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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/112

Kei­ne Er­hö­hung von Be­triebs­ren­ten bei ge­spal­te­ner Ren­ten­for­mel

Be­triebs­rent­ner mit ge­spal­te­ner Ren­ten­for­mel er­hal­ten kei­nen Aus­gleich für die Er­hö­hung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze 2003: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.04.2013, 3 AZR 475/11
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24.04.2013. Be­triebs­ren­ten wer­den in al­ler Re­gel in Groß­un­ter­neh­men so­wie auf der Grund­la­ge kom­pli­zier­ter Ver­sor­gungs­ord­nun­gen ge­währt.

Man­che die­ser Ver­sor­gungs­ord­nun­gen se­hen vor, dass Be­triebs­rent­ner für den Teil ih­res Ein­kom­mens, der über der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze (BBG) in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung liegt, ei­ne hö­he­re Be­triebs­ren­te er­hal­ten, weil die ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung für die­sen Ein­kom­mens­teil ja kei­ne Ren­te ge­währt. Wird die BBG an­ge­ho­ben, führt das da­zu, dass die Be­triebs­ren­te sinkt.

Da die BBG im Jah­re 2003 ab­wei­chend von den sons­ti­gen "nor­ma­len" An­he­bun­gen au­ßer­plan­mä­ßig be­son­ders deut­lich an­ge­ho­ben wur­de, be­steht seit Jah­ren Streit dar­über, ob die ren­ten­pflich­ti­gen Ar­beit­ge­ber ih­ren Be­triebs­rent­nern da­für ei­nen Aus­gleich ge­wäh­ren müs­sen. Nein, müs­sen sie nicht, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Ent­schei­dung vom gest­ri­gen Ta­ge: BAG, Ur­teil vom 23.04.2013, 3 AZR 475/11.

Müssen Ar­beit­ge­ber Be­triebs­rent­nern, die ei­ne Be­triebs­ren­te nach ei­ner ge­spal­te­nen For­mel er­hal­ten, ei­ne Aus­gleich für die Erhöhung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze 2003 gewähren?

Die BBG in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (GRV) legt fest, bis zu wel­cher Höhe Löhne bzw. Gehälter der Ren­ten­ver­si­che­rung un­ter­lie­gen. Ar­beit­neh­mer, de­ren Ein­kom­men darüber lie­gen, fal­len zwar nicht aus der GRV her­aus, aber Ren­ten­beiträge wer­den nur auf den Teil ih­res Ein­kom­mens be­rech­net und ab­geführt, der der BBG ent­spricht. Der darüber lie­gen­de Teil des Ein­kom­mens ist ren­ten­ver­si­che­rungs­frei, d.h. dar­auf be­zo­gen wer­den kei­ne Beiträge ab­geführt, aber natürlich auch kei­ne Ren­ten­leis­tun­gen er­bracht.

Nor­ma­ler­wei­se steigt die BBG von Jahr zu Jahr nur ein we­nig, denn nach § 159 Satz 1 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) wird sie zum 1. Ja­nu­ar ei­nes je­den Jah­res in dem Verhält­nis an­ge­ho­ben (bzw. theo­re­tisch auch ge­senkt), in dem die Brut­to­ein­kom­men je Ar­beit­neh­mer im ver­gan­ge­nen zu den Brut­to­ein­kom­men im da­vor lie­gen­den Ka­len­der­jahr ste­hen. Ab­wei­chend von die­ser jahr­zehn­te­lang prak­ti­zier­ten allmähli­chen An­he­bung wur­de die BBG im Jah­re 2003 außer­planmäßig aus po­li­ti­schen Gründen um 500,00 EUR mo­nat­lich, d.h. um 6.000,00 EUR pro Jahr an­ge­ho­ben, um der GRV auf ei­nen Schlag er­heb­li­che Mehr­ein­nah­men zu be­sche­ren.

Die Dum­men wa­ren und sind die­je­ni­gen ehe­mals bes­ser ver­die­nen­den Be­triebs­rent­ner, der Be­triebs­ren­ten gemäß ei­ner ge­spal­te­nen Ren­ten­for­mel be­rech­net wer­den, d.h. die für den über der BBG lie­gen­den Teil ih­res Ein­kom­mens ei­ne höhe­re Be­triebs­ren­te er­hal­ten als für den dar­un­ter lie­gen­den Teil. Ih­re Be­triebs­ren­ten san­ken auf ein­mal dras­tisch, teil­wei­se um bis zu 200,00 EUR und mehr.

Das BAG hielt das in zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 2009 für un­an­ge­mes­sen und ent­schied, dass Ver­sor­gungs­ord­nun­gen mit ei­ner ge­spal­te­nen Ren­ten­for­mel durch die Son­der­erhöhung der BBG im Jah­re 2003 "re­gelmäßig lücken­haft ge­wor­den" und da­her "ent­spre­chend dem ursprüng­li­chen Re­ge­lungs­plan zu ergänzen" sei­en (BAG, Ur­teil vom 21.04.2009, 3 AZR 695/08, Leit­satz 1., BAG, Ur­teil vom 21.04.2009, 3 AZR 471/07).

