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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/131

Ver­such­te Um­ge­hung des § 613a BGB durch ein­tä­gi­ge Trans­fer­ge­sell­schaft und Los­ver­fah­ren

Ar­beits­platz ge­win­nen, so­zia­len Schutz ver­lie­ren?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 18.02.2010, 7 Sa 779/09
Zwei Firmenschilder, eines durchgestrichen Ge­rät im­mer wie­der zum Zank­ap­fel: Be­triebs­über­gang
08.07.2010. § 613a BGB re­gelt für den Fall ei­nes Be­triebs­über­gan­ges den Über­gang der Ar­beits­plät­ze vom Ver­käu­fer auf den Er­wer­ber. Im We­sent­li­chen soll die Vor­schrift den im Ar­beits­ver­hält­nis er­wor­be­nen so­zia­len Schutz si­chern. Be­triebs­er­wer­ber sind al­so mit dem glei­chen Kün­di­gungs­schutz und Be­triebs­ren­ten­an­sprü­chen kon­fron­tiert wie der ur­sprüng­li­che Ar­beit­ge­ber.

Es ist da­her für so ma­chen Un­ter­neh­mer in­ter­es­sant, nach Stra­te­gi­en zu su­chen, mit de­nen die­se Si­tua­ti­on ver­mie­den wer­den kann. Recht­lich ge­se­hen gibt es hier­für ei­ne Rei­he von Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten. Der Un­ter­schied zwi­schen er­laub­ter Ge­stal­tung und ver­bo­te­ner Um­ge­hung ist je­doch flie­ßend.

Fäl­le aus die­sem Grenz­be­reich sind da­her im­mer be­son­ders in­ter­es­sant. Häu­fig sind sie ju­ris­tisch ge­se­hen eben­so krea­tiv wie mo­ra­lisch frag­wür­dig. Ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes (LAG) Nie­der­sach­sen zeigt das wie­der ein­mal deut­lich: LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 18.02.2010, 7 Sa 779/09.

So­zia­ler Schutz bei Be­triebsüber­gang ist zwin­gend

Gemäß § 613a Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) tritt der Käufer ei­nes Be­trie­bes in die Rech­te und Pflich­ten des Verkäufers aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein. Es gibt bei ei­nem Be­triebsüber­gang al­so ei­nen Ar­beit­ge­ber­wech­sel kraft Ge­set­zes, oh­ne das sich der Ar­beits­ver­trag im Übri­gen verändert. Auf die­se Wei­se schützt der Ge­setz­ge­ber den un­veränder­ten Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses und da­mit den be­reits er­wor­be­nen so­zia­len Schutz. Ins­be­son­de­re das Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) und die mit zu­neh­men­der Dau­er länger wer­den­den Kündi­gungs­fris­ten (§ 622 BGB) blei­ben auch bei dem neu­en Ar­beit­ge­ber wei­ter ein­schlägig.

§ 613a BGB wird geschützt durch ein un­ge­schrie­be­nes, von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­tes Um­ge­hungs­ver­bot. Bei der Um­ge­hung wird ver­sucht, ein recht­lich un­er­laub­tes Ziel auf ei­nem schein­bar gang­ba­ren Weg zu er­rei­chen. Da­bei wird der Wort­laut des Ge­set­zes zwar viel­leicht for­mal erfüllt, oh­ne aber sei­nem Sinn und Zweck ge­recht zu wer­den. Um­ge­hungs­geschäfte sind nach § 134 BGB i.V.m. § 613a BGB als Ver­s­toß ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot nich­tig, d.h. recht­lich be­deu­tungs­los.

Die ar­beits­recht­li­chen Ober­ge­rich­te, al­len vor­an das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ar­bei­te­ten in den letz­ten Jah­ren verstärkt die Kri­te­ri­en für ei­ne sol­che rechts­wid­ri­ge Um­ge­hung her­aus. Es ist da­bei mehr er­for­der­lich als ein bloßes En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses. Dies ist nämlich auf Grund der grund­ge­setz­lich gewähr­leis­te­ten Ver­trags­frei­heit auch im Rah­men des § 613a BGB möglich. Dem ent­spre­chend ist es grundsätz­lich zulässig, wenn ein Ar­beit­neh­mer frei­wil­lig ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag mit dem Veräußerer ab­sch­ließt, in ei­ne Trans­fer- bzw. Auf­fang­ge­sell­schaft (al­so qua­si ei­nen zeit­wei­sen "Park­platz für Ar­beits­verhält­nis­se") wech­selt und kei­ne si­che­re Aus­sicht dar­auf hat, bei dem Er­wer­ber ein­ge­stellt zu wer­den. Maßgeb­lich ist aber in letz­ter Kon­se­quenz, ob der Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beits­platz endgültig ver­lie­ren soll oder ob nicht statt­des­sen be­ab­sich­tigt ist, den Ar­beits­platz zu er­hal­ten, da­bei aber den er­wor­be­nen so­zia­len Schutz zu be­sei­ti­gen.

Ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes (LAG) Nie­der­sach­sen (Ur­tei­le vom 18.02.2010, 7 Sa 779/09 und 7 Sa 780/09) zeigt an­schau­lich, wie trick­reich ei­ne sol­che ver­such­te Um­ge­hung kon­stru­iert sein kann.

Der Fall: Be­triebs­er­wer­ber ver­lost Ar­beitsplätze an Ar­beit­neh­mer ei­ner Auf­fang­ge­sell­schaft

An­fang 1982 trat der späte­re Kläger als Fach­mann für Ar­beits­ge­stal­tung, Be­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on und Un­ter­neh­mens­ent­wick­lung (RE­FA-Fach­mann) in die Diens­te ei­ner GmbH, die Me­tall­wa­ren pro­du­zier­te. Im Jahr 2005 wur­de über das Vermögen des Un­ter­neh­mens das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net.

En­de März 2006 ver­ein­bar­te der In­sol­venz­ver­wal­ter mit dem Be­triebs­rat ei­ne „Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Schaf­fung von Auf­fang­struk­tu­ren, die zu­gleich ein In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan ist“ so­wie ei­ne „Zu­satz­ver­ein­ba­rung für den Fall der über­tra­gen­den Sa­nie­rung“.

Ei­ne Wo­che später un­ter­zeich­ne­te der Kläger ins­ge­samt sechs (!) ihm vor­ge­leg­te Fas­sun­gen ei­nes drei­sei­ti­gen Auf­he­bungs­ver­tra­ges, der die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit der in­sol­ven­ten Fir­ma und den Wech­sel in ei­ne Beschäfti­gungs- und Qua­li­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft zu - je nach Ver­trags­fas­sung - un­ter­schied­li­chen Zeit­punk­ten vor­sa­hen.

An­fang Mai er­warb die späte­re Be­klag­te, eben­falls ei­ne GmbH, das Be­triebs- und An­la­ge­vermögen des in­sol­ven­ten Un­ter­neh­mens, aber nicht das Per­so­nal. Der In­sol­venz­ver­wal­ter leg­te den Mit­ar­bei­tern statt­des­sen be­fris­te­te und un­be­fris­te­te Ar­beits­verträge der GmbH zur Un­ter­zeich­nung vor und wies dar­auf hin, dass kein An­spruch auf die An­nah­me des An­ge­bo­tes der Ar­beit­neh­mer auf Ab­schluss des vor­be­rei­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges be­ste­he. Der Kläger un­ter­schrieb den Ver­trag, der auf dem "Stand 26.April 2006" war.

Am 29.05.2006 un­ter­zeich­ne­te der Geschäftsführer der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft den Auf­he­bungs­ver­trag sei­ner Wahl, der den Trans­fer in die Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft zum 31.05.2006 vor­sah.

Am 01.06.2006 fand ei­ne Be­triebs­ver­samm­lung statt. Den Beschäftig­ten wur­de mit­ge­teilt, dass et­wa 75 Pro­zent der Mit­ar­bei­ter der in­sol­ven­ten Fir­ma von der Be­klag­ten über­nom­men wer­den. Die zu über­neh­men­den Mit­ar­bei­ter wur­den auf der Grund­la­ge ei­nes Stel­len­plans der Be­klag­ten nach ih­rer Funk­ti­on im Los­ver­fah­ren (!) fest­ge­legt. Der Kläger "ge­wann" die Un­ter­zeich­nung sei­nes un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges. En­de Ju­ni schloss der Kläger mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag mit Rück­wir­kung zum 01.06.2006. Ef­fek­tiv schien der Kläger da­mit ei­nen Tag in der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft ge­we­sen zu sein.

