HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 20.12.2017, C-442/16 - Gu­sa

   
Schlagworte: Arbeitnehmerfreizügigkeit, EU-Bürger, Arbeitslosengeld
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-442/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.12.2017
   
Leitsätze: Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richtlinie 2004/38/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Unionsbürger und ihrer Familienangehörigen, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten, zur Änderung der Verordnung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Aufhebung der Richtlinien 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG ist dahin auszulegen, dass die Selbständigeneigenschaft für die Zwecke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a dieser Richtlinie einem Staatsangehörigen eines Mitgliedstaats erhalten bleibt, der, nachdem er sich rechtmäßig in einem anderen Mitgliedstaat aufgehalten und dort etwa vier Jahre als Selbständiger gearbeitet hatte, diese Tätigkeit wegen eines ordnungsgemäß bestätigten Mangels an Arbeit, der auf von seinem Willen unabhängigen Gründen beruhte, aufgegeben und sich dem zuständigen Arbeitsamt des letztgenannten Mitgliedstaats zur Verfügung gestellt hat.
Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Fünf­te Kam­mer)

20. De­zem­ber 2017(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Richt­li­nie 2004/38/EG - Per­son, die ei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ger auf­ge­ge­ben hat - Auf­recht­er­hal­tung der Selbständi­gen­ei­gen­schaft - Auf­ent­halts­recht - Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats, wo­nach die Gewährung ei­nes Zu­schus­ses für Ar­beit­su­chen­de Per­so­nen vor­be­hal­ten ist, die ein Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats ha­ben“

In der Rechts­sa­che C-442/16

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Court of Ap­peal (Be­ru­fungs­ge­richt, Ir­land) mit Ent­schei­dung vom 29. Ju­li 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 8. Au­gust 2016, in dem Ver­fah­ren

Flo­rea Gu­sa

ge­gen

Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion,

Ir­land,

At­tor­ney Ge­ne­ral

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. L. da Cruz Vi­laça, des Vi­ze­präsi­den­ten des Ge­richts­hofs A. Tiz­za­no (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­ter E. Le­vits und A. Borg Bart­het so­wie der Rich­te­rin M. Ber­ger,

Ge­ne­ral­an­walt: M. Wa­the­let,

Kanz­ler: C. Strömholm, Ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 14. Ju­ni 2017,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- des Herrn Gu­sa, ver­tre­ten durch V. Nahoi, ad­vo­ca­te, M. Fla­na­gan, BL, und D. Shor­tall, BL,

- des Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion, Ir­lands und des At­tor­ney Ge­ne­ral, ver­tre­ten durch A. Mor­ris­sey, E. Cree­don und E. McKen­na als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von D. Dodd, BL, und S. Woul­fe, SC,

- der tsche­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek, J. Pav­liš und J. Vláčil als Be­vollmäch­tig­te,

- der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Ny­mann-Lin­de­gren, N. Ly­shøj und C. Thorning als Be­vollmäch­tig­te,

- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Möller als Be­vollmäch­tig­ten,

- der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch D. Co­las und R. Coe­s­me als Be­vollmäch­tig­te,

- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Z. Fehér und E. E. Se­be­s­tyén als Be­vollmäch­tig­te,

- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch S. Bran­don, T. Bu­ley und C. Cra­ne als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von D. Blun­dell, Bar­ris­ter,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch E. Mon­ta­guti und J. Tom­kin als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 26. Ju­li 2017

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 7 und 14 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG (ABl. 2004, L 158, S. 77, und Be­rich­ti­gun­gen ABl. 2004, L 229, S. 35, und ABl. 2005, L 197, S. 34) so­wie des Art. 4 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit (ABl. 2004, L 166, S. 1 und Be­rich­ti­gung in ABl. 2004, L 200, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 988/2009 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 16. Sep­tem­ber 2009 (ABl. 2009, L 284, S. 43) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Ver­ord­nung Nr. 883/2004).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Flo­rea Gu­sa auf der ei­nen Sei­te und dem Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion (Mi­nis­ter für So­zi­al­schutz, Ir­land), Ir­land und dem At­tor­ney Ge­ne­ral auf der an­de­ren Sei­te über die Wei­ge­rung, Herrn Gu­sa ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de zu gewähren.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

Richt­li­nie 2004/38

3 In den Erwägungs­gründen 3 und 4 der Richt­li­nie 2004/38 heißt es:

„(3) … [D]ie be­ste­hen­den Ge­mein­schafts­in­stru­men­te, die Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge so­wie Stu­die­ren­de und an­de­re beschäfti­gungs­lo­se Per­so­nen ge­trennt be­han­deln, [müssen] ko­di­fi­ziert und übe­r­ar­bei­tet wer­den, um das Freizügig­keits- und Auf­ent­halts­recht al­ler Uni­onsbürger zu ver­ein­fa­chen und zu verstärken.

