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ArbG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 29.06.2007, 12 Ca 175/07

   
Schlagworte: Staatliche Neutralität, Neutralität: Staatliche
   
Gericht: Arbeitsgericht Düsseldorf
Aktenzeichen: 12 Ca 175/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 29.06.2007
   
Leitsätze:

Das dauerhafte Tragen einer Baskenmütze, die das Haar, Haaransatz und die Ohren komplett verdeckt, durch eine Sozialpädagogin anstelle des zuvor von ihr getragenen islamischen Kopftuchs verstößt gegen das staatliche Neutralitätsgebot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchG NW. Nach dem Wortlaut der Vorschrift ist für die religiöse Bekundung auf den objektiven Empfängerhorizont abzustellen. Unerheblich ist dabei, wie die Klägerin das Tragen der Baskenmütze verstanden wissen will.

Vorinstanzen:
   

T a t b e s t a n d :

Die Par­tei­en strei­ten über die Be­rech­ti­gung ei­ner Ab­mah­nung des c.es vom 19.3...2006. 

Die am 14.05.1971 ge­bo­re­ne Kläge­rin, aus­ge­bil­de­te So­zi­alpädago­gin, ist seit dem 07.10.1997 bei dem c. an der E. mit Auf­ga­ben aus dem so­zi­al­be­treue­ri­schen Be­reich zur Sch­lich­tung von Schul­kon­flik­ten ge­gen ein mo­nat­li­ches Brut­to­ent­gelt in Höhe von 3..800,00 € beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der TV-L An­wen­dung.

Die Kläge­rin hat 18 Jah­re lang das is­la­mi­sche Kopf­tuch ge­tra­gen. Seit dem 01.08.2006 re­gelt § 57 Abs. 4 des SchG NRW, dass Leh­re­rin­nen und Leh­rer in der Schu­le kei­ne po­li­ti­schen, re­li­giösen, welt­an­schau­li­chen oder ähn­li­che äußere Be­kun­dun­gen ab­ge­ben dürfen, die ge­eig­net sind, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören . Wei­ter heißt es: Ins­be­son­de­re ist ein äußeres Ver­hal­ten un­zulässig, wel­ches bei Schüle­rin­nen und Schülern oder den El­tern den Ein­druck her­vor­ru­fen kann, dass ei­ne Leh­re­rin oder ein Leh­rer ge­gen die Men­schenwürde, die Gleich­be­rech­ti­gung nach Ar­ti­kel 3 des Grund­ge­set­zes, die Frei­heits­grund­rech­te oder die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung auf­tritt. Die Wahr­neh­mung des Er­zie­hungs­auf­tra­ges nach Ar­ti­kel 7 und 3.. Abs. 6 der Ver­fas­sung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und die ent­spre­chen­de Dar­stel­lung christ­li­cher und abendländi­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen wi­der­spricht nicht dem Ver­hal­tens­ge­bot nach Satz 1. Das Neu­tra­litäts­ge­bot des Sat­zes 1 gilt nicht im Re­li­gi­ons­un­ter­richt und in den Be­kennt­nis- und Welt­an­schau­ungs­schu­len. . Nach § 58 des SchG NRW gilt § 57 Abs. 4 und 6 ent­spre­chend für sons­ti­ge im Lan­des­dienst ste­hen­de pädago­gi­sche und so­zi­alpädago­gi­sche Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter.

Am 09.08.2006 wur­de die Kläge­rin durch die Schul­lei­tung der E.-H. auf­ge­for­dert, das is­la­mi­sche Kopf­tuch in der Schu­le nicht mehr zu tra­gen. Die­ser Auf­for­de­rung kam sie am 25.09.2006 nach. Seit­dem trägt die Kläge­rin ei­ne ro­sa­far­be­ne Bas­kenmütze mit Strick­bund, die ihr Haar, den Haar­an­satz und die Oh­ren kom­plett be­deckt.

In ei­nem Gespräch am 07.11.2006 äußer­te die Kläge­rin ge­genüber der Schul­lei­te­rin, dass sie das Kopf­tuch in der Ver­gan­gen­heit stets aus re­li­giösen Gründen ge­tra­gen ha­be. Die Nach­fra­ge, ob sie die jetzt gewähl­te Kopf­be­de­ckung eben­falls aus re­li­giösen Gründen tra­ge, wur­de nicht von ihr be­ant­wor­tet. In ei­nem Schrei­ben vom 09.11.2006 hat die Kläge­rin die jet­zi­ge Kopf­be­de­ckung für welt­an­schau­lich-neu­tral ge­hal­ten.

Am 19.3...2006 er­teil­te das be­klag­te Land im Hin­blick auf § 57 Abs. 4 des SchG NRW die streit­ge­genständ­li­che Ab­mah­nung we­gen des Tra­gens ei­ner kopf­tuchähn­li­chen Kopf­be­de­ckung aus re­li­giösen Gründen.

Die Kläge­rin ist der An­sicht, dass sich § 57 Abs. 4 des SchG NRW an Leh­re­rin­nen und Leh­rer, nicht hin­ge­gen an an­de­re Per­so­nen wen­de. Im Ge­set­zes­text wer­de das is­la­mi­sche Kopf­tuch nicht erwähnt; die­se For­mu­lie­rung fin­de sich erst in den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en wie­der.