Zwei Jah­re später wur­de dem Kläger we­gen ei­ner Werk­schließung be­triebs­be­dingt mit ei­ner Quar­tals­frist gekündigt. Der Kläger mach­te gel­tend, für die Be­rech­nung sei­ner Kündi­gungs­frist sei die Beschäfti­gungs­zeit seit 1982 maßgeb­lich. Sie be­tra­ge da­her sie­ben Mo­na­te. Die eintägi­ge Un­ter­bre­chung sei ir­re­le­vant. Nach­dem sei­ne ent­spre­chend be­gründe­te Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Han­no­ver er­folg­reich war, leg­te die be­klag­te GmbH Be­ru­fung ein.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen: Der Fall ist ei­ne un­wirk­sa­me ver­such­te Um­ge­hung des so­zia­len Schut­zes

Das LAG be­gründe­te sei­ne Ent­schei­dung un­gewöhn­li­cher­wei­se gleich drei­fach. Im We­sent­li­chen ging es da­von aus, dass der Ver­trag mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft aus zwei Gründen als Um­ge­hung des § 613a BGB un­wirk­sam ist. Da­mit ging das Ar­beits­verhält­nis des Klägers samt der durch sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Tätig­keit verlänger­ten Kündi­gungs­frist und dem Schutz durch das KSchG auf die Be­klag­te per Be­triebsüber­gang über. Soll­te der Ver­trag aber doch wirk­sam sein, dann sei er je­den­falls we­gen sei­ner kur­zen Dau­er für die Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist un­er­heb­lich.

Völlig zu Recht geht das LAG da­von aus, dass ein Be­triebsüber­gang von dem in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men auf die be­klag­te GmbH statt­fand. Mit der Über­nah­me der we­sent­li­chen Wirt­schaftsgüter (Ma­schi­nen, etc.) und von zwei Drit­teln des Per­so­nals konn­te die Be­klag­te den Be­trieb un­ter­bre­chungs­los wei­terführen.

Zwar hat­te der Kläger durch das Los­ver­fah­ren kei­ne im Sin­ne der BAG-Recht­spre­chung si­che­re Aus­sicht dar­auf ge­habt, vom Er­wer­ber aus der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft über­nom­men zu wer­den. Die aus dem April 2006 stam­men­den Ar­beits­verträge und die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen be­leg­ten aber, dass von vorn­her­ein ei­ne über­tra­gen­de Sa­nie­rung bei gleich­zei­ti­gem Er­halt der Ar­beitsplätze be­ab­sich­tigt war.

Der Wi­der­spruch zwi­schen dem Er­for­der­nis der si­che­ren Aus­sicht auf den Ar­beits­platz beim Er­wer­ber und dem Los­ver­fah­ren er­schien dem LAG aber of­fen­sicht­lich zu groß, um es bei die­ser Be­gründung zu be­las­sen. Das Ge­richt ver­wies da­her auch auf die Auf­fas­sung des BAG, dass ei­ne Um­ge­hung vor­liegt, wenn of­fen­sicht­lich be­zweckt wird, die So­zi­al­aus­wahl zu um­ge­hen. Die Be­klag­te ha­be zwar durch das Los­ver­fah­ren für Un­si­cher­heit hin­sicht­lich der Über­nah­me ge­sorgt, aber zu­gleich die nach dem KSchG er­for­der­li­che So­zi­al­aus­wahl ge­zielt ver­mie­den.

Ver­mut­lich weil bei­de Be­gründungs­ansätze ge­wis­se ar­gu­men­ta­ti­ve Schwächen ha­ben, ent­schloss sich das LAG zu dem un­gewöhn­li­chen Schritt, sei­nem Ur­teil ei­ne drit­te al­ter­na­ti­ve Be­gründung für die Länge der Kündi­gungs­frist zu Grun­de zu le­gen.

Es nimmt da­bei Be­zug auf die ständi­ge Recht­spre­chung des BAG, nach der we­gen des so­zia­len Schutz­zwecks des KSchG Zei­ten ei­nes frühe­ren Ar­beits­verhält­nis­ses auf die War­te­zeit dann an­zu­rech­nen sind, wenn das neue Ar­beits­verhält­nis in ei­nem en­gen sach­li­chen Zu­sam­men­hang mit dem frühe­ren Ar­beits­verhält­nis steht. Ei­nen sol­chen be­jaht das Ge­richt hier an­ge­sichts der nur durch den Tag in der Trans­fer­ge­sell­schaft un­ter­bro­che­nen, un­veränder­ten Tätig­keit.

Fa­zit: Die vom LAG zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on wur­de von der Be­klag­ten ein­ge­legt und ist nun un­ter dem Ak­ten­zei­chen 8 AZR 313/10 beim BAG anhängig. Das BAG wird höchst­wahr­schein­lich eben­falls nach dem "wah­ren Geist" des § 613a BGB zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­schei­den. Der Fall zeigt ins­ge­samt sehr an­schau­lich, dass es ein Feh­ler sein kann, bei Ar­beit­neh­mer­schutz­ge­set­zen zu for­mal zu den­ken. Im Zwei­fel ist hier nämlich nicht die fein­sin­ni­ge Wort­lau­t­ana­ly­se, son­dern der Schutz­ge­dan­ke ent­schei­dend.

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Letzte Überarbeitung: 4. August 2015

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