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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/255

Ab­leh­nung ei­nes Teil­zeit­an­trags

Die Mit­tei­lung des Ar­beit­ge­bers, mit der ein Teil­zeit­an­trag ab­ge­lehnt wird, muss schrift­lich ab­ge­fasst wer­den und ist da­her nur mit Un­ter­schrift gül­tig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.06.2017, 9 AZR 368/16
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05.10.2017. Manch­mal lässt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ein Fax oder ei­ne E-Mail für ei­ne Er­klä­rung ge­nü­gen, die nach dem Ge­set­zes­wort­laut ei­gent­lich "schrift­lich" er­klärt und da­mit ei­gen­hän­dig un­ter­schrie­ben wer­den soll­te, so z.B. bei der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats ge­gen­über ei­ner per­so­nel­len Ein­zel­maß­nah­me (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/130 Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung bei per­so­nel­len Ein­zel­maß­nah­men: E-Mail ge­nügt).

In an­de­ren Fäl­len da­ge­gen ist das BAG streng, und dann heißt "schrift­lich", dass ein Schrei­ben oh­ne Un­ter­schrift oder ei­ne E-Mail un­wirk­sam ist, so z.B. ein An­trag auf El­tern­zeit (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/157 An­trag auf El­tern­zeit nur mit Un­ter­schrift).

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das BAG ei­ne ge­setz­li­che Schrift­form­vor­ga­be wie­der ein­mal strikt aus­ge­legt und ent­schie­den, dass die Ab­leh­nung ei­nes An­trags auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit nur wirk­sam ist, wenn der Ar­beit­ge­ber sie schrift­lich er­klärt: BAG, Ur­teil vom 27.06.2017, 9 AZR 368/16.

Genügt für die Ab­leh­nung ei­nes Teil­zeit­an­trags die Text­form oder muss der Ar­beit­ge­ber Pa­pier und Tin­te ver­wen­den?

Ein An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung steht al­len Ar­beit­neh­mern zu, die länger als sechs Mo­na­te in ei­nem Be­trieb mit mehr als 15 Ar­beit­neh­mern beschäftigt sind. Da­zu schreibt § 8 Abs.2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) vor, dass ein sol­cher Teil­zeit­an­trag spätes­tens drei Mo­na­te vor Be­ginn der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung gel­tend ge­macht wer­den muss, wo­bei die gewünsch­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit an­ge­ben wer­den "soll".

Für die­sen An­trag sieht das Ge­setz kei­ne Schrift­form vor, d.h. § 126 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) gilt hier nicht. Nach die­ser Vor­schrift ist für ei­ne "schrift­li­che" Erklärung er­for­der­lich, dass sie auf ei­ner Ur­kun­de, d.h. ei­nem Pa­pier fest­ge­hal­ten wird, und dass die­ses Pa­pier vom Aus­stel­ler ei­genhändig durch Na­mens­un­ter­schrift un­ter­zeich­net wird (§ 126 Abs.1 BGB).

So­viel Kor­rekt­heit ist wie ge­sagt für den An­trag des Ar­beit­neh­mers auf Teil­zeit nicht er­for­der­lich. An­ders sieht es da­ge­gen für den Ar­beit­ge­ber aus, der ei­nen An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung zurück­wei­sen möch­te, weil aus sei­ner Sicht be­trieb­li­che Gründe ent­ge­gen­ste­hen.

Dann muss der Ar­beit­ge­ber nämlich nach vor­he­ri­ger (er­folg­lo­ser) Dis­kus­si­on mit dem Ar­beit­neh­mer (§ 8 Abs.3 Tz­B­fG) spätes­tens ei­nen Mo­nat vor dem gewünsch­ten Be­ginn der be­an­trag­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ein Ab­leh­nungs­schrei­ben ver­fas­sen, denn an­dern­falls ver­rin­gert sich die Ar­beits­zeit in dem vom Ar­beit­neh­mer gewünsch­ten Um­fang kraft Ge­set­zes (§ 8 Abs.5 Satz 2 Tz­B­fG). Und für die­se Ab­leh­nung sieht § 8 Abs.5 Satz 2 Tz­B­fG vor, dass sie "schrift­lich" erklärt wird.

