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ARBEITSRECHT AKTUELL // 26/016

Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit als Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung

Wann Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit über ei­ne Be­wer­bung ent­schei­det: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.05.2026, 8 AZR 194/25 (F)
Kirche, Diskriminierungsverbote - Religion, Glauben

28.08.2026. Die Fra­ge da­nach, ob ein kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen darf, dass Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber ei­ner christ­li­chen Kir­che an­ge­hö­ren hat deut­sche und eu­ro­päi­sche Ge­rich­te über mehr als ein Jahr­zehnt be­schäf­tigt. Nun wur­de es im Mai 2026 vom Bun­des­ar­beits­ge­richt end­gül­tig be­ant­wor­tet.

 

Video: Kirchenmitgliedschaft als Einstellungsvoraussetzung

Wor­um es geht: Ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung der Dia­ko­nie

Der Aus­gangs­punkt liegt be­reits mehr als 15 Jah­re zurück. Im Jahr 2012 schrieb das Evan­ge­li­sche Werk für Dia­ko­nie ei­ne be­fris­te­te Re­fe­ren­ten­stel­le aus. In­halt­lich ging es um Pro­jekt­ar­beit im Be­reich An­ti­ras­sis­mus. Es soll­te ein Be­richt zur Um­set­zung der UN-An­ti­ras­sis­mus­kon­ven­ti­on er­ar­bei­tet wer­den und die Dia­ko­nie ge­genüber Po­li­tik und Öffent­lich­keit ver­tre­ten wer­den. Ei­ne kon­fes­si­ons­lo­se Be­wer­be­rin be­warb sich auf die­se Stel­le, wur­de je­doch nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den. Sie sah dar­in ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ih­rer Re­li­gi­on be­zie­hungs­wei­se ih­rer feh­len­den Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit und for­der­te ei­ne Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG).

Die ers­te In­stanz: Ar­beits­ge­richt vs. Lan­des­ar­beits­ge­richt

Be­reits in den ers­ten bei­den In­stan­zen zeig­te sich, wie un­ter­schied­lich die­se Fra­ge be­wer­tet wer­den kann. Das Ar­beits­ge­richt (ArbG) gab der Be­wer­be­rin recht. Die Aus­schrei­bung ver­s­toße ge­gen das AGG und die da­hin­ter­ste­hen­de EU-An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­richt­li­nie. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg sah das an­ders und wies die Kla­ge vollständig ab. Es be­rief sich da­bei auf § 9 Abs. 1 AGG, der es Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten nach sei­nem Wort­laut er­laubt, sich al­lein auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht zu be­ru­fen, um ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit als Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung zu ver­lan­gen.

Vor­la­ge an den Eu­ropäischen Ge­richts­hof

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ten­dier­te in der Re­vi­si­on eher zur Li­nie des Ar­beits­ge­richts und hat­te Zwei­fel, ob ei­ne der­art weit­rei­chen­de Dis­kri­mi­nie­rungs­er­laub­nis mit der zu­grun­de lie­gen­den EU-Richt­li­nie ver­ein­bar ist. Es leg­te den Fall des­halb dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) vor. Im Jahr 2018 ent­schied der EuGH, dass das bloße Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen nicht aus­reicht. Die na­tio­na­len Ge­rich­te müssen in sol­chen Fällen ge­nau prüfen, ob die ge­for­der­te Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit tatsächlich ei­ne ge­recht­fer­tig­te, tätig­keits­be­zo­ge­ne An­for­de­rung für die kon­kre­te Stel­le dar­stellt und nicht pau­schal al­le kon­fes­si­ons­lo­sen Be­wer­ber aus­sch­ließt.

Sieg für die Kläge­rin im ers­ten BAG-Ur­teil

Auf Grund­la­ge die­ser Vor­ga­ben ent­schied das BAG im Ok­to­ber 2018 zu­guns­ten der Kläge­rin. Die Aus­schrei­bung sei dis­kri­mi­nie­rend ge­we­sen, denn es ha­be kei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung vor­ge­le­gen. Zu­dem stell­te das BAG klar, dass die ers­te Tat­be­stands­al­ter­na­ti­ve in § 9 Abs. 1 AGG we­gen des An­wen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts nicht mehr an­ge­wen­det wer­den könne.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de und Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 2025

