HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 05/02

BAG: Kei­ne ver­kürz­te Kün­di­gungs­frist vor In­sol­ven­zer­öff­nung

Kei­ne ver­kürz­te Frist bei Kün­di­gung durch den "star­ken" vor­läu­fi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.01.2005, 2 AZR 134/04
Ausgestülpte leere Hosentasche mit Hand Auch kurz vor der In­sol­venz sind Kün­di­gungs­fris­ten zu be­ach­ten
25.02.2005. Der In­sol­venz­ver­wal­ter kann ge­mäß § 113 Satz 1, 2 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) auch bei fes­ter Ver­trags­lauf­zeit (Zeit­ver­trag) so­wie im Fal­le ei­ner ta­rif­li­chen oder ver­trag­lich ver­ein­bar­ten "Un­künd­bar­keit" (Aus­schluss der or­dent­li­chen Kün­di­gung durch den Ar­beit­ge­ber) Ar­beit­neh­mern or­dent­lich kün­di­gen, und zwar mit ei­ner ab­ge­kürz­ten Kün­di­gungs­frist von ma­xi­mal drei Mo­na­ten.

Die­ses Recht steht nach dem Ge­setz aber nur dem In­sol­venz­ver­wal­ter zu, d.h. nur er kann ei­ne sol­che Kün­di­gung aus­spre­chen, was die Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­aus­setzt. Vor Er­öff­nung des Ver­fahr­fens gibt es kei­nen In­sol­venz­ver­wal­ter, son­dern al­len­falls ei­nen vom Ge­richt be­stell­ten "vor­läu­fi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter".

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die Fra­ge ent­schie­den, ob auch der vor­läu­fi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter das Recht zu ei­ner sol­chen Kün­di­gug mit ab­ge­kürz­ter Frist ge­mäß § 113 Satz 1, 2 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) hat: BAG, Ur­teil vom 20.01.2005, 2 AZR 134/04.

Wer darf im In­sol­venz­fall mit ab­gekürz­ter Frist kündi­gen - nur der In­sol­venz­ver­wal­ter oder auch der vorläufi­ge Ver­wal­ter?

Die Vor­schrift des § 113 Satz 1, 2 In­sO lau­tet wie folgt:

"§ 113. Kündi­gung ei­nes Dienst­verhält­nis­ses.

Ein Dienst­verhält­nis, bei dem der Schuld­ner der Dienst­be­rech­tig­te ist, kann vom In­sol­venz­ver­wal­ter und vom an­de­ren Teil oh­ne Rück­sicht auf ei­ne ver­ein­bar­te Ver­trags­dau­er oder ei­nen ver­ein­bar­ten Aus­schluss des Rechts zur or­dent­li­chen Kündi­gung gekündigt wer­den. Die Kündi­gungs­frist beträgt drei Mo­na­te zum Mo­nats­en­de, wenn nicht ei­ne kürze­re Frist maßgeb­lich ist."

An­ders als viel­fach an­ge­nom­men wird, hat der In­sol­venz­ver­wal­ter aber auch nach die­ser Vor­schrift kei­nen "Frei­brief" zum Aus­spruch von Kündi­gun­gen, son­dern muss den übli­chen Kündi­gungs­schutz re­spek­tie­ren. Be­freit wird der Ver­wal­ter durch § 113 Satz 1, 2 In­sO nur von dem ge­ne­rel­len Aus­schluss der Kündi­gung (Unkünd­bar­keit) und von über­lan­gen Kündi­gungs­fris­ten.

In al­ler Re­gel führt ein In­sol­venz­an­trag zunächst da­zu, dass das In­sol­venz­ge­richt ei­nen "vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter" er­nennt. Des­sen Auf­ga­be be­steht vor al­lem dar­in zu prüfen, ob ge­nug In­sol­venz­mas­se vor­han­den ist, um über­haupt ein ord­nungs­gemäßes In­sol­venz­ver­fah­ren durch­zuführen. Je nach­dem, wie der Prüfbe­richt des vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ters ausfällt, wird im nächs­ten Schritt das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net oder die Eröfffnung des In­sol­venz­ver­fah­rens man­gels Mas­se ab­ge­lehnt.

