HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/229

Be­triebs­ren­te ge­mäß Ar­beits­ver­trag oder Be­triebs­ver­ein­ba­rung

Aus­schluss von Be­triebs­ren­ten­an­sprü­chen ge­mäß Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher An­sprü­che nur bei Gleich­wer­tig­keit: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.07.2016, 3 AZR 134/15

20.07.2016. Kön­nen Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, aus de­nen sich An­sprü­che auf ei­ne Be­triebs­ren­te er­ge­ben, Ar­beit­neh­mer mit ar­beits­ver­trag­li­chen Be­triebs­ren­ten­an­sprü­chen ge­ne­rell aus ih­rem An­wen­dungs­be­reich aus­klam­mern?

Ei­ne sol­che Aus­nah­me­re­ge­lung wä­re je­den­falls dann nicht in Ord­nung, wenn die ar­beits­ver­trag­li­chen Ren­ten­an­sprü­che deut­lich hin­ter den An­sprü­chen zu­rück­blei­ben, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben.

Hier müs­sen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ach­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.07.2016, 3 AZR 134/15.

Können Ar­beit­neh­mer auf ar­beits­ver­trag­li­che Be­triebs­ren­ten­ansprüche ver­wie­sen und mit die­ser Be­gründung von ei­ner Pen­si­ons-Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­nom­men wer­den?

Im Be­triebs­ren­ten­recht wird im­mer wie­der dar­um ge­strit­ten, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Ar­beit­neh­mer von An­wart­schaf­ten auf ei­ne späte­re Be­triebs­ren­te bzw. (nach Ren­ten­ein­tritt) von Be­triebs­ren­ten­ansprüchen aus­ge­schlos­sen wer­den können.

Auf der ei­nen Sei­te steht hier das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Kal­ku­lier­bar­keit und Be­gren­zung sei­ner fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen, auf der an­de­ren Sei­te das In­ter­es­se von Ar­beit­neh­mern, die nicht ver­ste­hen können, dass sie kei­ne oder ei­ne ver­gleichs­wei­se ungüns­tig be­rech­ne­te Be­triebs­ren­te er­hal­ten sol­len.

Da­her er­kennt § 1b Abs.1 Satz 4 des Ge­set­zes zur Ver­bes­se­rung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung (Be­trAVG) aus­drück­lich an, dass sich be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­zu­sa­gen auch aus dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz er­ge­ben können.

Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­bie­tet es Ar­beit­ge­bern, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen aus un­sach­li­chen Gründen von all­ge­mein gewähr­ten Vergüns­ti­gun­gen aus­zu­neh­men, d.h. ver­bie­tet "willkürli­che" Schlech­ter­stel­lun­gen. Wer­den Ar­beit­neh­mer(-grup­pen) aus sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Gründen von ei­ner Be­triebs­ren­te aus­ge­schlos­sen, ha­ben sie auf der Grund­la­ge des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes die­sel­ben Ren­ten­an­wart­schaf­ten bzw. Ren­ten­ansprüche wie ih­re bes­ser ge­stell­ten Kol­le­gen.

Wo hier die Gren­ze zwi­schen ge­recht­fer­tig­ter und nicht ge­recht­fer­tig­ter Schlech­ter­stel­lung verläuft, hängt von den Un­ter­schei­dungs­merk­ma­len ab. Ei­ni­ge sind "ta­bu" wie z.B. der ge­ne­rel­le Aus­schluss von Teil­zeit­kräften von Be­triebs­ren­ten, an­de­re Merk­ma­le wie das Le­bens­al­ter können zwar im Prin­zip ver­wen­det wer­den, aber nur mit Au­gen­maß.

So ist z.B. ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren für die Teil­nah­me an ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung al­ters­dis­kri­mi­nie­rend (BAG, Ur­teil vom 18.03.2014, 3 AZR 69/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/097 Be­triebs­ren­te und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung), während ei­ne Al­ters­gren­ze von 50 Jah­ren (ge­ra­de noch) sach­lich ge­recht­fer­tigt ist (BAG, Ur­teil vom 12.11.2013, 3 AZR 356/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/334 Höchst­al­ters­gren­ze für Be­triebs­ren­te).

Frag­lich ist, ob Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, die im Prin­zip al­len Mit­ar­bei­tern An­rech­te auf ei­ne Be­triebs­ren­te ver­schaf­fen, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer von die­ser Vergüns­ti­gung aus­neh­men können, wenn die­se be­reits auf ar­beits­ver­trag­li­cher Grund­la­ge Be­triebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten be­sit­zen. Und geht das auch dann, wenn die ar­beits­ver­trag­li­chen Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen ungüns­ti­ger sind als die Be­rech­ti­gun­gen, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben?

