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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/328

Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags und ge­richt­li­cher Ver­gleich

Ge­nügt ein schrift­li­cher Ver­gleich durch über­ein­stim­men­den Par­tei­vor­schlag doch für ei­ne wirk­sa­me be­fris­te­te Ver­trags­ver­län­ge­rung?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 05.11.2013, 1 Sa 489/13
Hammer für Auktion oder Gerichtssaal Wie­viel Ge­richt steckt im ge­richt­li­chen Ver­gleich?

11.11.2013. Ein ge­richt­li­cher Ver­gleich ist ein Er­folg, der vie­le Vä­ter hat: Die Par­tei­en ha­ben ei­nen Teil­er­folg er­run­gen, die An­wäl­te auf bei­den Sei­ten ha­ben kom­pro­miss­ori­en­tiert ver­han­deln müs­sen und das Ge­richt hat ei­ne güt­li­che Ei­ni­gung her­bei­ge­führt, was dem "Rechts­frie­den" dient.

Aber wie viel Ge­richt steckt in ei­nem Ver­gleich, der im sog. schrift­li­chen Ver­fah­ren ge­mäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) zu­stan­de kommt? Hier rei­chen die Par­tei­en ei­nen über­ein­stim­men­den schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag beim Ge­richt ein, das dar­auf­hin per Be­schluss fest­stellt, dass die­ser Ver­gleichs­vor­schlag das Ver­fah­ren be­en­det hat.

Zu we­nig Ge­richt, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) An­fang 2012, um dar­auf ei­ne wirk­sa­me Ver­län­ge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ver­tra­ges grün­den zu kön­nen. Falsch, so jetzt das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen: LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 05.11.2013, 1 Sa 489/13.

Genügt ein Ver­gleich im schrift­li­chen Ver­fah­ren gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO für ei­ne wirk­sa­me be­fris­te­te Ver­trags­verlänge­rung?

Die Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen ist nur un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen möglich. Ent­we­der es liegt ei­ne Neu­ein­stel­lung vor, dann ist ei­ne Be­fris­tung gemäß § 14 Abs.2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) bis zur Höchst­dau­er von zwei Jah­ren zulässig, wo­bei der Ver­trag in­ner­halb die­ser 24 Mo­na­te ma­xi­mal drei Mal verlängert wer­den kann. Oder es liegt ein sach­li­cher Grund für die Be­fris­tung vor, dann kann ein Zeit­ver­trag auch länger als zwei Jah­re dau­ern und er kann öfter als drei Mal verlängert wer­den (§ 14 Abs.1 Tz­B­fG).

Ei­ner der ge­setz­lich an­er­kann­ten Sach­gründe für ei­ne Be­fris­tung liegt vor, wenn die Be­fris­tung auf ei­nem ge­richt­li­chen Ver­gleich be­ruht (§ 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG). Da­mit will das Ge­setz Kom­pro­mis­se in Be­fris­tungs­kon­troll­kla­gen er­leich­tern. Denn wer ge­gen ei­ne Be­fris­tung klagt, gibt sich bei un­ge­wis­sem Aus­gang des Pro­zes­ses oft da­mit zu­frie­den, dass er ei­ne Ab­fin­dung erhält oder dass der Ver­trag noch ein­mal verlängert wird. Die er­neu­te Verlänge­rung ist für den be­klag­ten Ar­beit­ge­ber aber nur sinn­voll, wenn sie endgültig bzw. rechts­si­cher ist. Das ermöglicht der Sach­grund des § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG.

Ein ge­richt­li­cher Ver­gleich ist aber letzt­lich auch nicht mehr als ein Ver­trag, nur dass die Par­tei­en ihn vor Ge­richt ver­ein­ba­ren und ei­nen Pro­zess da­mit zum Ab­schluss brin­gen. Dass ein Ver­gleich als Sach­grund für ei­ne Be­fris­tung vom Ge­setz an­er­kannt wird, be­ruht auf der Über­le­gung, dass das Ge­richt als neu­tra­le und rechts­kun­di­ge In­stanz "drauf­schaut" und am bes­ten selbst den Ver­gleichs­vor­schlag un­ter­brei­tet.

Die Be­tei­li­gung des Ge­richts be­schränkt sich aber auf die bloße Pro­to­kol­lie­rung, wenn ein "ge­richt­li­cher" Ver­gleich im schrift­li­chen Ver­fah­ren gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO zu­stan­de kommt. Denn dann stammt der Ver­gleichs­vor­schlag nicht vom Ge­richt (wie in der an­de­ren Va­ri­an­te des schrift­li­chen Ver­gleichs gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.2 ZPO). Viel­mehr ha­ben Par­tei­en selbst bzw. ih­re Anwälte den Ver­gleich oh­ne Be­tei­li­gung des Ge­richts aus­ge­han­delt und rei­chen das Er­geb­nis ih­rer Ver­hand­lun­gen beim Ge­richt ein. Das Ge­richt stellt dar­auf­hin nur per Be­schluss fest, dass die­ser Ver­gleich zu­stan­de ge­kom­men ist und da­mit das Ver­fah­ren be­en­det hat.