In den ar­beits­ge­richt­li­chen Kom­men­ta­ren ist die Fra­ge um­strit­ten, ob die­se Schrift­form-Vor­ga­be im stren­gen Sin­ne zu ver­ste­hen ist, d.h. im Sin­ne von § 126 Abs.1 BGB, so dass Pa­pier und Un­ter­schrift nötig wären. Ei­ni­ge Au­to­ren sind der Mei­nung, dass es aus­reicht, wenn der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer die Ab­leh­nung der gewünsch­ten Teil­zeit in Text­form erklärt. Dann würde § 126b BGB gel­ten und es würde dem­zu­fol­ge ei­ne E-Mail oder an­de­re elek­tro­ni­sche Be­nach­rich­ti­gung genügen, die den Ar­beit­ge­ber als Aus­stel­ler er­ken­nen lässt, vom Ar­beit­neh­mer ge­le­sen wer­den kann (ei­ne Sprach­nach­richt genügt nicht) und dau­er­haft ge­spei­chert wer­den kann, wie das bei E-Mails üblich ist.

Im Streit: Luft­han­sa-Ste­war­dess be­an­tragt nach mehrjähri­ger Ba­by­pau­se ei­ne ge­ringfügi­ge (wei­te­re) Ver­rin­ge­rung ih­rer Jah­res­ar­beits­zeit auf 50 Pro­zent mit mo­nat­li­chem Wech­sel von Ar­beit und Frei­zeit

Im Streit­fall ging es um ei­ne Luft­han­sa-Ste­war­dess, die ei­ne mehr als fünfjähri­ge Ba­by­pau­se (ein­sch­ließlich Son­der­ur­laub) ge­macht hat­te und da­nach Mit­te 2014 wie­der an­fan­gen woll­te, al­ler­dings im mo­nat­li­chen Wech­sel von Ar­beit und Frei­zeit. Um das durch­zu­set­zen, stell­te sie ei­nen et­was selt­sa­men Teil­zeit­an­trag, der ei­ne Ver­rin­ge­rung ih­rer bei 51,09 Pro­zent der Voll­zeit­ar­beit lie­gen­den Ar­beits­zeit um wei­te­re 1,09 Pro­zent vor­sah, d.h. auf ge­nau 50 Pro­zent der Vol­l­ar­beits­zeit.

Den An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung (ab An­fang 2015) stell­te sie im Ju­ni 2014, in­dem sie das von der Luft­han­sa im In­tra­net be­reit­ge­stell­te "Re­quest­ver­fah­ren" zur Ver­ga­be von Teil­zeit­mo­del­len nutz­te. Grund­la­ge die­ses Ver­fah­rens ist ein Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Ka­bi­nen­per­so­nal der Luft­han­sa, der für die Luft­han­saar­beit­neh­mer spe­zi­el­le, auf den flie­ge­ri­schen Dienst zu­ge­schnit­te­ne Teil­zeit­mo­del­le vor­sieht. Der An­trag der Ste­war­dess sah (ne­ben der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung um 1,09 Pro­zent) vor, dass die Frei­stel­lungs­mo­na­te im Fe­bru­ar, April, Ju­ni usw. lie­gen soll­ten, und als "02. Prio­rität" wäre sie auch da­mit ein­ver­stan­den ge­we­sen, dass die Frei­stel­lung auf die Mo­na­te Ja­nu­ar, März, Mai usw. fal­len würde.

Die Luft­han­sa lehn­te den An­trag mit ei­nem ma­schi­nell er­stell­ten und nicht un­ter­zeich­ne­ten Schrei­ben vom 01.08.2014 ab, wor­auf­hin die Ste­war­dess auf Beschäfti­gung ent­spre­chend ih­rem Teil­zeit­an­trag klag­te. Denn da die Luft­han­sa den Teil­zeit­an­trag nicht schrift­lich gemäß § 8 Abs.5 Satz 2 Tz­B­fG erklärt hat­te, war die be­an­trag­te Teil­zeit kraft Ge­set­zes wirk­sam ver­ein­bart wor­den, so die Ste­war­dess. Die Luft­han­sa hielt da­ge­gen, dass der An­trag im Re­quest-Ver­fah­ren gar kein Teil­zeit­an­trag im Sin­ne von § 8 Tz­B­fG ge­we­sen sei. Da­von konn­te sie das Ar­beits­ge­richt Frank­furt über­zeu­gen, das die Kla­ge ab­wies (Ur­teil vom 26.05.2015, 24 Ca 8821/14).

