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Vor­sit­zen­der der Ei­ni­gungs­stel­le - Teil II

Wind­hund­prin­zip in Ber­lin und Bran­de­burg - oder nicht?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 04.06.2010, 6 TaBV 901/10
Handschlag Playmobil Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­der: Wer zu­erst kommt mahlt zu­erst?
30.07.2010. In Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/059 Vor­sit­zen­der für Ei­ni­gungs­stel­le be­rich­te­ten wir von ei­ner Ent­schei­dung der zehn­ten Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg (Be­schluss vom 22.01.2010, 10 TaBV 2829/09). Ge­strit­ten wur­de dort über die Be­set­zung ei­ner be­trieb­li­chen Ei­ni­gungs­stel­le, ins­be­son­de­re über die Per­son des Vor­sit­zen­den. Er wird in sol­chen Fäl­len vom Ar­beits­ge­richt be­stellt. Hier­für ist ein An­trag ei­ner der bei­den Be­triebs­par­tei­en nö­tig, in dem auch der Wunsch-Vor­sit­zen­de ge­nannt wird. Die zehn­te Kam­mer war der Mei­nung, dass hier das "Wind­hund­prin­zip" gilt - Wer zu­erst im Ziel (d.h. vor Ge­richt) lan­det, darf den Vor­sit­zen­den aus­wäh­len.

Die Kam­mer steht mit ih­rer Ent­schei­dung zwar nicht al­lein dar, die Fra­ge ist aber zwi­schen den ver­schie­de­nen Ge­rich­ten um­strit­ten. Nun hat die sechs­te Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ei­nen wei­te­ren - über­ra­schen­den - Bei­trag zu dem Streit ge­leis­tet, LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 04.06.2010, 6 TaBV 901/10.

Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le und Rol­le des Vor­sit­zen­den

Bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en, al­so Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat, sieht § 76 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die Bil­dung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le vor. Sie be­steht aus Bei­sit­zern und ei­nem Vor­sit­zen­den. Je­de Be­triebs­par­tei stellt die glei­che An­zahl Bei­sit­zer. Auf den Vor­sit­zen­den müssen sie sich ei­ni­gen. In al­ler Re­gel wird ein Ar­beits­rich­ter gewählt.

Der Vor­sit­zen­de ist nicht nur Lei­ter der Ei­ni­gungs­stel­le, er kann auch zum Züng­lein an der Waa­ge wer­den: Ei­ni­gen sich Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nicht, dann fällen die Bei­sit­zer ei­ne Ent­schei­dung. Da die Bei­sit­zer na­tur­gemäß für ih­re je­wei­li­ge Par­tei ab­stim­men, kommt es da­bei re­gelmäßig zu Stim­men­gleich­heit. Für die­sen Fall schreibt § 76 Abs.3 S.2 Halbs.2 Be­trVG vor, dass der Vor­sit­zen­de nach wei­te­rer Be­ra­tung an der er­neu­ten Ent­schei­dung teil­nimmt. Sei­ne Stim­me ist da­mit ty­pi­scher­wei­se aus­schlag­ge­bend.

Je­de Be­triebs­par­tei möch­te da­her "ih­ren" Vor­sit­zen­den durch­set­zen. Wenn kei­ne Ei­ni­gung er­zielt wird, dann kann die Ei­ni­gungs­stel­le in ei­nem zügig aus­ge­stal­te­ten Ver­fah­ren auf An­trag ei­ner der Par­tei­en gemäß § 98 Abs.1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) vom Ar­beits­ge­richt be­stellt wer­den. Ge­setz­lich ge­re­gelt ist je­doch nicht, nach wel­chen Kri­te­ri­en die ge­richt­li­che Be­stel­lung er­fol­gen soll.

Da das Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren nur über zwei In­stan­zen geführt wer­den kann (vgl. § 98 Abs.2 S.4 ArbGG), ist das je­wei­li­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) die letz­te In­stanz. Des­halb ist die Recht­spre­chung zu den maßgeb­li­chen Kri­te­ri­en un­ein­heit­lich.

Das LAG Ham­burg und das LAG Bre­men mei­nen, der Vor­schlag des An­trags­stel­lers sei grundsätz­lich ent­schei­dend. Nur aus­nahms­wei­se, wenn er­heb­li­che Gründe vor­lie­gen, könne von ihm ab­ge­wi­chen wer­den. Letzt­lich ist hier al­so aus­schlag­ge­bend, ob Be­triebs­rat oder Ar­beit­ge­ber schnel­ler vor Ge­richt ge­hen. Auch die zehn­te Kam­mer des "neu­en" LAG Ber­lin-Bran­den­burg ist die­ser Auf­fas­sung (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/059 Vor­sit­zen­der für Ei­ni­gungs­stel­le).