Je nach La­ge des Fal­les kann das In­sol­venz­ge­richt be­reits im vorläufi­gen In­sol­venz­ver­fah­ren an­ord­nen, dass dem Schuld­ner ein all­ge­mei­nes Ver­bot der Verfügung über sein Vermögen auf­er­legt wird. In ei­nem sol­chen Fall heißt der vorläufi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter star­ker vorläufi­ger Ver­wal­ter, da die Ver­wal­tungs- und Verfügungs­be­fug­nis über das Schuld­ner­vermögen - an­ders als im Nor­mal­fall - be­reits im vorläufi­gen Ver­fah­ren auf ihn über­ge­gan­gen ist.

Frag­lich ist, ober der "star­ke" vorläufi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter die recht­li­che Möglich­keit hat, Ar­beit­neh­mern mit der ab­gekürz­ten Kündi­gungs­frist von drei Mo­na­ten zum Mo­nats­en­de gemäß § 113 Satz 1, 2 In­sO zu kündi­gen - oder ob er die­ses Recht erst nach Eröff­nung des Ver­fah­rens hat. Über die­se Rechts­fra­ge hat das BAG nun­mehr ent­schie­den.

Der Fall des BAG: Über 20 Jah­re beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin wird vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens mit verkürz­ter Frist gekündigt

Ei­ne Ar­beit­neh­me­rin war seit 1980 bei dem in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­ber als Sach­be­ar­bei­te­rin beschäftigt. Die ihr nach dem Ge­setz zu­ste­hen­de Kündi­gungs­frist bei ei­ner Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber be­trug sie­ben Mo­na­te zum Mo­nats­en­de.

Am 28.05.2002 wur­de der Be­klag­te zum "star­ken" vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter über das Vermögen des in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­bers be­stellt. An­fang Ju­li 2002 ent­schied er sich, den Geschäfts­be­reich, in dem die Kläge­rin ar­bei­te­te, still­zu­le­gen. Mit Schrei­ben vom 23.07.2002 kündig­te er da­her das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin, und zwar un­ter Be­ru­fung auf § 113 Satz 2 In­sO mit ei­ner ab­gekürz­ten Kündi­gungs­frist von 3 Mo­na­ten zum Mo­nats­en­de, d.h. zum 31.10.2002.

Nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens wur­de der Be­klag­te nun­mehr zum (endgülti­gen) In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt und kündig­te das Ar­beits­verhält­nis er­neut mit ab­gekürz­ter Frist, dies­mal zum 31.12.2002.

Mit ih­rer Kla­ge hat sich die Ar­beit­neh­me­rin ge­gen die ers­te Kündi­gung ge­wandt und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ihr Ar­beits­verhält­nis sei frühes­tens auf Grund der zwei­ten, nach­ge­scho­be­nen Kündi­gung des Be­klag­ten zum 31.12.2002 be­en­det wor­den. Der Be­klag­te ha­be bei der ers­ten Kündi­gung nicht mit der verkürz­ten Frist des § 113 Satz 2 In­sO kündi­gen dürfen, son­dern die ge­setz­li­che Kündi­gungs­frist ein­hal­ten müssen. Der Be­klag­te hat dem­ge­genüber die An­sicht ver­tre­ten, als "star­ker" vorläufi­ger In­sol­venz­ver­wal­ter ha­be er die verkürz­te Kündi­gungs­frist - zu­min­dest ana­log - an­wen­den können.

BAG: Das Kündi­gungs­recht gemäß § 113 Satz 1, 2 In­sO steht nur dem In­sol­venz­ver­wal­ter zu

Das BAG hat wie das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt für die Ar­beit­neh­me­rin ent­schie­den.

Nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann der In­sol­venz­ver­wal­ter erst nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens die verkürz­te Kündi­gungs­frist des § 113 Satz 2 In­sO für sich in An­spruch neh­men.

Dies folgt laut BAG aus dem Wort­laut der Re­ge­lung und aus der Sys­te­ma­tik der In­sO. Ei­ne sinn­gemäße bzw. ana­lo­ge An­wen­dung die­ser Vor­schrift auf den vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter - auch auf den "star­ken" vorläufi­gen Ver­wal­ter - ist nach An­sicht des BAG nicht möglich, weil die In­sO hier kei­ne Lücke auf­weist.

Fa­zit: Der "star­ke" vorläufi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter und der - endgülti­ge - In­sol­venz­ver­wal­ter ha­ben nach dem Ge­setz un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen und sind da­her recht­lich nicht völlig gleich­ge­stellt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de