HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/201

Au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung we­gen pri­va­ter Aus­dru­cke

Au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung we­gen pri­va­ter Aus­dru­cke?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 15.07.2009, 3 Sa 61/09
Rechte Hand mit roter Karte Piz­za, Pfand­bons & Co. - Ba­ga­tell­kün­di­gung als neu­er Trend?
02.11.2009. Brot­auf­stri­che, Fri­ka­del­len, Kin­der­bet­ten, Maul­ta­schen, Pfand­bons, Auf­la­den des Mo­bil­te­le­fons am Ar­beits­platz ... die Be­rich­te über "Ba­ga­tell­kün­di­gun­gen" rei­ßen nicht ab.

Es ent­steht der Ein­druck, das Ar­beit­ge­ber zu­neh­mend mehr oder we­ni­ger be­lang­lo­se Vor­fäl­le zum An­lass neh­men, auch lang­jäh­ri­ge Ar­beits­ver­hält­nis­se we­gen ei­ner mit der je­wei­li­gen Pflicht­ver­let­zung ver­bun­de­nen "nach­hal­ti­gen Zer­rüt­tung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses" au­ßer­or­dent­lich und frist­los zu be­en­den.

Ob es auch ob­jek­tiv be­trach­tet ver­mehrt zu sol­chen Kün­di­gun­gen kommt und in­wie­weit die­se je­weils über­haupt von Dau­er sind, ist -je­den­falls in jüngs­ter Zeit- au­gen­schein­lich nicht em­pi­risch un­ter­sucht wor­den. 

So hat­te sich jüngst das Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Schles­wig-Hol­stein mit der au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung ei­ner Bü­ro­kraft zu be­schäf­ti­gen, der we­gen pri­va­ter Aus­dru­cke auf dem Fir­men­dru­cker frist­los ge­kün­digt wor­den war, LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 15.07.2009, 3 Sa 61/09.

Ba­ga­tellkündi­gung als neu­er Trend?

Die der­zei­ti­ge Ten­denz Ba­ga­tellkündi­gun­gen aus­zu­spre­chen dürf­te nicht zu­letzt auf die Ge­rich­te selbst zurück­ge­hen. Sen­si­bi­li­siert durch das große In­ter­es­se der All­ge­mein­heit -oder je­den­falls der Pres­se- veröffent­li­chen sie nach wie vor Pres­se­mit­tei­lun­gen und Ur­tei­le zu the­ma­tisch pas­sen­den Kündi­gungs­strei­tig­kei­ten. Ver­wun­der­lich ist da­bei, dass die Ent­schei­dun­gen recht­lich we­nig Neu­es bie­ten und in ih­ren teil­wei­se doch arg knapp ge­hal­te­nen Be­gründun­gen eher für Un­verständ­nis und Empörung als für Ein­sicht sor­gen. Der si­cher­lich not­wen­dig ge­wor­de­nen sach­li­chen Dis­kus­si­on um ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung des Kündi­gungs­rechts im Ba­ga­tell- und Ver­trau­ens­be­reich ist da­mit we­nig ge­dient.

Im Übri­gen greift die Fi­xie­rung auf be­lang­lo­se Ba­ga­tel­len als Kündi­gungs­grund zu kurz. Sol­che Kündi­gun­gen sind nicht sel­ten nur ruhm­lo­se Ver­su­che, kon­flikt­be­la­de­ne Ar­beits­verhält­nis­se schnell zu be­en­den. Schwächen im Leis­tungs­be­reich ei­ner­seits, Feh­ler in der Per­so­nalführung an­de­rer­seits und persönli­che Dif­fe­ren­zen auf bei­den Sei­ten sind meist der -in der all­ge­mei­nen Be­richt­er­stat­tung ver­nachlässig­te- wah­re Auslöser sol­cher Ent­wick­lun­gen.

Sinn­vol­ler­wei­se soll­te des­halb auch darüber nach­ge­dacht wer­den, wie die Ent­ste­hung und Es­ka­la­ti­on von ty­pi­schen Kon­flik­ten in Ar­beits­verhält­nis­sen ver­mie­den wer­den kann.

Das LAG Schles­wig-Hol­stein veröffent­lich­te kürz­lich ei­ne Ent­schei­dung, die die­se Über­le­gun­gen an­schau­lich de­mons­triert (Ur­teil vom 15.07.2009, 3 Sa 61/09) . Die mitt­ler­wei­le ge­ra­de­zu klas­si­sche Fra­ge, ob ein ver­gleichs­wei­se ge­ringfügi­ges Ver­ge­hen "an sich" ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung oh­ne vor­her­ge­hen­de Ab­mah­nung recht­fer­tigt (hier: 138maliger Aus­druck ei­ner Da­tei), nimmt da­bei deut­lich we­ni­ger Raum ein als Ge­dan­ken da­zu, wie Ar­beit­neh­mer bei ei­ner er­kenn­ba­ren Über­schrei­tung ge­dul­de­ten Ver­hal­tens han­deln soll­ten.