(4) Um die­se be­reichs­spe­zi­fi­schen und frag­men­ta­ri­schen Ansätze des Freizügig­keits- und Auf­ent­halts­rechts zu über­win­den und die Ausübung die­ses Rechts zu er­leich­tern, ist ein ein­zi­ger Rechts­akt er­for­der­lich, in dem die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 des Ra­tes vom 15. Ok­to­ber 1968 über die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Ge­mein­schaft [(ABl. 1968, L 257, S. 2) in der Fas­sung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 2434/92 des Ra­tes vom 27. Ju­li 1992 (ABl. 1992, L 245, S. 1)] geändert und die fol­gen­den Rechts­ak­te auf­ge­ho­ben wer­den: die Richt­li­nie 68/360/EWG des Ra­tes vom 15. Ok­to­ber 1968 zur Auf­he­bung der Rei­se- und Auf­ent­halts­be­schränkun­gen für Ar­beit­neh­mer der Mit­glied­staa­ten und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen in­ner­halb der Ge­mein­schaft [(ABl. 1968, L 257, S. 13)], die Richt­li­nie 73/148/EWG des Ra­tes vom 21. Mai 1973 zur Auf­he­bung der Rei­se- und Auf­ent­halts­be­schränkun­gen für Staats­an­gehöri­ge der Mit­glied­staa­ten in­ner­halb der Ge­mein­schaft auf dem Ge­biet der Nie­der­las­sung und des Dienst­leis­tungs­ver­kehrs [(ABl. 1973, L 172, S. 14)], die Richt­li­nie 90/364/EWG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1990 über das Auf­ent­halts­recht [(ABl. 1990, L 180, S. 26)], die Richt­li­nie 90/365/EWG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1990 über das Auf­ent­halts­recht der aus dem Er­werbs­le­ben aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mer und selbstständig Er­werbstäti­gen [(ABl. 1990, L 180, S. 28)] und die Richt­li­nie 93/96/EWG des Ra­tes vom 29. Ok­to­ber 1993 über das Auf­ent­halts­recht der Stu­den­ten [(ABl. 1993, L 317, S. 59)].“

4 Art. 1 die­ser Richt­li­nie be­stimmt:

„Die­se Richt­li­nie re­gelt

a) die Be­din­gun­gen, un­ter de­nen Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen das Recht auf Freizügig­keit und Auf­ent­halt in­ner­halb des Ho­heits­ge­biets der Mit­glied­staa­ten ge­nießen;

…“

5 Art. 7 („Recht auf Auf­ent­halt für mehr als drei Mo­na­te“) Abs. 1 und 3 die­ser Richt­li­nie sieht vor:

„(1) Je­der Uni­onsbürger hat das Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von über drei Mo­na­ten, wenn er

a) Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat ist oder

b) für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, und er und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügen oder

c) - bei ei­ner pri­va­ten oder öffent­li­chen Ein­rich­tung … zur Ab­sol­vie­rung ei­ner Aus­bil­dung ein­sch­ließlich ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung als Haupt­zweck ein­ge­schrie­ben ist und

- über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügt und der zuständi­gen na­tio­na­len Behörde … glaub­haft macht, dass er für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, oder

(3) Für die Zwe­cke des Ab­sat­zes 1 Buch­sta­be a) bleibt die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft dem Uni­onsbürger, der sei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ger nicht mehr ausübt, in fol­gen­den Fällen er­hal­ten:

b) er stellt sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung;

