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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/028

Wer die Mu­sik be­zahlt, be­stimmt, was ge­spielt wird.

Dis­kri­mi­nie­rung oder nicht? Dia­ko­nie möch­te Mus­li­min nicht als "In­te­gra­ti­ons­lot­sen" ein­stel­len: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 04.12.2007, 20 Ca 105/07
Gesetzestext mit darauf liegendem Holzkreuz Ei­ne Mus­li­min als So­zi­al­ar­bei­te­rin im Auf­trag der Dia­ko­nie?

21.02.2008. Das Dia­ko­ni­sche Werk in Ham­burg schrieb ei­ne So­zi­al­ar­bei­ter­stel­le und mach­te die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner christ­li­cen Kir­che in der Stel­len­aus­schrei­bung zur Vor­aus­set­zung für ei­ne Ein­stel­lung.

Dar­auf­hin be­warb sich ei­ne ge­bür­ti­ge Tür­kin und Mos­le­min um die Stel­le und wur­de ab­ge­lehnt, nach­dem sie ei­nen ihr na­he­ge­leg­ten Kir­chen­bei­tritt ab­ge­lehnt hat­te.

Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg kam zu dem Er­geb­nis, dass hier ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on vor­lag und ver­ur­teil­te das Dia­ko­ni­sche Werk zu ei­ner Gel­dent­schä­di­gung: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 04.12.2007, 20 Ca 105/07.

Ist es ein aus­rei­chen­des In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ner Be­wer­be­rin ei­nen Glau­bens­wech­se na­he­legt?

Mit dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG), das am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­ten ist, hat der Ge­setz­ge­ber ver­schie­de­ne eu­ropäische An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en in deut­sches Recht um­ge­setzt, un­ter an­de­rem die Richt­li­nie 2000/78/EG.

AGG und Richt­li­nie ver­bie­ten glei­cher­maßen die Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern bei der Ein­stel­lung we­gen ih­rer Re­li­gi­on, las­sen von die­sem Grund­satz aber ei­ne Aus­nah­me zu, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on aus Sicht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft „im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit“ (§ 9 Abs.1 AGG) ge­recht­fer­tigt ist.

Will da­her zum Bei­spiel ei­ne evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che ei­ne Pfarr­stel­le be­set­zen, ist es ihr er­laubt, Mos­lems, Bud­dhis­ten und Ka­tho­li­ken we­gen ih­res „fal­schen“ Glau­bens zu „be­nach­tei­li­gen“, d.h. ei­ne sol­che Art der Per­so­nal­aus­wahl verstößt nicht ge­gen die Vor­schrif­ten des AGG oder die Zie­le der Richt­li­nie 2000/78/EG.

Frag­lich ist da­ge­gen, ob ein sol­ches Vor­ge­hen auch bei Ein­stel­lung ei­ner Pfarr­amts­se­kretärin rech­tens wäre, d.h. in wel­chem Um­fang die Kir­chen auch bei der Be­set­zung we­ni­ger her­aus­ge­ho­be­ner Po­si­tio­nen Be­wer­ber mit dem „fal­schen“ Glau­ben ab­wei­sen können. Zu die­ser Fra­ge hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg in ei­nem Ur­teil vom 04.12.2007 (20 Ca 105/07) Stel­lung be­zo­gen.

Der Streit­fall: Dia­ko­ni­sches Werk möch­te Mus­li­min nicht als So­zi­al­ar­bei­te­rin bei der In­te­gra­ti­ons­hil­fe für Mi­gran­ten ("In­te­gra­ti­ons­lot­se") ein­stel­len

Das der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) an­gehören­de Dia­ko­ni­sche Werk in Ham­burg schrieb im No­vem­ber 2006 ei­ne pro­jekt­be­dingt auf elf Mo­na­te be­fris­te­te Stel­le als So­zi­al­ar­bei­ter / So­zi­al­ar­bei­te­rin zu ei­nem Ge­halt von 1.300,00 EUR pro Mo­nat aus.

Fi­nan­ziert wur­de die­se Stel­le ei­nes „In­te­gra­ti­ons­lot­sen“ aus Mit­teln des Eu­ropäischen So­zi­al­fonds und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Rah­men ei­nes Pro­jekts zur be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on von Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten. Im Zu­wen­dungs­be­scheid des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les, das als na­tio­na­le Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für die Ver­ga­be der EU-Mit­tel ver­ant­wort­lich ist, fin­det sich der fol­gen­de „Hin­weis“:

Der Grund­ge­dan­ke der Ge­mein­schafts­in­itia­ti­ve EQUAL soll­te auch bei der Ein­stel­lungs­pra­xis berück­sich­tigt wer­den. Ins­be­son­de­re wird drin­gend emp­foh­len, kei­ne den Be­wer­ber­kreis ein­schränken­den Vor­ga­ben zu ma­chen und auch die Aus­wahl von Mit­ar­bei­tern in die­ser Hin­sicht neu­tral durch­zuführen."

Die auf die­ser Grund­la­ge von dem Be­klag­ten er­stell­te öffent­li­che Stel­len­aus­schrei­bung ver­lang­te von den Be­wer­bern die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che.

