HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/252

Ta­rif­li­che Son­der­prä­mie für die Spren­gung von Was­ser­bom­ben

Kei­ne ta­rif­li­che Prä­mie we­gen Spren­gung ei­ner Bom­be für Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13
Stoppschild auf Boden

17.07.2014. In vie­len Ta­rif­ver­trä­gen sind be­son­de­re Zu­la­gen für schwe­re, un­an­ge­neh­me oder ge­fähr­li­che Ar­bei­ten vor­ge­se­hen. 

In ei­nem ges­tern ver­han­del­ten Fall muss­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über ei­ne ta­rif­li­che Prä­mie für die Ent­schär­fung von Bom­ben ent­schei­den.

Um­strit­ten war, ob Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes die­se Son­der­zah­lung auch für die Spren­gung ei­ner Was­ser­bom­be ver­lan­gen kön­nen.

Nein, so die Er­fur­ter Rich­ter: BAG, Ur­teil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13.

Gilt auch die Spren­gung ei­ner Bom­be als "Entschärfung" gemäß Ta­rif­ver­trag zur Re­ge­lung der Ar­beits­be­din­gun­gen der im Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer des Lan­des Nie­der­sach­sen?

§ 11 des Ta­rif­ver­tra­ges zur Re­ge­lung der Ar­beits­be­din­gun­gen der im Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer des Lan­des Nie­der­sach­sen (TV-Mun-Nds) lau­tet:

"Für die Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder ein­sch­ließlich des et­wa er­for­der­li­chen Trans­ports der noch nicht entschärf­ten Bom­be wird ei­ne Son­der­prämie von 1.080,00 DM, ab 01.01.2002 567,53 €, als zusätz­li­che Ge­fah­ren­zu­la­ge gewährt. Die Son­der­prämie erhält je­der Ar­beit­neh­mer, der un­mit­tel­bar an der Ent­fer­nung des Lang­zeitzünders oder beim Trans­port mit­ar­bei­tet. Die Prämie wird je­doch je Bom­be nur ein­mal ge­zahlt."

Da­zu gibt es ei­ne erläutern­de Pro­to­koll­no­tiz der Ta­rif­par­tei­en, die fol­gen­den Wort­laut hat:

"Der Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder steht die Entschärfung ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on (z.B. Tor­pe­dos, Was­ser­bom­ben, See­mi­nen) gleich."

Frag­lich ist, ob die­se Re­ge­lung auch gilt, wenn Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes ei­ne Welt­kriegs-Was­ser­bom­be von ih­rem Fund­ort weg­trans­por­tie­ren und an ei­nem si­che­ren Ort kon­trol­liert spren­gen.

Auch dann ist sie die Bom­be schließlich nicht mehr gefähr­lich und in die­sem Sin­ne "entschärft", und auch dann ris­kie­ren die da­bei ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer - al­lein durch den Trans­port der Bom­be - Kopf und Kra­gen, denn oft ist gar nicht klar, wel­chen Zünd­me­cha­nis­mus die Bom­be hat und ob die­ser noch gefähr­lich ist.

An­de­rer­seits wird die ei­gent­li­che Spren­gung ei­ner Bom­be aus si­che­rer Ent­fer­nung vor­ge­nom­men und ist da­her nicht so gefähr­lich wie Entschärfung im ei­gent­li­chen Sin­ne, d.h. wie die Her­aus­nah­me des Zünders aus der Bom­be. Nur dann nämlich ar­bei­tet der Spe­zia­list des Kampfräum­diens­tes un­mit­tel­bar an der Bom­be, die im schlimms­ten Fall hoch­ge­hen und ihn und ggf. mit­hel­fen­de Kol­le­gen töten kann.

Der Streit­fall: 104 Was­ser­bom­ben wer­den im Watt vor Wil­helms­ha­ven ge­bor­gen und auf ei­ner Sand­bank ge­sprengt

Im Streit­fall ging es um 104 Was­ser­bom­ben der al­li­ier­ten Streit­kräfte, die im zwei­ten Welt­krieg in der Nord­see ihr Ziel ver­fehl­ten und seit­dem im Schlick vor Wil­helms­ha­ven schlum­mer­ten. Im März und April 2011 wur­den sie ge­bor­gen, auf ei­ne Sand­bank ver­bracht und dort kon­trol­liert ge­sprengt.

Ei­ner der dar­an be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer des nie­dersäch­si­schen Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes ver­lang­te pro Bom­be 567,53 EUR Prämie un­ter Ver­weis auf § 11 TV-Mun-Nds, im­mer­hin stol­ze (104 x 567,53 EUR =) 59.023,12 EUR brut­to.

Das Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg (Ur­teil vom 09.07.2012, 4 Ca 89/12 Ö) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen wie­sen die Kla­ge ab(LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 01.07.2013, 13 Sa 1037/12).

BAG: Die bloße Spren­gung ei­ner Bom­be gibt den Ar­beit­neh­mer des nie­dersäch­si­schen Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes kei­nen An­spruch auf die ta­rif­li­che Entschärfungs­prämie

Das BAG mein­te zwar wie die Vor­in­stan­zen, dass § 11 TV-Mun-Nds nicht auf den Fall ei­ner bloßen Bom­benspren­gung passt, so dass der Kläger sei­nen An­spruch nicht auf die Spren­gung der 104 Bom­ben stützen konn­te.

Trotz­dem hob das BAG das LAG-Ur­teil auf und ver­wies den Pro­zess an das LAG in Han­no­ver zurück. Denn mögli­cher­wei­se wa­ren die Bom­ben ja mit Zünd­sys­te­men ver­se­hen, die eben­so gefähr­lich sind wie Lang­zeitzünder, und mögli­cher­wei­se wirk­te der Kläger ja an de­ren Trans­port "un­mit­tel­bar" mit. In die­sem Fall, so das BAG, stünde dem Kläger die strei­ti­ge Prämie zwar nicht we­gen des kon­trol­lier­ten Spren­gens zu, aber we­gen des Trans­ports der noch nicht entschärf­ten Bom­ben.

Fa­zit: Es lohnt sich oft nicht, um ta­rif­li­che Zu­la­gen durch die In­stan­zen zu strei­ten, doch hier ging es aus­nahms­wei­se ein­mal um viel Geld. Auch das be­klag­te Land wird den Pro­zess si­cher en­ga­giert wei­ter durchkämp­fen, denn der kla­gen­de Bom­benräum­er war nur ei­ner von meh­re­ren an der Räum­ungs­ak­ti­on be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer, d.h. hier hat­te das BAG Hin­wei­se für ei­nen Mus­ter­pro­zess ge­ge­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 4. Dezember 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Nina Wesemann
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38, 30159 Hannover
Telefon: 0511 - 89 97 701
Telefax: 0511 - 89 97 702
E-Mail: hannover@hensche.de
Bewertung: Ta­rif­li­che Son­der­prä­mie für die Spren­gung von Was­ser­bom­ben 4.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de