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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/237

Dy­na­mi­sie­rung der Mi­ni­job-Gren­ze und der Gleit­zo­ne

NRW möch­te die star­ren Ent­gelt­gren­zen für Mi­ni­jobs und Mi­di­jobs an den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn an­pas­sen: Ge­set­zes­an­trag des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len zur Dy­na­mi­sie­rung der Ein­kom­mens­gren­ze für Mi­ni­jobs und für Ver­bes­se­run­gen für Ar­beit­neh­mer in der Gleit­zo­ne vom 30.08.2018.
Minijob Grenze 450 Euro, geringfügige Beschäftigung, Aushilfsjob

25.09.2018. Die schwarz-gel­be Lan­des­re­gie­rung in Nord­rhein-West­fa­len (NRW) hat dem Bun­des­rat ei­nen Ge­setz­ent­wurf zur Über­ar­bei­tung der Ent­gelt­gren­zen im Be­reich der ge­ring­fü­gi­gen Be­schäf­ti­gung ("Mi­ni­job") und in der Gleit­zo­ne ("Mi­di­job") vor­ge­legt.

Der Ent­wurf sieht vor, dass die Ver­diens­to­ber­gren­zen bei Mi­ni- und Mi­di­jobs an den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ge­kop­pelt wer­den und so­mit nach oben ver­än­der­lich wer­den. Durch den lau­fen­den An­stieg der mög­li­chen Ma­xi­mal­ge­häl­ter bei Mi­ni- und Mi­di­jobs soll ver­hin­dert wer­den, dass die Ar­beits­zeit von Mi­ni- und Mi­di­job­bern in­fol­ge des lau­fen­den An­stiegs des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns schlei­chend ver­rin­gert wird.

Kon­kret soll die Mi­ni­job-Gren­ze künf­tig das 53-fa­che und die Ober­gren­ze der Gleit­zo­ne das 148-fa­che des ge­setz­li­chen Min­dest-St­un­den­lohns be­tra­gen: Ge­set­zes­an­trag des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len zur Dy­na­mi­sie­rung der Ein­kom­mens­gren­ze für Mi­ni­jobs und für Ver­bes­se­run­gen für Ar­beit­neh­mer in der Gleit­zo­ne vom 30.08.2018.

Ge­ringfügi­ge Beschäfti­gung und Min­dest­lohn

Wer von ge­ringfügi­ger Beschäfti­gung bzw. ei­nem Mi­ni­job spricht, meint da­mit in der Re­gel die sog. Ent­gelt­ge­ringfügig­keit, bei der die re­gelmäßige mo­nat­li­che Vergütung 450,00 Eu­ro nicht über­steigt, vgl. § 8 Abs.1 Nr.1 Vier­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IV). Bis 2013 be­trug die­se Gren­ze 400,00 Eu­ro.

Ein Mi­ni­job im Sin­ne des § 8 Abs.1 SGB IV liegt außer­dem bei ei­ner sog. kurz­fris­ti­gen Beschäfti­gung vor ("Zeit­ge­ringfügig­keit"). Das ist der Fall, wenn die Beschäfti­gung bei ei­nem Ar­beit­ge­ber auf zwei Mo­na­te bzw. auf 50 Ar­beits­ta­ge pro Ka­len­der­jahr be­grenzt ist.

Bei der ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung kann der Ar­beits­lohn "brut­to gleich net­to" aus­ge­zahlt wer­den, d.h. es gibt dann kei­nen So­zi­al­ab­ga­ben­ab­zug. Für die Beiträge zur Kran­ken-, Ar­beits­lo­sen- und Pfle­ge­ver­si­che­rung gilt die­se Rechts­la­ge au­to­ma­tisch, während man in Be­zug auf die Ren­ten­beiträge als Ar­beit­neh­mer aus­drück­lich erklären muss, dass kei­ne Beiträge ab­geführt wer­den sol­len. Im Er­geb­nis bleibt der Jah­res­lohn un­ter dem steu­er­li­chen Grund­frei­be­trag von der­zeit 9.000 EUR pro Jahr, so dass auch kein Lohn­steu­er­ab­zug vor­zu­neh­men ist. Nur für Ar­beit­ge­ber sind Mi­ni­job­gehälter nicht "brut­to gleich net­to": Sie müssen ei­nen zusätz­li­chen Pau­schal­be­trag an die Mi­ni­job­zen­tra­le abführen, und zwar für die So­zi­al­ver­si­che­rung und als pau­scha­le Lohn­steu­er.

