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Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en und Be­triebs­über­gang

Ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­men auf Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) sind auch von nicht-kirch­li­chen Be­triebs­er­wer­bern zu be­ach­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.11.2017, 6 AZR 683/16
Gesetzestext mit darauf liegendem Holzkreuz

27.11.2017. Nach­dem der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) im Jah­re 2013 ein um­strit­te­nes Ur­teil ge­fällt hat­te (Ur­teil vom 18.07.2013, Rs. C-426/11 - Alemo-Her­ron), war ei­ni­ge Jah­re lang nicht ganz klar, wie weit bei ei­nem Be­triebs­über­gang die Bin­dung des Be­triebs­er­wer­bers an ar­beits­ver­trag­li­che An­sprü­che auf Be­zah­lung nach be­stimm­ten Ta­rif­ver­trä­gen ge­hen kann.

Mitt­ler­wei­le ist die­se Fra­ge ge­klärt, denn der EuGH hat die stren­ge Bin­dung des Be­triebs­er­wer­bers an ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me­klau­seln ge­mäß der deut­schen Recht­spre­chung ab­ge­seg­net (EuGH, Ur­teil vom 27.04.2017, C-680/15 und C-681/15 - As­kle­pios).

Am Don­ners­tag letz­ter Wo­che hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass auch nicht-kirch­li­che Er­wer­ber vor­mals kirch­li­cher Be­trie­be an ar­beits­ver­trag­li­che Zu­sa­gen ge­bun­den sind, de­nen zu­fol­ge sich die Be­zah­lung nach kir­chen­recht­li­chen Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) rich­ten soll: BAG, Ur­teil vom 23.11.2017, 6 AZR 683/16 (Pres­se­mit­tei­lung des BAG).

Kei­ne dy­na­mi­sche Wei­ter­gel­tung ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­men auf kirch­li­che AVR nach Be­triebsüber­gang auf nicht-kirch­li­chen Be­triebs­er­wer­ber?

Bei ei­nem Be­triebsüber­gang tritt der Be­triebs­er­wer­ber gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) in die Ar­beits­verhält­nis­se der über­nom­me­nen Be­leg­schaft als neu­er Ar­beit­ge­ber ein, und zwar mit al­len Rech­ten und Pflich­ten. Ist der Er­wer­ber im Un­ter­schied zu sei­nem Vorgänger an kei­nen Ta­rif­ver­trag ge­bun­den, wer­den die für die ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer bis­her gel­ten­den Ta­rif­verträge zum In­halt der Ar­beits­verträge und dürfen (als Ar­beits­ver­trags­in­hal­te) frühes­tens ein Jahr nach dem Be­triebsüber­gang zum Nach­teil der Ar­beit­neh­mer geändert wer­den (§ 613a Abs.1 Satz 2 BGB).

Die­se zeit­lich be­schränk­te Wei­ter­gel­tung gilt al­ler­dings nur für Ta­rif­verträge, die auf­grund bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit von Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber gel­ten, d.h. auf­grund von § 4 Abs.1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) in Verb. mit § 3 Abs.1 TVG. Nach der Recht­spre­chung des BAG führen ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­men auf Ta­rif­verträge im Nor­mal­fall zu ei­nem dau­er­haf­ten ar­beits­ver­trag­li­chen An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf An­wen­dung der in der Be­zug­nah­me­klau­sel ge­nann­ten Ta­rif­verträge, d.h. zu ei­nem ar­beits­ver­trag­li­chen An­spruch, der eins zu eins auf den Be­triebs­er­wer­ber über­geht.

