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ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/159

Dy­na­mi­sche Ta­rif­an­bin­dung und Be­triebs­über­gang

Er­fur­ter Rich­ter le­gen dem EuGH Fra­gen zur Ta­rif­an­bin­dung bei Be­triebs­über­gän­gen vor: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 17.06.2015, 4 AZR 61/14 (A)
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18.06.2015. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ist der Be­triebs­er­wer­ber bei ei­nem Be­triebs­über­gang an ar­beits­ver­trag­li­che Ta­rif­an­bin­dungs­klau­seln eben­so ge­bun­den wie der Be­triebs­ver­äu­ße­rer.

Das ist vor al­lem dann ei­ne sehr weit­ge­hen­de Be­las­tung des Be­triebs­über­neh­mers, wenn die Ar­beits­ver­trags­klau­sel dem Ar­beit­neh­mer ta­rif­li­che Rech­te in der je­weils gel­ten­den Fas­sung des Ta­rif­ver­trags ver­spricht, denn dann ist auch der Er­wer­ber zu ei­ner dy­na­mi­schen Ta­rif­an­wen­dung ver­pflich­tet, d.h. er muss künf­ti­ge Ta­rif­lohn­er­hö­hun­gen wei­ter­ge­ben. Das ist mög­li­cher­wei­se eu­ro­pa­rechts­wid­rig.

Ges­tern hat der Vier­te Se­nat des BAG dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) da­her Fra­gen zur ar­beits­ver­trag­li­chen Ta­rif­an­bin­dung bei Be­triebs­über­gän­gen vor­ge­legt: BAG, Be­schluss vom 17.06.2015, 4 AZR 61/14 (A).

Bleibt die dy­na­mi­sche Ta­rif­an­bin­dung gemäß Ar­beits­ver­trag bei ei­nem Be­triebsüber­gang er­hal­ten?

Vie­le Ar­beit­neh­mer be­kom­men ta­rif­ver­trag­li­che Leis­tun­gen ein­sch­ließlich lau­fen­der Ta­rif­loh­nerhöhun­gen, weil ih­re Ar­beits­verträge "dy­na­misch" auf be­stimm­te Ta­rif­verträge "in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung" ver­wei­sen. Je nach­dem, wie man sol­che Be­zug­nah­me­klau­seln in­ter­pre­tiert, ha­ben sie ei­ne große oder ge­rin­ge recht­li­che Be­deu­tung.

Ver­steht man Be­zug­nah­me­klau­seln als sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­den, ha­ben sie nur zur Fol­ge, dass Nicht-Ge­werk­schafts­mit­glie­der ("Außen­sei­ter") in glei­cher Wei­se ta­rif­li­che Leis­tun­gen be­an­spru­chen können wie Ge­werk­schafts­mit­glie­der auf der Grund­la­ge der ge­setz­li­chen Ta­rif­wir­kung (§ 4 Abs.1 Satz 1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz - TVG).

Und da die Ta­rif­wir­kung, d.h. die zwin­gen­de ge­set­zes­glei­che ("nor­ma­ti­ve") Ein­wir­kung von Ta­rif­verträgen kraft § 4 Abs.1 Satz 1 TVG auf die Ar­beits­verhält­nis­se von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern, in dem Mo­ment entfällt, in dem die Ar­beits­verhält­nis­se auf­grund ei­nes Be­triebsüber­gangs auf ei­nen nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­triebs­er­wer­ber über­ge­lei­tet wer­den, können Ge­werk­schafts­mit­glie­der al­lein auf der Grund­la­ge von § 4 TVG ab die­sem Zeit­punkt nur noch die sta­ti­sche An­wen­dung der bis­her gel­ten­den Ta­rif­verträge ver­lan­gen, d.h. sie pro­fi­tie­ren nicht von künf­ti­gen Loh­nerhöhun­gen.

Das kann man aus § 4 Abs.1 Satz 1 TVG in Verb. mit § 613a Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) her­lei­ten. Da­nach wer­den die ta­rif­ver­trag­li­chen Rechts­nor­men zum "In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses" zwi­schen dem Be­triebs­er­wer­ber und dem ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer, und zwar in der Fas­sung, die der Ta­rif­ver­trag zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs hat­te.

