HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/177

Un­sach­li­che Mo­ti­ve für Ab­leh­nung ei­nes Be­wer­bers

Un­sach­li­che Mo­ti­ve für ei­ne Be­wer­be­ra­b­leh­nung sind nicht im­mer ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.08.2010, 8 AZR 466/09
Gesetzestext mit darauf liegendem Holzkreuz Kei­ne Be­nach­tei­li­gung bei nicht ver­gleich­ba­rer Be­wer­ber­si­tua­ti­on
10.09.2010. Die im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz ge­re­gel­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te er­fas­sen ins­be­son­de­re auch die Stel­len­aus­schrei­bung und Stel­len­be­set­zung.

Bis­lang noch nicht höchst­rich­ter­lich ent­schie­den war die Fra­ge, ob man auch dann von ei­ner un­zu­läs­si­gen Be­nach­tei­li­gung ei­nes Be­wer­bers spre­chen kann, wenn die­sem dis­kri­mi­nie­rend ab­ge­sagt wird, er aber auch nicht al­le sach­lich ge­recht­fer­ti­gen An­for­de­run­gen er­füllt.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt meint "Nein.": Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.08.2010, 8 AZR 466/09.

Darf schlech­ten Be­wer­bern dis­kri­mi­nie­rend ab­ge­sagt wer­den?

Dis­kri­mi­nie­run­gen im Er­werbs­le­ben aus Gründen der „Ras­se“, der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung oder der se­xu­el­len Iden­tität sind nach den Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ver­bo­ten.

Die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te er­fas­sen ins­be­son­de­re auch die Stel­len­aus­schrei­bung und Stel­len­be­set­zung: Gemäß § 11 AGG müssen Ar­beitsplätze nämlich un­ter Ver­mei­dung von Dis­kri­mi­nie­run­gen aus­ge­schrie­ben wer­den, und auch die Aus­wahl zwi­schen meh­re­ren, ob­jek­tiv gleich gut ge­eig­ne­ten Stel­len­be­wer­bern darf nicht aus ei­nem der oben ge­nann­ten Ar­beit­ge­ber­mo­ti­ve her­aus vor­ge­nom­men wer­den (§ 2 Abs. 1 Nr. 3 AGG).

Bis­lang noch nicht höchst­rich­ter­lich ent­schie­den ist, ob man auch dann von ei­ner un­zulässi­gen Dis­kri­mi­nie­rung ei­nes Be­wer­bers spre­chen kann, wenn ein Be­wer­ber nicht al­le vom Ar­beit­ge­ber ge­for­der­ten und sach­lich ge­recht­fer­tig­ten Stel­len­an­for­de­run­gen erfüllt, die Ab­leh­nung aber - auch - auf ge­setz­lich un­ter­sag­ten dis­kri­mi­nie­ren­den Gründen be­ruht.

An­ders ge­sagt: Liegt ei­ne ge­setz­lich ver­bo­te­ne Be­wer­ber­dis­kri­mi­nie­rung schon dann vor, wenn ein vom Ge­setz als un­zulässig erklärtes Mo­tiv bei der Be­wer­be­ra­b­leh­nung ei­ne Rol­le ge­spielt hat, aber nur als ei­ner von ver­schie­de­nen, teil­wei­se auch sach­lich ge­recht­fer­tig­ten Ab­leh­nungs­gründen? Zu die­ser Fra­ge hat sich vor kur­zem das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) geäußert (Ur­teil vom 19.08.2010, 8 AZR 466/09).

Der Fall: kirch­li­che Dia­ko­nie möch­te un­ter­qua­li­fi­zier­te Mus­li­min nicht ein­stel­len

Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber ist der für Ham­burg zuständi­ge Lan­des­ver­band des Dia­ko­ni­schen Wer­kes. Er gehört der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­lands (EKD) an. Im No­vem­ber 2006 schrieb er ei­ne be­fris­te­te Pro­jekt­stel­le öffent­lich aus. Ge­sucht wur­de ein So­zi­al­ar­bei­ter bzw. ei­ne So­zi­al­ar­bei­te­rin.