Die Kläge­rin trägt wei­ter vor, die Bas­kenmütze wer­de von ihr als Kopf­schmuck ge­tra­gen; sie sei welt­an­schau­lich neu­tral und die­ne da­zu, dem Gefühl des Nicht­an­ge­zo­gen­seins zu be­geg­nen. Außer­dem sei sie Teil ih­res all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts. Ei­ne kon­kre­te Gefähr­dung ge­he von ihr nicht aus.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat sie den Vor­trag des Lan­des, dass kei­ne mit ihr ver­gleich­ba­ren An­ge­stell­ten mit Or­dens­ha­bit beschäftigt würden, mit Nicht­wis­sen be­strit­ten.

Die Kläge­rin be­an­tragt, 

das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, die ihr mit Schrei­ben vom 19.3...2006 er­teil­te Ab­mah­nung aus ih­rer Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.

Das be­klag­te Land be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 

Das Land ist der Auf­fas­sung, dass es sich bei der Bas­kenmütze um ein Sur­ro­gat zum is­la­mi­schen Kopf­tuch han­de­le. Von ihr ge­he nach wie vor Si­gnal­wir­kung aus; es be­ste­he nach wie vor ein re­li­giöser Zu­sam­men­hang, zu­mal die Kläge­rin seit lan­gen Jah­ren mit Kopf­tuch ge­ar­bei­tet ha­be.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be dem Ge­setz­ge­ber die Möglich­keit ein­geräumt, durch Ge­set­ze das äußere Auf­tre­ten von Leh­re­rin­nen und Leh­rern in Schu­len zu re­geln. Hier­von ha­be der Lan­des­ge­setz­ge­ber in § 57 Abs. 4 des SchG NRW Ge­brauch ge­macht und den Kon­flikt mit Ar­ti­kel 4 GG zu Guns­ten des staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trags gelöst. Die Ge­set­zes­be­gründung wei­se dar­auf hin, dass das Tra­gen vom Kopf­tuch un­statt­haft ist, weil ein nicht un­er­heb­li­cher Teil sei­ner Befürwor­ter da­mit ei­ne min­de­re Stel­lung der Frau in Ge­sell­schaft, Staat und Fa­mi­lie oder ei­ne fun­da­men­ta­lis­ti­sche Stel­lung­nah­me für ein theo­kra­ti­sches Staats­we­sen im Wi­der­spruch zu den Ver­fas­sungs­wer­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und in Nord­rhein-West­fa­len ver­bin­det.

Auch lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen die Men­schwürde, die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau, die Frei­heits­grund­rech­te und die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung vor. Hier­bei kom­me es auf den ob­jek­ti­ven Empfänger­ho­ri­zont an; ei­ne abs­trak­te Eig­nung zur Gefähr­dung des Schul­frie­dens genüge.

Im Hin­blick auf das Tra­gen des Non­nen­ha­b­its durch ei­ne Non­ne an ei­ner Be­kennt­nis­schu­le in N. und ei­ne Schul­lei­te­rin in Q. lie­ge kein Voll­zugs­de­fi­zit vor und auch kei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung; selbst für den Fall ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung sei die­se sach­lich auf­grund der Art der Leh­rertätig­keit und der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ge­recht­fer­tigt.

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :

Die Kla­ge ist nicht be­gründet. 

I. 

Die Kläge­rin hat ge­gen das be­klag­te Land kei­nen An­spruch auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus ih­rer Per­so­nal­ak­te.

1. Mit ei­ner Ab­mah­nung übt ein Ar­beit­ge­ber sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Gläubi­ger­rech­te aus. Er weist den Ar­beit­neh­mer als sei­nen Schuld­ner auf des­sen ver­trag­li­che Pflich­ten hin und macht ihn auf die Ver­let­zung die­ser Pflich­ten auf­merk­sam (Rüge- und Do­ku­men­ta­ti­ons­funk­ti­on). Zu­gleich for­dert er ihn für die Zu­kunft zu ei­nem ver­trags­treu­en Ver­hal­ten auf und kündigt in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­se­quen­zen für den Fall ei­ner er­neu­ten Pflicht­ver­let­zung an (Warn­funk­ti­on). Da ei­ne zur Per­so­nal­ak­te ge­nom­me­ne Ab­mah­nung ge­eig­net ist, den Ar­beit­neh­mer in sei­nem be­ruf­li­chen Fort­kom­men und sei­nem Persönlich­keits­recht zu be­ein­träch­ti­gen, be­steht nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG, 30. Mai 1996, 6 AZR 537/95 = AP BGB § 611 Ne­bentätig­keit Nr. 3.) ein An­spruch des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers in ent­spre­chen­der An­wen­dung der §§ 242, 1004 BGB auf Ent­fer­nung ei­ner zu Un­recht er­teil­ten Ab­mah­nung aus sei­nen Per­so­nal­un­ter­la­gen, wenn ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Ausübung sei­nes Gläubi­ger­rechts fehlt. Das ist der Fall, wenn die Ab­mah­nung for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men ist, sie un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält, sie den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt oder kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers auf Ver­bleib der Ab­mah­nung in der Per­so­nal­ak­te mehr be­steht. So­weit dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Ver­let­zung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten vor­ge­wor­fen wird, kommt es nicht dar­auf an, ob die­ser Pflich­ten­ver­s­toß dem Ar­beit­neh­mer sub­jek­tiv vor­werf­bar ist; es reicht aus, dass der Ar­beit­ge­ber ei­nen ob­jek­ti­ven Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen die ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten rügt. Ei­ne sol­che Rüge ist al­ler­dings dann un­ge­recht­fer­tigt, wenn sie un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält oder auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht (BAG, 11. De­zem­ber 2001, 9 AZR 464/00 = AP Nr. 8 zu § 611 BGB Ne­bentätig­keit).

