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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/194

Ur­laubs­ab­gel­tung bei Krank­heit

LAG Düs­sel­dorf: Kein au­to­ma­ti­scher Ver­fall der Ur­laubs­ab­gel­tung bei lan­ger Krank­heit nach 15 oder 18 Mo­na­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 23.02.2012, 5 Sa 1370/11
Frau zu Hause im Bett vor dem Fernsehen Wie lan­ge be­steht der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung nach Krank­heit?

15.05.2012. In der Re­gel ver­fällt der Ur­laub er­satz­los, wenn er bis zum Jah­res­en­de nicht ge­nom­men wur­de. Das gilt laut Eu­ro­päi­schem Ge­richts­hof (EuGH) und Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) aber nicht für Ur­laub, der we­gen krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­un­fä­hig­keit nicht an­ge­tre­ten wer­den konn­te.

Al­ler­dings darf das „An­spa­ren“ von Ur­laubs­an­sprü­chen zeit­lich be­grenzt wer­den. Das ent­schied der EuGH En­de letz­ten Jah­res und hielt da­bei ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ver­falls­frist von 15 Mo­na­ten ab En­de des Ur­laubs­jah­res für zu­läs­sig (EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te). Wie die­se Gren­ze nun in Deutsch­land um­ge­setzt wer­den soll, ist um­strit­ten. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf hält nur den Ge­setz­ge­ber und die Ta­rif­part­ner für zu­stän­dig (Ur­teil vom 23.02.2012, 5 Sa 1370/11).

Verfällt der Ur­laub bei lan­ger Krank­heit au­to­ma­tisch gemäß dem BUrlG?

Ur­laub muss man im lau­fen­den Ka­len­der­jahr neh­men, § 7 Abs.3 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG). Und auch in den ge­setz­lich ge­re­gel­ten Aus­nah­mefällen verfällt der Ur­laub am En­de des ers­ten Quar­tals im Fol­ge­jahr. Ur­laubs­ab­gel­tung, d.h. Geld, gibt es nach § 7 Abs.4 BUrlG nur für of­fe­ne Ur­laubs­ansprüche, die we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr erfüllt wer­den konn­ten.

Hin­ter die­sen Re­ge­lun­gen steht Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG. Er schreibt für al­len Ar­beit­neh­mer, auch die lan­ge er­krank­ten, vier Wo­chen Min­des­t­ur­laub vor. Die­se Vor­schrift ver­bie­tet nach Auf­fas­sung des EuGH, dass Ur­laub bei lan­ger Krank­heit verfällt (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff). Das BAG setz­te die­ses EuGH-Ur­teil durch ei­ne Um­in­ter­pre­ta­ti­on von § 7 Abs.3 BUrlG in deut­sches Recht um (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07).

Doch En­de 2011 stell­te der EuGH al­ler­dings klar, dass das Eu­ro­pa­recht ein un­be­grenz­tes An­sam­meln von Ur­laubs­ansprüchen nicht ver­langt ist und dass z.B. ein Ta­rif­ver­trag den Ur­laub 15 Mo­na­ten nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res ver­fal­len las­sen kann (Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te).

Aber kann man das BUrlG auf die­ser neu­en EuGH-Grund­la­ge jetzt noch­mals an­ders „aus­le­gen“, d.h. in dem Sin­ne, dass krank­heits­be­dingt an­ge­sam­mel­ter Ur­laub 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des je­wei­li­gen Ur­laubs­jah­res verfällt - ob­wohl von ei­ner sol­chen 15-Mo­nats­gren­ze im BUrlG nichts steht?

LAG Düssel­dorf: Ver­fall von Rest­ur­laub nach lan­ger Krank­heit nur durch Ta­rif­ver­trag oder Ge­set­zesände­rung

Im Streit­fall ver­lang­te ei­ne Verkäufe­r­in nach fünfjähri­ger Krank­heit Ab­gel­tung von Ur­laub, da ihr Ar­beits­verhält­nis mitt­ler­wei­le per En­de März 2011 be­en­det war. Der Ar­beit­ge­ber zahl­te Ur­laubs­ab­gel­tung nur für 2008 bis 2011, nicht aber für 2006 und 2007, wo­bei er auf das KHS-Ur­teil des EuGHver­wies.

Da­mit konn­te er we­der das Ar­beits­ge­richt Es­sen (Ur­teil vom 28.09.2011, 6 Ca 1516/11) noch das LAG über­zeu­gen. An­ders als et­wa das LAG Hamm, das LAG Ba­den-Würt­tem­berg oder das Hes­si­sche LAG (Ur­teil vom 07.02.2012, 19 Sa 818/11) lehnt das LAG Düssel­dorf ei­ne au­to­ma­ti­sche Be­gren­zung der Ur­laubs­ansprüche durch ei­ne ent­spre­chen­de „Aus­le­gung“ des BUrlG ab. Für ei­ne fes­te zeit­li­che Gren­ze des Ur­laubs-An­sam­melns bei lan­ger Krank­heit ist ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung oder ein Ta­rif­ver­trag nötig, so das LAG Düssel­dorf.

Fa­zit: Vie­le Ge­rich­te wen­den der­zeit ei­ne un­ge­schrie­be­ne all­ge­mei­ne zeit­li­che Gren­ze des Ur­laubs-An­sam­melns an. Die­se soll an­geb­lich bei 15 Mo­na­ten oder bei 18 Mo­na­ten lie­gen. Das BAG hat aber schon an­ge­deu­tet, dass es die Sa­che eher wie das LAG Düssel­dorf sieht (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/169 Ur­laubs­ab­gel­tung nach Krank­heit und Ver­fall­frist). Dafür spre­chen auch gu­te Ar­gu­men­te (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/159 Ur­laub bei lan­ger Krank­heit). Ar­beit­neh­mer soll­ten da­her, wenn ihr Ar­beits­verhält­nis nach lan­ger Krank­heit en­det, Ur­laubs­ab­gel­tung wei­ter­hin un­ein­ge­schränkt for­dern und not­falls ein­kla­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: Nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den, das Ur­teil des LAG Düssel­dorf auf­ge­ho­ben und die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Juli 2014

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