…“

6 Art. 14 („Auf­recht­er­hal­tung des Auf­ent­halts­rechts“) Abs. 4 die­ser Richt­li­nie sieht vor:

„… un­be­scha­det der Be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels VI darf ge­gen Uni­onsbürger … auf kei­nen Fall ei­ne Aus­wei­sung verfügt wer­den, wenn

b) die Uni­onsbürger in das Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ein­ge­reist sind, um Ar­beit zu su­chen. In die­sem Fall dürfen die Uni­onsbürger … nicht aus­ge­wie­sen wer­den, so­lan­ge [sie] nach­wei­sen können, dass sie wei­ter­hin Ar­beit su­chen und dass sie ei­ne be­gründe­te Aus­sicht ha­ben, ein­ge­stellt zu wer­den.“

Ver­ord­nung Nr. 883/2004

7 Art. 3 Abs. 1 und 3 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 sieht vor:

„(1) Die­se Ver­ord­nung gilt für al­le Rechts­vor­schrif­ten, die fol­gen­de Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit be­tref­fen:

h) Leis­tun­gen bei Ar­beits­lo­sig­keit,

(3) Die­se Ver­ord­nung gilt auch für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 70.“

8 Art. 4 („Gleich­be­hand­lung“) die­ser Ver­ord­nung lau­tet:

„So­fern in die­ser Ver­ord­nung nichts an­de­res be­stimmt ist, ha­ben Per­so­nen, für die die­se Ver­ord­nung gilt, die glei­chen Rech­te und Pflich­ten auf­grund der Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Staa­tes.“

9 Art. 70 in Ka­pi­tel 9 („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) des Ti­tels III die­ser Ver­ord­nung be­stimmt:

„(1) Die­ser Ar­ti­kel gilt für be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen, die nach Rechts­vor­schrif­ten gewährt wer­den, die auf­grund ih­res persönli­chen Gel­tungs­be­reichs, ih­rer Zie­le und/oder ih­rer An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen so­wohl Merk­ma­le der in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Rechts­vor­schrif­ten der so­zia­len Si­cher­heit als auch Merk­ma­le der So­zi­al­hil­fe auf­wei­sen.

(2) Für die Zwe­cke die­ses Ka­pi­tels be­zeich­net der Aus­druck ‚be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen‘ die Leis­tun­gen:

a) die da­zu be­stimmt sind:

i) ei­nen zusätz­li­chen, er­satz­wei­sen oder ergänzen­den Schutz ge­gen die Ri­si­ken zu gewähren, die von den in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Zwei­gen der so­zia­len Si­cher­heit ge­deckt sind, und den be­tref­fen­den Per­so­nen ein Min­dest­ein­kom­men zur Be­strei­tung des Le­bens­un­ter­halts [zu] ga­ran­tie­ren, das in Be­zie­hung zu dem wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Um­feld in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat steht,

und

b) de­ren Fi­nan­zie­rung aus­sch­ließlich durch ob­li­ga­to­ri­sche Steu­ern zur De­ckung der all­ge­mei­nen öffent­li­chen Aus­ga­ben er­folgt und de­ren Gewährung und Be­rech­nung nicht von Beiträgen hin­sicht­lich der Leis­tungs­empfänger abhängen. …

und

c) die in An­hang X auf­geführt sind.

(4) Die in Ab­satz 2 ge­nann­ten Leis­tun­gen wer­den aus­sch­ließlich in dem Mit­glied­staat, in dem die be­tref­fen­den Per­so­nen woh­nen, und nach des­sen Rechts­vor­schrif­ten gewährt. …“

10 An­hang X die­ser Ver­ord­nung, der die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung aufführt, um­fasst für Ir­land den „Zu­schuss für Ar­beits­su­chen­de (So­ci­al Wel­fa­re Con­so­li­da­ti­on Act 2005, Teil 3 Ka­pi­tel 2)“.

Iri­sches Recht

11 Sec­tion 139 des So­ci­al Wel­fa­re Con­so­li­da­ti­on Act 2005 (as amen­ded) (ko­di­fi­zier­tes So­zi­al­schutz­ge­setz von 2005 [in geänder­ter Fas­sung], im Fol­gen­den: Ge­setz von 2005) sieht in ei­nem Ver­zeich­nis von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de vor.
12 Gemäß Sec­tion 141(1) und (9) die­ses Ge­set­zes hängt die Gewährung des Zu­schus­ses von ei­nem die Exis­tenz­mit­tel be­tref­fen­den Kri­te­ri­um und von der Vor­aus­set­zung ab, dass die be­trof­fe­ne Per­son zum Zeit­punkt der An­trag­stel­lung ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Ir­land hat.
13 Sec­tion 246(5) des Ge­set­zes von 2005 be­stimmt:

„… Ei­ne Per­son, die nicht das Recht hat, sich in dem Staat auf­zu­hal­ten, gilt im Sin­ne die­ses Ge­set­zes nicht als Per­son, die ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in dem Staat hat.“

14 Sec­tion 246(6) die­ses Ge­set­zes führt die Per­so­nen auf, von de­nen für die Zwe­cke von Sub­sec­tion (5) an­ge­nom­men wird, dass sie das Recht ha­ben, sich in Ir­land auf­zu­hal­ten. Da­zu gehören die iri­schen Staatsbürger und Per­so­nen, die nach den Eu­ro­pean Com­mu­nities (Free Mo­ve­ment of Per­sons) (No. 2) Re­gu­la­ti­ons 2006 (Ver­ord­nung über die Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten [Freizügig­keit] Nr. 2 von 2006) (im Fol­gen­den: Re­gu­la­ti­ons von 2006), mit de­nen die Richt­li­nie 2004/38 in iri­sches Recht um­ge­setzt wird, das Recht ha­ben, nach Ir­land ein­zu­rei­sen und sich dort auf­zu­hal­ten.
15 Re­gu­la­ti­on 6(2) der Re­gu­la­ti­ons von 2006 be­stimmt:

„a) Vor­be­halt­lich von Re­gu­la­ti­on 20 darf sich ein Uni­onsbürger länger als drei Mo­na­te im Staat auf­hal­ten, wenn er -

i) Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger im Staat ist,

c) Vor­be­halt­lich von Re­gu­la­ti­on 20 darf ei­ne Per­son, auf die Un­ter­ab­satz (a)(i) zu­trifft, bei Be­en­di­gung der in die­sem Un­ter­ab­satz ge­nann­ten Tätig­keit im Staat blei­ben, wenn sie -

ii) sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung der zuständi­gen Stel­le des De­part­ment of So­ci­al and Fa­mi­ly Af­fairs [So­zi­al- und Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um, Ir­land] und der FÁS [Behörde für Bil­dung und Beschäfti­gung, Ir­land] als Ar­beit­su­chen­der zur Verfügung stellt,