3.. Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen hat die Kläge­rin kei­nen Ent­fer­nungs­an­spruch. 

Die Ab­mah­nung enthält kei­ne un­rich­ti­gen Tat­sa­chen und auch kei­ne un­zu­tref­fen­de recht­li­che Be­ur­tei­lung des Ver­hal­tens der Kläge­rin. Das Land wirft der Kläge­rin vor, durch das Tra­gen der Bas­kenmütze ge­gen das Neu­tra­litäts­ge­bot des § 57 Abs. 4 SchG NRW ver­s­toßen und da­mit zu­gleich ih­re ver­trag­li­chen Pflich­ten ver­letzt zu ha­ben. Die­se Einschätzung ist zu­tref­fend.

a. § 57 Abs. 4 Satz 3. des SchG NRW ver­bie­tet die Ab­ga­be von po­li­ti­schen, re­li­giösen, welt­an­schau­li­chen oder ähn­li­chen äußeren Be­kun­dun­gen von Leh­re­rin­nen und Leh­rern in der Schu­le, die ge­eig­net sind, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören.

Das Tra­gen ei­ner Bas­kenmütze an­stel­le ei­nes Kopf­tuchs aus re­li­giösen Gründen in ei­ner öffent­li­chen Schu­le verstößt ge­gen das in § 54 Abs. 4 Satz 1 SchG NRW ge­re­gel­te Ver­bot. Ob hier­in zu­gleich ein Ver­hal­ten zu se­hen ist, wel­ches bei Schülern oder El­tern den Ein­druck her­vor­ru­fen kann, dass ei­ne Lehr­kraft ge­gen die Men­schenwürde, die Gleich­be­rech­ti­gung nach Ar­ti­kel 3 des Grund­ge­set­zes, die Frei­heits­grund­rech­te oder die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung auf­tritt (§ 54 Abs. 4 Satz 3. SchG NRW), kann da­hin­ste­hen.

Ne­ben dem Be­kennt­nis zum Is­lam und zu des­sen Be­klei­dungs­vor­schrif­ten kann das Kopf­tuch und da­mit eben­so die Bas­kenmütze, die von der Kläge­rin wie ein Kopf­tuch ge­tra­gen wird, auch als ein Zei­chen für das Fest­hal­ten an Tra­di­tio­nen der Her­kunfts­ge­sell­schaft ge­deu­tet wer­den. In jüngs­ter Zeit wird im is­la­mi­schem Kopf­tuch verstärkt ein po­li­ti­sches Sym­bol des is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus ge­se­hen, das die Ab­gren­zung zu Wer­ten der west­li­chen Ge­sell­schaft, wie in­di­vi­du­el­le Selbst­be­stim­mung und ins­be­son­de­re Eman­zi­pa­ti­on der Frau, aus­drückt (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3). Un­er­heb­lich ist da­bei, wie die Kläge­rin das Tra­gen der Bas­kenmütze ver­stan­den wis­sen will und ob sie es als welt­an­schau­lich-neu­tra­len Kopf­schmuck er­ach­tet, der ihr da­zu dient, dem Gefühl des Nicht­an­ge­zo­gen­seins nach 18-jähri­gem Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs zu be­geg­nen.

Al­le denk­ba­ren Möglich­kei­ten, wie das Tra­gen ei­ner Bas­kenmütze nach der Art der Kläge­rin ver­stan­den wer­den kann, sind zu berück­sich­ti­gen, wenn es um die Be­ur­tei­lung geht, ob das Ver­hal­ten ge­eig­net ist, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3; BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152; Baye­ri­scher Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, 15. Ja­nu­ar 2007 - Vf. 11 - VII - 05 = BayVBl 2007, 235-239). Maßgeb­lich ist der Empfänger­ho­ri­zont. Da­bei kommt es nicht auf die Sicht Ein­zel­ner an, die mögli­cher­wei­se ei­ne von wei­te­ren Bevölke­rungs­krei­sen kaum ge­teil­te Deu­tungsmöglich­keit ver­tre­ten, wohl aber auf ei­ne Deu­tungsmöglich­keit, die ei­ner nicht un­er­heb­li­chen Zahl von Be­trach­tern na­he liegt. § 57 Abs. 4 Satz 1 SchG NRW stellt dem­ent­spre­chend ins­be­son­de­re, wenn auch nicht aus­sch­ließlich, auf die Sicht der Schüler und El­tern ab, ei­ner Grup­pe, die zah­lenmäßig nicht zu ver­nachlässi­gen ist und die durch das Band der all­ge­mei­nen Schul­pflicht in ei­ner en­gen Be­zie­hung zum Staat steht. Ob de­ren Sicht­wei­se von der Mehr­zahl der Bevölke­rung ge­teilt wird, ist nicht ent­schei­dend (BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152).