Wird die Ein­kom­mens­gren­ze von der­zeit 450,00 EUR pro Mo­nat über­schrit­ten, schla­gen für den Ar­beit­neh­mer nicht di­rekt die vol­len So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge zu. Statt­des­sen be­ginnt ab 450,01 EUR die sog. Gleit­zo­ne. Die­se „Mi­di­jobs“ zeich­nen sich durch ei­nen ver­rin­ger­ten Ar­beit­neh­mer­an­teil an den So­zi­al­beiträgen aus. Die­ser An­teil wird an­hand ei­ner spe­zi­el­len For­mel be­rech­net, steigt aber allmählich, je mehr sich das Ge­halt der Ober­gren­ze von 850,00 EUR annähert. Für den Ar­beit­ge­ber wirkt sich ei­ne Gleit­zo­nen­beschäfti­gung nicht bei­trags­min­dernd aus.

Mi­ni­job und Min­dest­lohn

Mit sei­nem Vor­s­toß möch­te die Lan­des­re­gie­rung Nord­rhein-West­fa­lens die At­trak­ti­vität der Mi­ni­jobs lang­fris­tig si­chern. Hier gibt es nämlich seit Einführung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns im Jah­re 2015 ein Pro­blem:

Weil der Min­dest­lohn al­le zwei Jah­re auf der Grund­la­ge der Emp­feh­lun­gen der Min­dest­lohn­kom­mis­si­on (nach oben) an­ge­passt wer­den soll, wird die ma­xi­mal mögli­che mo­nat­li­che Ar­beits­zeit nach und nach ver­rin­gert. Zwar könn­te die Min­dest­lohn­kom­mis­si­on theo­re­tisch auch ein­mal emp­feh­len, den Min­dest­lohn zu sen­ken, doch wird es da­zu prak­tisch nicht kom­men, da sich die Kom­mis­si­on an der Ent­wick­lung der Ta­riflöhne ori­en­tiert, und die kennt schon al­lein auf­grund der Geld­ent­wer­tung seit je­her nur ei­ne Rich­tung - nach oben.

Und so ist der Min­dest­lohn seit sei­ner Einführung im Ja­nu­ar 2015 von ursprüng­lich 8,50 EUR brut­to auf 8,84 EUR pro St­un­de ge­stie­gen (seit Ja­nu­ar 2017) und wird ab An­fang des nächs­ten Jah­res auf 9,19 EUR und ab An­fang 2020 auf 9,35 EUR stei­gen (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/160 Min­dest­lohn steigt in zwei Schrit­ten auf 9,35 Eu­ro)

In­fol­ge der Erhöhung des Min­dest­lohns ver­rin­gern sich die St­un­den, die ein Ar­beit­neh­mer ar­bei­ten kann, be­vor er die Gren­ze von mo­nat­lich 450,00 EUR bzw. 850,00 EUR er­reicht. So konn­ten Mi­ni­job­ber bei Einführung der ge­setz­li­chen Lohn­un­ter­gren­ze im Ja­nu­ar 2015 von da­mals 8,50 EUR pro St­un­de noch knapp 53 St­un­den ar­bei­ten, während es seit 2017 nur noch 51 St­un­den sind.

Ein­kom­mens­gren­zen sol­len mit dem Min­dest­lohn stei­gen

Die Idee der nord­rhein-westfäli­schen CDU/FDP-Ko­ali­ti­on ist recht un­kom­pli­ziert. Da­mit wei­te­re Erhöhun­gen des Min­dest­lohns die recht­lich mögli­che mo­nat­li­che Ar­beits­leis­tung nicht wei­ter ver­rin­gern, sol­len die Ent­gelt­gren­zen dy­na­mi­siert und an den Min­dest­lohn ge­kop­pelt wer­den.

Da­zu soll die Mi­ni­job-Gren­ze künf­tig nicht mehr starr auf 450,00 EUR oder auf ei­nen an­de­ren Be­trag fest­ge­legt wer­den. Statt­des­sen soll die mo­nat­li­che Ein­kom­mens­gren­ze im­mer das 53-fa­che des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns be­tra­gen. In dem Fall blie­be die ma­xi­ma­le Ar­beits­leis­tung für Mi­ni­job­ber kon­stant bei 53 St­un­den pro Mo­nat.

Das glei­che Kon­zept soll bei der Gleit­zo­ne, d.h. den Mi­di­jobs an­ge­wen­det wer­den. An die­ser Stel­le be­zieht sich die Re­gie­rung NRWs auf den Ko­ali­ti­ons­ver­trag, in dem fest­ge­legt ist, dass die Ein­kom­mens­gren­ze für die Gleit­zo­ne an­ge­ho­ben wer­den soll. Nach dem Ge­set­zes­an­trag soll dies da­durch er­reicht wer­den, dass die Ober­gren­ze künf­tig im­mer das 148-fa­che des Min­dest­lohns be­tra­gen soll. Das wären ak­tu­ell 1.308,32 Eu­ro.