…“

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

16 Herr Gu­sa, ein rumäni­scher Staats­an­gehöri­ger, reis­te im Ok­to­ber 2007 in das Ho­heits­ge­biet Ir­lands ein. Während des ers­ten Jah­res sei­nes Auf­ent­halts in die­sem Mit­glied­staat wur­de sein Le­bens­un­ter­halt von sei­nen er­wach­se­nen Kin­dern be­strit­ten, die eben­falls dort wohn­ten. Von Ok­to­ber 2008 bis Ok­to­ber 2012 war er als selbständi­ger Stucka­teur tätig und ent­rich­te­te auf­grund des­sen in Ir­land sei­ne Steu­ern, die ein­kom­mens­abhängi­gen So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge und die an­de­ren Ab­ga­ben auf sei­ne Einkünf­te.
17 Im Ok­to­ber 2012 gab er die­se Tätig­keit un­ter Hin­weis auf ei­nen Man­gel an Ar­beit auf­grund des kon­junk­tu­rel­len Ab­schwungs auf und stell­te sich den zuständi­gen iri­schen Behörden als Ar­beit­su­chen­der zur Verfügung. Er hat­te dann kein Ein­kom­men mehr, da sei­ne Kin­der Ir­land ver­las­sen hat­ten und ihn nicht mehr fi­nan­zi­ell un­terstütz­ten.
18 Im No­vem­ber 2012 stell­te er ei­nen An­trag auf Gewährung ei­nes Zu­schus­ses für Ar­beit­su­chen­de nach dem Ge­setz von 2005.
19 Die­ser An­trag wur­de je­doch mit Ent­schei­dung vom 22. No­vem­ber 2012 mit der Be­gründung ab­ge­lehnt, dass Herr Gu­sa nicht nach­ge­wie­sen ha­be, dass er zu die­sem Zeit­punkt noch im­mer ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land be­sit­ze. Seit der Be­en­di­gung sei­ner selbständi­gen Tätig­keit als Stucka­teur ha­be Herr Gu­sa nämlich nicht mehr die Vor­aus­set­zun­gen für die­ses Recht in Re­gu­la­ti­on 6(2) der Re­gu­la­ti­ons von 2006 erfüllt, mit der Art. 7 der Richt­li­nie 2004/38 in iri­sches Recht um­ge­setzt wird.
20 Nach er­folg­lo­sem Wi­der­spruch focht Herr Gu­sa die Ent­schei­dung beim High Court (Ho­her Ge­richts­hof, Ir­land) u. a. mit der Be­gründung an, dass ihm, ob­wohl er sei­ne selbständi­ge Er­werbstätig­keit auf­ge­ge­ben ha­be, nach Art. 7 der Richt­li­nie 2004/38 die Selbständi­gen­ei­gen­schaft so­wie ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land er­hal­ten ge­blie­ben sei­en. Mit Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 2013 wies der High Court (Ho­her Ge­richts­hof) die Kla­ge ab, wo­ge­gen Herr Gu­sa beim Su­pre­me Court (Obers­ter Ge­richts­hof, Ir­land) ein Rechts­mit­tel ein­leg­te, das die­ser an das vor­le­gen­de Ge­richt ver­wies.
21 Das vor­le­gen­de Ge­richt weist ein­lei­tend dar­auf hin, dass Herr Gu­sa nicht be­haup­te, über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel oder ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz zu verfügen und da­her nicht gel­tend ma­che, nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land zu ha­ben. Er tra­ge auch nicht vor, im No­vem­ber 2012 ein Recht auf Dau­er­auf­ent­halt in die­sem Mit­glied­staat er­wor­ben zu ha­ben.
22 Das vor­le­gen­de Ge­richt fragt sich je­doch, ob bei Herrn Gu­sa da­von aus­zu­ge­hen sei, dass ihm, ob­wohl er sei­ne selbständi­ge Er­werbstätig­keit als Stucka­teur auf­ge­ge­ben ha­be, die Selbständi­gen­ei­gen­schaft nach Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 oder nach ei­ner an­de­ren uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung er­hal­ten ge­blie­ben sei, so dass er nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie wei­ter­hin ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land ha­be. Ins­be­son­de­re stellt sich für das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen die Fra­ge, ob Art. 7 Abs. 3 Buchst. b nur Per­so­nen er­fas­se, die un­frei­wil­lig ar­beits­los ge­wor­den sei­en, nach­dem sie mehr als ein Jahr ei­ner Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer nach­ge­gan­gen sei­en, oder ob die­se Be­stim­mung auch auf Per­so­nen An­wen­dung fin­de, die sich in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on befänden, nach­dem sie über ei­nen sol­chen Zeit­raum hin­weg ei­ne selbständi­ge Tätig­keit aus­geübt hätten.
23 Falls da­von aus­zu­ge­hen sei, dass Herr Gu­sa die Selbständi­gen­ei­gen­schaft ver­lo­ren ha­be, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob ihm den­noch ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land auf­grund ei­ner an­de­ren uni­ons­recht­li­chen Vor­schrift zu­zu­er­ken­nen sei, ob­wohl er we­der über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel noch über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz verfüge.
24

Falls dies zu ver­nei­nen sei, fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob die Wei­ge­rung, Herrn Gu­sa den nach dem Ge­setz von 2005 vor­ge­se­he­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de zu gewähren, weil er kein sol­ches Auf­ent­halts­recht nach­wei­se, ge­gen das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, ver­s­toße, da die­ser Zu­schuss ei­ne „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tung“ im Sin­ne von Art. 70 die­ser Ver­ord­nung dar­stel­le.

25 Un­ter die­sen Umständen hat der Court of Ap­peal (Be­ru­fungs­ge­richt, Ir­land) das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Bleibt ei­nem Uni­onsbürger, der i) Staats­an­gehöri­ger ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats ist, ii) sich in ei­nem Auf­nahm­e­mit­glied­staat rechtmäßig auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re lang als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat, iii) sei­ne Ar­beit oder wirt­schaft­li­che Tätig­keit we­gen man­geln­der Ar­beit ein­ge­stellt hat und iv) sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung ge­stellt hat, die Ei­gen­schaft als Selbständi­ger im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 Buchst. a ent­we­der nach Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 oder auf an­de­re Wei­se er­hal­ten?

2. Falls nicht, bleibt ihm das Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat er­hal­ten, ob­wohl er die Vor­aus­set­zun­gen in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b oder c der Richt­li­nie 2004/38 nicht erfüllt, oder ist er le­dig­lich gemäß Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 vor ei­ner Aus­wei­sung geschützt?

