be­wil­li­gen, weil sie mit or­ga­ni­sa­to­ri­schen Pro­ble­men ver­bun­den ist. Und die Lö­sung die­ser Pro­ble­me kos­tet letzt­lich Geld.

Da­her strei­ten Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer im­mer wie­der vor Ge­richt über die Fra­ge, ob die vom Ar­beit­neh­mer ge­wünsch­te Teil­zeit­ar­beit für den Ar­beit­ge­ber zu­mut­bar ist oder nicht.

In ei­nem vor kur­zem ver­öf­fent­lich­ten Ur­teil hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln ent­schie­den, dass auch ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer, die im Schicht­be­trieb ar­bei­ten, ei­nen An­spruch auf Teil­zeit ha­ben kön­nen: LAG Köln, Ur­teil vom 10.01.2013, 7 Sa 766/12.

Ha­ben auch Ar­beit­neh­mer, die im Schicht­be­trieb ar­bei­ten, ei­nen An­spruch auf Teil­zeit?

Der An­spruch auf Teil­zeit, d.h. auf ver­trag­li­che Her­ab­set­zung der Ar­beits­zeit, folgt aus § 8 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG). Er be­steht aber auch dann, wenn das Ar­beits­verhält­nis länger als sechs Mo­na­te be­stan­den hat und im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers mehr als 15 Ar­beit­neh­mer beschäftigt sind, nicht ab­so­lut.

Viel­mehr kann der Ar­beit­ge­ber den Teil­zeit­an­trag des Ar­beit­neh­mers zurück­wei­sen, wenn dem Teil­zeit­wunsch "be­trieb­li­che Gründe ent­ge­gen­ste­hen".

Ein sol­cher Ab­leh­nungs­grund liegt nach § 8 Abs.4 Satz 2 Tz­B­fG ins­be­son­de­re vor, wenn die Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit die Or­ga­ni­sa­ti­on, den Ar­beits­ab­lauf oder die Si­cher­heit im Be­trieb we­sent­lich be­ein­träch­tigt oder un­verhält­nismäßige Kos­ten ver­ur­sacht.

Frag­lich ist, ob be­reits ein Schicht­sys­tem ei­nen Ab­leh­nungs­grund dar­stellt, d.h. ob der Ar­beit­ge­ber den Wunsch nach ei­ner Teil­zeit im Um­fang von vier St­un­den pro Tag mit dem Ar­gu­ment ab­leh­nen kann, dass ent­we­der ei­ne vol­le Schicht ge­ar­bei­tet wer­den muss (= acht St­un­den) oder eben gar nicht.

Über ei­nen sol­chen Streit­fall hat­te das LAG Köln vor kur­zem zu ent­schei­den (LAG Köln, Ur­teil vom 10.01.2013, 7 Sa 766/12).

Der Fall des LAG Köln: Ma­schi­nenführer möch­te nicht mehr voll­zei­tig im Schicht­be­trieb, son­dern nur noch vier St­un­den am Vor­mit­tag ar­bei­ten

Im Streit­fall ging es um ei­nen Ma­schi­nenführer, der nach zwei Jah­ren El­tern­zeit in den Be­trieb zurück­kehr­te und Teil­zeit un­ter Be­ru­fung auf § 8 Tz­B­fG ver­lang­te. Während er zu­vor im Drei­schicht­sys­tem 40 St­un­den pro Wo­che ar­bei­te­te, woll­te er jetzt nur noch 20 Wo­chen­stun­den ar­bei­ten, wo­bei die dann vierstündi­ge tägli­che Ar­beits­zeit in der Frühschicht zwi­schen 09:00 Uhr und 14:00 Uhr lie­gen soll­te.

Hin­ter­grund sei­nes Teil­zeit­wun­sches war, dass er für zwei Kin­der zu sor­gen hat­te und sei­ne Frau voll­zei­tig be­rufstätig war.

