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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/005

BAG stärkt Ent­schei­dungs­frei­heit des Ar­beit­ge­bers bei Be­triebs­ren­ten­zu­sa­gen.

Be­sei­tigt der Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­sor­gungs­zu­sa­ge für die Zu­kunft und kün­digt da­her ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Ver­sor­gung, hat die Be­triebs­ver­ein­ba­rung kei­ne Nach­wir­kung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 09.12.2008, 3 AZR 384/07
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge Über das "Ob" ei­ner Be­triebs­ren­te ent­schei­det der Ar­beit­ge­ber al­lein

23.01.2009. Be­sei­tigt der Ar­beit­ge­ber das Ver­spre­chung ei­ner Be­triebs­ren­te ("Ver­sor­gungs­zu­sa­ge") für die Zu­kunft und kün­digt da­her ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Ver­sor­gung, hat die ge­kün­dig­te Be­triebs­ver­ein­ba­rung kei­ne Nach­wir­kung.

Denn ei­ne sol­che Nach­wir­kung wür­de die Ent­schei­dungs­frei­heit des Ar­beit­ge­bers über das "Ob" ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung un­zu­läs­sig be­schrän­ken.

Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung klar­ge­stellt: BAG, Ur­teil vom 09.12.2008, 3 AZR 384/07.

Hat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung Nach­wir­kung, wenn der Ar­beit­ge­ber sie kündigt?

Sagt der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mern Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung zu, z.B. in Form ei­ner Un­terstützungs­kas­se, ge­schieht dies im All­ge­mei­nen auf frei­wil­li­ger Ba­sis. Der Ar­beit­ge­ber kann frei ent­schei­den, ob er sei­nen Ar­beit­neh­mern hier über­haupt Leis­tun­gen zu­kom­men las­sen möch­te oder nicht.

Ent­schei­det sich der Ar­beit­ge­ber je­doch zur Gewährung ei­ner sol­chen Leis­tung, so hat er hier­bei die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­ra­tes zu be­ach­ten. Denn gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 8 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) hat der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht.

Das Mit­be­stim­mungs­recht be­schränkt sich aber nur auf das „Wie“, d.h. die Aus­ge­stal­tung und Ver­wal­tung der zu­ge­sag­ten Ver­sor­gung. Dies um­fasst die Auf­stel­lung von Grundsätzen, nach de­nen die Mit­tel un­ter den Ar­beit­neh­mern zu ver­tei­len sind. Ob der Ar­beit­ge­ber über­haupt Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung er­brin­gen will oder nicht, ist mit­be­stim­mungs­frei.

Aus­ge­hend da­von kann der Ar­beit­ge­ber zu­ge­sag­te be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung für die Zu­kunft durch ei­ne Kündi­gung und ei­nen Wi­der­ruf wie­der be­sei­ti­gen, so­weit er da­bei nicht in die be­reits er­dien­ten An­wart­schaf­ten ein­greift.

Ei­ner Kündi­gung und dem Wi­der­ruf der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung steht da­bei auch nicht § 77 Abs. 6 Be­trVG ent­ge­gen, der die Nach­wir­kung von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen an­ord­net, da hier­von le­dig­lich Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen er­fasst wer­den, die Ge­genstände der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung be­tref­fen.

Mit Ur­teil vom 09.12.2008 (3 AZR 384/07) hat das BAG zu der Fra­ge Stel­lung ge­nom­men, in­wie­weit ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung nach ei­ner Kündi­gung und dem vollständi­gen Wi­der­ruf der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge Nach­wir­kung ent­fal­tet.

Der Streit­fall: Ar­beit­ge­ber kündigt ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über Vor­sor­ge­leis­tun­gen, um künf­tig kei­ne An­wart­schaf­ten mehr ent­ste­hen zu las­sen

Der Ar­beit­ge­ber er­teil­te ei­nem Ar­beit­neh­mer ei­ne Zu­sa­ge, wo­nach die­ser ei­ne be­trieb­li­che Al­ter­ver­sor­gung gemäß der Sat­zung und Richt­li­ni­en des Un­terstützungs­ver­eins aus dem Jah­re 1962 er­hal­ten soll­te.

Im Jah­re 1978 wur­den die Richt­li­ni­en der Un­terstützungs­kas­se durch ei­ne Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung geändert. Dar­in wur­de­ver­ein­bart, dass Ände­run­gen der Richt­li­nie, die das Mit­be­stim­mungs­recht des Ge­samt­be­triebs­rats berühren, des­sen Zu­stim­mung durch ei­ne ergänzen­de Be­triebs­ver­ein­ba­rung bedürfen. Außer­dem wur­de ver­ein­bart, dass Ver­ein­ba­run­gen mit ei­ner Frist von drei Mo­na­ten zum En­de des Ka­len­der­jah­res gekündigt wer­den können. Bis zum Ab­schluss ei­ner neu­en Be­triebs­ver­ein­ba­rung soll­te die­se je­doch ih­re Gültig­keit be­hal­ten.

Im Jah­re 1991 kündig­te der Ar­beit­ge­ber die Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus dem Jahr 1978 per En­de 1991 und wi­der­rief außer­dem die zu­ge­sag­ten Leis­tun­gen für al­le zukünf­ti­gen Zuwächse nach dem 31.12.1991 dem Grun­de und der Höhe nach, und so­mit auch al­le noch nicht ver­fall­ba­ren An­wart­schaf­ten auf be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung.

