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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/073

Fort­set­zung der Zwangs­voll­stre­ckung bei feh­len­der Lohn­ab­rech­nung

Oh­ne Lohn­ab­rech­nung kann der vol­le ti­tu­liert Brut­to­be­trag voll­streckt wer­den: Amts­ge­richt Saar­brü­cken, Be­schluss vom 01.07.2008, 108 M 4/08 I
Auktionshammer bzw. Gerichtshammer auf Geldscheinen Für Ar­beit­neh­mer geht der Är­ger oft trotz ei­nes Ur­teils wei­ter, wenn nicht nach­voll­zieh­ba­re Be­trä­ge ge­zahlt wer­den

11.07.2008. Was tun, wenn man ein Ur­teil erstrit­ten oder ei­nen Ver­gleich ab­ge­schlos­sen hat, dem zu­fol­ge der Ar­beit­ge­ber ei­ne be­stimm­te Brut­to­sum­me (Lohn bzw. Ge­halt und/oder Ab­fin­dung) zah­len muss, der Ar­beit­ge­ber aber nur nicht nach­voll­zieh­ba­re Net­to-Teil­zah­lun­gen leis­tet?

In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on kann der Ar­beit­neh­mer, so­lan­ge der Ar­beit­ge­ber kei­ne nach­voll­zieh­ba­re Ab­rech­nung des ti­tu­lier­ten Brut­to­be­trags er­teilt hat, nach ei­nem ak­tu­el­len Be­schluss des Amts­ge­richts Saar­brü­cken den nicht aus­be­zahl­ten vol­len Rest der ti­tu­lier­ten Brut­to­for­de­rung durch (wei­te­re) Maß­nah­men der Zwangs­voll­stre­ckung bei­trei­ben.

Denn oh­ne ei­ne sol­che Ab­rech­nung kann der Ar­beit­neh­mer nicht über­prü­fen, dass die an ihn ge­flos­se­ne Net­to­zah­lung recht­lich und rech­ne­risch rich­tig ist: Amts­ge­richt Saar­brü­cken, Be­schluss vom 01.07.2008, 108 M 4/08 I.

Was tun, wenn der Ar­beit­ge­ber auf ei­nen ti­tu­lier­ten Brut­to­be­trag ei­ne Net­to­zah­lung leis­tet, oh­ne ab­zu­rech­nen?

Ist ei­ne Brut­to­lohn­for­de­rung oder ei­ne Ab­fin­dung ti­tu­liert, d.h. exis­tiert ein Ge­richts­ur­teil oder ein ge­richt­li­cher Ver­gleich, dem zu­fol­ge der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­stimm­te Brut­to­sum­me be­an­spru­chen kann, muss der Ar­beit­ge­ber drei Din­ge tun:

Ers­tens muss er ei­ne Ab­rech­nung er­tei­len, aus der sich die zu zah­len­de Brut­to­sum­me, die vom Ar­beit­neh­mer zu dul­den­den Abzüge und die aus­zu­zah­len­de Net­to­sum­me er­gibt. Die Abzüge be­ste­hen im Fal­le ei­nes Brut­to­lohns in Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben, im Fal­le ei­ner Brut­to­ab­fin­dung le­dig­lich in Steu­ern, da Ab­fin­dun­gen nicht dem So­zi­al­ab­ga­ben­ab­zug un­ter­lie­gen.

Zwei­tens muss der Ar­beit­ge­ber die von ihm er­stell­te Ab­rech­nung dem Ar­beit­neh­mer oder sei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zu­kom­men las­sen, da­mit der Ar­beit­neh­mer nach­voll­zie­hen kann, war­um er ei­nen Net­to­be­trag in be­stimm­ter Höhe erhält.