Die­se als "Wind­hund­prin­zip" oder "Müller­prin­zip" (Wer zu­erst kommt, mahlt zu­erst.) be­zeich­ne­te An­sicht wird vom LAG Schles­wig-Hol­stein, vom LAG Ba­den-Würt­tem­berg und vom LAG Rhein­land-Pfalz nicht ge­teilt. Die sechs­te Kam­mer des "al­ten" LAG Ber­lin war eben­falls die­ser Auf­fas­sung. Die­se Ge­rich­te be­vor­zu­gen bzw. be­vor­zug­ten ei­nen neu­tra­len Vor­sit­zen­den. Nun ent­schied er­neut das "neue" LAG Ber­lin-Bran­den­burg über den Streit, die­ses Mal al­ler­dings die sechs­te Kam­mer (Be­schluss vom 04.06.2010, 6 TaBV 901/10).

Der Fall: Streit über den Vor­sit­zen­den ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le "Fällig­keit der Vergütung"


Zwi­schen den Ar­beit­ge­be­rin­nen ei­nes Ber­li­ner Un­ter­neh­mens und ih­rem Be­triebs­rat gab es Streit über das The­ma "Fällig­keit der Vergütung". Für die Be­set­zung der not­wen­dig ge­wor­de­nen Ei­ni­gungs­ste­le schlug der Be­triebs­rat ei­nen Ber­li­ner Ar­beits­rich­ter vor. Die Ar­beit­ge­be­rin­nen hin­ge­gen woll­ten die Po­si­ti­on - ver­mut­lich eben­falls aus tak­ti­schen Gründen - mit ei­nem Ar­beits­rich­ter be­set­zen, der nie­mals am Ber­li­ner Ar­beits­ge­richt tätig war. Der Be­triebs­rat setz­te ei­ne Frist.

Die Ar­beit­ge­be­rin­nen kann­ten die jüngs­te Recht­spre­chung der zehn­ten Kam­mer des LAG Ber­lin-Bran­den­burg of­fen­bar sehr gut - ei­nen Tag vor Ab­lauf der ge­setz­ten Frist rie­fen die Ar­beit­ge­be­rin­nen das Ar­beits­ge­richt Ber­lin an und schlu­gen den Vor­sit­zen­den ih­rer Wahl vor. Der Be­triebs­rat re­agier­te mit ei­nem Wi­der­an­trag, in dem er sei­nen ei­ge­nen Vor­sit­zen­den be­nann­te.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin ent­schied, dass der zu­erst vor­ge­schla­ge­ne Kan­di­dat ge­richt­lich zu be­stim­men sei. Es be­zog sich da­mit aber über­ra­schen­der­wei­se nicht auf den Kan­di­da­ten, der zu­erst vor Ge­richt (al­so im An­trag) na­ment­lich be­nannt wur­de, son­dern auf den Vor­sit­zen­den, der außer­ge­richt­lich zu­erst erwähn­te wur­de. Statt Neu­tra­lität oder ge­richt­li­chem Wind­hund­prin­zip ent­schied es sich da­mit für ein außer­ge­richt­li­ches Wind­hund­prin­zip.

Trotz des (Erst-)An­trags der Ar­beit­ge­be­rin­nen ge­wann folg­lich in ers­ter In­stanz der Be­triebs­rat, denn er hat­te außer­ge­richt­lich den ers­ten Vor­schlag un­ter­brei­tet und die Ar­beit­ge­be­rin­nen ge­gen die­sen kei­ne vernünf­ti­gen Ar­gu­men­te vor­ge­bracht.

Die Ar­beit­ge­be­rin­nen, ganz im Ver­trau­en auf das LAG Ber­lin-Bran­den­burg, leg­ten Rechts­mit­tel ein.

Der Be­triebs­rat ar­gu­men­tier­te hier sinn­gemäß, da der Ar­beit­ge­ber stets die Kos­ten von ge­richt­li­chen Ver­fah­ren mit dem Be­triebs­rat zu tra­gen hat, sei er mo­ti­viert, zu­erst vor Ge­richt zu ge­hen. Das "Wind­hund­prin­zip" sei da­her ei­gent­lich ein "Ar­beit­ge­ber­prin­zip".

