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Arbeitsrecht aktuell: 09/227 Auflösungsantrag bei unwirksamer Kündigung




Unhaltbarer Vorwurf vom Arbeitgeber

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 15.09.2009, 2 Sa 105/09

08.12.2009. Dass auch ein Arbeitnehmer erfolgreich einen Auflösungsantrag stellen kann, wenn er eine Kündigungsschutzklage gewinnt, weil sein Arbeitgeber ihn mit unhaltbaren Vorwürfen konfrontiert, zeigt die vorliegende Entscheidung. Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 15.09.2009, 2 Sa 105/09

von Rechtsanwältin Nina Lüking, Fachanwältin für Arbeitsrecht, Hannover

Auflösungsantrag bei unwirksamer Kündigung

Abfindungen spielen zwar bei der Beendigung von Arbeitsverhältnissen häufig ein Rolle. Zumeist handelt es sich jedoch um Zahlungen im Rahmen ausgehandelter Vergleiche, denn ein (anderweitiger) Rechtsanspruch besteht in aller Regel nicht. Insbesondere das Kündigungsschutzgesetz (KSchG) ist vorrangig ein Bestandsschutz- und kein Abfindungsgesetz. Von diesem Grundsatz gibt es nur wenige Ausnahmen. Neben der Abfindung nach § 1a KSchG, die nach dem Wunsch des Gesetzgebers eine "einfach zu handhabende, moderne und unbürokratische Alternative zum Kündigungsschutzprozess" darstellen soll, ist dabei speziell die Abfindung nach §§ 9, 10 KSchG von Bedeutung.

Für den Fall einer erfolgreichen Kündigungsschutzklage bietet die dortige Regelung den Parteien des jeweiligen Rechtsstreites die Möglichkeit, die Auflösung des Arbeitsverhältnisses und die Zahlung einer "angemessenen Abfindung" zu beantragen. Deren Höhe entspricht im Regelfall maximal zwölf Brutto-Monatsgehältern und liegt allein im Ermessen des Gerichtes. Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Antrag sind schwammig: Während der Antrag des Arbeitgebers erfolgreich ist, wenn "Gründe vorliegen, die eine den Betriebszwecken dienliche weitere Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht erwarten lassen", muss dem Arbeitnehmer "die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht zuzumuten" sein.

Dementsprechend ist weitgehend ungeklärt, wann diese Erfordernisse erfüllt sind. Klar ist, dass die unbegründete Kündigung selbst und ihr Angriff bzw. ihre Verteidigung im Prozess nicht ausreichen. Auch erneute Kündigungen sind nicht ohne Weiteres ein tauglicher Auflösungsgrund. Ernsthaft in Betracht kommt eine Anwendung aber, wenn die bestehenden Differenzen in hohem Maße unsachlich ausgetragen werden. Allerdings ist auch mit dieser Umschreibung wenig gewonnen, zumal letztlich die Umstände des Einzelfalls entscheidend sind. Um angesichts dieser undurchsichtigen Situation wenigstens etwas Klarheit über den Anwendungsbereich von § 9 KSchG zu schaffen, behilft sich die Praxis wie so oft damit, anhand von Rechtsprechung Fallgruppen zu bilden.

Zuwachs für diese Fallsammlung bietet eine kürzlich ergangene Entscheidung des Landesarbeitsgerichtes (LAG) Schleswig-Holstein (Urteil vom 15.09.2009, 2 Sa 105/09), der einer der eher seltenen Fälle eines arbeitnehmerseitigen Auflösungsantrages zu Grunde lag.

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein: Altenpflegerin wird zu Unrecht vorgeworfen, Patientin angerempelt und nicht versorgt zu haben

Zehn Jahre lang hatte die Klägerin für den beklagten Arbeitgeber beanstandungsfrei als Altenpflegehelferin in einer Seniorenwohnanlage gearbeitet. Das änderte sich schlagartig im September 2008, als ihr von dem Beklagten angelastet wurde, sie habe eine an Parkinson leidende Bewohnerin leichtfertig angerempelt, dadurch zu Fall gebracht und anschließend nicht versorgt. Der mit diesem Vorwurf begründeten Kündigung zum 31.01.2009 ging eine Betriebsratsanhörung voraus. Dabei stellte der Beklagte abschließend fest, dass die Klägerin wegen ihres Verhaltens auf einer Pflegestation zur Betreuung auch sehr kranker Bewohner nicht tragbar sei.

Die Klägerin wehrte sich gerichtlich gegen die Kündigung und beantragte zugleich, das Arbeitsverhältnis gegen Zahlung einer Abfindung aufzulösen. Das in erster Instanz zuständige Arbeitsgericht Lübeck gab der Klage statt.

Der Beklagte legte daraufhin Berufung ein und relativierte seine Vorwürfe: Die Klägerin soll die Bewohnerin nicht umgerannt und anschließend vernachlässigt, sondern nur "gestreift" und sich danach nicht "ausreichend" um sie gekümmert haben.

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein: Unhaltbare erhebliche Vorwürfe des Arbeitgebers berechtigen zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses

Die Berufung blieb erfolglos, d.h. das LAG Schleswig-Holstein bestätigte seine Vorinstanz und wies das Rechtsmittel zurück.

Das Gericht stellte fest, dass die Kündigung mangels vorheriger Abmahnung sozial ungerechtfertigt im Sinne des § 1 Abs.1 Kündigungsschutzgesetz (KSchG) und deshalb rechtsunwirksam ist.

