HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/183

Tren­nung von Be­triebs­rats­ar­beit und Ar­beits­kampf

Be­triebs­rats- und Ge­werk­schafts­funk­ti­on müs­sen streng aus­ein­an­der ge­hal­ten wer­den: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Be­schluss vom 06.05.2010, 3 TaBV­Ga 10/10
Streik sechs Streikende Be­triebs­rats­mit­glie­der dür­fen nicht zum Ar­beits­kampf auf­ru­fen
20.09.2010. Be­triebs­rä­te sind wie al­le an­de­ren Ar­beit­neh­mer be­rech­tigt, Mit­glied ei­ner Ge­werk­schaft zu sein.

Es ist ih­nen je­doch ver­bo­ten, als Be­triebs­rats­mit­glied an "Maß­nah­men des Ar­beits­kamp­fes", d.h. in al­ler Re­gel an Streiks, teil­zu­neh­men. Pri­vat "kämp­fen" dür­fen sie al­ler­dings.

Vie­len fällt es schwer zwi­schen ih­rer eh­ren­amt­lich-be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen und pri­vat-ge­werk­schaft­li­chen Funk­ti­on zu tren­nen. Da­bei wird im­mer wie­der un­ter­schätzt, wie ernst Ge­rich­te das Ar­beits­kampf­ver­bot neh­men: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Be­schluss vom 06.05.2010, 3 TaBV­Ga 10/10.

Be­triebs­rat und Ge­werk­schaft - auf ge­trenn­ten We­gen zum Wohl der Ar­beit­neh­mer

Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber sol­len gemäß § 2 Abs. 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ver­trau­ens­voll zum Wohl der Ar­beit­neh­mer und des Be­trie­bes zu­sam­men­ar­bei­ten. Ste­hen Ta­rif­ver­hand­lun­gen an, kann die­ser Grund­satz aber schnell ein­mal un­ter die Räder kom­men. Da ei­ne ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber mit der Be­tei­li­gung an ge­werk­schaft­li­chen Streiks un­ver­ein­bar ist, erklärt § 74 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG da­her „Maßnah­men des Ar­beits­kamp­fes zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat“ aus­drück­lich für „un­zulässig“.

Das be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ar­beits­kampf­ver­bot be­deu­tet nicht, dass es für Be­triebs­rats­mit­glie­der ge­ne­rell ver­bo­ten wäre, sich an Streik­maßnah­men zu be­tei­li­gen. Oft sind Be­triebsräte ak­ti­ve Ge­werk­schafts­mit­glie­der und dort auch in führen­der Po­si­ti­on tätig, z.B. Mit­glie­der von ge­werk­schaft­li­chen Ta­rif­kom­mis­sio­nen. § 74 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG ver­langt von Be­triebs­rats­mit­glie­dern „nur“, dass sie ihr Amt als Be­triebs­rat von ih­rer Streik­teil­nah­me bzw. ih­rer Ei­gen­schaft als Ge­werk­schafts­mit­glied strikt tren­nen müssen.

Ver­bo­ten wäre es da­her z.B., wenn sich ein Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der in die­ser Ei­gen­schaft, d.h. un­ter Hin­weis auf die­se be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Funk­ti­on, an die Be­leg­schaft wen­den und sie zum Streik auf­ru­fen würde. Frag­lich ist al­ler­dings, un­ter wel­chen Umständen Be­triebs­rats­mit­glie­der in ei­ner sol­chen, d.h. un­zulässi­gen Wei­se auf ihr Amt hin­wei­sen. Bild­lich ge­spro­chen müssen sie vor ih­rer Teil­nah­me an Streiks erst ein­mal „den Hut des Be­triebs­rats“ vom Kopf neh­men.