Ei­ne So­zi­alpädago­gin, die in der Schu­le nach der Art der Kläge­rin dau­er­haft ei­ne Bas­kenmütze mit Strick­bund trägt, die Haa­re und Oh­ren vollständig um­sch­ließt, gibt da­mit zu ver­ste­hen, dass sie sich zur Re­li­gi­on des Is­lam be­kennt und sich ge­hal­ten sieht, des­sen von ihr als ver­pflich­tend emp­fun­de­ne Be­klei­dungs­vor­schrif­ten zu be­ach­ten. Hier­in liegt die be­wuss­te, an die Außen­welt ge­rich­te­te Kund­ga­be ei­ner re­li­giösen Über­zeu­gung. Die­se Be­deu­tung der von der Kläge­rin als Sur­ro­gat für das is­la­mi­sche Kopf­tuch ge­tra­ge­nen Bas­kenmütze er­sch­ließt sich dem un­be­fan­ge­nen Be­trach­ter oh­ne wei­te­res. Durch den gleich­far­bi­gen, den Strick­bund der Bas­kenmütze über­lap­pen­den Roll­kra­gen­pull­over, den die Kläge­rin im Güte­ter­min ge­tra­gen hat, hat sie den Ein­druck der Kam­mer, dass es sich bei der Bas­kenmütze um ein Sur­ro­gat für das is­la­mi­sche Kopf­tuch han­delt, noch verstärkt.

Die Kläge­rin konn­te auch kei­ne plau­si­ble Erklärung dafür ab­ge­ben, wie sie bei­spiels­wei­se ge­genüber Schülern im Hoch­som­mer das Tra­gen der Bas­kenmütze (und even­tu­ell ei­ner zusätz­li­chen Hals­be­de­ckung) erklären will.

Da­durch, dass die Bas­kenmütze von der Kläge­rin dau­er­haft und nicht le­dig­lich an­lass­be­dingt ge­tra­gen wird, schei­den an­de­re Gründe für das Tra­gen der Kopf­be­de­ckung aus.

Ob die re­li­giöse Be­kun­dung der Kläge­rin vom Schutz der Re­li­gi­ons- oder Mei­nungsäußerungs­frei­heit um­fasst wird, ist in die­sem Zu­sam­men­hang eben­so un­be­acht­lich wie das ihr zu­grun­de lie­gen­de Mo­tiv, al­so die Fra­ge, ob die Be­kun­dung frei­wil­lig ist oder im Sin­ne ei­nes tra­dier­ten Rol­len­verständ­nis­ses auf ei­nem mehr oder we­ni­ger star­ken äußeren Zwang be­ruht. Ent­schei­dend ist der von Drit­ten wahr­ge­nom­me­ne Erklärungs­wert der Be­kun­dung.

b. Die von der Kläge­rin durch das Tra­gen der Bas­kenmütze ab­ge­ge­be­ne Be­kun­dung ist ge­eig­net, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören.

Das Ver­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchG NRW knüpft an ei­nen abs­trak­ten Gefähr­dungs­tat­be­stand an. Nicht erst Be­kun­dun­gen, wel­che die Neu­tra­lität des Lan­des oder den Schul­frie­den kon­kret gefähr­den oder gar stören, fal­len un­ter das Ver­bot. Es will viel­mehr schon abs­trak­ten Ge­fah­ren vor­beu­gen, um kon­kre­te Ge­fah­ren für die Neu­tra­lität der Schu­le oder den Schul­frie­den gar nicht erst ein­tre­ten zu las­sen. Im Ge­set­zes­wort­laut kommt dies dar­in zum Aus­druck, dass die­ser ent­spre­chen­de Ver­hal­tens­wei­sen be­reits dann ver­bie­tet, wenn sie nur ge­eig­net sind, die ge­nann­ten Schutzgüter zu gefähr­den. Ei­ne Be­trach­tung der kon­kre­ten Verhält­nis­se an ein­zel­nen Schu­len und de­ren Würdi­gung ist da­nach nicht vor­ge­se­hen.

Ei­ne der­art abs­trak­te Gefähr­dung ge­ra­de der welt­an­schau­lich-re­li­giösen Neu­tra­lität der Schu­le und des re­li­giösen Schul­frie­dens geht von dem dau­er­haf­ten Tra­gen ei­ner Haa­re und Oh­ren be­de­cken­den Bas­kenmütze durch ei­ne So­zi­alpädago­gin aus. Auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den Fall, dass Leh­rer in der Schu­le re­li­giös mo­ti­vier­te Klei­dung tra­gen, die als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung zu in­ter­pre­tie­ren sind, aus­drück­lich als ei­ne abs­trak­te Ge­fahr ein­ge­stuft (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3). Die Schu­le ist der Ort, an dem die un­ter­schied­li­chen re­li­giösen Auf­fas­sun­gen un­aus­weich­lich auf­ein­an­der tref­fen und wo sich das Ne­ben­ein­an­der be­son­ders emp­find­lich aus­wir­ken kann. Die Ent­wick­lung hin zu ei­ner ge­wach­se­nen re­li­giösen Viel­falt in der Ge­sell­schaft hat da­her zwangsläufig ein ver­mehr­tes Po­ten­ti­al mögli­cher Kon­flik­te in der Schu­le mit sich ge­bracht. In die­ser La­ge können leich­ter Gefähr­dun­gen für den Schul­frie­den auf­kom­men. Sie können sich vor al­lem aus der Be­sorg­nis ins­be­son­de­re der El­tern vor ei­ner un­ge­woll­ten re­li­giösen Be­ein­flus­sung der Kin­der ent­wi­ckeln. Ein­bußen an Neu­tra­lität im Er­schei­nungs­bild können zu sol­cher Be­sorg­nis bei­tra­gen und las­sen sich in­so­weit als ei­ne abs­trak­te Ge­fahr be­zeich­nen. Ihr will der Lan­des­ge­setz­ge­ber durch ei­ne auch in der Klei­dung sicht­bar blei­ben­de Neu­tra­lität der Leh­rer und So­zi­alpädago­gen be­geg­nen (BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152).