Die­se BAG-Recht­spre­chung war durch ein Ur­teil des EuGH aus dem Jah­re 2013 vorüber­ge­hend in­fra­ge ge­stellt wor­den (EuGH, Ur­teil vom 18.07.2013, Rs. C-426/11 - Alemo-Her­ron, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/218 Be­triebsüber­gang und ar­beits­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­ner Ta­rif­ver­trag), denn in die­sem Ur­teil hat­te der EuGH ei­ne un­abänder­li­che Bin­dung des Be­triebs­er­wer­bers an „ein­ge­kauf­te“ ar­beits­ver­trag­li­che Ta­rif­an­bin­dun­gen als eu­ro­pa­rechts­wid­rig be­an­stan­det. Im Jah­re 2017 al­ler­dings seg­ne­te der EuGH die ar­beit­neh­mer­freund­li­che Recht­spre­chung des BAG dann aus­drück­lich ab (EuGH, Ur­teil vom 27.04.2017, C-680/15 und C-681/15 - As­kle­pios, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/119 An­spruch auf Ta­rif­loh­nerhöhung nach Be­triebsüber­gang).

Da­mit steht fest, dass der Be­triebs­er­wer­ber ar­beits­ver­trag­li­che Ansprüche auf Be­zah­lung nach be­stimm­ten, in den Ar­beits­verträgen der über­nom­me­nen Be­leg­schaft ge­nann­ten Ta­rif­verträgen dau­er­haft erfüllen muss, und zwar so, wie sich dies aus den Be­zug­nah­me­klau­seln er­gibt. In al­ler Re­gel führt dies zu ei­ner sog. dy­na­mi­schen Ta­rif­gel­tung, d.h. der Be­triebs­er­wer­ber muss ta­rif­ver­trag­li­che Loh­nerhöhun­gen an die Be­leg­schaft wei­ter­ge­ben.

Frag­lich ist, ob die Bin­dung des Be­triebs­er­wer­bers an kol­lek­tiv­ver­trag­li­che Loh­nerhöhun­gen, die er selbst nicht be­ein­flus­sen kann, auch zu­guns­ten von Ar­beit­neh­mern kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen gilt, de­ren Ar­beits­verträge ty­pi­scher­wei­se Be­zug­nah­men auf AVR ent­hal­ten. An­ders ge­sagt: Müssen nicht-kirch­li­che Er­wer­ber von Be­trie­ben, die zu­vor von ei­nem kirch­li­chen Träger geführt wur­den, die in den Ar­beits­verträgen der über­nom­me­nen Be­leg­schaft ent­hal­te­nen Be­zug­nah­men auf kir­chen­recht­li­che AVR be­ach­ten, d.h. Loh­nerhöhun­gen gemäß den je­wei­li­gen Ak­tua­li­sie­run­gen der AVR an die Be­leg­schaft wei­ter­ge­ben?

Dafür spricht der Ar­beit­neh­mer­schutz in Fällen ei­nes Be­triebsüber­gangs so­wie der Grund­satz, dass Verträge ein­zu­hal­ten sind („pac­ta sunt ser­van­da“). Da­ge­gen könn­te die feh­len­de Ein­flussmöglich­keit nicht-kirch­li­cher Be­triebs­er­wer­ber auf den In­halt bzw. die Wei­ter­ent­wick­lung von AVR spre­chen.

Im Streit: Ret­tungs­sa­nitäter möch­te auch nach Be­triebsüber­gang auf nicht-kirch­li­chen Er­wer­ber wei­ter nach den AVR des dia­ko­ni­schen Werks be­zahlt wer­den

Ge­klagt hat­te ein Ret­tungs­sa­nitäter, der seit 1991 in ei­ner Ein­rich­tung des Dia­ko­ni­schen Werks der Evan­ge­li­schen Kir­che in Sach­sen beschäftigt war. In sei­nem Ar­beits­ver­trag war ver­ein­bart, dass die AVR des Dia­ko­ni­schen Werks der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land in der je­weils gülti­gen Fas­sung gel­ten soll­ten.

Zum 01.01.2014 ging das Ar­beits­verhält­nis durch ein Be­triebsüber­gang auf ei­ne ge­meinnützi­ge GmbH über, die nicht Mit­glied des Dia­ko­ni­schen Werks ist. Die GmbH woll­te die AVR nur noch sta­tisch an­wen­den, d.h. mit dem am 31.12.2013 gel­ten­den Stand. Ihr Ar­gu­ment: Sie kann als nicht-kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber auf den In­halt der AVR we­der di­rekt noch mit­tel­bar Ein­fluss neh­men. Da­her sei sie an Ände­run­gen der AVR nach dem Be­triebsüber­gang nicht ge­bun­den. Da­her wei­ger­te sie sich, dem Kläger die aus den AVR fol­gen­den Loh­nerhöhun­gen des Jah­res 2014 an den Sa­nitäter wei­ter­zu­ge­ben.