138 pri­va­te Aus­dru­cke als Kündi­gungs­grund?

Die Kläge­rin, die seit sechs Jah­ren von der Be­klag­ten in Teil­zeit als Büro­kraft beschäftigt wur­de, war im Au­gust und Sep­tem­ber 2008 ar­beits­unfähig er­krankt. Der Geschäftsführer der be­klag­ten Ar­beit­ge­be­rin hat­te aus An­lass der In­stal­la­ti­on ei­nes Ser­vers in die­ser Zeit "mehr oder we­ni­ger zufällig" Zu­griff auf den In­halt des Dienst-PCs der Ar­beit­neh­me­rin. Auf die­sem fand er un­ter an­de­rem pri­va­te Kor­re­spon­denz und Hin­wei­se auf ei­ne Teil­nah­me an ei­nem Ma­ra­thon während der Zeit der Krank­schrei­bung. Vier Ta­ge später kündig­te er der Ar­beit­neh­me­rin außer­or­dent­lich.

Es kam zu ei­nem Kündi­gungs­schutz­pro­zess, in dem die Ar­beit­ge­be­rin -wohl we­gen der mit der Aus­spähung pri­va­ter Da­ten ver­bun­de­nen pro­zes­sua­len Pro­ble­me- ih­re Kündi­gung zu­letzt auf fol­gen­den Sach­ver­halt stütz­te: Sie leg­te ein aus dem Mai 2008 stam­men­des Dru­cker­jour­nal vor, laut dem über den PC der Ar­beit­neh­me­rin ins­ge­samt 138 mal ei­ne ein­zi­ge Da­tei aus­ge­druckt wor­den war. Da es sich um ei­ne pass­wort­geschütz­te Da­tei han­del­te, de­ren Pass­wort nur die Ar­beit­neh­me­rin kann­te, konn­te ihr der Vor­gang ein­deu­tig zu­ge­ord­net wer­den.

Das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Lübeck (Ur­teil vom 28.01.2009, 5 Ca 2289/08) hielt die außer­or­dent­li­che Kündi­gung zwar für un­wirk­sam. Dies lag je­doch an "for­ma­len" Gründen. Denn das Ar­beits­ge­richt ging da­von aus, dass die Ar­beit­ge­be­rin von den Aus­dru­cken be­reits im Mai Kennt­nis hat­te und da­her die bei außer­or­dent­li­chen Kündi­gun­gen zu be­ach­ten­de Zwei-Wo­chen-Frist des § 626 Abs.2 Satz 1 BGB be­reits ab­ge­lau­fen war. Es deu­te­te die Kündi­gung je­doch in ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung um und sah da­bei in den Pri­vat­aus­dru­cken ei­nen aus­rei­chen­den Kündi­gungs­grund.

Da das Ge­richt über die Fra­ge, wann die Ar­beit­ge­be­rin von den Pri­vat­aus­dru­cken Kennt­nis er­langt hat­te, nicht Be­weis er­ho­ben hat­te, ging die Ar­beit­ge­be­rin in Be­ru­fung. In die­ser In­stanz stell­te die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin klar, tatsächlich die Aus­dru­cke vor­ge­nom­men zu ha­ben. Ihr pri­va­ter PC ha­be die aus­ge­druck­te Da­tei nicht öff­nen können und sie ha­be un­ter Zeit­druck ge­stan­den. Der Geschäftsführer ha­be zu­dem das Er­stel­len pri­va­ter Aus­dru­cke über Jah­re ge­dul­det.

Wann ist die Spit­ze des Eis­bergs er­reicht?

Die drit­te Kam­mer des LAG Schles­wig-Hol­stein gab der Be­ru­fung nach er­folg­ter Be­weis­auf­nah­me statt, d.h. gab der Ar­beit­ge­be­rin in vol­lem Um­fang recht. Der Ar­beit­ge­be­rin war der Be­weis ge­lun­gen, dass der Geschäftsführer von dem Kündi­gungs­grund erst anläss­lich der Ser­ver­in­stal­la­ti­on und nicht schon Mo­na­te zu­vor Kennt­nis er­langt hat­te. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung war al­so frist­ge­recht er­folgt.

Im Übri­gen folg­te die Kam­mer der Be­gründung der ers­ten In­stanz zum Vor­lie­gen ei­nes Kündi­gungs­grun­des. Oh­ne Wei­te­res nimmt das LAG da­bei an, dass die An­fer­ti­gung von 138 pri­va­ten Aus­dru­cken ein "wich­ti­ger Grund" im Sin­ne des § 626 Abs.1 BGB ist.