An­ge­sichts der Vor­bild­funk­ti­on, die ei­ne So­zi­alpädago­gin auf­grund ih­rer Stel­lung im Verhält­nis zu den Schüle­rin­nen und Schülern in­ne hat, ist die An­nah­me ei­ner sol­chen Be­ein­flus­sungsmöglich­keit auch dann ge­recht­fer­tigt, wenn die von § 57 Abs. 4 Satz 1 SchG NRW er­fass­ten Sym­bo­le und Klei­dungsstücke nach der In­ten­ti­on der So­zi­alpädago­gin oh­ne mis­sio­na­ri­sche Ziel­set­zung ge­tra­gen wer­den (Baye­ri­scher Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, 15. Ja­nu­ar 2007 - Vf. 11 - VII - 05 = BayVBl 2007, 235-239).

So­mit be­darf es ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der Kläge­rin kei­ner kon­kre­ten Gefähr­dung. Es kommt auch nicht dar­auf an, dass sie nach ih­ren ei­ge­nen An­ga­ben bis­lang kei­ne Ne­ga­tiv­re­ak­tio­nen auf die Bas­kenmütze er­hal­ten hat, da das Ge­setz die abs­trak­te Eig­nung zur Gefähr­dung des Schul­frie­dens genügen lässt. Dies auch vor dem Hin­ter­grund, dass es spätes­tens mit Schul­jah­res­be­ginn zu Wech­seln in der Schüler- und El­tern­schaft kommt und auch nicht aus­zu­sch­ließen ist, dass die Kläge­rin an ei­ne an­de­re Schu­le ver­setzt wird. Die ständi­ge Kon­fron­ta­ti­on mit der in der nach Art der Kläge­rin ge­tra­ge­nen Bas­kenmütze während ih­rer Tätig­keit hat zu­dem ei­ne an­de­re Qua­lität als das bloße Wis­sen um die is­la­mi­sche Glau­bens­zu­gehörig­keit ei­ner Leh­re­rin oder So­zi­alpädago­gin (VG Düssel­dorf, 05. Ju­ni 2007, 3. K 6225/06).

Die Auf­ga­be der Kläge­rin ist es, Schul­kon­flik­te bei den Kin­dern zu schlich­ten. Es ist nicht aus­zu­sch­ließen, dass die Kläge­rin auf­grund der von ihr­ge­tra­ge­nen Bas­kenmütze selbst zum Kon­flikt­fall wird, wo­mit ihr das Ausüben ih­rer ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten
Tätig­keit unmöglich würde.

c. So­weit § 57 SchG NRW hier an­zu­wen­den ist, ist er mit höher­ran­gi­gem Recht, ins­be­son­de­re dem Grund­ge­setz, ver­ein­bart.

aa. Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 24.09.2003 (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3) im Ein­zel­nen dar­ge­legt hat, ist der Lan­des­ge­setz­ge­ber zuständig und be­rech­tigt, ei­ne ge­setz­li­che Be­stim­mung zu er­las­sen, die den mögli­chen Kon­flikt wi­der­strei­ten­der Grund­rech­te der Lehr­kräfte, So­zi­alpädago­gen, Schüler und El­tern so­wie des mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­ten staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trags re­gelt. Dies gilt vor al­lem dann, wenn die be­trof­fe­nen Grund­rech­te - wie hier die po­si­ti­ve und ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit so­wie das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht - nach dem Wort­laut der Ver­fas­sung oh­ne Ge­set­zes­vor­be­halt gewähr­leis­tet sind und ei­ne Re­ge­lung, wel­che die­sen Le­bens­be­reich ord­net, not­wen­di­ger­wei­se ih­re ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ken be­stim­men und kon­kre­ti­sie­ren muss. Es gilt auch dann, wenn vor­be­halt­los gewähr­te Grund­rech­te mit an­de­ren Wer­ten von Ver­fas­sungs­rang ab­ge­wo­gen wer­den müssen, auf de­ren In­halt der Staat ge­stal­te­ri­schen Ein­fluss hat, wie dies et­wa beim staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag der Fall ist, den er nach Maßga­be ge­sell­schaft­li­cher Verhält­nis­se be­ein­flus­sen kann. Hier ist der Ge­setz­ge­ber ver­pflich­tet, die Schran­ken der wi­der­strei­ten­den Frei­heits­ga­ran­tie je­den­falls so­weit selbst zu be­stim­men, wie ei­ne sol­che Fest­le­gung für die Ausübung die­ser Frei­heits­rech­te we­sent­lich ist (BVerfG, 27. No­vem­ber 1990, 1 BvR 402/87 = BVerfGE 83, 130, 142).

