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Arbeitsrecht aktuell: 11/234 Urlaub und Krankheit: Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen
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EuGH kippt sein Schultz-Hoff-Urteil: Kurze Zeitgrenze für das Ansammeln von Urlaub bei Krankheit ist in Ordnung
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 (KHS gg. Schulte)
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23.11.2011. Arbeitnehmer, die ihren Urlaub infolge einer langen Krankheit über Jahre hinweg nicht nehmen können, verloren bis Anfang 2009 jeweils zum 31. März den Urlaub aus dem Vorjahr. Denn das Bundesarbeitsgericht (BAG) ging bis dahin davon aus, dass Krankheit ein Übertragungsgrund im Sinne von § 7 Abs.3 Satz 2 Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) sei. Daher wurde zulasten der wegen Krankheit dauerabwesenden Arbeitnehmer auch § 7 Abs.3 Satz 3 BUrlG angewandt. Danach erlischt der auf das Folgejahr Urlaub zum 31. März des Folgejahres.
Diese Position änderte das BAG im März 2009 zugunsten erkrankter Arbeitnehmer. Grund war das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Sachen Schultz-Hoff (Urteil vom 20.01.2009, C-350/06). Diesem EuGH-Urteil zufolge verlangt Art.7 der Richtlinie 2003/78/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung eine längere Sicherung des Urlaubs bei Krankheit.
Aber fordert das EU-Recht, d.h. Art.7 der Richtlinie 2003/78/EG ein unbegrenztes Anwachsen des Urlaubs bei jahrelanger Krankheit? Das Landesarbeitsgericht Hamm bezweifelte das und fragte den EuGH, ob der krankheitsbedingt nicht genommene Urlaub nicht wenigstens 15 Monate nach Ablauf des Urlaubsjahres verfallen könnte (LAG Hamm, Beschluss vom 15.04.2010, 16 Sa 1176/09). Gestern kam die Antwort des EuGH: Ja, das geht (EuGH, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte).
von Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Berlin
Hensche Rechtsanwälte, Kanzlei Berlin
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Urlaub bis zum Abwinken, das wäre schön. Aber auch sehr teuer und daher für viele kleinere Unternehmen kaum zu stemmen. Sie denken daher seit dem Schultz-Hoff-Urteil des EuGH und seiner Umsetzung durch das BAG (BAG, Urteil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07) öfter als zuvor über eine krankheitsbedingte Kündigung langzeitig erkrankter Arbeitnehmer nach. Einen Anreiz zur Kündigung bei langer Krankheit will Art.7 der Richtlinie 2003/88/EG aber kaum schaffen.
Daher fragt sich, ob die Schultz-Hoff-Entscheidung nicht zu weit gegangen ist, d.h. ob es nicht doch zeitliche Grenzen für das Ansammeln von Urlaub bei lang andauernder Krankheit geben darf. Nachdem das LAG Hamm diese Frage mit dem o.g. Beschluss vom 15.04.2010 dem EuGH vorgelegt hatte, hat sich die Generalanwältin beim EuGH Trstenjak in ihren Schlussanträgen vom 07.07.2011 dafür ausgesprochen, dass eine Sicherung des Urlaubs für 18 Monaten europarechtlich ausreichen könnte (wir berichteten in: Arbeitsrecht aktuell 11/164 Urlaub nach Krankheit. Urlaubsanspruch bei langer Krankheit kann nach 18 Monaten verfallen). Wie so oft, so hat sich auch in dieser Rechtssache der EuGH dem Votum seiner Generalanwälte angeschlossen.
Ein gewerblicher Arbeitnehmer, Herr Schulte, war aufgrund eines Infarktes von 2002 bis zur einvernehmlichen Beendigung seines Arbeitsverhältnisses im August 2008 arbeitsunfähig krank. 2009 klagte er 90 Tage Urlaubsabgeltung für 2006 bis 2008 ein. Damit hatte er vor dem Arbeitsgericht Dortmund im wesentlichen Erfolg. Allerdings waren die Urlaubstage für 2006 gemäß einem auf das Arbeitsverhältnis anwendbaren Tarifvertrag verfallen. Die tarifliche Verfallsvorschrift sah vor, dass Urlaub, der infolge von Krankheit nicht genommen wird, 15 Monate nach Ablauf des Urlaubsjahres untergeht. Der Urlaub für 2006 wäre daher am 31.03.2008 verfallen - falls eine solche Tarifregelung nicht gegen das Europarecht verstoßen sollte.
Der EuGH hat sich mit seinem gestrigen Urteil den Argumenten angeschlossen, die gegen eine endlose Verlängerung des Urlaubs bei Krankheit sprechen: Danach ist eine übermäßige finanzielle Belastung der Arbeitgeber zu verhindern. Außerdem besteht der Zweck des Urlaubs bzw. des Urlaubsanspruchs gemäß Art.7 der Richtlinie 2003/78/EG in der Erholung, die aber viele Jahre nach Ablauf des Urlaubsjahres nicht mehr möglich ist. Europarechtlich zwingend ist nur eine zeitliche Mindestsicherung des Urlaubs bei Krankheit, die jedenfalls länger als ein Jahr sein muss.
Fazit: Der EuGH kippt gut zweieinhalb Jahre nach dem Schultz-Hoff-Urteil dessen wesentliche Kernaussage. Dieses chaotische Herumwursteln des EuGH im Urlaubsrecht wirft die Frage auf, wieviel EuGH das Arbeitsrecht der EU-Staaten wirklich braucht.
