HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/151

Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung im Kon­zern

Er­fur­ter Rich­ter än­dern Be­weis­last beim Streit um Be­triebs­ren­ten­er­hö­hun­gen durch be­herrsch­te Kon­zern­un­ter­neh­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.03.2015, 3 AZR 739/13
Rentnerpaar auf Parkbank

10.06.2015. Klagt ein Be­triebs­rent­ner auf ei­ne (hö­he­re) Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung, kommt es auf die wirt­schaft­li­che La­ge sei­nes ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­bers an, der zur Be­triebs­ren­ten­zah­lung ver­pflich­tet ist.

Steht die­ses Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich schlecht da, spricht das ge­gen ei­ne Ren­ten­er­hö­hung, es sei denn, es gibt ei­nen Be­herr­schungs­ver­trag zu­guns­ten ei­nes an­de­ren, "herr­schen­den" Kon­zern­un­ter­neh­mens, dem es wirt­schaft­lich bes­ser geht.

Dann kann es ei­nen Ren­ten­er­hö­hung ge­ben, weil die Ar­beits­ge­rich­te ei­nen "Be­rech­nungs­durch­griff" vor­neh­men. Des­sen Vor­aus­set­zun­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil zu­las­ten der Be­triebs­rent­ner ver­schärft: BAG, Ur­teil vom 10.03.2015, 3 AZR 739/13.

Wann können Kon­zern­un­ter­neh­men ei­ne Erhöhung der Be­triebs­ren­ten un­ter Ver­weis auf ih­re schlech­te wirt­schaft­li­che La­ge ver­wei­gern?

Gemäß § 16 Abs. 1 Be­triebs­ren­ten­ge­setz (Be­trAVG) hat der Ar­beit­ge­ber al­le drei Jah­re „nach bil­li­gem Er­mes­sen“ über ei­ne An­pas­sung der lau­fen­den Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung, d.h. der lau­fend ge­zahl­ten Be­triebs­ren­ten zu ent­schei­den. Da­bei sind ei­ner­seits die Be­lan­ge der Be­triebs­rent­ner und zum an­de­ren die wirt­schaft­li­che La­ge des Ar­beit­ge­bers zu berück­sich­ti­gen.

Nor­ma­ler­wei­se sind Un­ter­neh­men da­bei ver­pflich­tet, die durch die In­fla­ti­on be­ding­te Ent­wer­tung der Be­triebs­ren­ten durch ei­ne Ren­ten­erhöhung aus­zu­glei­chen. Nur dann, wenn ih­re wirt­schaft­li­che La­ge so schlecht ist, dass die vor­aus­sicht­li­chen Ge­win­ne der nächs­ten drei Jah­re ei­ne Ren­ten­erhöhung nicht tra­gen würden, können sie ih­ren Be­triebs­rent­nern nach der Recht­spre­chung ei­ne Ren­ten­erhöhung un­ter­halb der In­fla­ti­ons­ra­te oder so­gar ei­ne Null­run­de zu­mu­ten.

Ein Streit­punkt zwi­schen Be­triebs­rent­nern und Un­ter­neh­men ist da­bei im­mer wie­der die Fra­ge, un­ter wel­chen Umständen abhängi­ge Kon­zern­un­ter­neh­men, die auf­grund ei­nes Be­herr­schungs­ver­trags die Vor­ga­ben ei­nes herr­schen­den Kon­zern­un­ter­neh­mens be­ach­ten müssen, auf ih­re ei­ge­ne schlech­te wirt­schaft­li­che La­ge ver­wei­sen können, wenn es gleich­zei­tig dem herr­schen­den Kon­zern­un­ter­neh­men wirt­schaft­lich gut geht (oder je­den­falls bes­ser).

Bei Be­ste­hen ei­nes Be­herr­schungs­ver­trags hat­te das BAG bis­her ei­nen sog. Be­rech­nungs­durch­griff für rich­tig ge­hal­ten. Be­rech­nungs­durch­griff heißt, dass das zur Ren­ten­zah­lung und da­mit zur An­pas­sung ver­pflich­te­te Un­ter­neh­men trotz ei­ge­ner schlech­ter wirt­schaft­li­cher La­ge ei­ne Ren­ten­erhöhung vor­neh­men muss, wenn die wirt­schaft­li­che La­ge des herr­schen­den Kon­zern­un­ter­neh­mens dies zulässt (BAG, Ur­teil vom 17.06.2014, 3 AZR 298/13).

Die­se für Be­triebs­rent­ner güns­ti­ge Recht­spre­chung hat das BAG nun­mehr zu­guns­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te geändert.

Im Streit: Be­triebs­ren­ten­erhöhung durch wirt­schaft­lich an­ge­schla­ge­ne Rent­ner­ge­sell­schaft

Ein 1939 ge­bo­re­ner Be­triebs­rent­ner war von 1954 bis 1996 bei ei­nem Her­stel­ler luft­tech­ni­scher Ap­pa­ra­te als Schweißer tätig. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te durch be­triebs­be­ding­te Kündi­gung im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Be­triebsände­rung. Seit April 1999 be­zog er ei­ne Be­triebs­ren­te.