Ei­ne Re­ge­lung, die Leh­rern un­ter­sagt, in der Schu­le äußer­lich dau­ernd sicht­bar ih­re Zu­gehörig­keit zu ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft oder Glau­bens­rich­tung er­ken­nen zu las­sen, ist Teil der Be­stim­mung des Verhält­nis­ses von Staat und Re­li­gi­on im Be­reich der Schu­le. Wie auf die Viel­falt der Glau­bensüber­zeu­gun­gen in der Schu­le zu ant­wor­ten ist, ins­be­son­de­re, wel­che Ver­hal­tens­re­geln in Be­zug auf Klei­dung und sons­ti­ges Auf­tre­ten für Leh­re­rin­nen und Leh­rer zur nähe­ren Kon­kre­ti­sie­rung ih­rer all­ge­mei­nen Pflich­ten und zur Wah­rung des re­li­giösen Frie­dens in der Schu­le auf­ge­stellt wer­den sol­len, kann und muss der de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Lan­des­ge­setz­ge­ber ent­schei­den. Für die Be­ur­tei­lung der tatsächli­chen Ent­wick­lung, ih­re Be­deu­tung für die Wah­rung oder Gefähr­dung des re­li­giösen Frie­dens in der Schu­le wie auch der Aus­wir­kun­gen von Maßnah­men, mit de­nen den abs­trak­ten oder kon­kre­ten Ge­fah­ren be­geg­net wer­den kann, verfügt der Ge­setz­ge­ber über ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve, die Behörden und Ge­rich­te nicht für sich in An­spruch neh­men können (BVerfG, 01. März 1979, 1 BvR 532/77, 1 BvR 533/77, 1 BvR 419/78, 1 BvL 21/78 = BVerfGE 50, 290, 332 f.; BVerfG 02. März 1999, 1 BvL 3./91 = BVerfGE 99, 367, 389 f.). Es ist sei­ne Sa­che zu ent­schei­den, ob er ei­ne großzügi­ge Lösung wählt, die es ermöglicht, die zu­neh­men­de re­li­giöse Viel­falt in der Schu­le auf­zu­neh­men und als Mit­tel für die Einübung ge­gen­sei­ti­ger To­le­ranz zu nut­zen, oder ob er we­gen des größeren Po­ten­ti­als mögli­cher Kon­flik­te in der Schu­le den Weg geht, der staat­li­chen Neu­tra­litäts­pflicht im schu­li­schen Be­reich ei­ne strik­te­re und mehr als bis­her dis­tan­zie­ren­de Be­deu­tung bei­zu­mes­sen und dem­gemäß auch durch das äußere Er­schei­nungs­bild ei­ner Lehr­kraft ver­mit­tel­te re­li­giöse Bezüge von den Schülern grundsätz­lich fern­zu­hal­ten, um Kon­flik­te mit Schülern, El­tern oder an­de­ren Lehr­kräften von vorn­her­ein zu ver­mei­den (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3).

In die­sem Rah­men hält sich § 57 SchG NRW. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber hat den Weg gewählt, mögli­chen Kon­flik­ten präven­tiv zu be­geg­nen. Be­reits die abs­trak­te Ge­fahr, die der staat­li­chen Neu­tra­lität oder dem Schul­frie­den aus ei­ner po­li­ti­schen, re­li­giösen, welt­an­schau­li­chen oder ähn­li­chen äußeren Be­kun­dung er­wach­sen kann, genügt ihm als An­lass, ent­ge­gen­wir­ken­de Ver­hal­tens­vor­schrif­ten auf­zu­stel­len. Das Ein­brin­gen re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Bezüge in Schu­len und Un­ter­richt durch Lehr­kräfte kann den in Neu­tra­lität zu erfüllen­den staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag, das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht und die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüle­rin­nen und Schüler be­ein­träch­ti­gen. Es eröff­net zu­min­dest die Möglich­keit ei­ner Be­ein­flus­sung der Schul­kin­der so­wie von Schul­kon­flik­ten mit El­tern, die zu ei­ner Störung des Schul­frie­dens führen und die Erfüllung des Er­zie­hungs­auf­tra­ges der Schu­le gefähr­den können (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = EzAR 345 Nr. 3).

bb. § 57 Abs. 4 Satz 3 SchG NRW ver­letzt nicht das Gleich­heits­ge­bot, in­dem er die Dar­stel­lung christ­li­cher und abendländi­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen von den nach Satz 1 ver­bo­te­nen Be­kun­dun­gen ab­grenzt und als der Wahr­neh­mung des dem Neu­tra­litäts­ge­bot ver­pflich­te­ten Er­zie­hungs­auf­trags der Lan­des­ver­fas­sung Nord­rhein-West­fa­len nicht wi­der­spre­chend be­zeich­net.