Sechs­te Kam­mer des LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Wind­hund­prin­zip? Nicht mit uns!

Die sechs­te Kam­mer des LAG Ber­lin-Bran­den­burg wand­te sich ge­gen die zehn­te Kam­mer und ent­schied sich pro Neu­tra­lität (Be­schluss vom 04.06.2010, 6 TaBV 901/10).

Im Be­stel­lungs­ver­fah­ren sind die ent­schei­den­den Ge­rich­te nicht an die Anträge ge­bun­den. Das er­gibt sich aus dem Wort­laut des § 76 Abs.2 S.2 Be­trVG und dem Zweck des Ver­fah­rens.

Des­halb, so die sechs­te Kam­mer "kann es auch nicht dar­auf an­kom­men, wel­che Sei­te nach dem sog. Wind­hund­prin­zip zu­erst ei­nen Ein­set­zungs­an­trag bei Ge­richt an­ge­bracht oder et­wa schon bei den vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­hand­lun­gen ei­nen per­so­nel­len Vor­schlag un­ter­brei­tet hat. Dies muss selbst dann gel­ten, wenn die Ge­gen­sei­te kei­ne kon­kre­ten Be­den­ken ge­gen die vor­ge­schla­ge­ne Per­son gel­tend ge­macht hat ... Denn die Vor­schläge bei­der Sei­ten sind Aus­druck be­son­de­ren Ver­trau­ens, das zu­gleich für die je­weils an­de­re Sei­te ei­nen ent­spre­chen­den Vor­be­halt ge­gen die vor­ge­schla­ge­ne Per­son zu be­gründen pflegt, den es zu re­spek­tie­ren gilt. Nur so lässt sich die er­for­der­li­che Ak­zep­tanz ei­nes not­falls stimm­be­rech­tig­ten Ver­hand­lungsführers er­rei­chen, des­sen vor­nehm­li­che Auf­ga­be dar­in be­steht, ei­ne Ei­ni­gung her­bei­zuführen ... und ei­ne unnöti­ge Be­las­tung des nach­fol­gen­den Ver­fah­rens vor der Ei­ni­gungs­stel­le ver­mei­den ... Da­mit wird zu­gleich ei­ner sonst zu befürch­ten­den Dis­kre­di­tie­rung der Kan­di­da­ten bei­der Sei­ten vor­ge­beugt ... Die­sen As­pek­ten Rech­nung zu tra­gen, er­scheint vor­dring­li­cher, als ei­nem la­ten­ten Vor­wurf der Pfründen­wirt­schaft in­ner­halb der Rich­ter­schaft im We­ge wech­sel­sei­ti­ger Ein­set­zun­gen ... Rech­nung tra­gen zu wol­len."

Folg­lich ent­schied sich das Ge­richt für ei­nen Kan­di­da­ten, den we­der Ar­beit­ge­be­rin­nen noch Be­triebs­rat vor­ge­schla­gen hat­ten. Die­ser stamm­te übri­gens aus Ber­lin. Den all­ge­mei­nen und nicht näher be­gründe­ten Wunsch der Ar­beit­ge­be­rin­nen nach ei­nem orts­frem­den Rich­ter hielt die sechs­te Kam­mer für recht­lich be­deu­tungs­los.

Fa­zit: Zwei Kam­mern, zwei Mei­nun­gen. Der si­chers­te Weg in Ber­lin bleibt da­mit grundsätz­lich wei­ter das (ge­richt­li­che) Wind­hund­prin­zip. Viel­leicht be­kommt die be­an­tra­gen­de Be­triebs­par­tei auf die­se Wei­se nicht mehr ih­ren Wunsch­vor­sit­zen­den. Sie kann aber im­mer­hin je­den­falls ver­hin­dern, dass die an­de­re Be­triebs­par­tei ih­ren Kan­di­da­ten durch­setzt.

Die­se tak­ti­sche Möglich­keit ist zu­gleich der größte Kri­tik­punkt an der "Neu­tra­litätslösung". Ob nämlich ein ursprüng­lich von nie­man­dem ge­woll­ter Ver­hand­lungsführer tatsächlich "die er­for­der­li­che Ak­zep­tanz" er­rei­chen kann, ist zu­min­dest ähn­lich zwei­fel­haft wie die Ent­schei­dung für ei­nen der vor­ge­schla­ge­nen Kan­di­da­ten.

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Letzte Überarbeitung: 26. Oktober 2016

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