Ver­steht man Be­zug­nah­me­klau­seln da­ge­gen nicht als bloße Gleich­stel­lungs­ab­re­den, son­dern als rechts­be­gründen­de ("kon­sti­tu­ti­ve") Re­ge­lun­gen, können Ge­werk­schafts­mit­glie­der und Außen­sei­ter in glei­cher Wei­se kraft Ar­beits­ver­trags die dy­na­mi­sche An­wen­dung der in der Be­zug­nah­me­klau­sel ge­nann­ten Ta­rif­verträge ver­lan­gen. Auf die Ta­rif­wir­kung gemäß § 4 Abs.1 Satz 1 TVG kommt es dann gar nicht an, so dass die Fort­gel­tung der ta­rif­li­chen Ansprüche bei ei­nem Be­triebsüber­gang aus § 613a Abs.1 Satz 1 BGB folgt (und nicht aus § 613a Abs.1 Satz 2 BGB). Da­nach tritt der Be­triebs­er­wer­ber "in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein."

Das BAG war bis 2007 der Mei­nung, dass Be­zug­nah­me­klau­seln in der Re­gel als Gleich­stel­lungs­ab­re­den zu in­ter­pre­tie­ren sind. Seit­dem ver­steht das BAG sol­che Klau­seln im Nor­mal­fall als rechts­be­gründen­de Ver­ein­ba­run­gen. Dem­zu­fol­ge können nach der­zeit "gel­ten­der" BAG-Recht­spre­chung Ge­werk­schafts­mit­glie­der wie Außen­sei­ter nach ei­nem Be­triebsüber­gang auf ihr ar­beits­ver­trag­li­ches Recht po­chen, gemäß dem in be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­ver­trag be­zahlt zu wer­den.

Des ei­nen Freud, des an­de­ren Leid: Be­triebs­er­wer­ber müssen die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge dau­er­haft die Ta­rif­verträge an­wen­den, die in den Ar­beits­verträgen der per Be­triebsüber­gang über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer ge­nannt wer­den. Und weil ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­men meist dy­na­misch for­mu­liert sind, müssen sie auch künf­ti­ge Ta­rif­loh­nerhöhun­gen mit­ma­chen. Ändern lässt sich das nur durch ein­ver­nehm­li­che Ände­rung der Ar­beits­verträge, d.h. wenn sich die Ar­beit­neh­mer ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­seln ab­han­deln las­sen.

Die­se weit­rei­chen­den recht­li­chen und fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen der "Mit­nah­me" ar­beits­ver­trag­li­cher Ta­rif­an­bin­dungs­klau­seln bei Be­triebsübergängen ste­hen auf­grund ei­nes vor zwei Jah­ren er­gan­ge­nen EuGH-Ur­teils auf dem Prüfstand.

Denn in die­sem Ur­teil hat der EuGH auf der Grund­la­ge ei­nes eng­li­schen Streit­falls ent­schie­den, dass ei­ne zeit­lich un­be­schränk­te dy­na­mi­sche An­bin­dung ei­nes pri­va­ten Be­triebs­er­wer­bers an Ta­rif­verträge des öffent­li­chen Diens­tes ge­gen die die Be­triebsüber­gangs-Richt­li­nie (Richt­li­nie 2001/23/EG) verstößt, wenn der Er­wer­ber we­der beim Be­triebsüber­gang noch später die recht­li­che Möglich­keit hat, auf den Um­fang sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten ein­zu­wir­ken (EuGH, Ur­teil vom 18.07.2013, Rs. C-426/11 - Alemo-Her­ron gg. Park­wood, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/218 Be­triebsüber­gang und ar­beits­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­ner Ta­rif­ver­trag).

Vor die­sem Hin­ter­grund wird seit Mit­te 2013 darüber dis­ku­tiert, ob die­se Aus­sa­gen der Alemo-Her­ron-Ent­schei­dung des EuGH auf das deut­sche Ar­beits­recht über­tra­gen wer­den können. Dar­um geht es in dem ak­tu­el­len Vor­la­ge­be­schluss des BAG: BAG, Be­schluss vom 17.06.2015, 4 AZR 61/14 (A).

