HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/241

LAG Hamm folgt Wind­hund­prin­zip bei Streit um Vor­sit­zen­den ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le

Ei­ni­gungs­stel­len im Ge­richts­be­zirk des LAG Hamm: Wer zu­erst kommt, mahlt zu­erst.: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 19.07.2010, 10 TaBV 39/10
Sanduhr mit rotem Sand Wind­hund­prin­zip: Den letz­ten bei­ßen die Hun­de
09.12.2010. Bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat sieht das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die Bil­dung ei­ner so ge­nann­ten Ei­ni­gungs­stel­le vor. Sie be­steht aus Bei­sit­zern, die von den Be­triebs­par­tei­en je­weils in glei­cher An­zahl ge­stellt wer­den und ei­nem im Ide­al­fall ein­ver­ständ­lich aus­ge­wähl­ten Vor­sit­zen­den. In al­ler Re­gel wer­den für die­se Auf­ga­be er­fah­re­ne Ar­beits­rich­ter ge­wählt.

Der Vor­sit­zen­de lei­tet die Ei­ni­gungs­stel­le und hat da­mit ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be: Von sei­ner Er­fah­rung und sei­nem Ver­mitt­lungs­ge­schick kann es ab­hän­gen, ob sich Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat doch noch ei­ni­gen oder nicht. Zu­dem kann er bei un­über­brück­ba­ren Dif­fe­ren­zen zum "Züng­lein an der Waa­ge" wer­den. Da die Bei­sit­zer bei ei­ner Ab­stim­mung re­gel­mä­ßig für ih­re je­wei­li­ge Par­tei ab­stim­men wer­den, ist der Vor­sit­zen­de im wei­te­ren Ab­stim­mungs­ver­fah­ren da­zu be­ru­fen, mit sei­ner Stim­me den Aus­schlag über den In­halt des Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs zu ge­ben.

Da­her ist je­de Be­triebs­par­tei dar­an in­ter­es­siert, "ih­ren" Vor­sit­zen­den durch­zu­set­zen. Gibt es da­bei kei­ne Ei­ni­gung, sieht § 98 Abs. 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ein Be­set­zungs­ver­fah­ren vor. Ab­ge­se­hen da­von, dass der Vor­sit­zen­de un­par­tei­isch und bis­her nicht mit der Sa­che be­fasst ge­we­sen sein soll, ist da­bei ist ge­setz­lich nicht nä­her ge­re­gelt, nach wel­chen Kri­te­ri­en das zu­stän­di­ge Ge­richt den Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­den fest­le­gen soll. Da die­ses ge­richt­li­che Ver­fah­ren nur über zwei In­stan­zen ge­führt wer­den kann (ver­glei­che § 98 Abs. 2 Satz 4 ArbGG), gibt es hier­zu kei­ne durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ver­ein­heit­lich­te Recht­spre­chung. Viel­mehr ist die Auf­fas­sung des je­weils zu­stän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) ent­schei­dend. Da es in den 16 deut­schen Bun­des­län­dern 18 Lan­des­ar­beits­ge­rich­te gibt, ist nicht über­ra­schend, dass die Mei­nun­gen un­ter­schied­lich aus­fal­len. Im We­sent­li­chen gibt es zwei An­sich­ten.

Die ei­ne Sei­te geht da­von aus, dass das an­ge­ru­fe­ne Ge­richt nicht an die An­trä­ge bzw. Vor­schlä­ge der Be­triebs­par­tei­en ge­bun­den ist und zieht es vor, im Zwei­fel ei­nen neu­tra­len Drit­ten als Vor­sit­zen­den zu be­stel­len. Die­sem An­satz fol­gen bei­spiels­wei­se das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg.

Die Ge­gen­auf­fas­sung sieht sich grund­sätz­lich an den An­trag bzw. Vor­schlag der Be­triebs­par­tei ge­bun­den, die das Ge­richt an­ge­ru­fen hat. Nur wenn die an­de­re Be­triebs­par­tei nach­voll­zieh­ba­re Be­den­ken ge­gen den vor­ge­schla­ge­nen Vor­sit­zen­den hat, soll das Ge­richt ei­ne ab­wei­chen­de Wahl tref­fen kön­nen.

Im Zu­stän­dig­keits­be­reich von Ge­rich­ten, die die­ser Auf­fas­sung fol­gen, kann es al­so pas­sie­ren, dass sich die Be­triebs­par­tei­en ein "Wett­ren­nen" um die An­ru­fung des Ge­richts und das Stel­len des ent­schei­den­den An­trags lie­fern. Da­her wird die­se Auf­fas­sung auch als "Wind­hund­prin­zip" oder "Mül­ler­prin­zip" be­zeich­net. Ihr fol­gen bei­spiels­wei­se das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg.

In­ner­halb des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg ist die Fra­ge gar zwi­schen den ver­schie­de­nen zu­stän­di­gen Kam­mern um­strit­ten (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/147: Vor­sit­zen­der der Ei­ni­gungs­stel­le - Teil II und Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/059: Vor­sit­zen­der für Ei­ni­gungs­stel­le).

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm hat sich in ei­nem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Be­schluss eben­falls für das Wind­hund­prin­zip aus­ge­spro­chen (Be­schluss vom 19.07.2010, 10 TaBV 39/10). In dem zu Grun­de lie­gen­den Fall hat­te ein Be­triebs­rat als Vor­sit­zen­den ei­nen Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt vor­ge­schla­gen. Der Ar­beit­ge­ber hat­te dem nur ent­geg­net, er be­fürch­te durch die Be­tei­li­gung die­ses hoch­ran­gi­gen Rich­ters ei­nen ne­ga­ti­ven Ein­fluss auf ein et­wa nach­fol­gen­des ge­richt­li­ches Ver­fah­ren. Dies ge­nüg­te dem LAG nicht und folg­te dem Vor­schlag des Be­triebs­ra­tes.

Fa­zit: Be­triebs­rä­te und Ar­beit­ge­ber soll­ten sich im Vor­feld von Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren über die Recht­spre­chung des für sie zu­stän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­richts in­for­mie­ren. Denn soll­te sich im Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen über die Be­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le ein un­über­brück­ba­rer Kon­flikt er­ge­ben, ist es ge­ge­be­nen­falls er­for­der­lich, schnell mit ei­nem ge­richt­li­chen An­trag zu re­agie­ren, um ei­ne gu­te Ver­hand­lungs­po­si­ti­on bei­zu­be­hal­ten.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Letzte Überarbeitung: 7. Juni 2015

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Nina Wesemann
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38, 30159 Hannover
Telefon: 0511 - 89 97 701
Telefax: 0511 - 89 97 702
E-Mail: hannover@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de