Ei­ne un­zulässi­ge Be­vor­zu­gung der christ­li­chen Kon­fes­si­on ist mit der Klar­stel­lung in § 57 Abs. 4 Satz 3. SchG NRW nicht ver­bun­den. Der hier ver­wen­de­te Be­griff des Christ­li­chen ist im Sin­ne des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17. De­zem­ber 1975 (BVerfG, 17. De­zem­ber 1975, 1 BvR 63/68 = BVerfGE 41, 29, 52) aus­zu­le­gen. Er be­zeich­net - un­ge­ach­tet sei­ner Her­kunft aus dem re­li­giösen Be­reich - ei­ne von Glau­bens­in­hal­ten los­gelöste, aus der Tra­di­ti­on der christ­lich-abendländi­schen Kul­tur her­vor­ge­gan­ge­nen Wer­te­welt, die er­kenn­bar auch dem Grund­ge­setz zu­grun­de liegt und un­abhängig von ih­rer re­li­giösen Fun­die­rung Gel­tung be­an­sprucht. Hier­zu gehören et­wa die Auf­fas­sung von der un­verfügba­ren und un­an­tast­ba­ren Men­schenwürde (Ar­ti­kel 1 GG), von der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit (Ar­ti­kel 3. GG), von der Gleich­heit al­ler Men­schen und Ge­schlech­ter (Ar­ti­kel 3 GG) und von der Re­li­gi­ons­frei­heit ein­sch­ließlich der ne­ga­ti­ven Glau­bens­frei­heit (Ar­ti­kel 4 GG). Wei­ter um­fasst der Be­griff hu­ma­ne Wer­te wie Hilfs­be­reit­schaft, Sor­ge für und all­ge­mei­ne Rück­sicht­nah­me auf den Nächs­ten so­wie So­li­da­rität mit den Schwäche­ren. Der Auf­trag zur Wei­ter­ga­be christ­li­cher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te ver­pflich­tet oder be­rech­tigt die Schu­le des­halb kei­nes­wegs zur Ver­mitt­lung be­stimm­ter Glau­bens­in­hal­te, son­dern be­trifft Wer­te, de­nen je­der auf dem Bo­den des Grund­ge­set­zes Ste­hen­de un­abhängig von sei­ner re­li­giösen Über­zeu­gung vor­be­halt­los zu­stim­men kann (BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152). Das Wort abendländisch sei­ner­seits nimmt Be­zug auf die durch den Hu­ma­nis­mus und die Aufklärung be­ein­fluss­ten Grund­wer­te der west­li­chen Welt (Baye­ri­scher Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, 15. Ja­nu­ar 2007 - Vf. 11 - VII - 05 = BayVBl 2007, 235-239).

Das­sel­be gilt von der Be­zug­nah­me auf die Ar­ti­kel 7 und 3.. Abs. 6 der Ver­fas­sung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len. In die­sen Ar­ti­keln ist die Pflicht des Lan­des fest­ge­legt, in den öffent­li­chen Volks­schu­len in der Schul­form der christ­li­chen Ge­mein­schafts­schu­le die Kin­der in Ehr­furcht vor Gott auf der Grund­la­ge christ­li­cher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te in Of­fen­heit für die christ­li­chen Be­kennt­nis­se und für an­de­re re­li­giöse und welt­an­schau­li­che Über­zeu­gun­gen ge­mein­sam zu un­ter­rich­ten. Auch hier be­zieht sich die Nord­rhein-Westfäli­sche Ver­fas­sung auf christ­li­che Tu­gen­den und nicht auf spe­zi­el­le Glau­bens­in­hal­te (BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152).

Hier­mit steht § 57 Abs. 4 SchG NRW in Ein­klang. Ins­be­son­de­re wer­den Non­nen­ha­bit und Kip­pa von dem Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen in § 57 Abs. 4 Satz 1 SchG NRW eben­falls er­fasst. So­weit die Be­gründung des dem zwei­ten Schul­rechtsände­rungs­ge­setz vom 27.06.2006 zu­grun­de lie­gen­den Ge­setz­ent­wurfs der Frak­tio­nen von CDU und FDP vom 31.10.2005 (LT Druck­sa­che 14/569, Sei­te 9) da­von aus­geht, dass äußere Sym­bo­le und Klei­dungsstücke, die den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­wer­ten und den Bil­dungs­zie­len der Ver­fas­sung ein­sch­ließlich den christ­lich-abendländi­schen Bil­dungs- und Kul­tur­wer­ten ent­spre­chen, et­wa die Tracht von Or­dens­schwes­tern oder die jüdi­sche Kip­pa , zulässig blei­ben, hat die­se Auf­fas­sung im Wort­laut des Ge­set­zes kei­nen hin­rei­chen­den Nie­der­schlag ge­fun­den.

Ein Verständ­nis, dass christ­li­che und jüdi­sche Glau­bens­be­kun­dun­gen pri­vi­le­giert sei­en, ist nach dem Ge­bot der ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung von Ge­set­zen aus­zu­sch­ließen (BVerwG, 24. Ju­ni 2004, 3. C 45/03 = BVerw­GE 121, 140-152).

Aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en sich er­ge­ben­de sub­jek­ti­ve Ziel­vor­stel­lun­gen der am Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren Be­tei­lig­ten ste­hen dem ob­jek­ti­ven Ge­set­zes­in­halt nicht gleich. Der Wil­le der ge­setz­ge­ben­den In­stanz ist für die In­ter­pre­ta­ti­on nur in­so­weit be­deut­sam, als er sich auch im Ge­set­zes­text selbst wie­der­fin­det (BVerwG, 02. März 2000, 3. C 1/99 = BVerw­GE 110, 363-370; BVerwG vom 18. Ju­ni 2002, 3. B 17/02).