Da­mit hätte der Fall ei­gent­lich en­den können. Die Dia­ko­nie leg­te je­doch Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein. Sie­ben Jah­re später, im Sep­tem­ber 2025, gab ihr das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) recht und ent­schied, dass das BAG-Ur­teil aus dem Jahr 2018 das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ver­letzt ha­be. Das BVerfG stütz­te sich da­bei auf Art. 4 Grund­ge­setz so­wie auf das über Art. 140 Grund­ge­setz fort­gel­ten­de Staats­kir­chen­recht der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, das Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ei­ne ei­genständi­ge Or­ga­ni­sa­ti­ons­ho­heit ga­ran­tiert. Die Kern­aus­sa­ge des­sen ist, dass man bei ei­ner po­li­tisch her­aus­ge­ho­be­nen Tätig­keit die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit zur Vor­aus­set­zung ma­chen kann, so­lan­ge die Tätig­keit un­trenn­bar mit der Außen­ver­tre­tung ei­ner kirch­li­chen Ein­rich­tung ver­bun­den ist. Die Sa­che ging zur er­neu­ten Ent­schei­dung zurück ans Bun­des­ar­beits­ge­richt.

Das BAG ent­schei­det endgültig ge­gen die Kläge­rin

Im Mai 2026 muss­te der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts den Fall nach den Vor­ga­ben aus Karls­ru­he er­neut ver­han­deln. Im Er­geb­nis blieb die Re­vi­si­on der Kläge­rin er­folg­los, die Kla­ge wur­de nun rechts­kräftig ab­ge­wie­sen. Da­bei hielt das BAG an ei­nem zen­tra­len Punkt sei­ner ursprüng­li­chen Li­nie fest. Die ers­te Al­ter­na­ti­ve aus § 9 Abs. 1 AGG bleibt wei­ter­hin un­an­wend­bar. Das bloße Be­ru­fen auf das Selbst­be­stim­mungs­recht oh­ne wei­te­re Prüfung ist al­so möglich. Ent­schei­dend war im kon­kre­ten Fall aber ein an­de­rer As­pekt. Die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le war un­trenn­bar mit der Auf­ga­be ver­bun­den, die Dia­ko­nie nach außen zu ver­tre­ten. Ge­nau die­se Ver­tre­tungs­funk­ti­on fiel bei der Abwägung der wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen zu­guns­ten des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers ins Ge­wicht. Bei der­art her­aus­ge­ho­be­nen, po­li­tisch-re­präsen­ta­ti­ven Po­si­tio­nen darf ein kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen, dass die Stel­len­in­ha­be­rin oder der Stel­len­in­ha­ber ei­ner christ­li­chen Kir­che an­gehört. Der Fall Egen­ber­ger ist da­mit nach 14 Jah­ren zu­guns­ten des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers endgültig ent­schie­den.

Was be­deu­tet das Ur­teil in der Pra­xis?

Die zen­tra­le Bot­schaft des Ur­teils ist es, dass Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit grundsätz­lich Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung sein darf - al­ler­dings nur in eng be­grenz­ten Aus­nah­mefällen. Für die über­wie­gen­de Mehr­heit kirch­li­cher Stel­len­aus­schrei­bun­gen ändert sich da­durch nichts. An­ders liegt der Fall nur dann, wenn die Po­si­ti­on un­trenn­bar mit ei­ner her­aus­ge­ho­be­nen Außen­dar­stel­lung ver­bun­den ist. Nur wenn ei­ne Stel­le tatsächlich die glaubwürdi­ge Re­präsen­ta­ti­on der kirch­li­chen Ein­rich­tung nach außen zum Kern hat, darf ein kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit zur Vor­aus­set­zung ma­chen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

BAG, Ur­teil vom 21.05.2026, 8 AZR 194/25 (F)

ArbG Ber­lin, Ur­teil vom 18.12.2013, 54 Ca 6322/13

LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 28.05.2014, 4 Sa 157/14 und 4 Sa 238/14

BAG, Be­schluss vom 17.03.2016, 8 AZR 501/14 (A)

EuGH, Ur­teil vom 17.04.2018, C-414/16

BAG, Ur­teil vom 25.10.2018, 8 AZR 501/14

BVerfG, Be­schluss vom 29.09.2025, 2 BvR 934/19

 

Hand­buch Ar­beits­recht: Dis­kri­mi­nie­rung - All­ge­mein

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Letzte Überarbeitung: 8. September 2026

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