Das Un­ter­neh­men, des­sen wirt­schaft­li­che La­ge sich während der 90er Jah­re im­mer wei­ter ver­schlech­ter­te, beschäftigt seit 1999 kei­ne Ar­beit­neh­mer mehr und stell­te sei­ne ursprüng­li­che Geschäftstätig­keit 1999 ein. In den Jah­ren 1997 bis 2006 er­ziel­te das Un­ter­neh­men Ver­lus­te. 2007 und 2008 war das Er­geb­nis zwar po­si­tiv, doch be­ruh­te das im We­sent­li­chen auf der Er­geb­nisüber­nah­me von ei­ner Toch­ter­ge­sell­schaft. Seit 2009 schrieb man wie­der ro­te Zah­len.

Trotz­dem klag­te der Be­triebs­rent­ner auf Erhöhung sei­ner Be­triebs­ren­te ab Ju­li 2011, wo­bei er sich dar­auf be­rief, dass das ver­klag­te Un­ter­neh­men ei­nen Be­herr­schungs­ver­trag mit ei­nem herr­schen­den Kon­zern­un­ter­neh­men ab­ge­schlos­sen hat­te, des­sen wirt­schaft­li­che La­ge so gut war, dass sie ei­nen Ren­ten­an­pas­sung er­laub­te.

Mit die­ser Kla­ge hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Her­ne kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 09.01.2013, 5 Ca 2251/12), dafür aber in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Ur­teil vom 02.07.2013, 9 Sa 277/13). Für das LAG war ent­spre­chend der bis­he­ri­gen BAG-Recht­spre­chung ent­schei­dend,

  • dass es ei­nen Be­herr­schungs­ver­trag mit dem be­klag­ten Un­ter­neh­men als be­herrsch­ter Ge­sell­schaft gab, und
  • dass das herr­schen­de Kon­zern­un­ter­neh­men wirt­schaft­lich zu ei­ner Be­triebs­ren­ten­erhöhung in der La­ge war.

BAG: Ein Be­herr­schungs­ver­trag führt nicht zu ei­nem Be­rech­nungs­durch­griff, wenn das herr­schen­de Un­ter­neh­men kei­ne Wei­sun­gen zu­las­ten des be­herrsch­ten Ver­sor­gungs­schuld­ners er­teilt hat

Der Ar­beit­ge­ber hat­te mit sei­ner Re­vi­si­on vor dem BAG Er­folg. Das BAG hob das Ur­teil des LAG Hamm auf und ver­wies den Rechts­streit zurück an das LAG.

Im Un­ter­schied zu sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung, die das BAG aus­drück­lich auf­gibt, hält das BAG ei­nen Be­rech­nungs­durch­griff künf­tig nicht mehr für ge­recht­fer­tigt, wenn das herr­schen­de Kon­zern­un­ter­neh­men dem be­herrsch­ten Un­ter­neh­men kei­ne im Kon­zern­in­ter­es­se lie­gen­de Wei­sun­gen er­teilt hat, die die wirt­schaft­li­che La­ge des be­herrsch­ten Un­ter­neh­mens ver­schlech­tert ha­ben.

Dass es sol­che Wei­sun­gen mit nach­tei­li­gen wirt­schaft­li­chen Fol­gen für das zur Ren­ten­zah­lung ver­pflich­te­te Un­ter­neh­men nicht gab, muss die­ses Un­ter­neh­men als "Ver­sor­gungs­schuld­ner" kon­kret vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen. Und da die Par­tei­en hier im Streit­fall zu die­sen recht­lich re­le­van­ten Fra­gen noch nichts hat­ten vor­brin­gen können, muss der Fall nun wei­ter vor dem LAG Hamm ver­han­delt wer­den.

Fa­zit: Be­triebs­rent­ner sol­len, so das BAG, durch die Kon­zern­zu­gehörig­keit ih­res ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­bers nicht schlech­ter, aber auch nicht bes­ser ge­stellt wer­den als sie sich ste­hen würden, wenn es kei­ne Kon­zern­zu­gehörig­keit gäbe (Ur­teil, Rand­num­mer 33).

Die­se Über­le­gung ist rich­tig und spricht da­ge­gen, ei­nen Be­rech­nungs­durch­griff im­mer schon dann zu­guns­ten des Be­triebs­rent­ners vor­zu­neh­men, wenn das ren­ten­pflich­ti­ge Un­ter­neh­men ein be­herrsch­tes Kon­zern­un­ter­neh­men ist. Und auf­grund der um­fas­sen­den Be­weis­last der zur Ren­ten­zah­lung ver­pflich­te­ten Un­ter­neh­men ist nicht zu er­war­ten, dass es künf­tig kei­ne Be­rech­nungs­durch­grif­fe mehr ge­ben wird.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 16. Oktober 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Nina Wesemann
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38, 30159 Hannover
Telefon: 0511 - 89 97 701
Telefax: 0511 - 89 97 702
E-Mail: hannover@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de