Die Kläge­rin, ei­ne gebürti­ge Türkin und nicht prak­ti­zie­ren­de Mos­le­min be­warb sich um die Stel­le, wor­auf­hin ihr te­le­fo­nisch der Kir­chen­bei­tritt na­he­ge­legt wur­de. Hier­zu war die Kläge­rin nicht be­reit. Nach ih­rer Ab­leh­nung ver­lang­te sie ei­ne Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG we­gen der aus ih­rer Sicht er­lit­te­nen glau­bens­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung.

Ar­beits­ge­richt Ham­burg: Die Ab­leh­nung der mos­le­mi­schen Be­wer­be­rin war ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on

Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben und der Kläge­rin ei­ne Gel­dentschädi­gung von drei Mo­nats­gehältern zu­ge­spro­chen. Zur Be­gründung heißt es:

Der Aus­schluss der Kläge­rin aus dem Aus­wahl­ver­fah­ren we­gen Nicht­zu­gehörig­keit zur christ­li­chen Re­li­gi­on ver­s­toße ge­gen § 7 AGG und be­gründe da­her ei­nen An­spruch auf Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG.

Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne aus­nahms­wei­se rechtmäßige un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on - im Hin­blick auf das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­che oder auf ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung (§ 9 AGG) - lägen hier nicht vor, da die Tätig­keit als So­zi­al­ar­bei­te­rin kei­ne aus­rei­chend große „Verkündungsnähe“ auf­wie­se.

Im Wei­te­ren meint das Ge­richt im An­schluss an ei­ni­ge Äußerun­gen in der ju­ris­ti­schen Li­te­ra­tur, dass die für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gel­ten­de Aus­nah­me­vor­schrift des § 9 Abs.1 AGG über das Maß an „le­ga­ler Dis­kri­mi­nie­rung“ hin­aus­gin­ge, das die Richt­li­nie 2000/78/EG bzw. de­ren Art.4 Abs.2 den Mit­glied­staa­ten er­lau­be.

Die Richt­li­nie se­he nur ei­nen „Ten­denz­schutz“ für Kir­chen vor, während § 9 Abs.1 AGG ein darüber hin­aus­ge­hen­des „Selbst­be­stim­mungs­recht“ an­er­ken­ne. Vor die­sem Hin­ter­grund sieht sich das Ar­beits­ge­richt ver­an­lasst, § 9 Abs.1 AGG richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen, d.h. die dort ent­hal­te­ne, für die Kir­chen gel­ten­de Aus­nah­me­vor­schrift möglichst eng zu in­ter­pre­tie­ren.

U.E. ist das Ur­teil im Er­geb­nis rich­tig, nicht aber in der Be­gründung.

Die Ver­ur­tei­lung des Dia­ko­ni­schen Wer­kes ist kor­rekt, da das DW kei­ne ei­ge­nen, son­dern zweck­ge­bun­de­ne frem­de Gel­der für die Schaf­fung der Stel­le aus­ge­ge­ben hat. Auch wenn der oben wie­der­ge­ge­be­ne, im Zu­wen­dungs­be­scheid ent­hal­te­ne „Hin­weis“ kei­ne Rechts­ver­bind­lich­keit für das DW ge­habt ha­ben soll­te, kon­kre­ti­siert es doch die Zweck­set­zung des Förder­mit­tel­ge­bers, so dass das DW bei der Um­set­zung die­ser Zu­wen­dung nicht al­lein im Be­reich ei­ge­ner, d.h. kirch­li­cher bzw. dia­ko­ni­scher, son­dern auch im Be­reich frem­der bzw. staat­li­cher Zwe­cke tätig war. Folg­lich hat der Ge­sichts­punkt der kirch­li­chen Selbst­be­stim­mung bei der Aus­wahl von Stel­len­be­wer­bern we­ni­ger Ge­wicht als er zum Bei­spiel hätte, wenn das DW aus ei­ge­nen Mit­teln die Stel­le ei­nes „In­te­gra­ti­ons­lot­sen“ schaf­fen würde: Wer die Mu­sik be­zahlt, be­stimmt was ge­spielt wird.

Die Be­gründung des Ur­teils ist da­ge­gen we­ni­ger über­zeu­gend, ins­be­son­de­re was den an­geb­lich so har­ten An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­halt der Richt­li­nie an­geht. Der von der Richt­li­nie in der Les­art des Ar­beits­ge­richts den Kir­chen zu­ge­stan­de­ne Ten­denz­schutz ist nämlich be­reits in Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie ent­hal­ten. Da­her fragt sich, wo­zu der spe­zi­ell für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gel­ten­de Art.4 Abs.2 in die Richt­li­nie auf­ge­nom­men wur­de - wenn er nicht die Be­deu­tung hat, den Mit­glied­staa­ten in wei­test­ge­hen­dem Um­fang die „Bei­be­hal­tung“ ih­rer ge­wach­se­nen kir­chen­recht­li­chen Re­ge­lun­gen zu er­lau­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit ha­ben das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg und das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und dem Ar­beit­ge­ber Recht ge­ge­ben, und zwar mit der Be­gründung, dass die Be­wer­be­rin nicht die vom Ar­beit­ge­ber ver­lang­te Qua­li­fi­ka­ti­on (Stu­di­en­ab­schluss) vor­wei­sen konn­te. In­for­ma­tio­nen zu die­sen Ur­tei­len fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 29. März 2016

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