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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/091

Ver­schlech­te­rung des Ar­beits­ver­trags per Be­triebs­ver­ein­ba­rung?

Vier­ter BAG-Se­nat stellt die vom Ers­ten Se­nat be­haup­te­te „Be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit“ ar­beits­ver­trag­li­cher AGB in Fra­ge: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.04.2018, 4 AZR 119/17
Arbeitgeber übergibt Arbeitsvertrag zu Unterschrift, Allgemeine Geschäftsbedingungen, vorformulierte Vertragsklauseln

12.04.2018. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) klar­ge­stellt, dass Ren­ten­al­ter­sklau­seln, die zur Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses mit dem Ren­ten­ein­tritts­al­ter füh­ren, auch in Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ent­hal­ten sein kön­nen.

Ob­wohl es in dem da­mals ent­schie­de­nen Streit­fall gar nicht dar­auf an­kam, äu­ßer­te der Ers­te Se­nat bei­läu­fig die Mei­nung, dass ar­beits­ver­trag­li­che All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) im All­ge­mei­nen „be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen“ sind, falls es um Re­ge­lun­gen mit „kol­lek­ti­vem Be­zug“ geht (BAG, Ur­teil vom 05.03.2013, 1 AZR 417/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/055 Ent­las­sung mit 65 auf­grund Be­triebs­ver­ein­ba­rung).

In ei­ner ges­tern er­gan­ge­nen Ent­schei­dung hat sich der Vier­te BAG-Se­nat von die­ser Recht­spre­chung dis­tan­ziert: BAG, Ur­teil vom 11.04.2018, 4 AZR 119/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Wann sind Ar­beits­verträge of­fen ge­genüber späte­ren Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, mit de­nen Ver­trags­re­ge­lun­gen (auch) zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers geändert wer­den können?

Ar­beits­verträge ent­hal­ten oft Be­zug­nah­men auf Ta­rif­verträge, d.h. Re­ge­lun­gen, de­nen zu­fol­ge die Ta­rif­verträge ei­ner be­stimm­ten Bran­che und/oder ei­ner be­stimm­ten Ge­werk­schaft auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­bar sein sol­len. Meist sind sol­che Be­zug­nah­me­klau­seln „dy­na­misch“, d.h. die in der Klau­sel erwähn­ten Ta­rif­verträge sol­len „in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung“ gel­ten. Da­durch kom­men dem Ar­beit­neh­mer künf­ti­ge Loh­nerhöhun­gen zu­gu­te, aber es kann auch sein, dass ta­rif­li­che Vergüns­ti­gun­gen weg­fal­len.

Ar­beits­verträge können auch dy­na­mi­sche Be­zug­nah­men auf Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ent­hal­ten, bei­spiels­wei­se auf Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen zu den The­men Über­stun­den, Bo­nus­re­ge­lun­gen oder Be­triebs­ren­te. Mit ei­ner sol­chen Klau­sel legt der Ar­beit­neh­mer die wei­te­re Ge­stal­tung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Rech­te und Pflich­ten in die Hand der Be­triebs­par­tei­en. Er muss da­her künf­ti­ge Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen in ih­rer je­wei­li­gen Ge­stalt ak­zep­tie­ren, al­so auch dann, wenn die­se aus sei­ner Sicht ungüns­ti­ger sind als die ursprüng­lich gel­ten­den Re­ge­lun­gen.

Mit dem oben ge­nann­ten Ur­teil vom 05.03.2013 (1 AZR 417/12) hat der Ers­te BAG-Se­nat die „Be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit“ von Ar­beits­verträgen er­heb­lich aus­ge­wei­tet. Denn die­ser Ent­schei­dung zu­fol­ge sol­len ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen schon dann durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ab­gelöst bzw. (aus Ar­beit­neh­mer­sicht) ver­schlech­tert wer­den können, wenn der Ver­trags­ge­gen­stand in AGB ent­hal­ten ist und ei­nen „kol­lek­ti­ven Be­zug“ hat.