Streit nach Kli­nik­pri­va­ti­sie­rung: Muss ein pri­va­ter Be­triebs­er­wer­ber auf­grund ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me auf den BMT-G den TVöD als Nach­fol­ge­ta­rif dy­na­misch an­wen­den?

Im Streit­fall ging es um ei­nen ursprüng­lich im öffent­li­chen Dienst beschäftig­ten Hand­wer­ker. Er war Mit­glied der Ge­werk­schaft ver.di und hat­te im Fe­bru­ar 1978 bei ei­nem kom­mu­na­len Kran­ken­haus an­ge­fan­gen. Träger des Kran­ken­hau­ses war da­mals der Kreis, der wie­der­um Mit­glied des kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des (KAV) war.

Fol­ge­rich­tig wur­de im Ar­beits­ver­trag auf den Bun­des­man­tel­ta­rif­ver­trag für Ar­bei­ter ge­meind­li­cher Ver­wal­tun­gen und Be­trie­be vom 31.01.1962 (BMT-G II) ver­wie­sen so­wie auf die­sen "ergänzen­de, ändern­de oder er­set­zen­de Ta­rif­verträge". Außer­dem soll­ten gemäß Ar­beits­ver­trag "die für den Be­reich des Ar­beits­ge­bers je­weils gel­ten­den sons­ti­gen Ta­rif­verträge An­wen­dung" fin­den, "so­fern bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­bin­dung vor­liegt".

Im Jah­re 1995 wur­de das Kran­ken­haus pri­va­ti­siert und an die Stel­le des Krei­ses trat ei­ne K. GmbH als neu­er Ar­beit­ge­ber. Im­mer­hin war die GmbH Mit­glied des KAV.

Zwei Jah­re später, zum 31.12.1997, glie­der­te die GmbH ih­ren Wirt­schafts- und Ver­sor­gungs­dienst auf ei­ne an­de­re GmbH aus. Da­zu ver­ein­bar­ten die bei­den auf Ar­beit­ge­ber­sei­te be­tei­lig­ten Gmb­Hs mit dem Be­triebs­rat der K. GmbH ei­nen Per­so­nalüber­lei­tungs­ver­trag (PÜV), der ei­ne Re­ge­lung zur Be­sitz­stands­wah­rung ent­hielt. Da­nach soll­ten für die von dem Be­triebsüber­gang be­trof­fe­nen Ar­bei­ter wei­ter­hin der BMT-G II und die die­sen ergänzen­den, ändern­den und er­set­zen­den Ta­rif­verträge gel­ten. Außer­dem soll­te je­der Ar­beit­neh­mer ei­ne Aus­fer­ti­gung des PÜV er­hal­ten und der PÜV zur Per­so­nal­ak­te ge­nom­men wer­den. Sch­ließlich soll­te der PÜV "bei Zu­stim­mung der Mit­ar­bei­te­rin/des Mit­ar­bei­ters hin­sicht­lich der auf sie/ihn je­weils zu­tref­fen­den Vor­schrif­ten Be­stand­teil des je­wei­li­gen Ar­beits­ver­tra­ges" wer­den.

Die mit dem Wirt­schafts- und Ver­sor­gungs­dienst des Kran­ken­hau­ses be­fass­te GmbH zahl­te von 1998 bis 2003 al­le ta­rif­li­chen Leis­tun­gen nach dem BMT-G II, ein­sch­ließlich der ta­rif­li­chen Loh­nerhöhun­gen. Erst­mals die ta­rif­li­chen Ge­halts­stei­ge­run­gen zum 10.01.2004 und zum 01.05.2004 gab sie nicht an die Ar­beit­neh­mer wei­ter. Auch die Er­set­zung des BMT-G II durch den Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) mach­te sie nicht mit, d.h. sie wand­te wei­ter­hin den BMT-G II an.