3. Falls nicht, ist es mit Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, ver­ein­bar, ei­ner sol­chen Per­son ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de (der ei­ne be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tung im Sin­ne von Art. 70 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 dar­stellt) mit der Be­gründung zu ver­wei­gern, sie ha­be kein Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat nach­ge­wie­sen?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

26 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.
27 Nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/38 hat je­der Uni­onsbürger, der im Auf­nahm­e­mit­glied­staat Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger ist, ein Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von über drei Mo­na­ten. Art. 7 Abs. 3 die­ser Richt­li­nie be­stimmt, dass für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft dem Uni­onsbürger, der sei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger nicht mehr ausübt, in vier Fällen den­noch er­hal­ten bleibt.
28 Un­ter die­sen Fällen ist in Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Fall ge­nannt, dass sich der Uni­onsbürger „bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung stellt“.
29 Das vor­le­gen­de Ge­richt führt in­so­weit aus, im vor­lie­gen­den Fall ste­he außer Streit, dass sich Herr Gu­sa dem zuständi­gen Ar­beits­amt im Sin­ne die­ses Art. 7 Abs. 3 Buchst. b zur Verfügung ge­stellt ha­be. Das vor­le­gen­de Ge­richt weist je­doch sinn­gemäß dar­auf hin, dass aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 3 Buchst. b ab­ge­lei­tet wer­den könn­te, dass die­se Be­stim­mung nur für Per­so­nen gel­te, die sich nach mehr als einjähri­ger Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer in ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit befänden, und Per­so­nen, die sich wie Herr Gu­sa in ei­ner ent­spre­chen­den Si­tua­ti­on befänden, nach­dem sie während ei­nes sol­chen Zeit­raums ei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ge aus­geübt hätten, aus­ge­schlos­sen sei­en.
30 Die­se Aus­le­gung kann aus dem Wort­laut der Be­stim­mung je­doch nicht ein­deu­tig ge­fol­gert wer­den.
31 Ins­be­son­de­re könn­te der Aus­druck „un­frei­wil­li­ge Ar­beits­lo­sig­keit“ ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens und der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs je nach dem Kon­text, in dem er ver­wen­det wird, so­wohl auf ei­ne Si­tua­ti­on der Er­werbs­lo­sig­keit auf­grund des un­frei­wil­li­gen Ver­lusts ei­nes Ar­beits­plat­zes in­fol­ge ins­be­son­de­re ei­ner Ent­las­sung als auch, im wei­te­ren Sin­ne, auf ei­nen Zu­stand der Be­en­di­gung ei­ner Er­werbstätig­keit, sei es als Ar­beit­neh­mer oder als Selbständi­ger, we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit aus nicht vom Wil­len der be­trof­fe­nen Per­son abhängen­den Gründen, wie et­wa im Fall ei­nes kon­junk­tu­rel­len Ab­schwungs, Be­zug neh­men.
32 An­de­rer­seits könn­te der Aus­druck „nach Beschäfti­gung“, der u. a. in der eng­li­schen („af­ter ha­ving be­en em­ploy­ed“) und der französi­schen („après avoir été em­ployé“) Sprach­fas­sung des Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ver­wen­det wird und der, wie ins­be­son­de­re die Be­klag­ten den Aus­gangs­ver­fah­rens her­vor­ge­ho­ben ha­ben, im ursprüng­li­chen und im geänder­ten Richt­li­ni­en­vor­schlag der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on (Vor­schlag für ei­ne Richt­li­nie des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten [ABl. 2001, C 270 E, S. 150], und Geänder­ter Vor­schlag für ei­ne Richt­li­nie des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, KOM[2003] 199 endg.) nicht ent­hal­ten war, so ver­stan­den wer­den, dass er auf ei­ne vor­he­ri­ge Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer Be­zug nimmt.
