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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/005

Gleich­be­hand­lungs­grund­satz bei Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen

Kön­nen Ar­beit­neh­mer La­ge und Um­fang ih­rer Ar­beits­zeit selbst fest­le­gen, darf der Ar­beit­ge­ber ih­nen auf der Grund­la­ge ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung we­ni­ger zah­len als Kol­le­gen mit fes­ter Ar­beits­zeit: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 13.09.2017, 9 Sa 17/17
Einkommensunterschiede, Gehaltsunterschiede, Lohnlücke zwischen Arm und Reich

05.01.2018. Ar­beit­ge­ber be­we­gen sich recht­lich auf dün­nem Eis, wenn sie be­stimm­te Ar­beit­neh­mer(grup­pen) schlech­ter be­zahlt als an­de­re, ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer(grup­pen).

Denn in sol­chen Fäl­len liegt der Ver­dacht na­he, dass die Lohn­un­ter­schie­de ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz und/oder ge­gen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz (AGG) ver­sto­ßen.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg al­ler­dings ent­schie­den, dass ei­ne um et­wa 16 Pro­zent ge­rin­ge­re Be­zah­lung von Ar­beit­neh­mern, die La­ge und Um­fang ih­rer Ar­beits­zeit selbst fest­le­gen kön­nen, als Aus­gleich für die ge­rin­ge­re Plan­bar­keit der Ar­beits­leis­tung rech­tens ist: LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 13.09.2017, 9 Sa 17/17.

Ge­rin­ge­re Be­zah­lung von Ar­beit­neh­mern, die fle­xi­bler ar­bei­ten können - geht das?

Der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­bie­tet willkürli­che Be­nach­tei­li­gun­gen ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen ge­genüber an­de­ren, ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mern oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen. Ver­rich­ten ähn­lich qua­li­fi­zier­te Ar­beit­neh­mer bzw. Ar­beit­neh­mer­grup­pen die glei­che Ar­beit, spricht das auf den ers­ten Blick dafür, dass sie mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind, so dass der Ar­beit­ge­ber für ei­ne un­ter­schied­li­che Vergütung trif­ti­ge sach­li­che Gründe braucht.

Da­bei ist es selbst­verständ­lich kein sach­li­cher Grund für ei­ne schlech­te­re Be­zah­lung, dass die ge­rin­ger be­zahl­ten Ar­beit­neh­mer Teil­zeit ver­rich­ten, denn § 4 Abs.1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ver­bie­tet aus­drück­lich die Lohn­dis­kri­mi­nie­rung von Teil­zeit­kräften.

Zulässig wäre es da­ge­gen, frei­be­ruf­lich bzw. selbstständig täti­gen Fach­kräften mehr Geld zu be­zah­len als ver­gleich­ba­ren fest­an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mern, denn die Frei­be­ruf­ler ha­ben we­der An­spruch auf Ur­laub noch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall und sie müssen auch selbst für ih­re späte­ren Ren­ten­ansprüche sor­gen.

An die­sen Eck­punk­ten müssen sich auch Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ori­en­tie­ren, wenn sie be­trieb­li­che Ent­loh­nungs­grundsätze re­geln, denn hier gilt der be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, der in § 75 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) fest­ge­schrie­ben ist.

Frag­lich ist, ob ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung vor­se­hen kann, dass Ar­beit­neh­mer we­ni­ger Geld als ver­gleich­ba­re Kol­le­gen er­hal­ten, wenn sie selbst über den Um­fang und die zeit­li­che La­ge ih­rer Ar­beits­zeit ent­schei­den können, während die bes­ser be­zahl­ten Kol­le­gen in punk­to Ar­beits­zeit dem Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers un­ter­lie­gen. Mögli­cher­wei­se liegt hier ein Ver­s­toß ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz vor.

Im Streit: Un­ter­schied­li­che Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen für Ar­beit­neh­mer mit oder oh­ne fest­lie­gen­der re­gelmäßiger Ar­beits­zeit

Im Streit­fall hat­te ein teil­zeit­beschäftig­ter und ne­ben­her stu­die­ren­der Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beit­ge­ber, ei­ne am­bu­lan­te Pfle­ge­ein­rich­tung, auf Ein­grup­pie­rung in ei­ne höhe­re ta­rif­li­che Vergütungs­grup­pe und auf Lohn­zah­lung ver­klagt.

