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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/057

Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen kön­nen ar­beits­ver­trag­li­che Ver­wei­se auf AVR nicht be­sei­ti­gen

Ar­beits­ver­trä­ge mit An­bin­dung an kirch­li­che Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) müs­sen nicht-kirch­li­che Be­triebs­er­wer­ber wei­ter­hin er­fül­len: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.07.2019, 6 AZR 40/17
Arbeitgeber übergibt Arbeitsvertrag zu Unterschrift, Allgemeine Geschäftsbedingungen, vorformulierte Vertragsklauseln

27.04.2020. Nach der ak­tu­el­len Recht­spre­chung der meis­ten Se­na­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) kön­nen ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen, die der Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig in Form von All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) fest­ge­legt hat, durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ge­än­dert wer­den, und zwar auch zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers.

Vor­aus­set­zung die­ser "Be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit" von AGB-Klau­seln ist ihr „kol­lek­ti­ver Be­zug“, d.h. dass ihr In­halt nicht nur die­ses kon­kre­te Ar­beits­ver­hält­nis bzw. die­sen Ar­beit­neh­mer be­trifft, son­dern all­ge­mei­ne Fra­gen, die vie­le Ar­beits­ver­trä­ge bzw. Ar­beit­neh­mer be­tref­fen.

Ha­ben AGB-Klau­seln ei­nen sol­chen "kol­lek­ti­ven Be­zug", dass ste­hen sie die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge un­ter dem still­schwei­gen­den Vor­be­halt, dass sie spä­ter durch Be­triebs­ver­ein­ba­rung auch zu Un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ge­än­dert wer­den kön­nen (BAG, Ur­teil vom 05.03.2013, 1 AZR 417/12, Rn.60; BAG, Ur­teil vom 11.12.2018, 3 AZR 380/17, Leit­satz; BAG, Ur­teil vom 30.01.2019, 5 AZR 450/17, Rn.60).

Frag­lich ist, ob das auch dann gilt, wenn ein Ar­beits­ver­trag ur­sprüng­lich von ei­nem kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber aus­ge­ar­bei­tet wur­de und da­her ei­nen Ver­weis auf kirch­li­che Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ent­hält. Geht das Ar­beits­ver­hält­nis spä­ter durch Be­triebs­über­gang auf ei­nen nicht-kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber über, könn­te die­ser mit sei­nem Be­triebs­rat ver­ein­ba­ren, dass nicht mehr die AVR, son­dern statt­des­sen ein Ta­rif­ver­trag gel­ten soll.

In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on geht der Ar­beits­ver­trag vor, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Grund­satz­ent­schei­dung vom Ju­li 2019 (BAG, Ur­teil vom 11.07.2019, 6 AZR 40/17).

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te ei­ne lang­jäh­rig be­schäf­tig­te Kran­ken­schwes­ter auf Zah­lung rück­stän­di­ger Löh­ne und auf die Fest­stel­lung ge­klagt, dass der Ar­beit­ge­ber zur dy­na­mi­schen Ver­gü­tung ge­mäß den je­weils gel­ten­den AVR ver­pflich­tet sei. Hin­ter­grund der Kla­ge war, dass ihr Ar­beits­ver­trag ur­sprüng­lich (1993) ei­ne dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me auf die AVR des Dia­ko­ni­schen Wer­kes der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land ent­hielt, spä­ter aber nach ei­nem Be­triebs­über­gang auf ei­nen nicht-kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber (2003) von die­sem zu er­fül­len war.

Nach­dem der Ar­beit­ge­ber ver­schie­de­ne be­fris­te­te Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen mit dem mitt­ler­wei­le in dem Be­trieb be­ste­hen­den Be­triebs­rat zu der Be­zah­lung von Ar­beit­neh­mern mit AVR-Ver­trä­gen ver­ein­bart hat­te, war nach Aus­lau­fen die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen un­klar und um­strit­ten, ob der Ar­beit­ge­ber (wie­der) zur dy­na­mi­schen An­wen­dung der im Ar­beits­ver­trag von 1993 in Be­zug ge­nom­me­nen AVR ver­pflich­tet wä­re.

Das Ar­beits­ge­richt Stral­sund wies die Kla­ge der Kran­ken­schwes­ter ab (Ur­teil vom 24.06.2015, 2 Ca 142/13), wäh­rend das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Meck­len­burg-Vor­pom­mern ihr Recht gab (Ur­teil vom 15.12.2016, 5 Sa 167/15). Auch das BAG ent­schied den Fall zu­guns­ten der Kran­ken­schwes­ter, d.h. es wies die Re­vi­si­on des Kran­ken­haus­trä­gers zu­rück. Zur Be­grün­dung heißt es in dem Ur­teil:

Ent­hal­ten Ar­beits­ver­trä­ge kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber ei­nen for­mu­lar­mä­ßi­gen Ver­weis auf AVR, sind sie nicht be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen (Ur­teil, Rn.22). Denn das Be­trVG ist auf Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und auf ih­re ka­ri­ta­ti­ven und er­zie­he­ri­schen Ein­rich­tun­gen nicht an­zu­wen­den (§ 118 Abs.2 Be­trVG).

In­fol­ge­des­sen kön­nen kirch­li­che Ar­beit­ge­ber auch kei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ab­schlie­ßen, die Ar­beits­ver­trä­gen vor­ge­hen bzw. dar­in ent­hal­te­ne Re­ge­lun­gen be­sei­ti­gen (Ur­teil, Rn.23).

Da­her muss­te auch die Klä­ge­rin im Streit­fall bei Ab­schluss ih­res Ar­beits­ver­tra­ges im Jah­re 1993 nicht da­mit rech­nen, dass der ar­beits­ver­trag­li­che Ver­weis auf die AVR spä­ter ein­mal durch ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­än­dert wer­den könn­te (Ur­teil, Rn.23).

Ei­ne aus­führ­li­che Be­spre­chung der Ent­schei­dung des BAG fin­den Sie in Up­date Ar­beits­recht 02|2019 vom 16.10.2019 (Abon­ne­ment-Be­reich). 

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 4. Mai 2020

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