Drit­tens - last but not least - muss der Ar­beit­ge­ber Zah­lun­gen ver­an­las­sen, und zwar „in meh­re­re Rich­tun­gen hin“: Zum ei­nen muss er an den Ar­beit­neh­mer die aus der Ab­rech­nung sich er­ge­ben­de Net­to­sum­me über­wei­sen. Zum an­de­ren muss er, wie­der­um auf Ba­sis sei­ner Ab­rech­nung, die vom Ar­beit­neh­mer hin­zu­neh­men­den Abzüge, d.h. die Steu­ern und die Ar­beit­neh­mer­so­zi­al­an­tei­le, an die dafür zuständi­gen Stel­len, nämlich an das Be­triebsstätten­fi­nanz­amt und an die Ein­zugs­stel­le, über­wei­sen.

Frag­lich ist, wel­che Möglich­kei­ten der Ar­beit­neh­mer hat, wenn der Ar­beit­ge­ber ihm oh­ne nähe­re Erläute­rung ei­nen Net­to­be­trag über­weist, d.h. die da­zu­gehöri­ge Ab­rech­nung nicht er­teilt. Zu die­ser Fra­ge hat sich das Amts­ge­richt Saarbrücken in ei­nem Be­schluss vom 01.07.2008 (108 M 4/08 I) geäußert.

Der Streit­fall: Auf ei­nen Ab­fin­dungs­ti­tel über 7.500,00 EUR brut­to wer­den 3.728,08 EUR net­to ge­zahlt, ab­ge­rech­net wird nicht

Die Par­tei­en schlos­sen am 07.11.2007 ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich, in dem sich die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin da­zu ver­pflich­te­te, der kla­gen­den Ar­beit­neh­me­rin ei­ne Ab­fin­dung von 7.500,00 EUR brut­to zu zah­len. Ei­ne voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung des Ver­gleichs wur­de der Ar­beit­ge­be­rin bzw. ih­ren Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten am 10.12.2007 zu­ge­stellt.

Dar­auf­hin er­folg­te 14.12.2007 ei­ne Zah­lung von net­to 3.728,08 EUR. Ei­ne Ge­halts­ab­rech­nung leg­te die Ar­beit­ge­be­rin nicht vor, wor­auf die Ar­beit­neh­me­rin am 19.12.2007 hin­wies und ei­ne Ab­rech­nung ver­lang­te. Die­se wur­de aber wei­ter­hin nicht vor­legt.

Am 28.12.2007 lei­te­te die Ar­beit­neh­me­rin Voll­stre­ckungs­maßnah­men ein, d.h. sie be­an­trag­te den Er­lass ei­nes Pfändungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses, wo­bei sie den zur Voll­stre­ckung an­ste­hen­den Rest­be­trag mit der Dif­fe­renz zwi­schen der Brut­to­for­de­rung gemäß Ver­gleich (7.500,00 EUR) und der er­hal­te­nen Net­to­zah­lung (3.728,08 EUR), d.h. mit 3.771,92 EUR be­zif­fer­te.

Ei­ni­ge Wo­chen später er­teil­te die Ar­beit­ge­be­rin dann doch ei­ne Ab­rech­nung, aus der sich ein noch of­fe­ner Net­to­be­trag von 1.298,77 EUR er­gab, die auch als­bald ge­zahlt wur­den.

Dar­auf­hin erklärte die Ar­beit­neh­me­rin ih­re Voll­stre­ckungs­maßnah­me in der Haupt­sa­che für er­le­digt und be­an­trag­te, der Ar­beit­ge­be­rin die Kos­ten für die Voll­stre­ckungs­maßnah­me auf­zu­er­le­gen (108,41 EUR). Die Ar­beit­ge­ber ver­wahr­te sich ge­gen die Kos­ten­last und mein­te im we­sent­li­chen, dass die Ar­beit­neh­me­rin doch noch ein we­nig hätte ab­war­ten können.

Amts­ge­richt Saarbrücken: Oh­ne Ab­rech­nung kann der vol­le ti­tu­lier­te Brut­to­be­trag voll­streckt wer­den

Das Amts­ge­richt er­leg­te der Ar­beit­ge­be­rin die Kos­ten für die Voll­stre­ckungs­maßnah­me auf und be­gründe­te dies im we­sent­li­chen da­mit, dass der Ar­beit­neh­me­rin zum Zeit­punkt der ers­ten Teil­zah­lung nicht klar war, ob es sich hier um ei­ne Voll­zah­lung oder ei­ne Teil­zah­lung han­deln soll­te. Da auch der Ti­tel, d.h. der ge­richt­li­che Ver­gleich, nur ei­ne Brut­to- und kei­ne Net­to­sum­me aus­wies, konn­te die Ar­beit­neh­me­rin auch aus dem Ti­tel nicht er­se­hen, wie hoch ihr Net­to­zah­lungs­an­spruch wäre.

