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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/074

Nach­wir­kung von Re­ge­lungs­ab­re­den

Re­ge­lungs­ab­re­den ha­ben kei­ne Nach­wir­kung ent­spre­chend § 77 Abs.6 Be­trVG, auch wenn sie mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge The­men be­tref­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 13.08.2019, 1 ABR 10/18
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16.06.2020. Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber kön­nen or­dent­lich ge­kün­digt wer­den.

Das gilt so­wohl für Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen als auch für blo­ße Re­ge­lungs­ab­re­den, die ei­ne schwä­che­re recht­li­che Wir­kung ha­ben.

In ei­ner ak­tu­el­len Grund­satz­ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung auf­ge­ge­ben und klar­ge­stellt, dass die ge­setz­li­che an­ge­ord­ne­te Nach­wir­kung nur für ge­kün­dig­te Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen gilt, nicht aber für ge­kün­dig­te Re­ge­lungs­ab­re­den: BAG, Be­schluss vom 13.08.2019, 1 ABR 10/18

Können gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­den nach­wir­ken?

Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen wir­ken sich un­mit­tel­bar und zwin­gend auf die Rech­te und Pflich­ten der Ar­beit­neh­mer des Be­triebs aus (§ 77 Abs.4 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG). Das ist an­ders bei Re­ge­lungs­ab­re­den bzw. Re­ge­lungs­ab­spra­chen. Sie be­tref­fen nur das recht­li­che Verhält­nis von Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber. Rech­te und Pflich­ten für die Ar­beit­neh­mer des Be­triebs fol­gen aus ih­nen nicht.

Wird ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung gekündigt, wirkt sie nach Ab­lauf der (drei­mo­na­ti­gen) Kündi­gungs­frist vorläufig wei­ter, bis sie durch ei­ne an­de­re Ver­ein­ba­rung er­setzt wird. Die­se sog. Nach­wir­kung folgt aus § 77 Abs.6 Be­trVG. Sie gilt nicht für al­le, son­dern nur für sol­che Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, die mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Re­ge­lun­gen ent­hal­ten. § 77 Abs.6 Be­trVG lau­tet:

"Nach Ab­lauf ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung gel­ten ih­re Re­ge­lun­gen in An­ge­le­gen­hei­ten, in de­nen ein Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le die Ei­ni­gung zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat er­set­zen kann, wei­ter, bis sie durch ei­ne an­de­re Ab­ma­chung er­setzt wer­den."

Frag­lich ist, ob Re­ge­lungs­ab­re­den, wenn sie von ei­ner Be­triebs­par­tei gekündigt wor­den sind, in ent­spre­chen­der An­wen­dung von § 77 Abs.6 Be­trVG nach­wir­ken.

Dafür spricht, dass auch Re­ge­lungs­ab­re­den mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Fra­gen re­geln können, v.a. so­zia­le An­ge­le­gen­hei­ten im Sin­ne von § 87 Abs.1 Be­trVG. Da­ge­gen spricht, dass Re­ge­lungs­ab­re­den von vorn­her­ein kei­ne un­mit­tel­ba­ren recht­li­chen Wir­kun­gen für die Ar­beit­neh­mer des Be­triebs ha­ben.

Im Streit: Über­ta­rif­li­che Zu­la­ge gemäß ei­ner Re­ge­lungs­ab­re­de

Ei­ne Dru­cke­rei hat­te mit der Ge­werk­schaft ei­nen Ta­rif­wech­sel zu ei­nem Ta­rif­ver­trag mit ge­rin­ge­ren Löhnen ver­ein­bart, sich da­bei aber ver­pflich­tet, den bis­lang beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern ei­ne Zu­la­ge zu zah­len. Sie er­gab sich aus ei­ner ei­gens dafür fest­ge­leg­ten Zwi­schen­l­ohn­grup­pen ei­nes Über­lei­tungs­ta­rif­ver­trags (ÜTV).

Per Re­ge­lungs­ab­re­de ei­nig­te sich die Dru­cke­rei mit dem Be­triebs­rat, dass auch später ein­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer in den Ge­nuss der höhe­ren Zwi­schen­l­ohn­grup­pen kom­men soll­ten. Ei­ni­ge Jah­re später kündig­te der Ar­beit­ge­ber die Re­ge­lungs­ab­re­de und woll­te die ein­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer künf­tig nicht mehr nach der Zwi­schen­l­ohn­grup­pe be­zah­len, son­dern nach der ei­gent­lich zu­tref­fen­den ta­rif­li­chen Lohn­grup­pe.

Bei ei­ner neu ein­ge­stell­ten Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin kam es da­her zum Streit über die rich­ti­ge Ein­grup­pie­rung. Der der Be­triebs­rat ver­wei­ger­te sei­ne Zu­stim­mung zu der vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­nom­me­nen Ein­grup­pie­rung un­ter Be­ru­fung auf § 99 Abs.2 Nr.1 Be­trVG. In dem ge­richt­li­chen Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren (§ 99 Abs.4 Be­trVG) be­an­trag­te der Be­triebs­rat u.a. die Fest­stel­lung der Nach­wir­kung der Re­ge­lungs­ab­re­de.

Das Ar­beits­ge­richt Augs­burg (Be­schluss vom 21.02.2017, 7 BV 61/16) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München ga­ben dem Ar­beit­ge­ber recht (Be­schluss vom 27.10.2017, 7 TaBV 51/17).

BAG: Gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­den ha­ben kei­ne Nach­wir­kung

Auch in Er­furt vor dem BAG hat­te der Be­triebs­rat kein Glück. Re­ge­lungs­ab­re­de, so das BAG, ha­ben kei­ne Nach­wir­kung.

Da­bei stell­ten die Er­fur­ter Rich­ter klar, dass sie an ih­rer frühe­ren Recht­spre­chung nicht mehr fest­hal­ten (Ur­teil, Rn.46). Re­ge­lungs­ab­re­den können nicht nach dem Mo­dell von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen nach­wir­ken, da sie von vorn­her­ein kei­ne un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Wir­kung für die Ar­beit­neh­mer des Be­triebs ha­ben.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber und Be­triebsräte soll­ten sich gut über­le­gen, ob sie statt ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung nur ei­ne Re­ge­lungs­ab­re­de tref­fen wol­len. Bei mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen The­men ist im All­ge­mei­nen ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung eher zu emp­feh­len, auch wenn es meist länger dau­ert, bis sie recht­wirk­sam ver­ein­bart ist.

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Letzte Überarbeitung: 19. September 2020

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