Zu den in der Aus­schrei­bung ge­nann­ten Auf­ga­ben gehörte die Er­stel­lung von In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al und die Durchführung von Ver­an­stal­tun­gen im Zu­sam­men­hang mit dem Pro­jekt „In­te­gra­ti­ons­lot­se Ham­burg“. Das Ziel des Pro­jekts war die Ver­bes­se­rung der be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on er­wach­se­ner Zu­wan­de­rer. In der Stel­len­aus­schrei­bung hieß es:

„Sie verfügen über ein ab­ge­schlos­se­nes Stu­di­um der So­zi­al­wis­sen­schaft/So­zi­alpädago­gik (o. Ä.), Er­fah­run­gen in der Pro­jekt­ar­beit so­wie Er­fah­run­gen und Kom­pe­ten­zen in den The­men­be­rei­chen Mi­gra­ti­on, Ar­beits­markt und In­ter­kul­tu­ra­lität… Als dia­ko­ni­sche Ein­rich­tung set­zen wir die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che vor­aus.“

Die Kläge­rin, ei­ne deut­sche Staats­an­gehöri­ge türki­scher Her­kunft, gehört kei­ner christ­li­chen Kir­che an. Sie kann als ge­lern­te Rei­se­ver­kehrs­kauf­frau kei­nen Hoch­schul­ab­schluss vor­wei­sen.

Nach­dem sie sich auf die Stel­le be­wor­ben hat­te, wur­de sie von ei­ner Mit­ar­bei­te­rin des Be­klag­ten, Frau K., an­ge­ru­fen. Die­se sag­te der Kläge­rin, ih­re Be­wer­bung sei zwar sehr in­ter­es­sant, las­se je­doch die Fra­ge der Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit un­be­ant­wor­tet. Dar­auf sag­te die Kläge­rin, sie prak­ti­zie­re kei­ne Re­li­gi­on, sei aber als Türkin gebürti­ge Mus­li­min. Frau K. wie­der­um frag­te so­dann, ob sich die Kläge­rin den Ein­tritt in die Kir­che vor­stel­len könne. Denn die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che sei nun ein­mal un­be­ding­te Vor­aus­set­zung für die Stel­le.

Als die Kläge­rin später ei­ne Ab­sa­ge er­hielt, ver­lang­te sie vom Be­klag­ten ei­ne Gel­dentschädi­gung un­ter Be­ru­fung auf § 15 Abs. 2 AGG. Aus ih­rer Sicht war sie bei der Stel­len­be­set­zung we­gen ih­rer Re­li­gi­on - und da­mit auch we­gen ih­rer eth­ni­schen Her­kunft als Türkin - dis­kri­mi­niert wor­den. Das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Ham­burg sprach ihr ei­ne Gel­dentschädi­gung in drei Mo­nats­gehältern zu (Ur­teil vom 04.12.2007, 20 Ca 105/07 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/028: Wer die Mu­sik be­zahlt, be­stimmt, was ge­spielt wird).

Auf die Be­ru­fung des dia­ko­ni­schen Wer­kes wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg die Kla­ge mit der Be­gründung ab, dass die Kläge­rin we­gen ih­res feh­len­den Hoch­schul­ab­schlus­ses für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le ob­jek­tiv un­ge­eig­net sei (Ur­teil vom 29.10.2008, 3 Sa 15/08).

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Wer die Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt, kann durch ei­ne Ab­sa­ge nicht dis­kri­mi­niert wer­den

Das BAG bestätig­te nun­mehr die kla­ge­ab­wei­sen­de Ent­schei­dung des LAG. So­mit hat­te die Kläge­rin auch in der Re­vi­si­on kei­nen Er­folg.

So­weit sich dies der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG ent­neh­men lässt, war für das BAG eben­so wie für das LAG die Über­le­gung ent­schei­dend, dass die Kläge­rin we­gen ih­res feh­len­den Hoch­schul­ab­schlus­ses die vom Ar­beit­ge­ber ge­for­der­ten - sach­li­chen - Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüll­te.