33 Wie je­doch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 48 und 49 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen aus­geführt hat, bestäti­gen an­de­re Sprach­fas­sun­gen die­ser Be­stim­mung, die neu­tra­le­re For­mu­lie­run­gen ver­wen­den, die­se Aus­le­gung nicht. Ins­be­son­de­re ver­wen­det die grie­chi­sche Sprach­fas­sung den Aus­druck „επαγγελματική δραστηριότητα“, wo­mit auf die Ausübung ei­ner „Be­rufstätig­keit“ Be­zug ge­nom­men wird, die ita­lie­ni­sche Sprach­fas­sung ver­wen­det den Aus­druck „aver eser­ci­ta­to un’at­ti­vità“ und ver­weist so­mit auf die Ausübung ei­ner Tätig­keit, und die let­ti­sche Sprach­fas­sung enthält den Aus­druck „ir bi­jis(-usi) no­dar­bināts(-a)“, der all­ge­mein Per­so­nen um­fasst, die „ge­ar­bei­tet“ ha­ben.
34 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs kann die in ei­ner der Sprach­fas­sun­gen ei­ner Vor­schrift des Uni­ons­rechts ver­wen­de­te For­mu­lie­rung nicht als al­lei­ni­ge Grund­la­ge für die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift her­an­ge­zo­gen wer­den oder Vor­rang vor den an­de­ren Sprach­fas­sun­gen be­an­spru­chen. Die Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts müssen nämlich im Licht der Fas­sun­gen in al­len Spra­chen der Uni­on ein­heit­lich aus­ge­legt und an­ge­wandt wer­den. Wei­chen die­se ver­schie­de­nen Fas­sun­gen von­ein­an­der ab, muss die frag­li­che Vor­schrift nach der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik und dem Zweck der Re­ge­lung aus­ge­legt wer­den, zu der sie gehört (vgl. Ur­teil vom 1. März 2016, Alo und Os­so, C-443/14 und C-444/14, EU:C:2016:127, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
35 Zur all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie 2004/38 ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Richt­li­nie nach ih­rem Art. 1 Buchst. a u. a. die Be­din­gun­gen fest­le­gen soll, un­ter de­nen Uni­onsbürger das Recht auf Freizügig­keit und Auf­ent­halt in­ner­halb des Ho­heits­ge­biets der Mit­glied­staa­ten ge­nießen.
36 Zu die­sem Zweck un­ter­schei­det Art. 7 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie u. a. die Si­tua­ti­on der er­werbstäti­gen Bürger von der Si­tua­ti­on der nicht er­werbstäti­gen Bürger und Stu­die­ren­den. Hin­ge­gen trifft die­se Be­stim­mung in­ner­halb der erst­ge­nann­ten Grup­pe kei­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen den Bürgern, die im Auf­nahm­e­mit­glied­staat un­selbständig er­werbstätig sind, und den selbständig er­werbstäti­gen Bürgern.
37 Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/38 ver­leiht da­her, wie in Rn. 27 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, je­dem Uni­onsbürger, der die Ei­gen­schaft ei­nes „Ar­beit­neh­mers oder Selbständi­gen“ hat, ein Auf­ent­halts­recht. Dem­ent­spre­chend be­zieht sich Art. 7 Abs. 3 die­ser Richt­li­nie im ein­lei­ten­den Satz auf Uni­onsbürger, de­nen, ob­wohl sie ih­re „Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger“ nicht mehr ausüben, für die Zwe­cke von Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die „Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft“ er­hal­ten bleibt.
38 Da, wie sich aus den Rn. 30 bis 34 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 3 Buchst. b nicht ab­ge­lei­tet wer­den kann, dass er nur den Fall der Per­so­nen er­fasst, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer mehr ausüben, und je­ne Per­so­nen aus­sch­ließt, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ge mehr ausüben, ist die­se Be­stim­mung un­ter Berück­sich­ti­gung der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie 2004/38 und ins­be­son­de­re des ein­lei­ten­den Sat­zes von Art. 7 Abs. 1 Buchst. b so­wie des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen, dass sie für die­se bei­den Per­so­nen­grup­pen gilt.
39 Die­se Aus­le­gung wird durch die Un­ter­su­chung der Zie­le un­ter­mau­ert, die mit die­ser Richt­li­nie, ge­nau­er mit ih­rem Art. 7 Abs. 3 Buchst. b, ver­folgt wer­den.