Die­se Aus­sa­ge ist un­ter Ar­beits­recht­lern um­strit­ten. Kri­ti­ker des Ers­ten BAG-Se­nats wen­den ein, dass die meis­ten Ar­beits­verträge AGB be­inhal­ten, die wie­der­um stets ge­ne­rel­le Re­ge­lun­gen ent­hal­ten, d.h. nicht spe­zi­ell für die­sen oder je­nen (ein­zel­nen) Ar­beit­neh­mer ge­dacht sind. Dem­zu­fol­ge ha­ben prak­tisch al­le Ar­beits­verträge (bzw. ar­beits­ver­trag­li­che AGB) ei­nen sog. „kol­lek­ti­ven Be­zug“ und können, so je­den­falls der Ers­te BAG-Se­nat, durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen geändert wer­den.

Dies gilt ins­be­son­de­re auch dann, wenn sie aus Ar­beit­neh­mer­sicht ungüns­ti­ger als der Ar­beits­ver­trag sind. Da­mit hat der Ers­te BAG-Se­nat das sog. Güns­tig­keits­prin­zip weit­ge­hend be­sei­tigt. Die­ses Prin­zip be­sagt, dass Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen nur dann vom Ar­beits­ver­trag ab­wei­chen können, wenn die Ab­wei­chun­gen für den Ar­beit­neh­mer güns­ti­ger sind als der Ar­beits­ver­trag.

Mit der ges­tern er­gan­ge­nen Ent­schei­dung hat der Vier­te BAG-Se­nat si­gna­li­siert, dass er die­se Recht­spre­chung des Ers­ten Se­nats kri­tisch sieht.

Der Fall des BAG: Ar­beits­ver­trag­li­che Zu­si­che­rung der Be­zah­lung nach Ta­rif wird durch späte­re Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­sei­tigt

Ge­klagt hat­te ein Mas­seur, der seit 1991 in ei­nem pri­va­ten Se­nio­ren- und Pfle­ge­zen­trum beschäftigt war. Er hat­te im De­zem­ber 1992 mit sei­nem Ar­beit­ge­ber ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Zu­satz­ver­ein­ba­rung über die Ver­rin­ge­rung sei­ner Ar­beits­zeit ge­trof­fen. In die­ser Ver­ein­ba­rung heißt es:

„Die Vergütung für die ver­ein­bar­te Tätig­keit beträgt mo­nat­lich in der Grup­pe BAT Vc/3 = DM 2.527,80 brut­to.“

Auf­grund der kon­kre­ten An­ga­be ei­ner ta­rif­li­chen Vergütungs­grup­pe in die­ser Ver­ein­ba­rung konn­te der Ar­beit­neh­mer, auch un­ter Berück­sich­ti­gung der be­reits zu­vor ge­trof­fe­nen ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen, da­von aus­ge­hen, dass der Ar­beit­ge­ber ihn künf­tig nach Ta­rif vergüten woll­te.

Kurz dar­auf, im Fe­bru­ar 1993, ver­ein­bar­ten Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung, der zu­fol­ge in ih­rem An­wen­dungs­be­reich „ana­log die für die An­ge­stell­ten des Bun­des und der Länder ver­ein­bar­ten Be­stim­mun­gen des Lohn- und Vergütungs­ta­rif­ver­tra­ges - BAT vom 11. Ja­nu­ar 1961“ gel­ten soll­ten. Die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung soll­te „au­to­ma­tisch“ zum Be­stand­teil der Ar­beits­verträge der von ihr be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer wer­den, falls die­se Ar­beits­verträge vor dem Fe­bru­ar 1993 ge­schlos­sen wor­den wa­ren. Ergänzend soll­ten die Ar­beit­neh­mer ei­nen ent­spre­chen­den Nach­trag zum Ar­beits­ver­trag er­hal­ten. Ei­nen sol­chen Nach­trag un­ter­schrieb auch der Mas­seur, und zwar im März 1993. Später kündig­te der Ar­beit­ge­ber die Be­triebs­ver­ein­ba­rung zum Jah­res­en­de 2001.

Im März 2006 ver­ein­bar­ten die Par­tei­en im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Ar­beits­zeit­erhöhung ei­ne Ge­halts­erhöhung „ent­spre­chend der 0,78 Stel­le auf 1.933,90 Eu­ro“, wo­bei „al­le übri­gen Be­stand­tei­le des be­ste­hen­den Ar­beits­ver­tra­ges … un­verändert gültig“ blei­ben soll­ten.