Aber genügt es da­zu schon, wenn ein Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der an­de­re Be­triebsräte - un­ter Hin­weis auf sein Amt - per E-Mail zum Streik auf­ruft und die­se E-Mail als ver­trau­lich ge­kenn­zeich­net? Über ei­ne sol­che schwie­ri­ge Ge­men­ge­la­ge hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München vor kur­zem zu ent­schei­den (Be­schluss vom 06.05.2010, 3 TaBV Ga 10/10).

Der Fall: Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der ruft mit dienst­li­cher E-Mail zum Streik auf

Der Ar­beit­ge­ber, der bund­weit Gar­ten­fachmärk­te be­treibt, be­fand sich mit der Ge­werk­schaft ver.di in Ta­rif­ver­hand­lun­gen über ei­nen Haus­ta­rif­ver­trag. Der Vor­sit­zen­de des Ge­samt­be­triebs­ra­tes über­sand­te ei­ne E-Mail an al­le Mit­glie­der des Ge­samt­be­triebs­rats so­wie an wei­te­re Be­triebs­rats­mit­glie­der, in der er über den Stand der Ta­rif­ver­hand­lun­gen in­for­mier­te die Mei­nung äußer­te, dass man oh­ne Streiks nicht vor­an­kom­men wer­de.

Der E-Mail war ein zwei­sei­ti­ges Flug­blatt der Ge­werk­schaft ver.di zur Ver­tei­lung an die Be­leg­schaft bei­gefügt. Das Flug­blatt trug die Über­schrift „Ta­rif­flucht bei D.! War­um Streik?“ und der Zwi­schenüber­schrift „Ar­beits­kampf ist un­ver­meid­bar!“.

Die E-Mail en­de­te mit ei­ner of­fi­zi­el­len Si­gna­tur­zei­le, die den Ab­sen­der als Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den aus­wies und die Kon­takt­da­ten sei­nes Be­triebs­ratsbüros aufführ­te. Zum Ver­sen­den der E-Mail wur­de ei­ne pri­vat ein­ge­rich­te­te E-Mail-Adres­se be­nutzt, die zwar den Fir­men­na­men des Ar­beit­ge­bers be­inhal­te­te, aber kei­ne of­fi­zi­ell vom Ar­beit­ge­ber ein­ge­rich­te­te Adres­se war. Die E-Mail war in der Be­treff­zei­le als ver­trau­lich ge­kenn­zeich­net.

Nach­dem dem Ar­beit­ge­ber die­se E-Mail auf un­be­kann­tem We­ge zu­ge­spielt wor­den war, for­der­te er den Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den da­zu auf, ei­ne vor­ge­fer­tig­te Un­ter­las­sungs­erklärung ab­zu­ge­ben, was die­ser ver­wei­ger­te. Dar­auf­hin zog der Ar­beit­ge­ber im Be­schluss­ver­fah­ren vor das Ar­beits­ge­richt Augs­burg mit dem Eil­an­trag, es dem Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den zu un­ter­sa­gen, sich in die­ser Ei­gen­schaft Ar­beits­kampf­maßneh­men ge­gen den Ar­beit­ge­ber zu be­tei­li­gen, da­zu auf­zu­ru­fen oder sie in sons­ti­ger Wei­se zu fördern.

Das Ar­beits­ge­richt Augs­burg wies den An­trag ab, ob­wohl es der Mei­nung war, dass der Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ge­gen das Ar­beits­kampf­ver­bot ver­s­toßen hat­te (Be­schluss vom 14.04.2010, 7 BV­Ga 8/10).

Zur Be­gründung ver­wies das Ar­beits­ge­richt dar­auf, dass der Ar­beit­ge­ber die Ver­trau­lich­keit der E-Mail ge­bro­chen und außer­dem schon vor Ein­lei­tung des Ge­richts­ver­fah­rens „zurück­ge­keult“ hat­te, in­dem er kämp­fe­ri­sche Äußerun­gen aus der strei­ti­gen E-Mail zi­tier­te und der Be­leg­schaft zur Kennt­nis brach­te, oh­ne da­bei zu erwähnen, dass die aus der E-Mail zi­tier­ten Stel­len ih­rer­seits Li­te­ra­turzi­ta­te (Jack Lon­don) wa­ren.

