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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/070

Über­for­de­rungs­schutz bei Al­ters­teil­zeit und Gleich­be­hand­lung

Bei Stich­tags­re­ge­lun­gen für den Ab­schluss von Al­ters­teil­zeit­ver­trä­gen ist der Ar­beit­ge­ber an den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.04.2008, 9 AZR 111/07 - Ur­teils­grün­de
Zwei Gruppen von je drei Arbeitnehmern mit Helm, Bekleidung der beiden Gruppen unterschiedlich Wol­len zu vie­le Ar­beit­neh­mer Al­ters­teil­zeit, ist ei­ne ver­nünf­ti­ge Aus­wahl vor­zu­neh­men

07.07.2008. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat Mit­te April 2008 ent­schie­den, dass der im Al­ters­teil­zeit­ge­setz 1996 (AltTZG 1996) ent­hal­te­ne Über­for­de­rungs­schut­zes den Ar­beit­ge­ber zwar zu ei­ner Ein­schrän­kung sei­ner Be­wil­li­gungs­pra­xis be­rech­tigt, nicht aber zu ei­nem "will­kür­li­chen" Stopp wei­te­rer Al­ters­teil­zeit­ver­ein­ba­run­gen.

Im Rah­men un­se­rer lau­fen­den Be­richt­er­stat­tung hat­ten wir die­ses Ur­teil im Mai auf der Grund­la­ge ei­ner Pres­se­mel­dung des BAG vom 15.04.2008 für Sie kom­men­tiert (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/050 Schutz des Ar­beit­ge­bers vor fi­nan­zi­el­ler Über­for­de­rung durch Al­ters­teil­zeit con­tra Gleich­be­hand­lung). 

Die am 02.07.2008 be­kannt ge­wor­de­nen Ur­teils­grün­de rech­fer­ti­gen ei­nen noch­ma­li­gen Blick auf die­se Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 15.04.2008, 9 AZR 111/07.

§ 3 Abs.1 Satz 1 Nr.3 AltTZG 1996) schreibt vor, dass Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge von der Ar­beits­ver­wal­tung nur dann be­zu­schusst wer­den kön­nen, wenn die freie Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers bei ei­ner über fünf Pro­zent der Ar­beit­neh­mer des Be­triebs hin­aus­ge­hen­den In­an­spruch­nah­me si­cher­ge­stellt ist oder ei­ne Aus­gleichs­kas­se oder ge­mein­sa­me Ein­rich­tung be­steht. Mit die­ser Ge­set­zes­be­stim­mung soll ver­hin­dert wer­den, dass Ar­beit­ge­ber durch ei­ne über­mä­ßi­ge In­an­spruch­nah­me von Al­ters­teil­zeit fi­nan­zi­ell über­for­dert wer­den (Über­for­de­rungs­schutz).

Um ei­ne sol­che Über­for­de­rung ab­zu­wen­den, stel­len Al­ters­teil­zeit-Ta­rif­ver­trä­ge den ta­rif­ver­trag­lich be­grün­de­ten An­spruch der Ar­beit­neh­mer auf Ab­schluss ei­nes Al­ters­teil­zeit­ver­trags un­ter den recht­li­chen Vor­be­halt der Ein­hal­tung der Über­last­quo­te von fünf Pro­zent. Wird die­se Gren­ze über­schrit­ten, ent­fällt der ta­rif­li­che Rechts­an­spruch auf Ab­schluss ei­ner Al­ters­teil­zeit­ver­ein­ba­rung.

Gleich­wohl muss der Ar­beit­ge­ber sorg­fäl­tig vor­ge­hen, wenn er be­reits ei­ne län­ge­re Zeit Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge auf ta­rif­ver­trag­li­cher Grund­la­ge ab­ge­schlos­sen hat, die­se Pra­xis aber auf­grund der Über­schrei­tung der Über­last­quo­te be­en­den möch­te.

Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Ur­teil vom 15.04.2008 (9 AZR 111/07) zu ent­schei­den. Die nun­mehr be­kannt ge­wor­de­nen Ur­teils­grün­de stel­len noch ein­mal deut­lich her­aus, dass sich der Ar­beit­ge­ber ge­gen­über dem Al­ters­teil­zeit­ver­lan­gen ei­nes da­zu nach den Re­ge­lun­gen ei­nes ein­schlä­gi­gen Ta­rif­ver­trags be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mers zwar im Prin­zip je­der­zeit auf ei­ne be­reits ein­ge­tre­te­ne Über­schrei­tung der Über­for­de­rungs­quo­te von fünf Pro­zent be­ru­fen kann, so dass un­ter sol­chen Um­stän­den grund­sätz­lich kein Rechts­an­spruch des Ar­beit­neh­mers mehr be­steht.

Setzt der Ar­beit­ge­ber sein Ziel, künf­tig ge­ne­rell kei­ne Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge mehr ab­zu­schlie­ßen, al­ler­dings in der Wei­se um, dass er ei­nen in der Zu­kunft lie­gen­den Stich­tag fest­legt, ab dem kei­ne Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge mehr ab­ge­schlos­sen wer­den sol­len, muss er den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ach­ten.

Prak­tisch be­deu­tet dies: Er muss si­cher­stel­len, dass al­le an ei­nem Al­ters­teil­zeit­ver­trag po­ten­ti­ell in­ter­es­sier­ten Ar­beit­neh­mer Kennt­nis von der Stich­tags­re­ge­lung er­hal­ten, um bis da­hin ih­re mög­li­cher­wei­se be­ste­hen­den Al­ters­teil­zeit­wün­sche an den Ar­beit­ge­ber her­an­zu­tra­gen.

Will die­ser von den bis zum Stich­tag ein­ge­reich­ten An­trä­gen auf Al­ters­teil­zeit nur ei­ni­gen statt­ge­ben, d.h. an­de­re zu­rück­wei­sen, muss er nach der Recht­spre­chung des BAG grund­sätz­lich die Ar­beit­neh­mer vor­ran­gig be­rück­sich­ti­gen, die zu­erst die ta­rif­li­chen Vor­aus­set­zun­gen er­füllt ha­ben.

Un­zu­läs­sig wä­re es je­den­falls, dass ein Be­wer­ber in Un­kennt­nis der Stich­tags­re­ge­lung ei­nen ver­spä­te­ten An­trag stellt, der des­halb vom Ar­beit­ge­ber nicht be­rück­sich­tigt wird, wenn an­de­rer­seits vor dem Stich­tag ein­ge­reich­te An­trä­ge von Ar­beit­neh­mern, die auf­grund ge­rin­ge­ren Al­ters oder aus an­de­ren Grün­den erst spä­ter die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Al­ters­teil­zeit­an­spruch er­füllt ha­ben, po­si­tiv be­schie­den wur­den.

In Kon­se­quenz die­ser Ent­schei­dung kann es ei­nem Ar­beit­ge­ber pas­sie­ren, dass er trotz be­reits ein­ge­tre­te­ner Über­schrei­tung der Über­last­quo­te von fünf Pro­zent auf­grund des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes zum Ab­schluss wei­te­rer Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge ge­zwun­gen ist.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

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