40 Zum ei­nen er­gibt sich nämlich aus den Erwägungs­gründen 3 und 4 der Richt­li­nie 2004/38, dass die­se zum Ziel hat, zur Stärkung des ele­men­ta­ren und persönli­chen Rechts al­ler Uni­onsbürger, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, so­wie zur Er­leich­te­rung der Ausübung die­ses Rechts die be­reichs­spe­zi­fi­schen und frag­men­ta­ri­schen Ansätze, die für die vor dem Er­lass die­ser Richt­li­nie gel­ten­den In­stru­men­te des Uni­ons­rechts, die ins­be­son­de­re Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge ge­trennt be­han­del­ten, cha­rak­te­ris­tisch wa­ren, durch ei­nen ein­zi­gen Rechts­akt zu über­win­den, mit dem die­se In­stru­men­te ko­di­fi­ziert und übe­r­ar­bei­tet wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. Ju­ni 2014, Saint Prix, C-507/12, EU:C:2014:2007, Rn. 25).
41 Die­sem Zweck würde es zu­wi­der­lau­fen, wenn Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­ge­legt würde, dass er nur Per­so­nen er­fasst, die mehr als ein Jahr als Ar­beit­neh­mer er­werbstätig wa­ren, und Per­so­nen aus­sch­ließt, die dies als Selbständi­ge wa­ren.
42 Zum an­de­ren würde ei­ne sol­che Aus­le­gung ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung die­ser bei­den Per­so­nen­grup­pen einführen, die nicht ge­recht­fer­tigt wäre im Hin­blick auf das mit die­ser Be­stim­mung ver­folg­te Ziel, durch die Auf­recht­er­hal­tung der Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft das Auf­ent­halts­recht der Per­so­nen zu si­chern, die ih­re Be­rufstätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit auf­ge­ge­ben ha­ben, der auf von ih­rem Wil­len un­abhängi­gen Umständen be­ruht.
43 Denn wie ein Ar­beit­neh­mer, der un­frei­wil­lig sei­nen Ar­beits­platz in­fol­ge ins­be­son­de­re ei­ner Ent­las­sung ver­lie­ren kann, kann sich ei­ne Per­son, die ei­ner selbständi­gen Er­werbstätig­keit nach­ge­gan­gen ist, ge­zwun­gen se­hen, die­se Tätig­keit auf­zu­ge­ben. Die­se Per­son könn­te sich so­mit in ei­ner schwie­ri­gen Si­tua­ti­on be­fin­den, die mit der ei­nes ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mers ver­gleich­bar ist. Un­ter sol­chen Umständen wäre es nicht ge­recht­fer­tigt, wenn die­se Per­son in Be­zug auf die Auf­recht­er­hal­tung ih­res Auf­ent­halts­rechts nicht den­sel­ben Schutz ge­nießt wie ei­ne Per­son, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer mehr ausübt.
44 Ei­ne sol­che un­ter­schied­li­che Be­hand­lung wäre um­so we­ni­ger ge­recht­fer­tigt, als sie da­zu führen würde, dass ei­ne Per­son, die ei­ne mehr als einjähri­ge Er­werbstätig­keit als Selbständi­ger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat aus­geübt und zum So­zi­al­ver­si­che­rungs- und Steu­er­sys­tem die­ses Mit­glied­staats durch die Ent­rich­tung von Steu­ern, Ab­ga­ben und die Tra­gung von an­de­ren ih­re Einkünf­te min­dern­den Kos­ten bei­ge­tra­gen hat, gleich­be­han­delt würde wie ei­ne Per­son, die in die­sem Mit­glied­staat erst­mals ei­ne Beschäfti­gung sucht, dort nie ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­geübt und nie Beiträge zu die­sem Sys­tem ent­rich­tet hat.
45 Aus al­le­dem folgt, dass ei­ne Per­son, die ei­ne mehr als einjähri­ge selbständi­ge Er­werbstätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit, der auf von ih­rem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben hat, eben­so wie ei­ne Per­son, die un­frei­wil­lig ih­ren Ar­beits­platz ver­lo­ren hat, den sie über ei­ne sol­che Zeit­dau­er in­ne­hat­te, den Schutz des Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ge­nießen kann. Wie in die­ser Be­stim­mung vor­ge­se­hen, muss die Be­en­di­gung der Er­werbstätig­keit ord­nungs­gemäß bestätigt sein.
46 Da­her ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes ord­nungs­gemäß bestätig­ten Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.

Zur zwei­ten und zur drit­ten Fra­ge

47 In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge sind die zwei­te und die drit­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.

Kos­ten

48 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Fünf­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG ist da­hin aus­zu­le­gen, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes ord­nungs­gemäß bestätig­ten Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Eng­lisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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