LAG München: Selbst wenn die E-Mail pri­vat "ge­meint" war, liegt ein er­heb­li­cher Ver­s­toß ge­gen das Ar­beits­kampf­ver­bot vor

Das LAG München hob die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts auf und gab dem Un­ter­las­sungs­an­trag des Ar­beit­ge­bers statt, weil die strei­ti­ge E-Mail als ei­nen er­heb­li­chen Ver­s­toß ge­gen das Ar­beits­kampf­ver­bot be­wer­te­te.

Ent­schei­dend für das LAG war die Über­le­gung, dass der Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de am En­de sei­ner E-Mail aus­drück­lich auf sein Amt als Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­der hin­ge­wie­sen hat­te. Dass die E-Mail nur an Be­triebsräte über­sandt wor­den war und die­se mögli­cher­wei­se das Amt des Ver­fas­sers oh­ne­hin ge­kannt hat­ten, spiel­te nach An­sicht des LAG kei­ne ent­schei­den­de Rol­le.

Auch die Ver­trau­lich­keit der E-Mail änder­te nichts an dem Ver­s­toß ge­gen da be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ar­beits­kampf­ver­bot. Da das LAG vor dem Hin­ter­grund der Ein­las­sun­gen des Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den auch von ei­ner Wie­der­ho­lungs­ge­fahr aus­ging und an­ge­sichts des an­dau­ern­den Ta­rif­kon­flikts ein Verfügungs­grund be­stand, er­ließ es die vom Ar­beit­ge­ber be­an­trag­te Un­ter­las­sungs­verfügung.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des LAG ist an­ge­sichts des In­halts der strei­ti­gen E-Mail zu­recht er­gan­gen. Natürlich dürfen Be­triebsräte an ge­werk­schaft­li­chen Streiks teil­neh­men und sie auch or­ga­ni­sie­ren hel­fen - aber eben un­ter sorgfälti­ger Ver­mei­dung al­ler Hin­wei­se auf ih­re Stel­lung als Be­triebs­rats­mit­glie­der.

Hier im Streit­fall hätte es genügt, die strei­ti­ge E-Mail nicht nur an die pri­va­ten E-Mail-Adres­sen der Empfänger zu ver­sen­den, son­dern von ei­ner ein­deu­tig pri­va­ten E-Mail-Adres­se des Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den aus. Und im Ab­spann der E-Mail hätte nicht auf die Funk­ti­on des Ab­sen­ders als Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­der hin­ge­wie­sen wer­den sol­len, son­dern auf sei­ne Mit­glied­schaft in der Ge­werk­schaft. Mit E-Mail-Si­gna­tu­ren kann und soll­te man sorgfälti­ger um­ge­hen als hier im Streit­fall ge­sche­hen.

Fragwürdig ist die Be­gründung des LAG al­ler­dings, wenn das Ge­richt meint, schon „der Adres­sa­ten­kreis des Schrei­bens“ schließe ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen “nor­ma­len” Be­leg­schafts­mit­glie­dern aus. An wen sich Be­triebsräte bei ih­ren (er­laub­ten!) Streik­ak­ti­vitäten rich­ten, steht ih­nen frei. Die Tat­sa­che, dass sich der Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de spe­zi­ell an die Mit­glie­der des Ge­samt­be­triebs­rats und an wei­te­re Be­triebs­rats­mit­glie­der ge­wandt hat­te, mach­te die E-Mail noch nicht zu ei­ner un­zulässi­gen Ar­beits­kampf­maßnah­me im Sin­ne von § 74 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 20. September 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei München

Ludwigstraße 8, 80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 - 21 56 88 67
E-Mail: muenchen@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de