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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/097

Be­triebs­ren­te und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung

Ei­ne Al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren für die Teil­nah­me an ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist dis­kri­mi­nie­rend: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.03.2014, 3 AZR 69/12
Zwei Männchen mit Euro Mit 45 zu alt für die Be­triebs­ren­te?

23.03.2014. Höchst­al­ters­gren­zen bei der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung schlie­ßen "zu al­te" Ar­beit­neh­mer aus und stel­len da­her mög­li­cher­wei­se ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass ei­ne Al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig und da­her ei­ne un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung ist.

Denn wer mit 45 Jah­ren in das Un­ter­neh­men ein­tritt, kann noch sat­te 20 Jah­re ar­bei­ten und darf da­her nicht von ei­ner Be­triebs­ren­te aus­ge­schlos­sen wer­den: BAG, Ur­teil vom 18.03.2014, 3 AZR 69/12 (BAG-Pres­se­mel­dung).

Kei­ne Be­triebs­ren­te für Ar­beit­neh­mer, die mit 45 Jah­ren oder später in das Un­ter­neh­men ein­tre­ten?

Der al­ters­be­ding­te Aus­schluss von ei­ner Be­triebs­ren­te ist ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters und muss da­her auf der Grund­la­ge des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) sach­lich ge­recht­fer­tigt sein. Denn ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung im Er­werbs­le­ben we­gen des Al­ters oder we­gen des Ge­schlechts ist im All­ge­mei­nen un­zulässig (§§ 1, 2 und 7 AGG).

Al­ters­gren­zen für die Mit­glied­schaft in ei­nem be­trieb­li­chen Sys­tem der Al­ters­ver­sor­gung müssen da­her gemäß § 10 Sätze 1 und 2 AGG "ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen" und "durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt" sein. Außer­dem müssen die Mit­tel zur Er­rei­chung ei­nes sol­chen Ziels "an­ge­mes­sen und er­for­der­lich" sein. Un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen er­laubt § 10 Satz 3 Nr.4 AGG aus­drück­lich die

"Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug von Al­ters­ren­te oder von Leis­tun­gen bei In­va­li­dität ein­sch­ließlich der Fest­set­zung un­ter­schied­li­cher Al­ters­gren­zen im Rah­men die­ser Sys­te­me für be­stimm­te Beschäftig­te oder Grup­pen von Beschäftig­ten".

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te das BAG im No­vem­ber letz­ten Jah­res ent­schie­den, dass ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 50 Jah­ren für die Teil­nah­me an ei­nem Be­triebs­ren­ten­sys­tem rech­tens ist. Denn es ist sach­lich ge­recht­fer­tigt, dass der Ar­beit­ge­ber für ei­ne Be­triebs­ren­te den begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mern ab­ver­langt, sich die Ren­te durch ei­ne min­des­tens 15jähri­ge Mit­ar­beit im Un­ter­neh­men zu ver­die­nen (BAG, Ur­teil vom 12.11.2013, 3 AZR 356/12 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/334 Höchst­al­ters­gren­ze für Be­triebs­ren­te).

Bis­lang noch nicht vom BAG ent­schie­den war die Fra­ge, ob Ar­beit­ge­ber die­se Al­ters­gren­ze noch wei­ter ab­sen­ken können, al­so z.B. Ar­beit­neh­mer be­reits dann von der Be­triebs­ren­te aus­sch­ließen dürfen, wenn sie mit 45 Jah­ren in das Un­ter­neh­men ein­tre­ten.

Der Streit­fall: Be­triebs­ren­ten­sys­tem schließt Ar­beit­neh­mer aus, die erst mit 45 Jah­ren oder später in das Un­ter­neh­men ein­tre­ten

Im Fall des BAG ging es um ei­ne 1945 ge­bo­re­ne Bank­an­ge­stell­te, die in­fol­ge ei­ner Un­ter­neh­mens­fu­si­on seit 1999 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis mit dem be­klag­ten Un­ter­neh­men stand.

Die Ver­sor­gungs­ord­nung sah ei­ne War­te­zeit von nur zehn Jah­ren vor, hat­te al­ler­dings den Ha­ken, dass man die­se War­te­zeit be­reits mit 55 Jah­ren zurück­ge­legt ha­ben muss­te. Wer da­her nicht spätes­tens mit 45 Jah­ren an­fing, War­te­zei­ten zu sam­meln, konn­te kei­ne Be­triebs­ren­te er­hal­ten.

Nach­dem die An­ge­stell­te im Jah­re 2010 al­ters­be­dingt aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­trat, ver­lang­te sie ei­ne Be­triebs­ren­te, weil sie die Al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren als un­zulässi­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung an­sah.

Das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart wies ih­re Kla­ge ab (Ur­teil vom 19.05.2011, 1 Ca 5468/10). Da­ge­gen hat­te die An­ge­stell­te vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg Er­folg (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 23.11.2011, 2 Sa 77/11). Das LAG ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber an­trags­gemäß da­zu, ihr ab Ju­li 2010 ei­ne mo­nat­li­che Be­triebs­ren­te von 113,66 EUR brut­to zu zah­len.

Denn, so das LAG: Je nied­ri­ger ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze in ei­nem Be­triebs­ren­ten­sys­tem, des­to ge­wich­ti­ger müssen die sach­li­chen Recht­fer­ti­gungs­gründe sein. Und während man noch nach­voll­zie­hen kann, dass An­wart­schaf­ten auf In­va­li­ditäts­ren­ten nicht mehr er­wor­ben wer­den können, wenn man erst mit 45 Jah­ren anfängt, ist das bei ei­ner Al­ters­ren­te nicht ein­zu­se­hen.

BAG: Ei­ne Al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren für Be­triebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten ist dis­kri­mi­nie­rend

Das BAG ent­schied eben­so wie das LAG, d.h. es gab der Kläge­rin recht. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung:

Da sich die Kläge­rin auf ei­ne ver­trag­li­che Ver­sor­gungs­zu­sa­ge be­ru­fen konn­te, konn­te ihr das ver­klag­te Un­ter­neh­men nur den An­spruchs­aus­schluss sei­ner Ver­sor­gungs­ord­nung ent­ge­gen­hal­ten. Die­se Vor­schrift war al­ler­dings, so das BAG, we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gemäß § 7 Abs.2 AGG un­wirk­sam.

Denn ob­wohl Al­ters­gren­zen in Be­triebs­ren­ten­sys­te­men im All­ge­mei­nen zulässig sind, müssen kon­kre­te Al­ters­gren­zen an­ge­mes­sen sein. Da­von kann aber nach An­sicht des BAG kei­ne Re­de sein bei ei­ner Al­ters­gren­ze, die Ar­beit­neh­mer von Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung aus­sch­ließt, ob­wohl sie noch min­des­tens 20 Jah­re be­triebs­treu sein können.

Fa­zit: Während ein Ein­stel­lungshöchst­al­ter von 50 Jah­ren für Be­triebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten und auch ei­ne War­te­zeit von 15 Jah­ren rech­tens sind, d.h. kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, geht ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren zu weit. Ei­ne so weit nach vor­ne ver­la­ger­te Al­ters­gren­ze ist durch sach­li­che Gründe nicht ge­recht­fer­tigt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 16. Oktober 2016

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Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

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