Auch dem Auflösungsantrag gab das Gericht trotz der im Prozess abgeschwächten Vorwürfe statt. Der Arbeitgeber habe die Klägerin der Verantwortungslosigkeit bezichtigt, was gerade für eine Mitarbeiterin im Pflegebereich einen schweren Vorwurf darstelle. Da diese Anschuldigungen offenbar in der vorgebrachten Intensität nicht haltbar waren und zu befürchten ist, dass der Arbeitgeber sich künftig in anderen Fällen ähnlich verhalten wird, sei der Klägerin nicht zuzumuten gewesen, das Arbeitsverhältnis fortzusetzen.

Fazit: Wenn ein Arbeitgeber letztlich völlig haltlose Kündigungsgründe aufstellt und seinem Arbeitnehmer jegliches Verantwortungsbewusstsein abspricht, dann kann dieses Verhalten je nach den genauen Umständen trotz unwirksamer Kündigung eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses unzumutbar machen und somit einen Auflösungsantrag rechtfertigen.

Da ein scharfer Tonfall bei Kündigungen durchaus immer wieder zu beobachten ist, bietet diese Fallgruppe zwar grundsätzlich die Möglichkeit, auch bei gescheiterten Vergleichsverhandlungen eine Abfindung zu erzwingen. Mit einem Vergleich ist aber in aller Regel den Interessen beider Parteien eher gedient, denn durch eine solche einverständliche Lösung können alle Beteiligten ihr Gesicht wahren und ihr finanzielles Risiko genauer kalkulieren.

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Arbeitsrecht aktuell:


Hannover, 08.02.2012
Chefarzt

Privatliquidationsrecht durch Schadensersatzanspruch gesichert

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09

Frankfurt, 07.02.2012
Fristlose Kündigung

Fristlose Kündigung trotz Freistellung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11

Berlin, 03.02.2012
Kündigungsschutz:

Auslandsvertrag zählt bei Wartezeit mit

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10

München, 02.02.2012
Altersdiskriminierung:

Altersgrenze für Sachverständige gekippt

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11

Berlin, 31.01.2012
Betriebsrat:

Benachteiligung durch Verweigerung der Festanstellung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11

Berlin, 27.01.2012
Befristung:

Europarecht erlaubt Befristung zur Vertretung - auch jahrelang

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)

Berlin, 25.01.2012
Europarecht:

Anspruch auf vier Wochen Urlaub auch ohne jährliche Mindestarbeitszeit

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)

Frankfurt, 23.01.2012
Mobbingklage:

Oberarzt verklagt mobbenden Chefarzt auf 500.000 EUR Schadensersatz

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10

Berlin, 20.01.2012
Geschäftsführer:

Geschäftsführer erhebt Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11

Hannover, 19.01.2012
Weihnachtsgeld

Kein Weihnachtsgeld nach Kündigung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10

Berlin, 17.01.2012
Bewerberdiskriminierung

Auskunftsanspruch des Stellenbewerbers über Auswahlentscheidung oder nicht?

Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister

Berlin, 13.01.2012
Betriebsratswahl:

Abbruch nur bei Nichtigkeit

Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10

Berlin, 11.01.2012
BAT Altersstufen:

Berlin und Hessen müssen für BAT-Altersstufen bluten

Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09

Berlin, 10.01.2012
CGZP-Tarifverträge:

Tarifverträge der CGZP waren auch 2004, 2006 und 2008 unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11

München, 05.01.2012
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Aufhebungsvertrag ohne Abfindung, aber mit Ausgleichsklausel?

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Berlin, 03.01.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaub und Urlaubsabgeltung bei Krankheit - nur 15 Monate lang?

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11

Berlin, 20.12.2011
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Sozialauswahl und Altersdiskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10

Stuttgart, 05.12.2011
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Entschädigung für diskriminierende Kündigung

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Berlin, 23.11.2011
Urlaub und Krankheit:

Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte

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Kündigungsschutzklage:

Arbeitsgericht Berlin großzügig bei Fristversäumung durch Anwalt

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München, 02.11.2011
Fristlose Kündigung:

LAG München: Kündigung nach Betrug mit 20 EUR Schaden

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10

Frankfurt, 26.10.2011
Kündigung:

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Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11

Frankfurt, 21.10.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Diensthandy-Missbrauchs?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10

Hamburg, 23.09.2011
Kündigung:

LAG Hamburg -
Kündigung bei Beschäftigungsmöglichkeit im Ausland

Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11

Berlin, 14.09.2011
BAT-TVöD:

Diskriminierung wegen des Alters durch BAT-Lebensaltersstufen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)

Frankfurt, 13.09.2011
Altersgrenzen:

EuGH kippt Altersgrenze 60 für Lufthansa-Piloten

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)

Berlin, 12.09.2011
Chefarzt:

Kündigung eines Chefarztes wegen Wiederverheiratung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

Hannover, 09.09.2011
Arbeitszeitbetrug:

Fristlose Kündigung wegen Arbeitszeitbetrugs

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10

Berlin, 08.09.2011
Whistleblowing:

Verpfeifen / Whistleblowing ohne Risiko einer Kündigung?

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)

Berlin, 06.09.2011
Bonus - Kündigung:

Anspruch auf Bonus trotz Kündigung und Ausscheiden im Folgejahr

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09

Frankfurt, 05.09.2011
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Zwangsverwaltung eines Hotelgrundstücks

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10

Berlin, 02.09.2011
GlobeGround Berlin:

Betriebsratswahl bei GlobeGround in Berlin unwirksam

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Frankfurt, 31.08.2011
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Hamburg, 25.08.2011
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Kündigung in der Probezeit wegen Heirat einer Chinesin

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Frankfurt, 23.08.2011
Kündigung und Vollmacht:

Kündigung mit Vollmacht, aber ohne Vollmachtsurkunde

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09