Ent­gelt­punk­te in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung

Der­zeit ge­nießen Gleit­zo­nen-Ar­beit­neh­mer den "Vor­teil", dass nicht nur ih­re Beiträge zur Kran­ken-, Pfle­ge- und Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung ge­rin­ger aus­fal­len , son­dern auch ih­re Beiträge zur Ren­ten­ver­si­che­rung.

Der Nach­teil be­steht aber dar­in, dass sich aus den ge­rin­ge­ren Beiträgen auch ge­rin­ge­re Ren­ten­an­wart­schaf­ten er­ge­ben, d.h. es wer­den we­ni­ger Ent­gelt­punk­te für Bei­trags­zei­ten gem. § 70 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) ge­sam­melt. Um das aus­zu­glei­chen, kann der Ar­beit­neh­mer dem Ar­beit­ge­ber erklären, dass er den vol­len Bei­trag zur Ren­ten­ver­si­che­rung auf Grund­la­ge sei­nes Ar­beits­ein­kom­mens zah­len möch­te, um so die vol­len Ren­ten­punk­te zu er­hal­ten.

Das soll nach dem Ge­setz­ent­wurf künf­tig nicht mehr nötig sein. Da­nach sol­len zwar auch in Zu­kunft ge­rin­ge­re Ren­ten­ver­si­che­rungs­beiträge in der Gleit­zo­ne ge­zahlt wer­den. Die­se sol­len aber nicht mehr zu ge­rin­ge­ren Ent­gelt­punk­ten führen, da die­se gemäß ei­nem neu­en Ab­satz 1a in § 70 SGB VI aus dem tatsächli­chen Ar­beits­ent­gelt er­mit­telt wer­den sol­len.

Fa­zit

Die vor­ge­schla­ge­ne An­pas­sung der Ein­kom­mens­gren­zen soll, so die Be­gründung des Ent­wurfs, Ar­beit­neh­mern im Nied­rig­lohn­sek­tor zu­gu­te kom­men. Ar­beit­neh­mer, die auf ei­nen Mi­ni­job ne­ben der Haupt­beschäfti­gung an­ge­wie­sen sind, würden da­von eben­so pro­fi­tie­ren wie Ar­beit­neh­mer, die mit ih­rem Ein­kom­men in der Gleit­zo­ne lie­gen. Auch Stu­den­ten, die ne­ben­her et­was da­zu­ver­die­nen wol­len, hätten künf­tig ei­nen größeren Spiel­raum.

Auch Ar­beit­ge­bern würde die Ge­set­zesände­rung ent­ge­gen kom­men, da sie die Ar­beits­stun­den ih­rer ge­ringfügig Beschäftig­ten wie­der auf­sto­cken könn­ten, um so das Ar­beits­vo­lu­men der güns­ti­ge­ren Ar­beits­kräfte zu erhöhen.

An die­ser Stel­le zeich­net sich al­ler­dings ein po­li­ti­scher Kon­flikt ab. Denn zu den erklärten Zie­len der Bun­des­re­gie­rung gehört es, möglichst vie­le Men­schen in ei­ne (voll) so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäfti­gung zu brin­gen, was mit ei­ner Aus­wei­tung der ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung nicht zu­sam­men­geht, so das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) in ei­ner ak­tu­el­len Mel­dung (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/193 Kei­ne Erhöhung der 450-Eu­ro-Gren­ze).

Da das BMAS im sel­ben Atem­zug erklärte, dass die An­he­bung der Mi­ni­job-Gren­ze we­der ge­plant noch im Ko­ali­ti­ons­ver­trag vor­ge­se­hen sei, ist es un­wahr­schein­lich, dass sich die­ser Teil des NRW-Ge­set­zes­an­trags durch­set­zen wird. Im Be­reich der Gleit­zo­ne ist aber mit künf­ti­gen An­pas­sun­gen zu rech­nen, da auch das BMAS im Zu­ge sei­nes Re­fe­ren­ten­ent­wurfs für ein Ge­setz über Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen und Sta­bi­li­sie­rung in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, vom 12.07.2018 ei­ne Erhöhung der Gleit­zo­nen-Ober­gren­ze von mo­nat­lich 850,00 EUR auf 1.300,00 EUR vor­ge­schla­gen hat.

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Letzte Überarbeitung: 27. September 2018

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