Nach­dem der Ar­beit­ge­ber in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Bonn ver­lo­ren hat­te (Ar­beits­ge­richt Bonn, Ur­teil vom 18.07.2012, 2 Ca 645/11 EU), schlos­sen die Par­tei­en zwi­schen den In­stan­zen ei­nen - un­be­fris­te­ten - neu­en Ar­beits­ver­trag, der dem Teil­zeit­wunsch des Ar­beit­neh­mers ent­sprach, in­dem dort ei­ne tägli­che Ar­beits­zeit von 10:00 Uhr bis 14:00 Uhr fest­ge­legt wur­de (Ar­beits­ver­trag vom 22.08./01.09.2012).

In der Be­ru­fungs­in­stanz strit­ten die Par­tei­en dann nur noch dar­um, ob sich der Rechts­streit durch Ab­schluss die­ses neu­en Ar­beits­ver­tra­ges er­le­digt hat­te, denn das war die Auf­fas­sung des Ar­beit­neh­mers. Der Er­le­di­gungs­erklärung woll­te sich der Ar­beit­ge­ber aber nicht an­sch­ließen, son­dern ver­folg­te im­mer noch das Ziel ei­ner Auf­he­bung des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils durch das LAG.

LAG Köln: Auch Schicht­ar­bei­ter ha­ben ei­nen An­spruch auf Teil­zeit, wenn sie mit ih­rer ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit sinn­voll im Schicht­be­trieb ein­ge­setzt wer­den können

Das LAG stell­te durch Ur­teil fest, dass sich der Rechts­streit in der Haupt­sa­che er­le­digt hat­te und leg­te dem Ar­beit­ge­ber die Kos­ten auf. Zur Be­gründung heißt es:

Der Ar­beit­ge­ber hat­te selbst den Vor­schlag ge­macht, ei­nen un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit ei­ner ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit von vier St­un­den vor­mit­tags (je­weils von 10:00 bis 14:00 Uhr) ab­zu­sch­ließen. Das hätte er nicht tun müssen, son­dern hätte z.B. ei­nen sol­chen Ver­trag be­fris­tet bis zu ei­ner rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung vor­schla­gen können. Mit dem un­be­fris­te­ten Ver­trag hat­te er da­ge­gen den Teil­zeit­wunsch des Ar­beit­neh­mers in vol­lem Um­fang erfüllt, so dass sich der Rechts­streit in der Haupt­sa­che er­le­digt hat­te.

Außer­dem, so das LAG, hat­te das Ar­beits­ge­richt Bonn den Ar­beit­ge­ber zu­recht zum Ab­schluss ei­ner Teil­zeit­ver­ein­ba­rung ver­ur­teilt. Denn die vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­brach­ten an­geb­li­chen be­trieb­li­chen Gründe wa­ren nicht nach­voll­zieh­bar, ge­schwei­ge denn gra­vie­rend.

Der Ar­beit­ge­ber hat­te sich dar­auf be­ru­fen, al­lein für den Kläger ei­ne ge­son­der­te zeit­auf­wen­di­ge Schichtüberg­a­be or­ga­ni­sie­ren zu müssen, doch nahm die Ar­beits- bzw. Schichtüberg­a­be tatsächlich, wie sich im Pro­zess her­aus­stell­te, nur we­ni­ge Se­kun­den (!) in An­spruch. Auch die Ur­laubs- und Krank­heits­ver­tre­tung wur­de durch dei Teil­zeit des Ar­beit­neh­mers nicht er­schwert.

Fa­zit: Auch Ar­beit­neh­mer, die im Schicht­be­trieb ar­bei­ten, ha­ben ei­nen An­spruch auf Teil­zeit. Außer­dem können sie ei­ne sol­che Ver­tei­lung ih­rer ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit ver­lan­gen, dass dass sie im Er­geb­nis nur noch ei­ner be­stimm­ten Schicht am Tag zu­ge­teilt wer­den können.

Dass das nicht der Wunsch­vor­stel­lung des Ar­beit­ge­bers ent­spricht, heißt noch lan­ge nicht, dass die vom Ar­beit­neh­mer ver­lang­te Teil­zeit die Or­ga­ni­sa­ti­on, den Ar­beits­ab­lauf oder die Si­cher­heit im Be­trieb we­sent­lich be­ein­träch­tigt und/oder un­verhält­nismäßige Kos­ten ver­ur­sacht.

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Letzte Überarbeitung: 13. Oktober 2016

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Thomas Becker
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