Ent­ge­gen der kläge­ri­schen Rechts­auf­fas­sung be­darf es ei­ner aus­drück­li­chen Erwähnung des is­la­mi­schen Kopf­tu­ches im Ge­set­zes­text selbst nicht, da das Ge­setz als abs­trakt ge­ne­rel­le Re­ge­lung ei­ne Viel­zahl von Ver­bots­ge­genständen er­fasst, die ge­eig­net sind, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören.

cc. § 57 Abs. 4 SchG NRW steht im Ein­klang mit Ar­ti­kel 9 der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (Eu­ropäischer Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, vom 29.06.2004, 44774/98).

d. Die Maßnah­me als sol­che verstößt nicht ge­gen § 7 AGG, da sie auf ei­nem Ge­setz be­ruht. Das Ge­setz selbst ord­net die Neu­tra­litäts­pflicht als we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che Vor­aus­set­zung im Sin­ne von § 8 AGG an.

e. Das Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen un­ter­liegt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin we­gen § 72 Abs. 4 LPVG NW nicht dem Mit­be­stim­mungs­recht des Per­so­nal­rats.

f. So­fern die Kläge­rin rügt, dass sie we­der Leh­re­rin ist noch un­ter­rich­tet, über­sieht sie, dass § 58 SchG NRW die Re­ge­lung des § 57 Abs. 4 SchG NRW für im Lan­des­dienst ste­hen­de so­zi­alpädago­gi­sche Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter für ent­spre­chend an­wend­bar erklärt.

g. So­weit sich die Kläge­rin hin­sicht­lich des Tra­gens der Bas­kenmütze auf ihr all­ge­mei­nes Persönlich­keits­recht be­ruft, ver­kennt sie, dass dies mit den zu­vor ge­nann­ten eben­falls mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ten Rech­ten kol­li­diert und der de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Lan­des­ge­setz­ge­ber ei­ne ver­fas­sungs­gemäße Abwägung der be­trof­fe­nen Rechtsgüter vor­ge­nom­men hat. Hier ist die be­son­de­re Si­tua­ti­on ge­ge­ben, dass die Kläge­rin bei der Wahr­neh­mung ih­rer Tätig­keit den Schülern nicht als Pri­vat­per­son ge­genüber­tritt; sie steht nicht nur auf der Sei­te des Staa­tes, son­dern der Staat han­delt durch sie (BVerfG, 24. Sep­tem­ber 2003, 3. BvR 1436/02 = BVerfGE, 108, 282, 319).

h. Die Re­ge­lung des § 57 Abs. 4 SchG NRW lei­det auch nicht an ei­nem Voll­zugs­de­fi­zit. Das be­klag­te Land beschäftigt kei­ne mit der Kläge­rin ver­gleich­ba­re An­ge­stell­te, die ent­we­der ei­nen Or­dens­ha­bit oder ei­ne jüdi­sche Kip­pa tra­gen. In dem ei­nen von dem c. be­nann­ten Fall han­delt es sich um ei­ne Non­ne an ei­ner Be­kennt­nis­schu­le in N., für die nach § 57 Abs. 4 Satz 4 SchG NRW das Neu­tra­litäts­ge­bot nicht gilt. Ei­ne wei­te­re Non­ne, die dem Or­den Kon­gre­ga­ti­on der Schwes­tern der christ­li­chen Lie­be an­gehört, ist an der Westfäli­schen Schu­le für Blin­de und Seh­be­hin­der­te in Q. als Schul­lei­te­rin tätig. Die­se ist nicht bei dem c. beschäftigt, son­dern auf­grund ei­nes ge­son­der­ten Ge­stel­lungs­ver­tra­ges tätig. In­so­fern han­delt es sich um ei­nen his­to­risch be­ding­ten Son­der­fall (vgl. hier­zu VG Düssel­dorf, 05. Ju­ni 2007, 3. K 6225/06).

Das Be­strei­ten die­ser Be­haup­tun­gen mit Nicht­wis­sen in der münd­li­chen Ver­hand­lung ist we­gen Ver­spätung gemäß § 46 Abs. 3. Satz 1 ArbGG, § 296 Abs. 3. ZPO in Ver­bin­dung mit § 282 ZPO un­zulässig, nach­dem die Kläge­rin dem schriftsätz­li­chen Vor­trag des Lan­des (Blatt 88 der Ge­richts­ak­te) mit Er­wi­de­rungs­schrift­satz vom 05. Ju­ni 2007 nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten war.

II. 

1. 

Die Kos­ten des Rechts­streits trägt gem. § 46 Abs. 3. Satz 1 ArbGG i. V. m. § 91 Abs. 1 ZPO die Kläge­rin.

3.. 

Die Streit­wert­fest­set­zung er­gibt sich aus § 61 Abs. 1 ArbGG i. V. m. § 3 ZPO und er­folgt auch gem. § 63 GKG.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei 

B e r u f u n g 

ein­ge­legt wer­den. 

Für die be­klag­te Par­tei ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. 

Die Be­ru­fung muss 

in­ner­halb ei­ner N o t f r i s t* von ei­nem Mo­nat 

beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Lud­wig-Er­hard-Al­lee 21, 40227 Düssel­dorf, Fax: (0211) 7770 - 2199 ein­ge­gan­gen sein.

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach des­sen Verkündung

Die Be­ru­fungs­schrift muss von ei­nem Rechts­an­walt ein­ge­reicht wer­den; an sei­ne Stel­le können Ver­tre­ter ei­ner Ge­werk­schaft oder ei­ner Ver­ei­ni­gung von Ar­beit­ge­bern oder von Zu­sam­men­schlüssen sol­cher Verbände tre­ten, wenn sie kraft Sat­zung oder Voll­macht zur Ver­tre­tung be­fugt sind und der Zu­sam­men­schluss, der Ver­band oder de­ren Mit­glie­der Par­tei sind. Die glei­che Be­fug­nis ha­ben An­ge­stell­te ju­ris­ti­scher Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der zu­vor ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, so­lan­ge die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung der Mit­glie­der der Or­ga­ni­sa­ti­on ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt.

* Ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

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