Das für die Be­ru­fung zuständi­ge Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) gab der Kla­ge im We­sent­li­chen statt (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 11.04.2016, 17 Sa 814/15). Da­bei mäkel­te es al­ler­dings an der An­trag­stel­lung her­um und wies den Beschäfti­gungs­an­trag der Kläge­rin ab, stell­te dafür al­ler­dings fest, dass die strit­ti­ge Ar­beits­zeit­verkürzung gültig war. Aus Sicht des LAG war der An­trag vom Ju­ni 2014 nämlich als ech­ter Teil­zeit­an­trag gemäß § 8 Tz­B­fG aus­zu­le­gen, denn ei­ne ge­setz­li­che Rechts­grund­la­ge muss ein An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung nicht ent­hal­ten. Und da die Luft­han­sa den An­trag nicht schrift­lich, son­dern per nicht un­ter­zeich­ne­ten Form­schrei­ben ab­ge­lehnt hat­te, war die von der Kläge­rin be­an­trag­te Teil­zeit wirk­sam ver­ein­bart, und zwar ein­sch­ließlich der mit "01. Prio­rität" gewünsch­ten Ar­beits­mo­na­te.

BAG: Die Mit­tei­lung des Ar­beit­ge­bers, mit der ein Teil­zeit­an­trag ab­ge­lehnt wird, muss schrift­lich ab­ge­fasst wer­den und ist da­her nur mit Un­ter­schrift gültig

Das BAG wies die Re­vi­si­on der Luft­han­sa zurück und gab der Kläge­rin recht, und zwar in ent­spre­chend dem Leis­tungs­an­trag der Ste­war­dess. Die Luft­han­sa wur­de dem­ent­spre­chend zur Beschäfti­gung gemäß der be­an­trag­ten Teil­zeit ver­ur­teilt.

Denn, so das BAG: Die Ab­leh­nung ei­nes Teil­zeit­an­trags gemäß § 8 Abs.5 Satz 2 Tz­B­fG ist ei­ne Wil­lens­erklärung, d.h. kein bloßes In­for­ma­ti­ons­schrei­ben. Und da das Ge­setz für die­se Wil­lens­erklärung nun ein­mal die Schrift­form vor­schreibt, gilt hier § 126 Abs.1 BGB. Die Luft­han­sa hätte als ihr Ab­leh­nungs­schrei­ben vom 01.08.2014 durch ei­nen da­zu be­vollmäch­tig­ten Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen un­ter­zeich­nen las­sen müssen. Oh­ne form­voll­ende­te und frist­ge­rech­te Ab­leh­nung des Teil­zeit­an­trags ging die­ser durch, d.h. ab An­fang 2015 galt für die Ste­war­dess kraft Ge­set­zes das von ihr be­an­trag­te Teil­zeit­mo­dell.

Wie das LAG war auch das BAG der Mei­nung, dass der An­trag nicht nur auf das ta­rif­lich be­gründe­te Re­quest-Ver­fah­ren be­zo­gen war, son­dern (zu­gleich auch) ein nor­ma­ler Teil­zeit­an­trag gemäß § 8 Tz­B­fG.

Sch­ließlich war die be­an­trag­te Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit mit nur 1,09 Pro­zent zwar ex­trem ge­ring, so dass hier der Ver­dacht na­he­lag, dass es der Ste­war­dess in Wahr­heit nur um ei­ne an­de­re Ver­tei­lung ih­rer Ar­beits­zeit auf be­stimm­te Ka­len­der­mo­na­te ging. Ob der Teil­zeit­an­trag da­her miss­bräuch­lich im Sin­ne der da­zu er­gan­ge­nen Recht­spre­chung war, konn­te hier aber of­fen­blei­ben, denn dem Ar­beit­ge­ber steht es recht­lich frei, auch ei­nem miss­bräuch­li­chen Teil­zeit­an­trag zu­zu­stim­men. Und da­bei macht es kei­nen Un­ter­schied, wenn sich der Ar­beit­ge­ber, statt aus­drück­lich zu­zu­stim­men, in Schwei­gen hüllt und da­mit die ge­setz­li­che Fik­ti­ons­wir­kung des § 8 Abs.5 Satz 2 Tz­B­fG auslöst.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber, die ei­nen Teil­zeit­an­trag gemäß § 8 Tz­B­fG ab­leh­nen möch­ten, soll­ten das schrift­lich und mit kon­kre­ter Be­gründung tun, d.h. un­ter Hin­weis auf ein be­stimm­tes Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept, das mit der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung und/oder mit der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­tei­lung nicht ver­ein­bar ist. Ei­nen ent­spre­chen­den Mus­ter­text fin­den Sie hier.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 27. Oktober 2017

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