Die­se Va­ri­an­te ei­nes ge­richt­li­chen Ver­gleichs reicht nach ei­ner Ent­schei­dung des BAG vom Fe­bru­ar 2012 nicht aus für ei­ne wirk­sa­me Be­fris­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG. An­ders ge­sagt: Die vor Ge­richt per Ver­gleich ver­ein­bar­te be­fris­te­te Verlänge­rung ei­nes Zeit­ver­trags be­ruht nicht auf dem Sach­grund des § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG ("ge­richt­li­cher Ver­gleich"), wenn der Ver­gleich von den Par­tei­en aus­ge­han­delt und vom Ge­richt nur gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO im schrift­li­chen Ver­fah­ren pro­to­kol­liert wur­de (BAG, Ur­teil vom 15.2.2012, 7 AZR 734/10).

Die­sem Ur­teil hat vor ei­ni­gen Ta­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen wi­der­spro­chen (Ur­teil vom 05.11.2013, 1 Sa 489/13).

Der Streit­fall: Ar­beit­neh­me­rin klagt ge­gen Be­fris­tung und ver­gleicht sich 2010 im schrift­li­chen Ver­fah­ren auf ei­ne be­fris­te­te Verlänge­rung, die sie später er­neut an­greift

Die Büroan­ge­stell­te hat­te ursprüng­lich vor dem Ar­beits­ge­richt Han­no­ver ge­gen die Be­fris­tung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.12.2010 ge­klagt.

In die­sem Ver­fah­ren reich­te ihr An­walt nach dem Güte­ter­min ei­nen mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te ab­ge­stimm­ten Ver­gleichs­vor­schlag bei Ge­richt ein. Der Ver­gleich sah ei­ne wei­te­re Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags vor. Das Ge­richt lei­te­te den Ver­gleichs­vor­schlag als sei­nen ei­ge­nen, d.h. als ge­richt­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag an den Ar­beit­ge­ber wei­ter, der dem Ver­gleich zu­stimm­te.

Nach Ab­lauf die­ses Be­fris­tungs­zeit­raums er­hob die An­ge­stell­te An­fang 2013 er­neut Ent­fris­tungs­kla­ge mit der Be­gründung, sie hätte in dem ers­ten Ge­richts­ver­fah­ren kei­ne wirk­sa­me Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung ge­trof­fen. Denn der da­mals ge­schlos­se­ne Ver­gleich war im schrift­li­chen Ver­fah­ren auf Vor­schlag des Ge­richts gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.2 ZPO zu­stan­de ge­kom­men. Das aber sei, so die An­ge­stell­te, kein "ge­richt­li­cher Ver­gleich" gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG.

Mit ih­rer er­neu­ten Ent­fris­tungs­kla­ge hat­te die An­ge­stell­te vor dem Ar­beits­ge­richt Han­no­ver Er­folg.

LAG Nie­der­sach­sen: Auch ein Ver­gleich im schrift­li­chen Ver­fah­ren gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO genügt für ei­ne wirk­sa­me wei­te­re Be­fris­tung

Beim LAG hat­te die An­ge­stell­te da­ge­gen kei­nen Er­folg, d.h. das LAG hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf und wies die Kla­ge ab. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des Ge­richts:

Das LAG könne dem o.g. BAG-Ur­teil vom 15.2.2012 (7 AZR 734/10) nicht fol­gen, d.h. es wei­che von ihm ab. Aus Sicht des LAG müss­ten bei­de in § 278 Abs.6 Satz 1 ZPO ge­nann­ten For­men des schrift­li­chen Ver­gleichs als ein "ge­richt­li­cher Ver­gleich" im Sin­ne von § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG an­er­kannt wer­den. Denn, so das LAG: Auch wenn die Par­tei­en dem Ge­richt ei­nen übe­rein­stim­men­den Ver­gleichs­vor­schlag zu­lei­ten und das Ge­richt "nur" noch des­sen Zu­stan­de­kom­men per Be­schluss bestätigt, müsse das Ge­richt den Ver­gleich auf sei­ne Aus­ge­wo­gen­heit hin über­prüfen.