Darüber hin­aus schloss er das Ver­sor­gungs­werk mit so­for­ti­ger Wir­kung für al­le neu ein­tre­ten­den Mit­ar­bei­ter. Zu­gleich schlug er dem Be­triebs­rat vor, über die Wei­ter­gel­tung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ei­ne neue Be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­zu­sch­ließen, die der veränder­ten Si­tua­ti­on ent­spre­chen soll­te.

Mit sei­ner Kla­ge be­an­trag­te der Ar­beit­neh­mer die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass sei­ne un­ver­fall­ba­re An­wart­schaft dy­na­misch bis zu sei­nem Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis im Jah­re 2005 fort­be­stan­den ha­be und nicht durch den im Jah­re 1991 erklärten Wi­der­ruf der Ver­sor­gungs­re­ge­lun­gen auf den Stand De­zem­ber 1991 be­grenzt ge­blie­ben bzw. ein­ge­fro­ren sei.

Das Ar­beits­ge­richt München (Ur­teil vom 10.05.2006, 22 Ca 19938/05) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München ga­ben der Kla­ge statt (LAG München, Ur­teil vom 09.05.2007, 11 Sa 720/06) . Der An­spruch des Klägers fol­ge aus den Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, da die Be­triebs­par­tei­en da­mit be­ab­sich­tig­ten, den Ar­beit­neh­mern in­di­vi­du­al­recht­li­che Ver­sor­gungs­ansprüche zu­zu­spre­che, so das Ar­beits­ge­richt und das LAG.

Nach An­sicht des LAG ist der An­spruch des Klägers nicht durch den Wi­der­ruf der Zu­sa­ge und der Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen wirk­sam be­grenzt wor­den, da die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Nach­wir­kung ent­fal­ten. Mit dem Wi­der­ruf und der Kündi­gung hat­te der Ar­beit­ge­ber da­her die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­ra­tes ver­letzt, so das LAG.

Die Nach­wir­kung der gekündig­ten Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen er­gibt sich nach An­sicht des LAG aus der Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung bzw. aus dem Kündi­gungs­schrei­ben. In die­sem hat­te der Ar­beit­ge­ber den Teil­wi­der­ruf des Ver­sor­gungs­ver­spre­chens mit dem Vor­schlag ver­bun­den, über ei­ne Wei­ter­gel­tung der Al­ters­ver­sor­gung ei­ne neue Be­triebs­ver­ein­ba­rung schließen zu wol­len.

Die­se Erklärung der Ar­beit­ge­be­rin ma­che deut­lich, dass sie an die Stel­le der bis­he­ri­gen Ver­sor­gungs­re­gel ein an­de­res mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ges Ver­sor­gungs­werk set­zen woll­te, so das LAG. Wei­ter­hin ha­be die­se mit ih­rer Erklärung ei­ne Wei­terführung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung in Aus­sicht ge­stellt, wo­mit nur die (ge­sam­te) bis­he­ri­ge be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung ge­meint sein könne.

BAG: Be­sei­tigt der Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­sor­gungs­zu­sa­ge für die Zu­kunft und kündigt zu die­sem Zweck ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Ver­sor­gung, hat ei­ne sol­che Be­triebs­ver­ein­ba­rung kei­ne Nach­wir­kung

Die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers hat­te Er­folg und fühte zur Auf­he­bung des vor­in­stanz­li­chen Ur­teils und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das LAG München.

Das BAG stell­te zunächst klar, dass die Zu­sa­ge von Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung in Form ei­ner Un­terstützungs­kas­se durch die Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten an sich nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt. Dar­an ändert nach An­sicht des BAG auch die Form der da­mals ge­mach­ten Zu­sa­ge (Be­triebs­ver­ein­ba­rung) nichts.

Da­her un­ter­liegt auch die Kündi­gung die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung bzw. der Wi­der­ruf der in ihr ent­hal­te­nen Ver­sor­gungs­zu­sa­gen für die Zu­kunft nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­ra­tes. Der Ar­beit­ge­ber woll­te mit der Kündi­gung nach An­sicht des BAG die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge für die Zu­kunft endgültig be­sei­ti­gen. Für ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung, die der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­ra­tes gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 8 Be­trVG un­ter­liegt, war dann kein Raum mehr. Ei­ne Nach­wir­kung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung schied da­her aus.

Fa­zit: Ent­hal­ten Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen über ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung mit­be­stim­mungs­freie Leis­tungs­ver­spre­chung und zu­gleich Re­ge­lun­gen der Ver­tei­lungs­grundsätze, schaut das BAG zu Guns­ten der wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dungs­frei­heit des Ar­beit­ge­bers sehr ge­nau hin, wo die Gren­ze zwi­schen die­sen bei­den Re­ge­lun­gen verläuft. Dass der Ar­beit­ge­ber mit­be­stim­mungs­frei über das "Ob" ei­ner Be­triebs­ren­te ent­schei­den kann, ändert sich auch nicht da­durch, dass er sein Be­triebs­ren­ten­ver­spre­chung in die Form ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­klei­det hat.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 27. Februar 2018

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