Da­her war sie erst gar nicht mit der Be­wer­be­rin ver­gleich­bar, die letzt­lich ein­ge­stellt wur­de. Da­bei han­del­te es sich um ei­ne gebürti­ge In­de­rin mit ei­nem so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chem Stu­di­en­ab­schluss.

Wer aber in­fol­ge feh­len­der ob­jek­ti­ver Eig­nung nicht mit an­de­ren Stel­len­be­wer­bern ver­gleich­bar ist, wird im Fal­le ei­ner Ab­leh­nung nicht „we­gen“ ei­nes ge­setz­lich ver­bo­te­nen Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mals schlech­ter ge­stellt. Sei­ne schlech­te­re Be­hand­lung (d.h. die un­ter­blie­be­ne Ein­stel­lung) ist dann nicht auf das vom AGG ver­bo­te­ne Un­ter­schei­dungs­merk­mal zurück­zuführen.

Die Kläge­rin war zwar der Mei­nung, ein ab­ge­schlos­se­nes Stu­di­um sei kei­ne ob­jek­tiv nach­voll­zieh­ba­re Vor­aus­set­zung für die zu be­set­zen­de Stel­le. Das BAG und das LAG wa­ren in die­sem Punkt aber übe­rein­stim­mend der An­sicht, dass über die Stel­len­an­for­de­run­gen al­lein der Ar­beit­ge­ber zu ent­schei­den ha­be. Außer­dem mein­te das BAG, dass es auch „der Ver­kehrs­an­schau­ung“ ent­spre­che, bei der Be­set­zung von Stel­len wie der hier strei­ti­gen ei­ne Hoch­schul­aus­bil­dung zu ver­lan­gen.

Sch­ließlich hielt das BAG auch fest, dass der Ar­beit­ge­ber bei sei­ner Be­set­zungs­ent­schei­dung die An­for­de­rung der öffent­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung nicht fal­len­ge­las­sen hat­te. Denn er hat­te sich für ei­ne Be­wer­be­rin mit Hoch­schul­ab­schluss ent­schie­den und da­mit sei­ne zu­vor be­reits be­nann­ten Ein­stel­lungs­an­for­de­run­gen um­ge­setzt.

Dass ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Be­klag­ten, Frau K., die Be­wer­bung der Kläge­rin vor der Ab­leh­nung als „in­ter­es­sant“ be­zeich­net und die Kläge­rin ge­fragt hat­te, ob sie sich ei­nen Kir­chen­bei­tritt vor­stel­len könn­te, be­wer­te­te das BAG nicht als Ab­kehr von den in der Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann­ten Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen.

Wie schon das LAG Ham­burg fest­ge­stellt hat­te, ist al­lein auf­grund die­ser Äußerung nicht an­zu­neh­men, dass der Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Re­li­gi­ons­wech­sel von sei­nen fach­li­chen Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen ab­ge­wi­chen wäre und die Kläger trotz feh­len­den Hoch­schul­ab­schlus­ses ein­ge­stellt hätte.

Fa­zit: Ei­ne dem AGG wi­der­spre­chen­de Be­wer­ber­dis­kri­mi­nie­rung liegt nicht schon dann vor, wenn ein vom AGG ge­nann­tes persönli­ches Merk­mal - hier die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit - ne­ben an­de­ren, teils sach­li­chen Mo­ti­ven für die Be­wer­be­ra­b­leh­nung ei­ne Rol­le spielt. Ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung setzt stets vor­aus, dass der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber al­le zulässi­gen bzw. ob­jek­ti­ven Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt und die Stel­le nur des­halb nicht erhält, weil er im Sin­ne des AGG dis­kri­mi­niert wur­de.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Darüber hin­aus hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die ge­gen die BAG-Ent­schei­dung ge­rich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Kläge­rin nicht zu Ent­schei­dung an­ge­nom­men. Das BAG-Ur­teil im Voll­text und den Ab­leh­nungs­be­schluss des BVerfG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 29. März 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Sebastian Schroeder
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10, 20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08
E-Mail: hamburg@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de