Denn der Ar­beit­ge­ber, der et­wa 130 Mit­ar­bei­ter beschäftig­te, wand­te auf den Kläger ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung an, die für Ar­beit­neh­mer mit wech­seln­dem Ar­beits­vo­lu­men galt und die ei­nen St­un­den­lohn von 10,00 EUR brut­to vor­sah. Dem­ge­genüber be­ka­men Ar­beit­neh­mer mit ei­ner „länger­fris­ti­gen re­gelmäßigen mo­nat­li­chen Ar­beits­zeit“ bzw. ei­nem fes­ten ar­beits­zeit­li­chen „De­pu­tat“ ei­ne um et­wa 16 Pro­zent höhe­re Be­zah­lung auf ta­rif­ver­trag­li­cher Grund­la­ge. Die­se Be­zah­lung war in ei­ner an­de­ren Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­re­gelt.

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer fühl­te sich auf­grund sei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung dis­kri­mi­niert. Der Ar­beit­ge­ber ver­wies dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer gemäß sei­nem Ar­beits­ver­trag, der für ihn gel­ten­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung und ei­ner ergänzen­den be­trieb­li­chen Übung frei ent­schei­den konn­te, in wel­chem Um­fang er ar­bei­ten woll­te. Dem­ent­spre­chend schlech­ter konn­te der Ar­beit­ge­ber mit dem Kläger pla­nen: We­der die wöchent­li­chen bzw. mo­nat­li­chen Ar­beits­stun­den noch die La­ge der Ar­beits­zeit un­ter­la­gen sei­nem Wei­sungs­recht.

Das Ar­beits­ge­richt Frei­burg wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 14.03.2017, 4 Ca 332/16), wor­auf­hin der Ar­beit­neh­mer Be­ru­fung ein­leg­te.

LAG Ba­den-Würt­tem­berg: Wer über den Um­fang sei­ner Ar­beits­zeit frei ent­schei­den kann, des­sen Ar­beits­leis­tung ist für den Ar­beit­ge­ber we­ni­ger wert

Das LAG wies die Be­ru­fung zurück, da der strei­ti­ge Lohn­un­ter­schied aus sei­ner Sicht sach­lich ge­recht­fer­tigt war und da­her kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­lag. Der Ar­beit­ge­ber hat­te we­der ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­s­toßen (§ 75 Abs.1 Be­trVG) noch in un­zulässi­ger Wei­se Teil­zeit­ar­beit­neh­mer be­nach­tei­ligt (§ 4 Abs.1 Tz­B­fG). Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil:

Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat konn­ten die Lohnhöhe mit zwei Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen re­geln, denn (mögli­cher­wei­se) ein­schlägi­ge Ta­rif­verträge gab es hier nicht, so dass der ge­setz­li­che Vor­rang der ta­rif­ver­trag­li­chen Lohn­re­gu­lie­rung be­ach­tet war (§ 77 Abs.3 Be­trVG). Die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen bzw. die dar­in fest­ge­schrie­be­nen Lohn­un­ter­schie­de wa­ren auch in­halt­lich in Ord­nung, so das LAG, denn dafür gab es sach­li­che Gründe. Weil der Kläger selbst über den Um­fang sei­ner Ar­beits­leis­tung ent­schei­den durf­te, konn­te der Ar­beit­ge­ber ihn nicht so fle­xi­bel per Wei­sungs­recht ein­set­zen wie ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­zei­ten ver­trag­lich fest­ge­legt wa­ren.

Ob­wohl die Ar­beit des Klägers, so das LAG, „im Kern" nicht we­ni­ger wert war als die ver­gleich­ba­rer Kol­le­gen mit fes­ten Ar­beits­zeit­kon­tin­gen­ten, so hat­te sie im Er­geb­nis doch nicht den­sel­ben Nut­zen für den Ar­beit­ge­ber, da die­ser über die­se Ar­beits­leis­tung nur verfügen konn­te, wenn der Kläger da­mit ein­ver­stan­den war (Ur­teil, Rn.82).

Fa­zit: Die For­de­rung nach glei­chem Lohn für glei­che Ar­beit ist po­li­tisch rich­tig und weit­ge­hend un­be­strit­ten. Al­ler­dings ist da­mit die Fra­ge noch nicht be­ant­wor­tet, was in kon­kre­ten Fällen bzw. Be­trie­ben als „glei­che Ar­beit“ zu gel­ten hat. Der vom LAG ent­schie­de­ne Streit­fall zeigt, dass der Teu­fel hier im De­tail steckt.

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Letzte Überarbeitung: 8. Januar 2018

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