Praktisch folgt aus dem aktuellen EuGH-Urteil in Sachen KHS gg. Schulte erst einmal nur, dass Tarifverträge bei Krankheit einen Verfall von Urlaub nach mehr als einem Jahr vorsehen können. Für das BUrlG und seine derzeitige Auslegung durch das BAG hat das KHS-Urteil des EuGH dagegen keine unmittelbaren Auswirkungen, da das BUrlG eine derartige Begrenzung nicht enthält.
Arbeitgeber sind auch nicht dazu befugt, in ihre Arbeitsverträge Verfallsklauseln aufzunehmen, die den Anspruch auf Urlaub bei Krankheit untergehen lassen, wenn er nicht binnen 15 oder 18 Monaten nach Ablauf des Urlaubsjahres genommen wird. Denn dies wäre eine unzulässige, weil für den Arbeitnehmer ungünstige Abweichung vom BUrlG bzw. von der zu ihm ergangenen aktuellen Rechtsprechung des BAG. Wenn überhaupt, können Arbeitgeber durch arbeitsvertragliche Verweisungen auf (geeignete!) Tarifverträge einen solchen rechtlichen Effekt herbeiführen.
Für Arbeitnehmer gilt weiterhin die Empfehlung, Ansprüche auf Urlaub und Urlaubsabgeltung möglichst bald nach Genesung bzw. nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses geltend zu machen und notfalls einzuklagen. Die Chancen, sich günstig zu vergleichen, sind nach wie vor hoch, da die Rechtslage immer noch unklar ist.
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Letzte Überarbeitung: 16. Mai 2012
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Arbeitsrecht aktuell: |
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Hamburg, 24.05.2012 Fristlose Kündigung:
Arbeitsgericht Bremen-Bremerhaven, Urteil vom 23.05.2012, 2 Ca 2565/11
Frankfurt, 23.05.2012 TVöD-Mehrurlaub:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 22.05.2012, 9 AZR 575/10
Berlin, 22.05.2012 Konkurrentenklage:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 14.03.2012, 15 SaGa 2383/11
Berlin, 19.05.2012 Teilzeitanspruch:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 14.03.2012, 15 SaGa 2286/11
Berlin, 17.05.2012 Outsourcing:
Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 16.05.2012, 4 AZR 320/10 und 321/10
Berlin, 17.05.2012 Öffentlicher Dienst:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 16.05.2012, 10 AZR 202/11
München, 16.05.2012 Altersversorgung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.05.2012, 3 AZR 128/11
Hannover, 15.05.2012 Urlaub und Krankheit:
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 23.02.2012, 5 Sa 1370/11
Frankfurt, 14.05.2012 Leiharbeit:
Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 23.04.2012, L 1 KR 95/12 B ER
Berlin, 12.05.2012 Betriebsübergang:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 10.05.2012, 8 AZR 639/10
Köln, 09.05.2012 Whistleblowing:
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11
Köln, 08.05.2012 Lohnrückzahlung:
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 12.10.2011, 9 Sa 156/11
München, 07.05.2012 Kündigungsschutzklage:
Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 13.10.2011, 3 Sa 1187/10
Frankfurt, 04.05.2012 Urlaub und Krankheit:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 03.05.2012, Rs. C-337/10 - Neidel
Köln, 03.05.2012 Korruption:
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 23.01.2012, 5 Sa 371/11
Köln, 02.05.2012 Kündigung und Krankheit:
Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 08.12.2011, 3 Ca 936/11
Köln, 30.04.2012 Fristlose Kündigung:
Landesarbeitsgericht Köln, Beschluss vom 27.07.2011, 9 TaBVGa 2/11
Frankfurt, 25.04.2012 Urlaubsabgeltung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 13.12.2011, 9 AZR 399/10
Köln, 24.04.2012 Diskriminierungsschutz:
Bundesgerichtshof, Urteil vom 23.04.2012, II ZR 163/10
Frankfurt, 23.04.2012 Fristlose Kündigung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 19.04.2012, 2 AZR 258/11
Hamburg, 20.04.2012 Lohnuntergrenzen:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.04.2012, 4 AZR 139/10, Beschluss vom 18.04.2012, 4 AZR 168/10
Hamburg, 20.04.2012 Diskriminierung:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 19.04.2012, C-415/10 (Meister)
Hannover, 18.04.2012 Gleichbehandlung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 17.04.2012, 3 AZR 280/10
Hamburg, 13.04.2012 Kündigungsschutzklage:
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 27.09.2011, 1 Sa 538 e/10
Stuttgart, 12.04.2012 Änderungskündigung:
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 10.11.2011, 10 Sa 329/11
Köln, 28.03.2012 Ermahnung:
Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 20.12.2011, 3 Ca 1013/11
Frankfurt, 26.03.2012 Mitarbeitergespräche:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 06.02.2012, 16 Sa 1134/11
Berlin, 22.03.2012 Massenentlassungsanzeige
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.03.2012, 6 AZR 596/10
Berlin, 21.03.2012 Gleicher Urlaub:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.03.2012, 9 AZR 529/10
Berlin, 18.03.2012 Änderungskündigung:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.12.2011, 15 Sa 1264/11, 15 Sa 1461/11
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