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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/381

Hin­ter­blie­be­nen­ren­te auch für Le­bens­part­ner von DO-An­ge­stell­ten

Hin­ter­blie­be­ne Le­bens­part­ner von 2005 oder spä­ter ver­stor­be­nen Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ten (DO-An­ge­stell­ten) kön­nen ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ver­lan­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.12.2012, 3 AZR 684/10
Gayfahne Ob ver­hei­ra­tet oder ver­part­nert spielt bei der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te kei­ne Rol­le

13.12.2012. In den Or­ga­ni­sa­tio­nen der ge­setz­li­chen So­zi­al­ver­si­che­rung sind vie­le Ar­beit­neh­mer so ge­stellt, dass sie die­sel­ben Rech­te ha­ben wie Be­am­te. Nur dass sie eben kei­ne Be­am­ten sind, son­dern Ar­beit­neh­mer, d.h. sie wer­den auf der Grund­la­ge ei­nes Ar­beits­ver­trags be­schäf­tigt.

In­fol­ge der An­wend­bar­keit des Be­am­ten­rechts sind sie aber un­künd­bar und sie ha­ben Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen wie Be­am­te. Die­se spe­zi­el­le Ar­beit­neh­mer­grup­pe sind die "Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ten" oder kurz "DO-An­ge­stell­ten".

In ei­ner Ent­schei­dung vom Diens­tag die­ser Wo­che hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass auch die­se Ar­beit­neh­mer­grup­pe vor Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der se­xu­el­len Iden­ti­tät beim The­ma Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ge­schützt ist.

Denn wenn ver­wit­we­ten Part­nern ei­nes DO-An­ge­stell­ten in ent­spre­chen­der An­wen­dung der be­am­ten­recht­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ei­ne Wit­wen­ren­te zu­steht, kann die­se Ren­te gleich­ge­schlecht­li­chen Le­bens­part­nern ei­nes ver­stor­be­nen DO-An­ge­stell­ten nicht ver­wei­gert wer­den: BAG, Ur­teil vom 11.12.2012, 3 AZR 684/10.

Steht hin­ter­blie­be­nen ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern von DO-An­ge­stell­ten ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te zu, und falls ja, seit wann?

Wit­wen­ren­ten ste­hen nach den ein­schlägi­gen Ver­sor­gungs­ord­nun­gen, Ta­rif­verträgen oder ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen tra­di­tio­nell nur hin­ter­blie­be­nen Ehe­leu­ten zu, d.h. Wit­wen bzw. Wit­wern. Wört­lich ge­nom­men schließen die­se ren­ten­recht­li­chen Rechts­grund­la­gen da­her hin­ter­blie­be­ne ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus.

Die­se tra­di­tio­nel­le Be­nach­tei­li­gung gleich­ge­schlecht­li­cher Le­bens­part­ner ge­genüber Ehe­leu­ten ist aber recht­lich ins Wan­ken ge­kom­men, da die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 (Richt­li­nie 2000/78/EG) die EU-Staa­ten da­zu ver­pflich­tet, Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben we­gen der se­xu­el­len Iden­tität zu bekämp­fen. Und zur Um­set­zung die­ser und an­de­rer Richt­li­ni­en gilt seit Au­gust 2006 in Deutsch­land das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG).

Schon 2008 hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) mit ei­nem grund­le­gen­den Ur­teil deut­lich ge­macht, dass die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 die Be­nach­tei­lung gleich­ge­schlecht­li­cher Le­bens­part­ner beim Be­zug von Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten ver­bie­tet (EuGH, Ur­teil vom 01.04.2008, C-267/06 (Ta­dao Ma­ru­ko) - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/046 Eu­ro­pa­recht ver­bie­tet Be­nach­tei­li­gun­gen von Ho­mo­se­xu­el­len beim Be­zug von Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten). Al­ler­dings stand die­ses Ur­teil un­ter ei­ner Be­din­gung: Die recht­li­che Si­tua­ti­on von gleich­ge­schlecht­li­chen Part­nern und Ehe­leu­ten muss in der Rechts­ord­nung des ein­zel­nen EU-Mit­glieds­staa­tes ver­gleich­bar bzw. ähn­lich sein.

Auf die­ses Ur­teil ha­ben die deut­schen Ge­rich­te schnell re­agiert und ent­schie­den, dass die recht­li­che La­ge von Ehe­leu­ten und ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern seit dem 01.01.2005 so ähn­lich ist, dass ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung bei den Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten nicht mehr rech­tens wäre. Denn An­fang Ja­nu­ar 2005 trat das Ge­setz zur Übe­r­ar­bei­tung des Le­bens­part­ner­schafts­rechts, vom 15.12.2004 (BGBl. I S. 3396), in Kraft. Und die­ses Ge­setz sieht für den Fall der Auflösung ei­ner Le­bens­part­ner­schaft ei­nen Ver­sor­gungs­aus­gleich nach dem Mo­dell der Ehe­schei­dung vor.