Der ver­klag­te die GmbH dar­auf­hin vor dem Ar­beits­ge­richt Dres­den auf Zah­lung der ein­be­hal­te­nen Lohn­dif­fe­renz. Das Ar­beits­ge­richt Dres­den gab ihm Recht (Ur­teil vom 30.10.2015, 1 Ca 924/15), eben­so das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) mit Ur­teil vom 17.03. 2016 (6 Sa 631/15).

BAG: Ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­men auf Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) sind auch von nicht-kirch­li­chen Be­triebs­er­wer­bern zu be­ach­ten

Auch in Er­furt hat­te der Ar­beit­ge­ber kein Glück. Das BAG gab zwar zunächst sei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de statt, d.h. es ließ die Re­vi­si­on zu, die das LAG dem Ar­beit­ge­ber zunächst nicht ge­stat­ten woll­te. Die Re­vi­si­on selbst aber hat­te kei­nen Er­folg, son­dern wur­de zurück­ge­wie­sen. In der Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Wird der Be­trieb ei­nes kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers im We­ge ei­nes Be­triebsüber­gangs von ei­nem welt­li­chen Er­wer­ber über­nom­men, tritt der Er­wer­ber gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 BGB in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein. Ein Teil der wei­ter­gel­ten­den Pflich­ten ist nach An­sicht des BAG die ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Bin­dung an das in AVR ge­re­gel­te kirch­li­che Ar­beits­recht.

Wird da­her im Ar­beits­ver­trag auf die AVR in der „je­weils gel­ten­den Fas­sung“ ver­wie­sen, ver­pflich­tet die­se dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me den nicht-kirch­li­chen Be­triebs­er­wer­ber da­zu, Ände­run­gen der AVR wie z.B. Loh­nerhöhun­gen um­zu­set­zen, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung bestätigt das BAG sei­ne Recht­spre­chung zur dy­na­mi­schen Wei­ter­gel­tung ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­men auf AVR im Fal­le der Be­triebsüber­nah­me durch ei­nen nicht-kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber. So hat das BAG be­reits 2012 klar­ge­stellt, dass sich der Be­triebs­er­wer­ber in ei­nem sol­chen Fall nicht auf die ver.di-Ta­rif­verträge be­ru­fen kann, an die er ge­bun­den ist, son­dern dass auch bei bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung an ver.di-Ta­rif­verträge die ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te An­wen­dung der AVR als ar­beits­ver­trag­li­cher An­spruch vor­ran­gig ist (BAG, Ur­teil vom 22.02.2012, 4 AZR 24/10 wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/088 Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) und Ta­rif­ver­trag). Grund­la­ge die­ser Recht­spre­chung ist die Be­wer­tung von AVR als Ar­beits­ver­trags­in­halt, d.h. AVR sind nach ständi­ger BAG-Recht­spre­chung kei­ne Ta­rif­verträge, son­dern Be­stand­teil der In­di­vi­dual­ar­beits­verträge.

Fa­zit: Mit dem vor­lie­gen­den Ur­teil hat das BAG klar­ge­stellt, dass sich auch welt­li­che Er­wer­ber von vor­mals kirch­li­chen Be­trie­ben nicht auf das Alemo-Her­ron- Ur­teil des EuGH vom 18.07.2013 (Rs. C-426/11) be­ru­fen können. Das ist kon­se­quent, denn ei­ne sol­che dy­na­mi­sche Wei­ter­gel­tung von ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­seln gilt ja auch in der Pri­vat­wirt­schaft, d.h. für ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­men auf Ta­rif­verträge (BAG, Ur­tei­le vom 30.08.2017, 4 AZR 95/14 und 4 AZR 61/14, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/230 Pac­ta sunt ser­van­da - auch im Ar­beits­recht).


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Letzte Überarbeitung: 29. November 2017

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