Im Jah­re 2008 dreh­te sich das Ar­beit­ge­ber-Ka­rus­sell noch ein­mal: Der Wirt­schafts- und Ver­sor­gungs­dienst des Kran­ken­hau­ses wur­de noch­mals auf­ge­spal­tet und der Haus­hand­wer­ker er­hielt zum 01.07.2008 per Be­triebsüber­gang wie­der ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber. Auch dies­mal gab es ei­nen von dem Be­triebs­rat und den be­tei­lig­ten Ar­beit­ge­bern aus­ge­han­del­ten PÜV, der ähn­lich wie der PÜV aus dem Jah­re 1997 die Fort­gel­tung der be­ste­hen­den Ta­rif­an­bin­dung fest­schrieb und ins­be­son­de­re den PÜV 1997 an­er­kann­te.

Da auch der neue Ar­beit­ge­ber nur zu ei­ner sta­ti­schen An­wen­dung des BMT-G II be­reit war, zog der Haus­hand­wer­ker vor das Ar­beits­ge­richt Of­fen­bach und be­an­tragt die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass ab An­fang 2005 der TVöD, die ihn ergänzen­den Ta­rif­verträge und der ent­spre­chen­de Über­lei­tungs­ta­rif­ver­trag auf sein Ar­beits­verhält­nis an­zu­wen­den sind, und zwar dy­na­misch bzw. in ih­ren je­weils gülti­gen Fas­sun­gen. Mit die­ser Kla­ge hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Of­fen­bach (Ur­teil vom 12.03.2013, 9 Ca 350/12) und in der Be­ru­fung vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Er­folg (Ur­teil vom 10.12.2013, 8 Sa 538/13).

Das LAG mein­te, dass der PÜV 1997 dem kla­gen­den Haus­hand­wer­ker die Wahl ge­las­sen ha­be, ob er auch künf­tig die dy­na­mi­sche An­wen­dung des BMT-G II ein­sch­ließlich ergänzen­der und er­set­zen­der Ta­rif­verträge wol­le oder nicht. Und hier hat­te der Kläger nach An­sicht des Ge­richts ei­ne sol­che Wahl ge­trof­fen, in­dem er die ta­rif­li­chen Loh­nerhöhun­gen in der Zeit von 1998 bis 2003 oh­ne Wi­der­spruch hin­ge­nom­men hat­te.

Auf sei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ta­rif­an­bin­dungs­klau­sel konn­te sich der Kläger da­ge­gen nicht be­ru­fen. Denn das BAG wen­det sei­ne 2007 zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer­sei­te geänder­te Recht­spre­chung, d.h. die Aus­le­gung von Be­zug­nah­me­klau­seln als rechts­be­gründen­de Ver­ein­ba­run­gen, aus Gründen des Ver­trau­ens­schut­zes nur auf Ar­beits­verträge an, die ab An­fang 2002 ver­ein­bart wur­den. Der Ar­beits­ver­trag des Klägers stamm­te hier im Streit­fall aber aus dem Jah­re 1978. Da­her konn­te der Kläger auf­grund der ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel nur die sta­ti­sche An­wen­dung des BMT-G II in der Fas­sung zur Zeit des Be­triebsüber­gangs (31.12.1997) ver­lan­gen.

Er­fur­ter Rich­ter bit­ten den EuGH um ei­ne Stel­lung­nah­me zur Aus­le­gung von § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB durch das BAG

Das BAG setz­te das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren über den Streit­fall aus und bat den EuGH um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung zu der Fra­ge, ob die Aus­le­gung von § 613a Abs.1 BGB durch das BAG mit Uni­ons­recht zu ver­ein­ba­ren ist. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Der Vier­te BAG-Se­nat geht da­von aus, dass der Be­triebs­er­wer­ber auf­grund von § 613a Abs.1 Satz 1 BGB ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ta­rif­an­bin­dungs­klau­sel eben­so be­ach­ten muss wie der ursprüng­li­che Ar­beit­ge­ber: Enthält ein Ar­beits­ver­trag ei­ne Klau­sel, die auf Ta­rif­verträge in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung Be­zug nimmt und de­ren Re­ge­lun­gen zum In­halt des Ar­beits­ver­trags macht, ist der Be­triebs­er­wer­ber an ei­ne sol­che dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me­klau­sel ver­trag­lich so ge­bun­den, als hätte er selbst die­se Ver­trags­ab­re­de mit dem Ar­beit­neh­mer ge­trof­fen.