Der Ar­beit­neh­mer war der Mei­nung, er ha­be auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel An­spruch auf Be­zah­lung nach dem Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst in der für die kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber gel­ten­den Fas­sung (TVöD/VKA) bzw. nach dem Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TV-L). Das sah der Ar­beit­ge­ber an­ders. Das Ar­beits­ge­richt Es­sen (Ur­teil vom 25.05.2016, 6 Ca 541/16) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf ga­ben dem Ar­beit­ge­ber recht (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 25.10.2016, 8 Sa 500/16).

Be­gründung des LAG: Der Ar­beit­neh­mer konn­te zwar ursprüng­lich Be­zah­lung nach Ta­rif ver­lan­gen, denn das er­gab sich aus der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung vom De­zem­ber 1992. Die­se Ver­ein­ba­rung war al­ler­dings, so das LAG, in Form von AGB ge­trof­fen wor­den, und da­her war sie gemäß der Recht­spre­chung des Ers­ten BAG-Se­nats „be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen“. Da­mit hat­te der Ar­beit­neh­mer im Er­geb­nis Pech ge­habt, denn die späte­re Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom Fe­bru­ar 1993 trat an die Stel­le die­ser ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lung, und da sie zum Jah­res­en­de 2001 gekündigt wor­den war, konn­te sich der Kläger nicht mehr auf sie be­ru­fen. Denn ob­wohl sie gemäß § 77 Abs.6 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers nach­wirk­te, half das dem Ar­beit­neh­mer hier nichts, da die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf den mitt­ler­wei­le aus­ge­lau­fe­nen BAT ver­wies und ei­ne Aus­le­gung im Sin­ne ei­nes Ver­wei­ses auf die Nach­fol­ge-Ta­rif­verträge (TVöD/VKA) hier nicht möglich war, so je­den­falls die Düssel­dor­fer Rich­ter.

Vier­ter BAG-Se­nat lässt die Fra­ge aus­drück­lich of­fen, ob ar­beits­ver­trag­li­che AGB durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen auch zu Un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers er­setzt wer­den können

Die Re­vi­si­on des Ar­beit­neh­mers hat­te vor dem Vier­ten BAG-Se­nat Er­folg. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Der Ar­beit­ge­ber war im Streit­fall ver­pflich­tet, den Ar­beit­neh­mer nach der je­wei­li­gen Ent­gelt­ta­bel­le des TVöD/VKA zu be­zah­len. Denn dem Ar­beit­neh­mer war (im De­zem­ber 1992) die Vergütung nach den je­weils gel­ten­den Re­ge­lun­gen des BAT und nach­fol­gend des TVöD/VKA ar­beits­ver­trag­lich zu­ge­si­chert wor­den. Die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom Fe­bru­ar 1993 konn­te die­se Ver­ein­ba­rung nicht zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers ändern. Denn die Vergütungs­ver­ein­ba­rung vom De­zem­ber 1992 war, so das BAG im Un­ter­schied zum Ar­beits­ge­richt Es­sen und zum LAG Düssel­dorf, ei­ne In­di­vi­du­al­ver­ein­ba­rung über ar­beits­ver­trag­li­che Haupt­leis­tungs­pflich­ten, d.h. hier la­gen gar kei­ne AGB vor.

Des­halb muss­te die vom LAG auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge ei­ner - ge­ne­rel­len - Be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit von ar­beits­ver­trag­li­chen AGB hier im Streit­fall nicht ent­schie­den wer­den, so das BAG.

Fa­zit: Mit sei­ner vor­lie­gen­den Ent­schei­dung hat der Vier­te BAG-Se­nat deut­lich ge­macht, dass er die Recht­spre­chung des Ers­ten Se­nats kri­tisch sieht, der zu­fol­ge Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat prak­tisch schran­ken­los ar­beits­ver­trag­lich fest­ge­leg­te Ansprüche be­sei­ti­gen können. Ei­ne so weit­ge­hen­de Rechtsände­rung, die auf ei­ne Ab­schaf­fung des Güns­tig­keits­prin­zips hin­ausläuft, kann ein ein­zel­ner Se­nat des BAG auch nicht be­sch­ließen. Dafür bräuch­te es ei­ne Grund­satz­ent­schei­dung des Großen Se­nats.

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Letzte Überarbeitung: 15. Mai 2018

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