Auch die bei ei­nem "an sich" vor­lie­gen­den wich­ti­gen Grund ge­bo­te­ne Abwägung im Ein­zel­fall ging zu Las­ten der Ar­beit­neh­me­rin aus. Hier­an änder­te selbst ihr Vor­trag zur Dul­dung pri­va­ter Aus­dru­cke nichts. Der Ar­beit­neh­me­rin hätte klar sein müssen, dass der­ar­tig vie­le Aus­dru­cke in je­dem Fall über das ge­dul­de­te Maß hin­aus­ge­hen. Statt die Ar­beit­ge­be­rin bei­spiels­wei­se vor­her um Er­laub­nis zu fra­gen und die Be­zah­lung der Ko­pi­en an­zu­bie­ten oder we­nigs­tens nach­her um Ge­neh­mi­gung zu bit­ten, hat sie die Aus­dru­cke nicht of­fen ge­legt. In die­sem Ver­hal­ten sah das LAG ei­ne nach­hal­ti­ge Störung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses, die ei­ne so­for­ti­ge Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses recht­fer­tigt. Ei­ne Beschäfti­gung bis zum En­de der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist war der Ar­beit­ge­be­rin aus Sicht des Ge­rich­tes nicht zu­mut­bar, da die Ar­beit­neh­me­rin "noch bei je­der Ge­le­gen­heit zu ih­ren Guns­ten Zu­griff auf das Ei­gen­tum der Be­klag­ten für pri­va­te Zwe­cke neh­men" könn­te.

In sei­nen Ent­schei­dungs­gründen deu­tet das LAG an, dass der letzt­lich an­geführ­te Kündi­gungs­grund nur die sprichwört­li­che Spit­ze des Eis­bergs ist. Of­fen­bar ging der Kündi­gung ei­ne länge­re Vor­ge­schich­te vor­aus, die -wie so oft- Dif­fe­ren­zen zwi­schen Kol­le­gen be­inhal­te­te. Au­gen­schein­lich wur­den Dru­cker­jour­na­le sonst als Schmier­pa­pier ge­sam­melt, hier aber von dem in der Be­weis­auf­nah­me be­frag­ten Zeu­ge aus­sor­tiert, "um sie ggf. noch­mals zu ver­wen­den". Dies deu­te­te die drit­te Kam­mer des LAG als Sam­meln von Be­le­gen ge­gen die Ar­beit­neh­me­rin. Es kom­men­tiert die­sen Vor­gang mit den Wor­ten: "Die Kam­mer er­spart sich ei­ne Be­wer­tung der­ar­ti­gen kol­le­gia­len Um­gangs mit­ein­an­der, zu­mal da­zu im­mer meh­re­re Sei­ten gehören."

Fa­zit: Der zen­tra­le, vom LAG so auch aus­drück­lich be­nann­te Grund­ge­dan­ke die­ser Ent­schei­dung ist, dass of­fe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on bes­ser ge­we­sen wäre - si­cher­lich ein nicht nur im Ar­beits­recht grundsätz­lich sinn­vol­ler An­satz. An­ge­sichts ei­ner -nach wie vor- ständi­gen Recht­spre­chung, die häufig schon nach kleins­ten Ver­ge­hen oh­ne größere Re­fle­xi­on ei­ne "nach­hal­ti­ge Störung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses" an­nimmt, soll­ten Ar­beit­neh­mer in der Tat vor der Um­set­zung pri­va­ter In­ter­es­sen am Ar­beits­platz Rück­spra­che mit ih­ren Vor­ge­setz­ten hal­ten. Die­sen wie­der­um kommt die Auf­ga­be zu, durch kla­re Vor­ga­ben und Gren­zen für ei­ne si­che­re Rechts­la­ge zu sor­gen. Die eben­so weit ver­brei­te­te wie ne­bulöse Pra­xis, Pri­va­tes so lan­ge un­kom­men­tiert hin­zu­neh­men, bis der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer "ein Dorn im Au­ge" ist, wird dem na­tur­gemäß nicht ge­recht. Ty­pi­sche, alltägli­che Kon­flikt­si­tua­tio­nen durch ge­mein­sam ge­schaf­fe­ne Re­geln zu ver­mei­den ist dem­ent­spre­chend ei­ne oft nur un­zu­rei­chend ge­nutz­te Möglich­keit, zum Be­triebs­frie­den bei­zu­tra­gen. Be­triebsräte können hier­bei ins­be­son­de­re durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen im In­ter­es­se ei­nes gu­ten Ar­beits­kli­mas steu­ernd tätig wer­den.


Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Letzte Überarbeitung: 23. November 2015

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Sebastian Schroeder
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10, 20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08
E-Mail: hamburg@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de