Seit­dem sind die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen von ver­hei­ra­te­ten und in Le­bens­part­ner­schaft le­ben­den Ar­beit­neh­mern auf dem Ge­biet des Be­triebs­ren­ten­rechts als „ver­gleich­bar“ im Sin­ne des EuGH an­zu­se­hen. Denn bei­de For­men der Le­bens­ge­mein­schaft be­ru­hen auf dem ge­gen­sei­ti­gen Ein­ste­hen fürein­an­der und der ge­mein­sa­men Bil­dung ei­ner Al­ters­ver­sor­gung. Wenn da­her ein ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner 2005 oder später ver­stirbt, kann der hin­ter­blie­be­ne Part­ner ei­ne Wit­wen­ren­te be­an­spru­chen (BAG, Ur­teil vom 14.01.2009, 3 AZR 20/07 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/104 Hin­ter­blie­ben­ren­te für Le­bens­part­ner bei To­desfällen ab dem 01.01.2005).

Bis­lang hat das BAG al­ler­dings noch nicht aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass das auch für DO-An­ge­stell­te gilt.

Der Streit­fall: Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ter ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ver­stirbt 2007 und hin­terlässt ei­nen Le­bens­part­ner, der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ver­langt

Der Kläger ging 2003 ei­ne ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft mit Herrn B. ein. Herr B. war als Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ter bei ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft beschäftigt. Nach § 6 der Dienst­ord­nung der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft gel­ten für die Ver­sor­gung die Vor­schrif­ten für Be­am­te des Bun­des ent­spre­chend.

Im Sep­tem­ber 2007 ver­starb Herr B. Dar­auf­hin ver­lang­te sein hin­ter­blie­be­ner Le­bens­part­ner Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung für die Zeit seit dem 01.10.2007. Das Ar­beits­ge­richt Han­no­ver (Ur­teil vom 03.02.2010, 8 Ca 199/09 Ö) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen ga­ben der Kla­ge statt (LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 28.09.2010, 3 Sa 540/10 B).

BAG: Hin­ter­blie­be­ne Le­bens­part­ner von 2005 oder später ver­stor­be­nen Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ten können Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ver­lan­gen

Auch das BAG ent­schied zu­guns­ten des Klägers, der da­mit in al­len drei In­stan­zen ge­won­nen hat­te. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Zum 01.01.2005 hat der Ge­setz­ge­ber die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft weit­ge­hend an das Recht der Ehe an­ge­gli­chen und Re­ge­lun­gen zur Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung und zum Ver­sor­gungs­aus­gleich ein­geführt. Da­her be­steht seit An­fang 2005 ein An­spruch auf Gleich­stel­lung auch in der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung von Dienst­ord­nungs­an­ge­stell­ten.

Fa­zit: Das Ur­teil ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) und des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (BVerwG). Für ei­ne Gleich­stel­lung hat­te sich das BVerfG be­reits mit Ur­teil vom 07.07.2009 (1 BvR 1164/07) aus­ge­spro­chen (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/241 Gleich­be­hand­lung von Le­bens­part­nern) und auch das BVerwG hat­te in die­sem Sin­ne für hin­ter­blie­be­ne ver­part­ner­te Be­am­te ent­schie­den (BVerwG, Ur­teil vom 28.10.2010, 2 C 47/09). Außer­dem hat­te auch das BAG be­reits mit Ur­teil vom 14.01.2009, 3 AZR 20/07 klar­ge­stellt, dass hin­ter­blie­be­ne Le­bens­part­ner ei­nes 2005 oder später ver­stor­be­nen ren­ten­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mers ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te be­an­spru­chen können.

So ge­se­hen ist bringt das jetzt er­gan­ge­ne BAG-Ur­teil nicht Neu­es. Je­de an­de­re Ent­schei­dung wäre un­verständ­lich ge­we­sen.

Trotz­dem ist es wich­tig, dass die deut­schen Ge­rich­te in den letz­ten Jah­ren nach und nach für ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer­grup­pen und für Be­am­te klar­ge­stellt ha­ben, dass ei­ne Schlech­ter­stel­lung von hin­ter­blie­be­nen Le­bens­part­nern bei der Wit­wen­ren­te seit 2005 nicht mehr zulässig ist, da die vor­han­de­nen ge­schrie­be­nen Rechts­grund­la­gen im­mer noch nicht der geänder­ten Rechts­la­ge bzw. dem EuGH-Ur­teil vom 01.04.2008 (C-267/06 - Ma­ru­ko) an­ge­passt wur­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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