Vor die­sem Hin­ter­grund möch­te der Vier­te BAG-Se­nat durch ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung des EuGH geklärt ha­ben, ob die­se Aus­le­gung des deut­schen Ar­beits­rechts mit dem EU-Recht ver­ein­bar ist. Da­bei denkt das BAG ins­be­son­de­re an Art.3 der Be­triebsüber­gangs-Richt­li­nie 2001/23/EG und an Art.16 der eu­ropäischen Grund­rech­te­char­ta, der die "un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit" gewähr­leis­tet.

Fa­zit: Der vor­lie­gen­de Fall ist nicht gut ge­eig­net, die vom BAG auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen zu klären, da der ver­klag­te Ar­beit­ge­ber mit dem PÜV aus dem Jah­re 2008 die Re­ge­lun­gen des vor­an­ge­gan­ge­nen PÜV aus dem Jah­re 1997 an­er­kannt hat. Mit dem PÜV 1997 wie­der­um, ei­nem Ver­trag zu­guns­ten Drit­ter, wur­de dem Kläger hier im Streit­fall ein Wahl­recht ein­geräumt, das er ausübte, in­dem er sich für die dy­na­mi­sche An­wen­dung des BMT-G II und der ihn er­set­zen­den Ta­rif­verträge ent­schied.

In­fol­ge­des­sen kommt es hier im Streit­fall gar nicht auf § 613a BGB und des­sen Aus­le­gung durch das BAG an, son­dern auf ei­nen vom ver­klag­ten Ar­beit­ge­ber "frei­wil­lig" ver­ein­bar­ten Kol­lek­tiv­ver­trag, nämlich den PÜV 2008, der ei­nen frühe­ren Kol­lek­tiv­ver­trag, den PÜV 1997, an­er­kennt bzw. des­sen Re­ge­lun­gen fort­schreibt. Auch die ar­beits­ver­trag­li­che Ta­rif­an­bin­dungs­klau­sel aus dem Jah­re 1978 ist hier nicht strei­tent­schei­dend, denn sie ver­pflich­tet als Alt­fall-Re­ge­lung den ver­klag­ten Be­triebs­er­wer­ber un­strei­tig nicht zu ei­ner dy­na­mi­schen Ta­rif­an­wen­dung, son­dern nur zu ei­ner sta­ti­schen.

An­de­rer­seits ist die Recht­spre­chung des EuGH zur Zulässig­keit von Vor­la­ge­fra­gen großzügig, denn der EuGH überlässt es im We­sent­li­chen dem vor­le­gen­den Ge­richt, die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit sei­ner Vor­la­ge­fra­gen zu be­ur­tei­len. Und hier im Streit­fall kann man ar­gu­men­tie­ren, dass der Kläger durch den PÜV 1997 ein ar­beits­ver­trag­li­ches Recht auf ei­ne dy­na­mi­sche Ta­rif­an­wen­dung er­hal­ten hat, das wie­der­um durch den fol­gen­den Be­triebsüber­gang nicht be­sei­tigt wer­den konn­te, d.h. der PÜV 2008 hat so ge­se­hen nur die zwin­gen­de Re­ge­lung des § 613a Abs.1 Satz 1 BGB nach­ge­zeich­net.

Es spricht Ei­ni­ges dafür, dass der Ge­richts­hof die Pflicht des hier ver­klag­ten Ar­beit­ge­bers zur dy­na­mi­schen Ta­rif­an­wen­dung ab­seg­net, denn er selbst hat die­ser Pflicht ja zu­ge­stimmt, nämlich durch den PÜV 2008. Da­durch un­ter­schei­det sich der vor­lie­gen­de Streit­fall von dem EuGH-Fall Alemo-Her­ron, denn der dor­ti­ge Ar­beit­ge­ber hat­te nicht die Möglich­keit, auf die recht­li­chen Fol­gen des Be­triebsüber­gangs durch be­glei­ten­de Kol­lek­tiv­verträge Ein­fluss zu neh­men.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Den voll­stän­dig be­grün­de­ten Be­schluss des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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