Im Streit: Bank­an­ge­stell­ter im Vor­ru­he­stand fällt auf­grund sei­nes Alt­ver­trags aus dem be­trieb­li­chen Pen­si­ons­sys­tem her­aus

Im Streit­fall ging es um ei­nen 1952 ge­bo­re­nen und seit 1986 beschäftig­ten Fonds­ma­na­ger, dem sein Ar­beit­ge­ber, ei­ne Bank, 1987 per Ar­beits­ver­trag ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung zu­ge­sagt hat­te. Da­bei ver­pflich­te­te sich die Bank zur Zah­lung von Beiträgen an ei­ne Pen­si­ons­kas­se.

Ein Jahr nach die­ser ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung trat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung in Kraft, der zu­fol­ge al­le Ar­beit­neh­mer ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung vom Ar­beit­ge­ber er­hal­ten soll­ten (Di­rekt­zu­sa­ge). Un­ter die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung fiel auch der Fonds­ma­na­ger.

Die Be­triebs­ver­ein­ba­rung wur­de später mehr­fach durch Fol­ge­ver­ein­ba­run­gen ab­gelöst, zu­letzt 2007. Die zu­letzt gülti­ge Be­triebs­ver­ein­ba­rung sah vor, dass Ar­beit­neh­mer mit ein­zel­ver­trag­li­cher Be­triebs­ren­ten­zu­sa­ge ge­ne­rell nicht un­ter die Be­triebs­ver­ein­ba­rung fal­len.

Der Fonds­ma­na­ger, der sich ab 2009 im Vor­ru­he­stand be­fand, klag­te auf die Fest­stel­lung, dass ihm ei­ne Be­triebs­ren­te auf der Grund­la­ge der Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­ste­he. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 19.12.2013, 19 Ca 3380/13), während das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) dem Fonds­ma­na­ger im We­sent­li­chen Recht gab (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 22.10.2014, 6 Sa 106/14).

Nach An­sicht des LAG war die ein­zel­ver­trag­li­che Pen­si­ons­re­ge­lung für den Kläger als Ar­beit­neh­mer ungüns­ti­ger als die Be­triebs­ver­ein­ba­rung, wes­halb die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vor­ging. Das be­sagt das Güns­tig­keits­prin­zip.

BAG: Aus­schluss von Be­triebs­ren­ten­ansprüchen aus ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Ansprüche setzt Gleich­wer­tig­keit der Ansprüche vor­aus

Das BAG hob das Ur­teil des LAG auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­halts zurück an das LAG. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Ar­beit­neh­mer, de­nen be­reits ein­zel­ver­trag­lich ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung zu­ge­sagt wur­de, dürfen nur dann vollständig von ei­nem auf ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­ru­hen­den kol­lek­ti­ven Ver­sor­gungs­sys­tem des Ar­beit­ge­bers aus­ge­nom­men wer­den, wenn ih­re ar­beits­ver­trag­li­che Pen­si­ons­be­rech­ti­gung "zu­min­dest annähernd gleich­wer­tig" ist. Hier macht das BAG al­ler­dings zwei Ein­schränkun­gen:

Ers­tens kommt es nicht auf die Gleich­wer­tig­keit der Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen im Ein­zel­fall an, son­dern dar­auf, ob die von der Pen­si­ons-Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer "ty­pi­scher­wei­se" gleich­wer­ti­ge ar­beits­ver­trag­li­che Ansprüche ha­ben.

Zwei­tens ha­ben Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber hier ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum, d.h. sie können und müssen die ar­beits­ver­trag­li­chen Ansprüche der Ar­beit­neh­mer, die von ei­ner Pen­si­ons-Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­sen wer­den, be­wer­ten und mit den Ansprüchen ver­glei­chen, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben.

Fa­zit: Es ist im Prin­zip möglich, Ar­beit­neh­mer mit ein­zel­ver­trag­li­chen Pen­si­ons­ansprüchen per Be­triebs­ver­ein­ba­rung von be­trieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nun­gen aus­zu­neh­men. Al­ler­dings muss ein sol­cher Aus­schluss da­durch ge­recht­fer­tigt sein, dass die aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen ("ty­pi­scher­wei­se") annähernd gleich­wer­ti­ge ein­zel­ver­trag­li­che Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen ha­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 28. November 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung: Be­triebs­ren­te ge­mäß Ar­beits­ver­trag oder Be­triebs­ver­ein­ba­rung 5.0 von 5 Sternen (2 Bewertungen)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de