Die­se Recht­spre­chung ist über­wie­gend kri­ti­siert wor­den. Ins­be­son­de­re ha­ben vie­le Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAGs) ab­wei­chend ent­schie­den (so z.B. das LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 02.02.2012, 2 Sa 566/11). Denn mit der an­sons­ten an­er­kann­ten Recht­spre­chung zu sog. Re­ge­lungslücken in Verträgen konn­te man die­se bei­den BAG-Ur­tei­le kaum ver­ein­ba­ren, auch wenn sie aus Sicht der be­trof­fe­nen Be­triebs­rent­ner natürlich gut und ge­recht wa­ren.

Der Fall des BAG: Be­triebs­rent­ner ver­langt ei­ne Erhöhung sei­ner Be­triebs­ren­te um 58,83 EUR mo­nat­lich ab 2006

Im Streit­fall ging es um ei­nen Be­triebs­rent­ner, der seit An­fang 2006 von sei­nem be­klag­ten Ex-Ar­beit­ge­ber ei­ne Be­triebs­ren­te er­hielt, und zwar auf der Grund­la­ge ei­ner ge­spal­te­nen Ren­ten­for­mel. Der Ar­beit­ge­ber hat­te die Be­triebs­ren­te un­ter Berück­sich­ti­gung der BBG-Erhöhung 2003 be­rech­net, d.h. in ei­ner für den Rent­ner ungüns­ti­gen Wei­se. Oh­ne Berück­sich­ti­gung der BBG-Erhöhung 2003 hätte der Rent­ner ei­ne um 58,83 EUR höhe­re mo­nat­li­che Be­triebs­ren­te er­hal­ten.

Die­sen Dif­fe­renz­be­trag klag­te er ein und zog vor dem Ar­beits­ge­richt Stutt­gart (Ur­teil vom 23.09.2010, 4 Ca 11368/09) so­wie in der Be­ru­fung vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg den Kürze­ren (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 10.05.2011, 2 Sa 115/10). Bei­de Ge­rich­te woll­ten den Vor­ga­ben des BAG aus dem Jah­re 2009 nicht fol­gen. Da­bei ging das LAG al­ler­dings nicht of­fen auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs zum BAG, son­dern bemühte sich, sein Ur­teil mit Un­ter­schie­den zwi­schen der hier im Streit­fall gel­ten­den Ver­sor­gungs­ord­nung und der Ver­sor­gungs­ord­nung zu be­gründen, über die das BAG 2009 zu ent­schei­den hat­te.

BAG: Be­triebs­rent­ner mit ge­spal­te­ner Ren­ten­for­mel können kei­nen Aus­gleich für die Erhöhung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze 2003 ver­lan­gen

Auch vor dem BAG ging der Be­triebs­rent­ner ges­tern als Ver­lie­rer vom Platz. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es da­zu:

Ei­ne vor dem 01.01.2003 ge­trof­fe­ne Ver­sor­gungs­ver­ein­ba­rung, die für den Teil des ver­sor­gungsfähi­gen Ein­kom­mens ober­halb der BBG in der GRV höhe­re Ver­sor­gungs­leis­tun­gen vor­sieht als für den dar­un­ter lie­gen­den Teil (sog. ge­spal­te­ne Ren­ten­for­mel), ist nach der außer­planmäßigen An­he­bung der BBG zu An­fang 2003 nicht ergänzend da­hin aus­zu­le­gen, dass die Be­triebs­ren­te so zu be­rech­nen ist, als wäre die­se An­he­bung der BBG nicht er­folgt.

Da­mit gibt das BAG sei­ne ge­gen­tei­li­ge Recht­spre­chung aus den o.g. bei­den Ur­tei­len aus dem Jah­re 2009 aus­drück­lich auf. Denn die da­ma­li­ge Be­gründung, dass be­ste­hen­de Ver­sor­gungs­ord­nun­gen auf­grund der An­he­bung der BBG 2003 "lücken­haft" ge­wor­den sein sol­len, war und ist nicht über­zeu­gend.

Da­her könn­te sich ein An­spruch von Be­triebs­rent­nern auf ei­ne höhe­re Be­triebs­ren­te we­gen An­he­bung der BBG 2003 "al­len­falls nach den Re­geln über die Störung der Geschäfts­grund­la­ge (§ 313 BGB) er­ge­ben", so das BAG. Das aber setzt nach der Recht­spre­chung ei­ne un­ge­plan­te Min­de­rung der Be­triebs­ren­ten um 30 oder 40 Pro­zent vor­aus. Hier da­ge­gen konn­te der kla­gen­de Be­triebs­rent­ner "nur" ei­ne Min­de­rung sei­ner Be­triebs­ren­te um et­wa sechs bis acht Pro­zent gel­tend ma­chen. Auch das ist viel, aber nicht ge­nug, um von ei­ner Störung der Geschäfts­grund­la­ge spre­chen zu können.

Fa­zit: Ab­ge­se­hen von sel­te­nen Ex­tremfällen können Be­triebs­rent­ner mit ge­spal­te­ner Ren­ten­for­mel von ih­ren Ex-Ar­beit­ge­bern kei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für die Erhöhung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze 2003 ver­lan­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 13. Oktober 2016

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