Wenn ei­ne wei­te­re be­fris­te­te Ver­trags­verlänge­rung in ei­nem vor Ge­richt ver­ein­bar­ten Ver­gleich ver­ein­bart wird, soll­te es da­her nach An­sicht des LAG kei­ne Rol­le spie­len,

  • ob der Ver­gleich ei­nem von den Par­tei­en dem Ge­richt übe­rein­stim­mend und gleich­lau­tend un­ter­brei­te­ten schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag ent­spricht (Fall des § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO), oder
  • ob sich der Ver­gleich ei­nem schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag des Ge­richts ver­dankt, der so­dann von den Par­tei­en an­ge­nom­men wird (Fall des § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.2 ZPO).

Da das LAG hier dem BAG nicht fol­gen woll­te, ließ es die Re­vi­si­on zum BAG zu.

Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass das LAG mit sei­ner Kla­ge­ab­wei­sung in Wahr­heit gar nicht von dem o.g. BAG-Ur­teil ab­weicht, weil im vor­lie­gen­den Streit­fall die im Vor­pro­zess ver­ein­bar­te Be­fris­tung durch ei­nen Ver­gleich gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.2 ZPO (= Vor­schlag des Ge­richts) und nicht et­wa gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.1 ZPO (= übe­rein­stim­men­der Vor­schlag der Par­tei­en) zu­stan­de kam.

So­lan­ge das Ge­richt aber selbst ei­nen Ver­gleichs­vor­schlag un­ter­brei­tet, was hier im Streit­fall ge­sche­hen ist, hat das BAG nichts ge­gen ei­ne per Ver­gleich ver­ein­bar­te Be­fris­tung ein­zu­wen­den, d.h. die­se ist auch nach An­sicht des BAG rechts­wirk­sam gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG.

Denn das BAG hat in sei­nem Ur­teil vom 15.2.2012 (7 AZR 734/10) aus­drück­lich fest­ge­hal­ten, dass es zwi­schen den bei­den ge­setz­li­chen Al­ter­na­ti­ven ei­nes Ver­gleichs im schrift­li­chen Ver­fah­ren un­ter­schei­det. Hier­zu heißt es nämlich in dem BAG-Ur­teil (Rn.28):

"An­ders als bei ei­nem durch das Ge­richt im Sinn der §§ 159 bis 160a, 162, 163 ZPO pro­to­kol­lier­ten Ver­gleich oder bei ei­nem Ver­gleich nach § 278 Abs.6 Satz 1 Alt.2, Satz 2 ZPO, bei dem sich das Ge­richt ei­nen ggf. von den Par­tei­en vor­ge­leg­ten Ei­ni­gungs­ent­wurf als sei­nen Vor­schlag zu ei­gen macht und die­sen den Par­tei­en un­ter­brei­tet, ist aber bei ei­nem nach § 278 Abs.6 Satz 1 Alt.1, Satz 2 ZPO ge­schlos­se­nen Ver­gleich der ge­richt­li­che Bei­trag von vorn­her­ein auf ei­ne Fest­stel­lungs­funk­ti­on be­schränkt. Zwi­schen den Al­ter­na­ti­ven des schrift­li­chen Ver­gleichs­schlus­ses nach § 278 Abs.6 Satz 1 ZPO be­steht ein struk­tu­rel­ler Un­ter­schied."

Fa­zit: Das BAG hat mit sei­nem Ur­teil vom 15.2.2012 (7 AZR 734/10) le­dig­lich klar­ge­stellt, dass bei der Va­ri­an­te ei­nes schrift­li­chen Ver­gleichs, bei der das Ge­richt die von den Par­tei­en ei­genständig aus­ge­han­del­te be­fris­te­te Ver­trags­fort­set­zung nur als ei­ne Art No­tar pro­to­kol­liert, die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner recht­lich was­ser­dich­ten Be­fris­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.8 Tz­B­fG nicht vor­lie­gen. Soll­te im Fall des LAG Nie­der­sach­sen Re­vi­si­on zum BAG ein­ge­legt wer­den, wird das BAG wohl eben­so wie das LAG ent­schei­den, und zwar un­ter Ver­weis auf sein Ur­teil vom 15.2.2012 (7 AZR 734/10).

Die Po­si­ti­on des BAG ist übri­gens nicht nur ju­ris­tisch gut be­gründ­bar. Mit ihr kann man auch prak­tisch le­ben. Denn seit dem o.g. BAG-Ur­teil wer­den ent­spre­chen­de Ver­glei­che eben of­fi­zi­ell auf Vor­schlag des Ge­richts ver­ein­bart, d.h. gemäß § 278 Abs.6 Satz 1, Alt.2 ZPO, oder nach vor­he­ri­ger Ter­min­ab­spra­che durch bei­der­sei­ti­ge An­we­sen­heit der Par­tei­en bei Ge­richt.

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Letzte Überarbeitung: 18. Oktober 2016

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