Un­ter sol­chen Umständen blieb der Ar­beit­neh­me­rin nach An­sicht des Amts­ge­richts „kei­ne Wahl als den vol­len Brut­to­be­trag zur Be­rech­nung für die Voll­stre­ckung zu­grun­de zu le­gen“.

Die­se Ent­schei­dung enthält wich­ti­ge Hin­weis für den Um­gang mit Brut­to­lohn­ti­teln. In der Pra­xis wer­den bei Lohn­kla­gen prak­tisch aus­sch­ließlich Brut­to­for­de­run­gen ein­ge­klagt und dem­ent­spre­chend ti­tu­liert, und auch sons­ti­ge, vor Ge­richt nicht ein­ge­klag­te, aber im We­ge des Ver­gleichs ge­schaf­fe­ne Zah­lungs­ansprüche wie et­wa Ab­fin­dungs­ansprüche wer­den in al­ler Re­gel als Brut­to­for­de­run­gen fest­ge­schrie­ben.

Da Ar­beit­ge­ber in die­ser La­ge oft den ih­nen rich­tig er­schei­nen­den Net­to­be­trag aus­zah­len, da­bei aber nicht sel­ten „ver­ges­sen“, dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­rech­nung zu­kom­men zu las­sen, steht der Ar­beit­neh­mer als In­ha­ber des ei­nes Brut­to­ti­tels im­mer wie­der vor der Fra­ge, wie er sich ver­hal­ten soll: Soll er ein­fach auf die Rich­tig­keit der Zah­lung ver­trau­en oder Voll­stre­ckungs­maßnah­men ein­lei­ten bzw. auf­recht­er­hal­ten?

Nach dem - recht­lich zu­tref­fen­den - Be­schluss des Amts­ge­richts Saarbrücken ist es in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on zulässig, auch den nicht aus­be­zahl­ten Rest der ti­tu­lier­ten For­de­rung bei­zu­trei­ben. Es ist Sa­che des Ar­beit­ge­bers, durch Vor­la­ge ei­ner nach­voll­zieh­ba­ren Ab­rech­nung über den ti­tu­lier­ten Be­trag so­wie ggf. auch durch Vor­la­ge von Quit­tun­gen des Fi­nanz­amts und der Kran­ken­kas­se den Nach­weis dafür zu er­brin­gen, dass die an den Ar­beit­neh­mer ge­flos­se­ne Net­to­zah­lung recht­lich und rech­ne­risch rich­tig ist und dass die ein­be­hal­te­nen Lohn­be­stand­te­le (Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben ) an das Fi­nanz­amt bzw. an die Kran­ken­kas­se ge­zahlt wur­den.

Der vor­lie­gen­de Fall zeigt, dass Ar­beit­neh­mer nicht un­be­dingt schon im Pro­zess vor dem Ar­beits­ge­richt auf Er­tei­lung von Ab­rech­nun­gen kla­gen müssen (was sie selbst­verständ­lich können, wenn sie wol­len). Hat der Ar­beit­ge­ber nämlich kei­ne Ab­rech­nun­gen er­teilt und ist er da­zu auch nicht in voll­streck­ba­rer Wei­se (durch Ur­teil oder Ver­gleich) ver­pflich­tet, wird er spätes­tens zur Ab­wen­dung von Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung des ti­tu­lier­ten Geld­be­trags, d.h. in sei­nem ei­ge­nen In­ter­es­se gut dar­an tun, sol­che Ab­rech­nun­gen schnellstmöglich her­zu­rei­chen.

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Letzte Überarbeitung: 3. Januar 2014

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